Und da kam es mir so vor, als sei der im feinen hartnäckigen Frühlingsregen sich ausbreitende graue feuchte Fleck auf dem aufgeschlagenen Zeitungsblatt eine visuelle Metapher, die auf seltsame Weise zu meinen Gefühlen paßte. Als ob das angstvolle Unbehagen, die Übelkeit, die körperliche Traurigkeit, die ich empfand, sich in den aufgelösten, aufgeweichten Fasern meines Körpers, in der trostlosen Landschaft meiner Seele ebenso ausbreiteten wie der feuchte Fleck auf jenem Zeitungsblatt.
Ich blieb im Regen stehen, sehr lange, wie mir scheint: elend.
[…] Ich sagte mir nicht mehr Gedichte von Baudelaire auf. Eine lange dunstige Ungewißheit von mir abschüttelnd, habe ich mich dabei ertappt, wie ich leise ein Sonett von Rubén Darío vor mich hin sagte, dessen letzter Vers so eindringlich war: ‘Hörst du nicht die Tropfen meiner Melancholie?’
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Jorge Semprun: Unsre allzu kurzen Sommer, Frankfurt am Main 2001, S. 69.
[via diesebastionbehrisch]