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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Nicht Reflexion – Vergegenwärtigung ist Prousts Verfahren. Er [Proust] ist ja von der Wahrheit durchdrungen, daß wir alle keine Zeit haben, die wahren Dramen des Daseins zu leben, das uns bestimmt ist. Das macht uns altern. Nichts anderes. Die Runzeln und Falten im Gesicht, sie sind Eintragungen der großen Leidenschaften, die Laster, die Erkenntnisse, die bei uns vorsprachen – doch wir, die Herrschaft, waren nicht zu Hause.

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He [Proust] is filled with the insight that none of us has the time to live the true dramas of the life that we are destined for. This is what ages us – this and nothing else. The wrinkles and creases on our faces are the registration of the great passions, vices, insights that called on us; but we, the masters, were not home.

Walter Benjamin: Zum Bilde Prousts. In: Siegfried Unseld (Hrsg.): Walter Benjamin - Illuminationen, Frankfurt am Main 1977, S. 345.

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Walter Benjamin: The Image of Proust. In: Walter Benjamin - Illuminations: Essays and Reflections. Trans. by Harry Zohn, New York: Schocken Books, 1969.

(Source: gravellyrun, via lf)

{XVII a

Marx hat in der Vorstellung der klassenlosen Gesellschaft die Vorstellung der messianischen Zeit säkularisiert. Und das war gut so. Das Unheil setzt damit ein, daß die Sozialdemokratie diese Vorstellung zum »Ideal« erhob. Das Ideal wurde in der neukantischen Lehre als eine »unendliche Aufgabe« definiert. Und diese Lehre war die Schulphilosophie der sozialdemokratischen Partei –von Schmidt und Stadler bis zu Natorp und Vorländer. War die klassenlose Gesellschaft erst einmal als unendliche Aufgabe definiert, so verwandelte sich die leere und homogene Zeit sozusagen in ein Vorzimmer, in dem man mit mehr oder weniger Gelassenheit auf den Eintritt der revolutionären Situation warten konnte. In Wirklichkeit gibt es nicht einen Augenblick, der seine revolutionäre Chance nicht mit sich führte – sie will nur als eine spezifische definiert sein, nämlich als Chance einer ganz neuen Lösung im Angesicht einer ganz neuen Aufgabe. Dem revolutionären Denker bestätigt sich die eigentümliche revolutionäre Chance jedes geschichtlichen Augenblicks aus der politischen Situation heraus. Aber sie bestätigt sich ihm nicht minder durch die Schlüsselgewalt dieses Augenblicks über ein ganz bestimmtes, bis dahin verschlossenes Gemach der Vergangenheit. Der Eintritt in dieses Gemach fällt mit der politischen Aktion strikt zusammen; und er ist es, durch den sie sich, wie vernichtend immer, als eine messianische zu erkennen gibt. (Die klassenlose Gesellschaft ist nicht das Endziel des Fortschritts in der Geschichte sondern dessen so oft mißglückte, endlich bewerkstelligte Unterbrechung.)}

Walter Benjamin: Vorstufen, Varianten und Fragmente zu “Über den Begriff der Geschichte”.

In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.3, Frankfurt am Main 1991, S. 1231.

Was die Bilder von den »Wesenheiten« der Phänomenologie unterscheidet, das ist ihr historischer Index. (Heidegger sucht vergeblich die Geschichte für die Phänomenologie abstrakt, durch die »Geschichtlichkeit« zu retten.) Diese Bilder sind durchaus abzugrenzen von den »geisteswissenschaftlichen« Kategorien, dem sogenannten Habitus, dem Stil etc. Der historische Index der Bilder sagt nämlich nicht nur, daß sie einer bestimmten Zeit angehören, er sagt vor allem, daß sie erst in einer bestimmten Zeit zur Lesbarkeit kommen. Und zwar ist dieses »zur Lesbarkeit« gelangen ein bestimmter kritischer Punkt der Bewegung in ihrem Innern. Jede Gegenwart ist durch diejenigen Bilder bestimmt, die mit ihr synchronistisch sind: jedes Jetzt ist das Jetzt einer bestimmten Erkennbarkeit. In ihm ist die Wahrheit mit Zeit bis zum Zerspringen geladen. (Dies Zerspringen, nichts anderes, ist der Tod der Intentio, der also mit der Geburt der echten historischen Zeit, der Zeit der Wahrheit, zusammenfällt.) Nicht so ist es, daß das Vergangene sein Licht auf das Gegenwärtige oder das Gegenwärtige sein Licht auf das Vergangene wirft, sondern Bild ist dasjenige, worin das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt. Mit anderen Worten: Bild ist die Dialektik im Stillstand. Denn während die Beziehung der Gegenwart zur Vergangenheit eine rein zeitliche ist, ist die des Gewesenen zum Jetzt eine dialektische: nicht zeitlicher sondern bildlicher Natur. Nur dialektische Bilder sind echt geschichtliche, d.h. nicht archaische Bilder. Das gelesene Bild, will sagen das Bild im Jetzt der Erkennbarkeit trägt im höchsten Grade den Stempel des kritischen, gefährlichen Moments, welcher allem Lesen zugrunde liegt.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [N 3, 1]: Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 577f.

Das dialektische Bild ist ein Kugelblitz, der über den ganzen Horizont des Vergangnen läuft.

Walter Benjamin: Vorstufen, Varianten und Fragmente zu “Über den Begriff der Geschichte”.

In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.3, Frankfurt am Main 1991, S. 1233.

II

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt Lotze, »gehört … neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« Diese Reflexion führt darauf, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit andern Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit, welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? Ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische Materialist weiß darum.

—Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.2, Frankfurt am Main 1991, S. 693f.

Wie gewaltig in diesem Abgrund der Allegorie die dialektische Bewegung braust, das muß unterm Studium der Trauerspielform deutlicher als bei jedem andern an Tag treten. Jene weltliche, die geschichtliche Breite, die Görres und Creuzer der allegorischen Intention zuschreiben, ist als Naturgeschichte, als Urgeschichte des Bedeutens oder der Intention dialektischer Art. Unter der entscheidenden Kategorie der Zeit, welche in dieses Gebiet der Semiotik getragen zu haben die große romantische Einsicht dieser Denker war, läßt das Verhältnis von Symbol und Allegorie eindringlich und formelhaft sich festlegen. Während im Symbol mit der Verklärung des Untergangs das transfigurierte Antlitz der Natur im Lichte der Erlösung flüchtig sich offenbart, liegt in der Allegorie die facies hippocratica der Geschichte als erstarrte Urlandschaft dem Betrachter vor Augen. Die Geschichte in allem was sie Unzeitiges, Leidvolles, Verfehltes von Beginn an hat, prägt sich in einem Antlitz – nein in einem Totenkopfe aus. Und so wahr alle ‘symbolische’ Freiheit des Ausdrucks, alle klassische Harmonie der Gestalt, alles Menschliche einem solchen fehlt – es spricht nicht nur die Natur des Menschendaseins schlechthin, sondern die biographische Geschichtlichkeit eines Einzelnen in dieser naturverfallensten Figur bedeutungsvoll als Rätselfrage sich aus. Das ist der Kern der allegorischen Betrachtung, der barocken, weltlichen Exposition der Geschichte als Leidensgeschichte der Welt; bedeutend ist sie nur in den Stationen des Verfalls. Soviel Bedeutung, soviel Todverfallenheit, weil am tiefsten der Tod die zackige Demarkationslinie zwischen Physis und Bedeutung eingräbt. Ist aber die Natur von jeher todverfallen, so ist sie auch allegorisch von jeher. Bedeutung und Tod sind so gezeitigt in historischer Entfaltung wie sie im gnadenlosen Sündenstand der Kreatur als Keime enge ineinandergreifen.

—Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. Frankfurt am Main 1978, S. 144f.

Und Franzis Vater hackte auf etwas anderem herum, so wie jemand beim Stricken an den Fäden zieht, um ein Loch zu machen; aber ihr Vater versuchte etwas in seinem Innern aufzutrennen und aufzuzerren, das von den Jahren, die er gelebt hatte, gestrickt worden war, und dessen Muster, die Links- und Rechtsmaschen der Zeit, durcheinandergeraten und ganz anders geworden war, als er sich erträumt hatte.

Janet Frame: Wenn Eulen schrein, Frankfurt am Main 1996, S. 44.

[via diesebastionbehrisch]

Ich lasse mich niemals durch atmosphärische Störungen oder durch die konventionelle Zeiteinteilung beeinflussen. Ich wäre gern bereit, den Gebrauch der Opiumpfeife und des malaiischen Kris wieder einzuführen, aber diese unendlich verderblicheren und zudem nur dem ideenlosen Bürgertum dienenden Instrument wie Taschenuhr und Regenschirm ignoriere ich

Marcel Proust, In Swanns Welt. Aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens, Seite 126.

[via electronic-riot]

Letzten Endes bleibt von diesem Tage das, was vom gestrigen blieb und vom morgigen bleiben wird: die unersättliche und nicht zählbare Begierde, immer derselbe und ein anderer zu sein.

Fernando Pessoa, Buch der Unruhe

[via gewehrfabrik:imregenfahrradfahren]

La Maladie et la Mort font des cendres
De tout le feu qui pour nous flamboya.
De ces grands yeux si fervents et si tendres,
De cette bouche où mon coeur se noya,

De ces baisers puissants comme un dictame,
De ces transports plus vifs que des rayons,
Que reste-t-il? C’est affreux, ô mon âme!
Rien qu’un dessin fort pâle, aux trois crayons,

Qui, comme moi, meurt dans la solitude,
Et que le Temps, injurieux vieillard,
Chaque jour frotte avec son aile rude…

Noir assassin de la Vie et de l’Art,
Tu ne tueras jamais dans ma mémoire
Celle qui fut mon plaisir et ma gloire!

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‎[Zu Asche brennen Krankheit und der Tod
Das Feuer ganz, des Flammen wir getrunken.
Von diesem Aug, das groß und zärtlich loht,
Von diesem Mund, in dem mein Herz ertrunken,

Von diesen Küssen, wie ein Zauber stark,
Ergüssen, brennender als rote Strahlen —
Was bleibt davon? Es ist entsetzlich karg!
Ein fahles Bild, wie es drei Farben malen,

Das wie ich stumm einsamem Tode reift
Und das die Zeit, der Greis voll Mißvergunst,
Tagtäglich hart mit seinem Flügel streift…

O schwarzer Mörder Lebens und der Kunst!
In meinen Sinnen bringst du niemals um
Die Schöne, die mein Glück war und mein Ruhm!]

Charles Baudelaire: Le Portrait

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Charles Baudelaire, Das Bildnis. In: Die Blumen des Bösen. Übertragen von Carlo Schmid. Frankfurt am Main 1976, S. 62.

Der Humor ist nur der Selbstvorwurf eines, der nicht wahnsinnig wurde bei dem Gedanken, mit heilem Hirn die Zeugenschaft dieser Zeitdinge bestanden zu haben. Außer ihm, der die Schmach solchen Anteils einer Nachwelt preisgibt, hat kein anderer ein Recht auf diesen Humor. Die Mitwelt, die geduldet hat, daß die Dinge geschehen, die hier aufgeschrieben sind, stelle das Recht, zu lachen, hinter die Pflicht, zu weinen.

—Karl Kraus (1926): Die letzten Tage der Menschheit. Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog, Schriften Bd. 10, Hg.: Christian Wagenknecht, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 9.

(via verblendungszusammenhang-deacti)

Du musst vorsichtig sein: ein Gesicht wie dies! Gesetzlos, so scheint es, doch ist es gleichsam fixiert auf einen besonderen Punkt dieser Örtlichkeit, einen Punkt, den es sichtbar machen würde, stieße dein Wunsch, es zu sehen, nicht alles andre zurück.
Die Gedanken der Nacht, immer strahlender, unpersönlicher, schmerzenreicher. Schmerz unablässig und Freude, unendlich, und zu gleicher Zeit diese Stille.

—Maurice Blanchot: Warten Vergessen, Frankfurt am Main 1964, S.29.

(Source: nokturn, via diesebastionbehrisch)

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