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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Die kopernikanische Wendung in der geschichtlichen Anschauung ist diese: man hielt für den fixen Punkt das »Gewesene« und sah die Gegenwart bemüht, an dieses Feste die Erkenntnis tastend heranzuführen. Nun soll sich dieses Verhältnis umkehren und das Gewesene zum dialektischen Umschlag, zum Einfall des erwachten Bewußtseins werden. Die Politik erhält den Primat über die Geschichte. Die Fakten werden etwas, was uns soeben zustieß, sie festzustellen ist die Sache der Erinnerung. Und in der Tat ist das Erwachen der exemplarische Fall des Erinnerns: der Fall, in welchem es uns glückt, des Nächsten, Banalsten, Naheliegendsten uns zu erinnern. Was Proust mit dem experimentierenden Umstellen der Möbel im morgendlichen Halbschlummer meint, Bloch als das Dunkel des gelebten Augenblicks erkennt, ist nichts anderes als was hier in der Ebene des Geschichtlichen, und kollektiv, gesichert werden soll. Es gibt Noch-nicht-bewußtes-Wissen vom Gewesenen, dessen Förderung die Struktur des Erwachens hat.

[…]


Man sagt, daß die dialektische Methode darum geht, der jeweiligen konkret-geschichtlichen Situation ihres Gegenstandes gerecht zu werden. Aber das genügt nicht. Denn ebensosehr geht es ihr darum, der konkret-geschichtlichen Situation des Interesses für ihren Gegenstand gerecht zu werden. Und diese letztere Situation liegt immer darin beschlossen, daß es selber sich präformiert in jenem Gegenstande, vor allem aber, daß es jenen Gegenstand in sich selber konkretisiert, aus seinem Sein von damals in die höhere Konkretion des Jetztseins (Wachseins!) aufgerückt fühlt. Wieso dies Jetztsein (das nicht weniger als das Jetztsein der »Jetztzeit« – sondern ein stoßweises, intermittierendes – ist) an sich schon eine höhere Konkretion bedeutet – diese Frage kann die dialektische Methode freilich nicht in der Ideologie des Fortschritts sondern nur in einer, an allen Teilen diese überwindenden Geschichtsanschauung erfassen. In ihr wäre von der zunehmenden Verdichtung (Integration) der Wirklichkeit zu sprechen, in der alles Vergangene (zu seiner Zeit) einen höheren Aktualitätsgrad als im Augenblick seines Existierens erhalten kann. Wie es als höhere Aktualität sich ausprägt, das schafft das Bild als das und in dem es verstanden wird. Und diese dialektische Durchdringung und Vergegenwärtigung vergangener Zusammenhänge ist die Probe auf die Wahrheit des gegenwärtigen Handelns. Das heißt: sie bringt den Sprengstoff, der im Gewesenen liegt (…) zur Entzündung. So an das Gewesene herangehen, das heißt nicht wie bisher es auf historische sondern auf politische Art, in politischen Kategorien behandeln.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [K 1, 2] und [K 2, 3]: Traumstadt und Traumhaus, Zukunftsträume, Anthropologischer Nihilismus, Jung.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt am Main 1991, S. 490f. und 494f.

[via walter-benjamin-bluemchen]

Ödipus ist wie ein Labyrinth, man tritt aus ihm nur heraus, indem man wieder eintritt (oder in dem man einen anderen zum Eintritt veranlaßt). Ödipus als Problem oder Lösung, das sind die zwei Enden einer Binde, die die umfassende Wunschproduktion zum Stocken bringt. Man dreht die Schraubenmuttern fest, bis nichts mehr von der Produktion herausdringt außer einem Gemurmel. Das Unbewußte ist niedergewalzt, trianguliert, vor Alternativen gestellt worden, die nicht die seinen sind. Alle Ausgänge verriegelt: aus mit dem möglichen Gebrauch inklusiver, nicht-limitativer Disjunktionen. Man hat dem Unbewußten Eltern gemacht!

—Gilles Deleuze und Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Übersetzt von Bernd Schwibs. Frankfurt am Main 1977, S. 102.

Die kopernikanische Wendung in der geschichtlichen Anschauung ist diese: man hielt für den fixen Punkt das ‚Gewesene‘ und sah die Gegenwart bemüht, an dieses Feste die Erkenntnis tastend heranzuführen. Nun soll sich dieses Verhältnis umkehren und das Gewesene zum dialektischen Umschlag, zum Einfall des erwachten Bewußtseins werden. Die Politik erhält den Primat über die Geschichte. Die Fakten werden etwas, was uns soeben zustieß, sie festzustellen ist die Sache der Erinnerung. Und in der Tat ist das Erwachen der exemplarische Fall des Erinnerns: der Fall, in welchem es uns glückt, des Nächsten, Banalsten, Naheliegendsten uns zu erinnern. Was Proust mit dem experimentierenden Umstellen der Möbel im morgendlichen Halbschlummer meint, Bloch als das Dunkel des gelebten Augenblicks erkennt, ist nichts anderes als was hier in der Ebene des Geschichtlichen, und kollektiv, gesichert werden soll. Es gibt Noch-nicht-bewußtes-Wissen vom Gewesenen, dessen Förderung die Struktur des Erwachens hat.

[…]


Man sagt, daß die dialektische Methode darum geht, der jeweiligen konkret-geschichtlichen Situation ihres Gegenstandes gerecht zu werden. Aber das genügt nicht. Denn ebensosehr geht es ihr darum, der konkret-geschichtlichen Situation des Interesses für ihren Gegenstand gerecht zu werden. Und diese letztere Situation liegt immer darin beschlossen, daß es selber sich präformiert in jenem Gegenstande, vor allem aber, daß es jenen Gegenstand in sich selber konkretisiert, aus seinem Sein von damals in die höhere Konkretion des Jetztseins (Wachseins!) aufgerückt fühlt. Wieso dies Jetztsein (das nicht weniger als das Jetztsein der ‚Jetztzeit‘ – sondern ein stoßweises, intermittierendes – ist) an sich schon eine höhere Konkretion bedeutet – diese Frage kann die dialektische Methode freilich nicht in der Ideologie des Fortschritts sondern nur in einer, an allen Teilen diese überwindenden Geschichtsanschauung erfassen. In ihr wäre von der zunehmenden Verdichtung (Integration) der Wirklichkeit zu sprechen, in der alles Vergangene (zu seiner Zeit) einen höheren Aktualitätsgrad als im Augenblick seines Existierens erhalten kann. Wie es als höhere Aktualität sich ausprägt, das schafft das Bild als das und in dem es verstanden wird. Und diese dialektische Durchdringung und Vergegenwärtigung vergangener Zusammenhänge ist die Probe auf die Wahrheit des gegenwärtigen Handelns. Das heißt: sie bringt den Sprengstoff, der im Gewesnen liegt (…) zur Entzündung. So an das Gewesene herangehen, das heißt nicht wie bisher es auf historische sondern auf politische Art, in politischen Kategorien behandeln.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [K 1, 2] und [K 2, 3]: Traumstadt und Traumhaus, Zukunftsträume, Anthropologischer Nihilismus, Jung.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt am Main 1991, S. 490f. und 494f.

Wäre es nicht besser, dem Tode den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebürt, und unsere unbewußte Einstellung zum Tode, die wir bisher so sorgfältig unterdrückt haben, ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheint das keine Höherleistung zu sein, eher ein Rückschritt in manchen Stücken, eine Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit mehr Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder erträglicher zu machen. Das Leben zu ertragen bleibt ja doch die erste Pflicht aller Lebenden. Die Illusion wird wertlos, wenn sie uns darin stört.
Wir erinnern uns des alten Spruchs: Si vis pacem, para bellum.
Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Kriege.
Es wäre zeitgemäß ihn abzuändern: Si vis vitam, para mortem.
Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.

Sigmund Freud: Zeitgemäßes über Krieg und Tod. II. Unser Verhältnis zum Tode.

In: Alfred Lorenzer/Bernhard Görlich (Hrsg.): Sigmund Freud. Das Unbehagen in der Kultur und andere kulturtheoretische Schriften. Frankfurt am Main 2004, S. 161.

(Source: remifentanil, via verblendungszusammenhang-deacti)

Meine Gifte sind die euren: hier sind die Liebe, die Kraft, die Geschwindigkeit. Wollt ihr Leiden, den Tod oder Gesänge?
Heute bringe ich euch ein Rauschgift, das von den Grenzen des Bewußtseins, dem Rande des Abgrunds kommt. Was habt ihr in den Drogen bisher anderes gesucht als ein Gefühl von Macht, schöne Selbstherrlichkeit und die freie Entfaltung eurer Fähigkeiten im Leeren? Das Mittel, das euch zu bieten ich die Ehre habe, verhilft euch zu alledem, verschafft euch auch ungeahnte, immense Vorteile, es übertrifft eure Wünsche, erweckt sie und läßt euch neue verrückte Wünsche haben; aber seid euch darüber im klaren: die diesen Zaubertrank des Absoluten in Umlauf bringen sind Gegner der Ordnung.
[…]
Dieses Laster, genannt SURREALISMUS, besteht in dem unmäßigen und leidenschaftlichen Gebrauch des Rauschgiftes BILD oder vielmehr in der unkontrollierten Beschwörung des Bildes um seiner selbst willen und auf daß es im Darstellungsbereich unvorhersehbare Umwälzungen und Metamorphosen bewirkt: denn jedes Bild zwingt euch immer wieder von neuem, das ganze Universum zu revidieren.

Louis Aragon: Rede der Phantasie.

In: Karlheinz Barck (Hrsg.): Surrealismus in Paris 1919 - 1939. Ein Lesebuch. Leipzig 1985, S. 423ff.

Salvador Dalí, Geopoliticus Child Watching the Birth of the New Man, 1943. Oil on canvas, 45.5 x 50 cm. Salvador Dalí Museum, St. Petersburg.
[via art-history]
“Man wird also die Affinität zur Psychoanalyse nicht in einer Symbolik  des Unbewußten vermuten dürfen, sondern im Versuch, durch Explosionen  Kindheitserfahrungen aufzudecken. Was der Surrealismus den Abbildern der  Dingwelt hinzufügt, ist, was uns von der Kindheit verlorenging: so  sollen uns als Kindern jene damals selbst schon veralteten Illustrierten  angesprungen haben wie jetzt die surrealistischen Bilder. Das  subjektive Moment steckt dabei in der Handlung der Montage: diese  möchte, vielleicht vergebens, aber der Intention nach unverkennbar,  Wahrnehmungen herstellen, so wie sie damals gewesen sein müßten. Das  Riesenei, aus dem jeden Augenblick das Monstrum eines jüngsten Tages  ausschlüpfen kann, ist so groß, weil wir damals so klein waren, als wir  zum ersten Mal vorm Ei erschauerten.”
Theodor W. Adorno: Rückblickend auf den Surrealismus. In: Ders.: Versuch  das >Endspiel< zu verstehen. Frankfurt am Main 1973, S. 103f.

Salvador Dalí, Geopoliticus Child Watching the Birth of the New Man, 1943. Oil on canvas, 45.5 x 50 cm. Salvador Dalí Museum, St. Petersburg.

[via art-history]

“Man wird also die Affinität zur Psychoanalyse nicht in einer Symbolik des Unbewußten vermuten dürfen, sondern im Versuch, durch Explosionen Kindheitserfahrungen aufzudecken. Was der Surrealismus den Abbildern der Dingwelt hinzufügt, ist, was uns von der Kindheit verlorenging: so sollen uns als Kindern jene damals selbst schon veralteten Illustrierten angesprungen haben wie jetzt die surrealistischen Bilder. Das subjektive Moment steckt dabei in der Handlung der Montage: diese möchte, vielleicht vergebens, aber der Intention nach unverkennbar, Wahrnehmungen herstellen, so wie sie damals gewesen sein müßten. Das Riesenei, aus dem jeden Augenblick das Monstrum eines jüngsten Tages ausschlüpfen kann, ist so groß, weil wir damals so klein waren, als wir zum ersten Mal vorm Ei erschauerten.”

Theodor W. Adorno: Rückblickend auf den Surrealismus. In: Ders.: Versuch das >Endspiel< zu verstehen. Frankfurt am Main 1973, S. 103f.

Waren sie, wie sie es träumten, an die Grenzen der Seele gelangt, die sie zu durchlaufen meinten? Langsam traten sie aus diesem Traum heraus und fanden eine so große Einsamkeit vor, dass sie dem Näherkommen der Ungeheuer, mit denen man sie als Menschen erschreckt hatte, gleichgültig zusahen, nichts sahen und sich über die Krypta beugten und dort in tiefer Untätigkeit blieben und geheimnisvoll darauf warteten, dass die Zunge, deren Entstehung jeder Prophet tief in der eigenen Kehle gespürt hat, aus dem Meer herauskomme und ihnen die unmöglichen Worte in den Mund stoße. Dieses Warten, ein unheilbringender Dampf, Tropfen um Tropfen auf dem Gipfel des Berges ausgeatmet, schien kein Ende nehmen zu können. Als sich aber aus der Tiefe der Finsternis tatsächlich ein langgezogener Schrei erhob, der wie das Ende eines Traumes war, da erkannten alle den Ozean, und sie nahmen einen Blick wahr, dessen Unendlichkeit und Süße in ihnen unerträgliche Begierden weckten. Einen Augenblick lang wieder Menschen geworden, sahen sie im Unendlichen ein Bild, das sie genossen, zeigten sie wollüstig im Wasser ihre Blöße.
Auch Thomas betrachtete diese Flut roher Bilder, und dann, als er an die Reihe kam, stürzte er sich hinein, aber traurig, verzweifelt, als hätte die Scham für ihn begonnen.

Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle, Basel und Weil am Rhein 2007, S. 115f.

[via diesebastionbehrisch]

Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, daß es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben vorgeht.

—Sigmund Freud: Die Fixierung an das Trauma. Das Unbewußte. In: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Vorlesung XVIII. Frankfurt am Main 2004, S. 273

Lacan und das Unbewußte…

Man wird also die Affinität zur Psychoanalyse nicht in einer Symbolik des Unbewußten vermuten dürfen, sondern im Versuch, durch Explosionen Kindheitserfahrungen aufzudecken. Was der Surrealismus den Abbildern der Dingwelt hinzufügt, ist, was uns von der Kindheit verlorenging: so sollen uns als Kindern jene damals selbst schon veralteten Illustrierten angesprungen haben wie jetzt die surrealistischen Bilder. Das subjektive Moment steckt dabei in der Handlung der Montage: diese möchte, vielleicht vergebens, aber der Intention nach unverkennbar, Wahrnehmungen herstellen, so wie sie damals gewesen sein müßten. Das Riesenei, aus dem jeden Augenblick das Monstrum eines jüngsten Tages ausschlüpfen kann, ist so groß, weil wir damals so klein waren, als wir zum ersten Mal vorm Ei erschauerten.

—Theodor W. Adorno: Rückblickend auf den Surrealismus. In: Ders.: Versuch das >Endspiel< zu verstehen. Frankfurt am Main 1973, S. 103f.