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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Unmittelbarkeit:

Wird aber das Reale zum Bild, indem es in seiner Partikularität dem Ganzen so gleicht, wie ein Fordwagen allen anderen derselben Serie, so werden umgekehrt die Bilder zur unmittelbaren Realität. Zum vielberufenen ästhetischen Bildbewußtsein kommt es nicht mehr. Jede Leistung der Phantasie, die Erwartung, daß sie von sich aus die disjekten Elemente des Wirklichen zu dessen Wahrheit versammle, wird als ungebührliches Ansinnen fortgewiesen. Phantasie wird durch die automatisch verbissene Kontrolle darüber substituiert, ob auch die letzte imago, die zur Verteilung gelangt, das genaue, sachkundige und zuverlässige Abbild des entsprechenden Stückchens Wirklichkeit ist.

Theodor W. Adorno & Max Horkheimer: Das Schema der Massenkultur. Kulturindustrie (Fortsetzung). In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Darmstadt 1998, Band 3, S. 301.

[via walter-benjamin-bluemchen]

Raw Giddel sagte im Namen des Raw: Dereinst wird Israel die messianischen Jahre genießen.

[…]

Damit wollte Raw Giddel (…) die Auffassung des Rabbi Hillel abwehren, der sagte: Israel hat keinen Messias mehr [zu erwarten], denn es hat die messianische Zeit schon in den Tagen des Königs Hiskia genossen.
[…]
Um auf Rabbi Hillels These zurückzukommen, so darf man freilich nicht glauben, sie bringe ein schieres Paradox zur Sprache. Im Talmud taucht sie nur einmal auf. Rabbi Hillel hat nie etwas anderes gesagt; vielleicht hat er damit etwas hinreichend Wichtiges gesagt, das ihn geringerer Werke enthob. Aber seine These folgt einer alten Überlieferung. Ich sage nicht, daß es die einzige Überlieferung des Judentums ist. Sollte der Messias ein Mensch sein, sollte der Messias König sein, dann ist das Heil durch den Messias ein Heil durch Stellvertretung. In dem Maße, in dem der Messias ein König ist, ist das Heil durch den Messias nicht dasjenige, in dem jeder sich individuell rettet. Denn es setzt voraus, daß man sich in ein politisches Spiel begibt. Das Heil durch den König, und wäre er der Messias, ist noch nicht das höchste Heil, das sich dem Menschen eröffnet. Der Messianismus ist Politik, seine Erfüllung gehört Israels Vergangenheit an – genau das ist die Stärke der Position des Rabbi Hillel.
[…]
Unmittelbare Beziehung zwischen dem Menschen und Gott, ohne politische Vermittlung. Das geht über den noch politischen Messianismus hinaus, der, gemäß der folgenden Seite des Traktats Sanhedrin, nur von begrenzter Dauer sein wird. Das Judentum liefert also keine Doktrin von einem Ende der Geschichte, die das individuelle Schicksal beherrscht. Das Heil ist kein Teil der Geschichte – nicht ihr Abschluß. Es bleibt in jedem Augenblick möglich.

[…]

Raw sagte: Die Welt ist bloß um Davids willen erschaffen worden. Schemuel sagte: um Moses willen. Rabbi Jochanan sagte: um des Messias willen.

—Emmanuel Lévinas: Jenseits des Messianismus. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 84 - 89.

Die Abstände in der Welt waren nicht einfach die, die wir, winzig und durchlässig, mit eigenen Augen sehen könnten, sondern andere, unsichtbare, mit Monstern und Schüchterheiten bevölkert, von phantastischen Unternehmungen und ungeahnten Gesten angefüllt, die das Angesicht der Welt, hätten sie sich nur für einen Moment zu der Materie zusammengefügt, aus der sie zu bestehen strebten, in eine schauderhafte Katastrophe verwandelt hätten, in ein außerordentliches Chaos, voll grausamen Unglücks und ekstatischer Glückseligkeit.

M. Blecher: Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit, Frankfurt am Main 2003, S.126.

[via nokturn]

Production A.F. VANDEVORST: Installation for Arnhem Mode Biennale 2011 
[via lenncox]
“Gewalt der Vergewaltigung oder Gewalt des Begehrens. Man könnte meinen, beide seien zu verwechseln: manch einer möchte uns an diese Verwechslung glauben lassen. Daher gibt es ein gewisses erotisches oder pornographisches Register, welches das Bild der Vergewaltigung genüßlich herbeiruft. […] Dennoch ist die Verwechslung unmöglich; die Unterscheidung ist bestechend klar. Niemand nämlich kann selbst, unmittelbar, die Wahrheit sein wollen, ohne dadurch bereits jede Möglichkeit von Wahrheit vergewaltigt zu haben. Umgekehrt kann niemand die Wahrheit wollen, ohne sich bereits durch diesen Willen oder dieses Begehren einem Außen ausgesetzt zu haben, von wo aus die Wahrheit erscheinen kann.”
Jean-Luc Nancy: Am Grund der Bilder. Aus dem Französischen von Emmanuel   Alloa. Zürich-Berlin 2006, S. 37.

Production A.F. VANDEVORST: Installation for Arnhem Mode Biennale 2011 

[via lenncox]

“Gewalt der Vergewaltigung oder Gewalt des Begehrens. Man könnte meinen, beide seien zu verwechseln: manch einer möchte uns an diese Verwechslung glauben lassen. Daher gibt es ein gewisses erotisches oder pornographisches Register, welches das Bild der Vergewaltigung genüßlich herbeiruft. […] Dennoch ist die Verwechslung unmöglich; die Unterscheidung ist bestechend klar. Niemand nämlich kann selbst, unmittelbar, die Wahrheit sein wollen, ohne dadurch bereits jede Möglichkeit von Wahrheit vergewaltigt zu haben. Umgekehrt kann niemand die Wahrheit wollen, ohne sich bereits durch diesen Willen oder dieses Begehren einem Außen ausgesetzt zu haben, von wo aus die Wahrheit erscheinen kann.”

Jean-Luc Nancy: Am Grund der Bilder. Aus dem Französischen von Emmanuel Alloa. Zürich-Berlin 2006, S. 37.

(Source: rapeblossom, via allerleirauh)

In jedem Fremdwort steckt der Sprengstoff von Aufklärung, in seinem kontrollierten Gebrauch das Wissen, daß Unmittelbares nicht unmittelbar zu sagen, sondern nur durch alle Reflexion und Vermittlung noch auszudrücken sei. Nirgends bewähren die Fremdwörter im Deutschen sich besser als gegenüber dem Jargon der Eigentlichkeit, jenen Termini von Schlag des Auftrags, der Begegnung, der Aussage, des Anliegens, und wie sie sonst heißen mögen. Sie alle möchten darüber täuschen, daß sie Termini sind. Sie vibrieren menschlich wie die Wurlitzer-Orgel, denen das Vibrato der Stimme technisch eingelegt ist.

—Theodor W. Adorno: Wörter aus der Fremde in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno - Noten zur Literatur, Frankfurt am Main 1981, S.221f.

(Source: nokturn, via diesebastionbehrisch)

Das unmittelbare Erleben tritt zurück. Es brennen die Bilder, ihr unerschöpflicher beschirmter Traum. Sie entführen. Der körperliche Blick reicht nur über den Platz bis an die Burgen, - aber die Trauer reicht weiter, tief in die Ebene hinein, über die Wälder, die leeren Hügel, in den Abend, das Imaginäre, sie wird nicht mehr heimkehren, dort verweilt sie, sie sucht etwas, doch es ist zerfallen, und dann muß sie Abschied nehmen unter dem Licht zerbrochener Himmel - - (…).

—Gottfried Benn: Summarisches Überblicken, Roman des Phänotyp. In: Künstlerische Prosa. In der Fassung der Sämtlichen Werke - Stuttgarter Ausgabe. Herausgegebn, durchgesehen und mit einem Nachwort von Holger Hof. Stuttgart (Klett-Cotta) 2006 S.174 (via nokturn)

(via brainexpectingrain)

Aber die Unterscheidung zwischen ‘monologisch’ und ‘dialogisch’ ist in der Beziehung auf Güter ebenso evident. Einige Dinge sind für mich oder für dich von Wert, einige aber haben im wesentlichen für uns einen Wert. Das heißt, daß ihr Sein für uns in ihren Wert für uns eingeht und ihn konstituiert. Auf einer banalen Ebene: Witze sind viel lustiger, wenn sie in Gemeinschaft erzählt werden. Der wirklich lustige Witz ist integraler Bestandteil eines Gespräches, letzteres in einem breiten Sinne verstanden. Was mir beim stillen Lesen ein Lächeln abverlangt, darüber kann ich mich schieflachen, wenn es Teil eines Erzählrituals ist, das es in den öffentlichen Raum stellt. Oder auch, wenn wir Liebende oder enge Freunde sind, ist Mozart-mit-dir eine ganz andere Erfahrung als Mozart-allein. Ich nenne Güter dieser Art ‘mittelbar’ gemeinsame Güter. Aber es gibt andere Dinge, die wir noch mehr wertschätzen, wie Freundschaft selbst, wo es für uns von zentraler Bedeutung ist, daß es gemeinsame Handlungen und Bedeutungen gibt. Das Gut ist, was wir teilen. Dies nenne ich ein ‘unmittelbar’ gemeinsames Gut.

—Charles Taylor: Aneinander vorbei: Die Debatte zwischen Liberalismus und Kommunitarismus. In: Axel Honneth (Hrsg.): Kommunitarismus. Eine Debatte über die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften. Frankfurt am Main/New York 1993, S. 114.

Seit ihrer Erfindung im Jahre 1839 pflegte die Fotografie den Umgang mit dem Tod. Weil das mit einer Kamera hergestellte Bild tatsächlich die Spur von etwas ist, das man vor das Objektiv gerückt hat, waren Fotografien als Erinnerung an eine entschwundene Vergangenheit und die lieben Verstorbenen jedem gemalten Bild überlegen. Den Tod im Augenblick seines Eintritts festhalten war demgegenüber etwas ganz anderes: die Reichweite der Kamera blieb beschränkt, solange sie herumgeschleppt, aufgebaut, eingestellt werden mußte. Doch sobald sich die Kamera vom Stativ emanzipiert hatte, sobald sie wirklich tragbar, mit einem Entfernungsmesser und einer Vielfalt von Objektiven ausgestattet war, die selbst aus der Entfernung ungeahnte Wunder bei der Herstellung von Nähe vollbrachten, wuchs der Fotografie bei der Vermittlung des Schreckens von massenhaft produziertem Tod eine Unmittelbarkeit und eine Autorität zu, die jeder sprachlichen Darstellung überlegen war.

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Dès l’invention de l’appareil photographique, en 1839, la photographie a eu partie liée avec la mort. Parce qu’une image produite grâce à l’appareil photographique est, littéralement, la trace de quelque chose qui a été porté devant l’objectif, les photographies comme memento du passé révolu eu des chers disparus ont toujours été supérieures à n’importe quelle œuvre picturale. Autre chose fut de saisir la mort au moment même où elle frappe : tant qu’il fallut traîner avec soi tout un équipement, installer l’appareil, le stabiliser, sa portée demeura limitée. Mais dès lors que l’appareil put se passer du trépied et devenir portable, dès lors qu’il fut pourvu d’un télémètre et d’un choix de lentilles permettant des prouesses d’observation inédites même à distance, la photographie acquit, pour traduire l’horreur de la mort en série, une immédiateté et une autorité supérieures à n’importe quel témoignage verbal.

Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten. Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser. Frankfurt am Main 2010, 3. Auflage, S. 31f.

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Susan Sontag, Devant la douleur des autres, Christian Bourgois éditeur, traduit de l’anglais par Faienne Durand-Bogaert, 2003, p. 32.

[merci a4rizm!]

dr0fn0thing:

(via buesen, ratisdead)
“komplexität und sexualität XXVIII” - oder: 1 + 1 = 3



“Es bedarf eines anderen Ereignisses, einer Gewalterfahrung, direkt durch  oder vermittelt über einen Mitmenschen, etwas, das in ihm vage eine  vergangene Gewalt wachruft, um plötzlich zu begreifen, dass die  Geschlechterdifferenz es in ein Drama stürzt, dessen Protagonist es  mittlerweile ist. […] Alles wird anders im Rahmen der Liebesrivalität: die Liebe lässt das  Geschlecht aus seiner Anonymität hervortreten, sie verpflichtet zu einer  Entscheidung gegen den Dritten, und indem es das Untersagte ins Spiel  bringt, bekommt das Genießen, das zunächst Onanie war, einen anderen  Sinn. Die Präsenz des Dritten ist immer in der Liebe enthalten, genau so  wie die Ausschließlichkeitsforderung, und diese Liebe führt dessen  Dimension in die Sexualität ein. Mit den Rivalitätsspielen um die Ausschließlichkeit richtet sich die  “zwei” der Anerkennung des anderen ausgehend vom “drei” ein, und nicht  mehr - wie das bei der narzisstischen Beziehung der Fall war - im  Dienste des “eins/Ein”. Von der Ausschließung der dritten Person her  erscheint die “zwei” der Andersheit.”
Gérard Pommier, Ist die Sexualität ein Überdruckventil des Todestriebs?   Die Andersheit ist das Geschlecht. In: Freud-Lacan Gesellschaft Berlin   (Hrsg.) (2001): Zerstörungslust. Berliner Brief, Sonderheft II, S. 15 –   26, hier: S. 22.
(via zitation, walter-benjamin-bluemchen)

dr0fn0thing:

(via buesen, ratisdead)

“komplexität und sexualität XXVIII” - oder: 1 + 1 = 3


“Es bedarf eines anderen Ereignisses, einer Gewalterfahrung, direkt durch oder vermittelt über einen Mitmenschen, etwas, das in ihm vage eine vergangene Gewalt wachruft, um plötzlich zu begreifen, dass die Geschlechterdifferenz es in ein Drama stürzt, dessen Protagonist es mittlerweile ist. […]
Alles wird anders im Rahmen der Liebesrivalität: die Liebe lässt das Geschlecht aus seiner Anonymität hervortreten, sie verpflichtet zu einer Entscheidung gegen den Dritten, und indem es das Untersagte ins Spiel bringt, bekommt das Genießen, das zunächst Onanie war, einen anderen Sinn. Die Präsenz des Dritten ist immer in der Liebe enthalten, genau so wie die Ausschließlichkeitsforderung, und diese Liebe führt dessen Dimension in die Sexualität ein. Mit den Rivalitätsspielen um die Ausschließlichkeit richtet sich die “zwei” der Anerkennung des anderen ausgehend vom “drei” ein, und nicht mehr - wie das bei der narzisstischen Beziehung der Fall war - im Dienste des “eins/Ein”. Von der Ausschließung der dritten Person her erscheint die “zwei” der Andersheit.”

Gérard Pommier, Ist die Sexualität ein Überdruckventil des Todestriebs? Die Andersheit ist das Geschlecht. In: Freud-Lacan Gesellschaft Berlin (Hrsg.) (2001): Zerstörungslust. Berliner Brief, Sonderheft II, S. 15 – 26, hier: S. 22.

(via zitation, walter-benjamin-bluemchen)

Wird aber das Reale zum Bild, indem es in seiner Partikularität dem Ganzen so gleicht, wie ein Fordwagen allen anderen derselben Serie, so werden umgekehrt die Bilder zur unmittelbaren Realität. Zum vielberufenen ästhetischen Bildbewußtsein kommt es nicht mehr. Jede Leistung der Phantasie, die Erwartung, daß sie von sich aus die disjekten Elemente des Wirklichen zu dessen Wahrheit versammle, wird als ungebührliches Ansinnen fortgewiesen. Phantasiewird durch die automatisch verbissene Kontrolle darüber substituiert, ob auch die letzte imago, die zur Verteilung gelangt, das genaue, sachkundige und zuverlässige Abbild des entsprechenden Stückchens Wirklichkeit ist.

Theodor W. Adorno & Max Horkheimer: Das Schema der Massenkultur. Kulturindustrie (Fortsetzung). In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Darmstadt 1998, Band 3, S. 301.

Unmittelbarkeit ist Trug.

—Dietrich Bonhoeffer: Nachfolge, München 1937.

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