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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Sein Gesicht war wie der Hauch von einem Gesicht – ein Schwaden, den ein unbekannter Passant in der Luft hinterlassen hatte. In seinen blassen, blau emaillierten Händen hielt er eine Brieftasche, in der er etwas betrachtete.
[…] Ich stand mit der Seite an ihn gelehnt und blickte mit fernen, nicht sehenden Augen auf die zarten Menschenkörper, als das Fluidum eines unbestimmten Aufruhrs, der die Luft plötzlich getrübt hatte, zu mir vordrang und mich mit einem Schauer der Verstörung, einer Welle plötzlichen Verstehens überlief. Doch inzwischen war das vernebelte Lächeln, das sich unter seinem weichen, hübschen Schnurrbart abzeichnete, der Anflug des Begehrens, der sich als pulsierende Ader über seinen Schläfen spannte, und das Gesicht war in die Abwesenheit zurückgekehrt, hatte sich selbst vergessen und zerstreut.

Bruno Schulz: Die Zimtläden, München 2009, S. 20f.

[via diesebastionbehrisch]

Nichts ist doch wichtiger, als die Bildung von fiktiven Begriffen,
die uns die unseren erst verstehen lehren.

—Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe Band 8. Frankfurt am Main 1984. S. 555.

(Source: universalestate, via brainexpectingrain)

In einem Buch gibt’s nichts zu verstehen, aber viel, dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann. Ein Buch muß mit etwas “Maschine machen”, es muß ein kleines Werkzeug für ein Außen sein. Keine Repräsentation der Welt, auch keine Welt als Bedeutungsstruktur.

Gilles Deleuze und Félix Guattari: Rhizom. Berlin 1977, S.40.

[via michaelthurm]

Es gibt eine aktive, produktive – Text und Leser produzierende – Lektüre, sie bringt uns voran. Dann die passive Lektüre, die den Text verrät, indem sie sich ihm scheinbar unterwirft, indem sie die Illusion gewährt, der Text existiere objektiv, voll und ganz, souverän: einheitlich. Schließlich die nicht mehr passive, sondern lustlose, genußlose Lektüre aus Passivität, sie entginge sowohl dem Verstehen wie auch dem Begehren: sie ist wie das nächtliche Wachen, die ‘inspirierende’ Schlaflosigkeit, wo das ‘Sagen’ jenseits des Alles-ist-gesagt verstanden und das Zeugnis des letzten Zeugen sich bekunden würde.

—Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 125. (via diesebastionbehrisch)

Indem wir nichts ernst nehmen und unsere Empfindungen als die einzig gewisse Wirklichkeit betrachten, finden wir bei ihnen Zuflucht und erforschen wir große unbekannte Länder. Und wenn wir nicht nur Sorgfalt auf die ästhetische Betrachtung, sondern auch auf den Ausdruck ihrer Methoden und Ergebnisse verwenden, dann, weil die Prosa oder Verse, die wir schreiben, ohne fremdes Verständnisvermögen überzeugen oder fremden Willen bewegen zu wollen, nur wie das laute Vorsichhinsprechen eines Lesenden sind, dass dazu beiträgt, dem subjektiven Genuss der Lektüre volle Objektivität zu verschaffen.

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe, Zürich 2008, S. 14.

[via diesebastionbehrisch]

Freundschaft

“Das gemütliche an Freundschaft wäre aber ihre Ungemütlichkeit. Beisammen zu sein statt zusammen. Mit Menschen vertraut zu sein ohne sich ihnen auszuliefern. Jemanden nicht verstehen zu müssen, oder einzusehen, dass komplettes Verstehen ein merkwürdiges Ziel ist. Es könnte ein Modell sein, für Friedlichkeit. Oder für Helfen ohne Tausch.”

el, 19.12.2009: freundschaft (link)

Die Angst zu lesen: jeder Text, so bedeutend, so vergnüglich und so interessant er auch sein mag (und je mehr er den Eindruck macht, es zu sein), ist leer - er existiert im Grunde gar nicht; man muß einen Abgrund überspringen, und wenn man nicht springt, versteht man nicht.

—Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters. München 2005, S. 20