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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged erinnern:

In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,
greifen sich leise ins wachsende Haar,
dessen Halme aus ihres Schädels Schwäche
in diesen langen Tagen treiben,
als wollten sie über der Oberfläche
des Todes bleiben.
Ihre Gebärde geht durch das Haus
als wenn überall Spiegel hingen;
und sie geben - mit diesem Graben
in ihren Haaren - Kräfte aus,
die sie in Jahren gesammelt haben,
welche vergingen.

Rainer Maria Rilke: Aus einer Sturmnacht. Acht Blätter mit einem Titelblatt, in: Manfred Engel (Hg. u.a.): Rainer Maria Rilke - Die Gedichte, Frankfurt am Main und Leipzig 2006, S. 349.

[via diesebastionbehrisch]

Ausgraben und Erinnern

Die Sprache hat es unmißverständlich bedeutet, daß das Gedächtnis nicht ein Instrument für die Erkundung des Vergangenen ist, vielmehr das Medium. Es ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen. Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn ausstreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‘Sachverhalte’ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. Die Bilder nämlich, welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht - wie Torsi der Galerie des Sammlers - stehen. Und gewiß ist’s nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen. Doch ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengen Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren.

—Walter Benjamin: Berliner Chronik. In: Gesammelte Schriften. Bd. VI: Fragmente, Autobiographische Schriften. Frankfurt am Main 1984. S. 486.

Berührte Haut erinnert sich.

—John Keats

(Source: keysersozey, via flaeshgaze)

Illustration for Paul Valéry’s La jeune Parque by Ghislaine de Menten de Horne, 1935

[via frenchtwist]
Illustration for Paul Valéry’s La jeune Parque
by Ghislaine de Menten de Horne, 1935

[via frenchtwist]

No one likes to recognize himself as a stranger in a mirror where what he sees is not his own double but someone whom he would have liked to have been.

Maurice Blanchot, “Michel Foucault As I Imagine Him”

[via batarde]

Die Trauer muß unmöglich sein. Die gelungene Trauer ist eine verfehlte Trauer. In der gelungenen Trauer inkorporiere ich den Toten, assimiliere ich ihn mir, versöhne ich mich mit dem Tod und verleugne ich infolgedessen den Tod und die Alterität des Anderen-als-Gestorbenen. Ich bin also untreu. Da, wo die von Trauer erfüllte Introjektion gelingt, annulliert die Trauer den Anderen. Ich nehme ihn auf mich, und infolgedessen verleugne oder begrenze ich seine unendliche Andersheit.
[…] Die Trauer schreibt mir sowohl die Notwendigkeit als auch die Unmöglichkeit der Trauer vor. Sie macht es mir zur Pflicht, den Anderen in mich hinzunehmen, ihn in mir leben zu lassen, ihn zu idealisieren, ihn zu verinnerlichen, aber auch, die Trauerarbeit nicht zum gelungenen Abschluß zu bringen: Der Andere muß der Andere bleiben. Er ist wirklich gegenwärtig tot, doch wenn ich ihn in mich als einen Teil von mir hineinnehme und wenn ich folglich diesen Tod des Anderen durch eine gelungene Trauerarbeit ‘narzissiere’, vernichte ich den Anderen, verringere oder leugne ich seinen Tod. Die Untreue beginnt da, zumindest setzt sie sich in dieser Weise fort und verschärft sich noch.

Jacques Derrida zitiert nach Jacques Derrida & Elisabeth Roudinesco (Hg.): Woraus wird Morgen gemacht? Ein Dialog, Stuttgart 2006, S. 264.

[via diesebastionbehrisch]

"Where are you now? At this very moment where are you? I still miss our ‘nothing’, your desire, our secret wounded love, remember"
Francesca Mazzucato - Fragments
[via booksandsorrows]

"Where are you now? At this very moment where are you? I still miss our ‘nothing’, your desire, our secret wounded love, remember"

Francesca Mazzucato - Fragments

[via booksandsorrows]

(via francesca-mazzucato)

adaequatio:

lass uns alles verkaufen und tanzen I

eine erinnerung daran. zur erinnerung.

Musik stimmt mich immer traurig, aber so wie ein trauriges Lächeln ist. Ich möchte sagen: freundlich-traurig. Die lustigste Musik vermag ich nicht lustig zu finden und die schwermütigste Musik ist für mich keineswegs besonders schwermütig und entmutigend. Vor der Musik habe ich nur immer die eine Empfindung: mir fehlt etwas. Nie werde ich den Grund dieser sanften Traurigkeit erfahren, nie darnach forschen wollen. Ich wünsche es nicht zu wissen. Ich wünsche nicht alles zu wissen. Ich besitze überhaupt, so sehr ich mir intelligent vorkomme, wenig Wissendrang. Ich glaube deshalb, weil ich von Natur das Gegenteil von neugierig bin. Ich lasse gern vieles um mich geschiehen, ohne mich zu bekümmern, wie es geschieht. Das ist gewiß tadelnswert und wenig geeignet, mir im Leben zu einer Laufbahn zu helfen. Mag sein. Ich fürchte mich nicht vor dem Tode, also auch nicht vor dem Leben. Ich merke, ich gerate ins Philosophieren. Musik ist die gedankenloseste und deshalb süßeste Kunst. Rein verständige Menschen werden sie nie schätzen, aber sie wird gerade ihnen in Augenblicken, wo sie sie hören, am innigsten wohl tun. Man darf eine Kunst nicht begreifen und nicht schätzen wollen. Kunst will sich uns anschmiegen. Sie ist ein so überaus reines und selbstzufriedenes Wesen, daß es sie kränkt, wenn man sich um sie bemüht. Sie straft den, der ihr, indem er sie fassen will, entgegenkommt. Künstler erfahren das. Sie sind es, die ihren Beruf darin sehen, sich mit ihr zu befassen, die durchaus nicht angefaßt werden will. Deshalb möchte ich nie Musiker werden. Ich fürchte mich vor der Strafe eines so holden Wesens. Man darf eine Kunst lieben, aber man muß sich hüten, es sich zu gestehen. Man liebt am innigsten, wenn man nicht weiß, daß man liebt. – Mich schmerzt die Musik. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich liebe. Sie trifft mich, wo sie mich eben antrifft. Ich suche sie nicht. Ich lasse mich von ihr schmeicheln. Aber dieses Schmeicheln verwundet. Wie soll ich es sagen? Musik ist ein Weinen in Melodien, ein Erinnern in Tönen, ein Gemälde in Klängen. Ich kann es schlecht sagen.

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[Music always puts me in a sad mood, but sad in the way a sad smile is sad. A friendly sadness is what I mean. The happiest music isn’t happy to me, and the most melancholy music fails to strike me as particularly melancholy or disheartening. Listening to music, I always have exactly the same feeling: something’s missing. Never will I learn the cause of this gentle sadness, never will I wish to investigate it. I’ve no desire to know what it is. I’ve no desire to know everything. As intelligent as I think myself, I possess, generally speaking, very little thirst for knowledge. I suppose that’s because by nature I’m just the opposite of curious. I’m perfectly happy to let all sorts of things go on around me without bothering my head about how they happen. Certainly this is deplorable and unlikely to help me make a career for myself. Perhaps. I’m not afraid of death, so I’m not afraid of life either. I see I’m starting to philosophize. Music is the most thoughtless and thus the sweetest of the arts. Purely intellectual people will never appreciate it, but they are the ones it benefits most deeply when they hear it. You can’t want to understand and appreciate an art. Art wants to snuggle up to us. She’s so terribly pure and self-satisfied a creature that she takes offense when someone tries to win her over. She punishes anyone who approaches with the intention of laying hold of her. Artists soon find this out. They see it as their profession to deal with her, the one who won’t let anyone touch her. That’s why I never want to be a musician. I’m afraid of the punishment so fair a creature would administer. It’s fine to love an art, but you must be careful not to admit it to yourself. Your love is always warmest when you don’t know it’s there. – Music hurts me. I don’t know whether I truly love it. It finds me wherever it happens to. I don’t go looking for it. I let it caress me. But these caresses are injurious. How should I say it? Music is a weeping in melodies, a remembrance in notes, a painting in sounds. I can’t rightly say.]

Robert Walser, Fritz Kochers Aufsätze“Musik” (1904). In: Jochen Greven (Hg.): Robert Walser  Das Gesamtwerk, Bd. 1. Zürich und Frankfurt am Main 1978, S. 43f.

English: Trans. Susan Bernofsky in “Masquerade” and Other Stories, “From Fritz Kocher’s Essays: Music”.

[via msodradek]

Ausgraben und Erinnern

Die Sprache hat es unmißverständlich bedeutet, daß das Gedächtnis nicht ein Instrument für die Erkundung des Vergangenen ist, vielmehr das Medium. Es ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen. Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn ausstreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‘Sachverhalte’ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. Die Bilder nämlich, welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht - wie Torsi der Galerie des Sammlers - stehen. Und gewiß ist’s nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen. Doch ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengen Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren.

Walter Benjamin: Berliner Chronik.

In: Schweppenhäuser/Tiedemann (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Bd. VI: Fragmente, Autobiographische Schriften, Frankfurt am Main 1984, S. 486.

[thanks to theimpossibleheap!]

Royksopp - Remind me

[via a4rizm]