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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Tod:

Peter Weiss: Inferno, Frankfurt am Main 2003, S. 22.
[via lupodimore:abendgesellschaft]

Peter Weiss: Inferno, Frankfurt am Main 2003, S. 22.

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Das Andenken ist die säkularisierte Reliquie.

Das Andenken ist das Komplement des »Erlebnisses«. In ihm hat die zunehmende Selbstentfremdung des Menschen, der seine Vergangenheit als tote Habe inventarisiert, sich niedergeschlagen. Die Allegorie hat im neunzehnten Jahrhundert die Umwelt geräumt, um sich in der Innenwelt anzusiedeln. Die Reliquie kommt von der Leiche, das Andenken von der abgestorbenen Erfahrung her, welche sich, euphemistisch, Erlebnis nennt.

Walter Benjamin: Zentralpark. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.2, Frankfurt am Main 1991, S. 681.

Wie gewaltig in diesem Abgrund der Allegorie die dialektische Bewegung braust, das muß unterm Studium der Trauerspielform deutlicher als bei jedem andern an Tag treten. Jene weltliche, die geschichtliche Breite, die Görres und Creuzer der allegorischen Intention zuschreiben, ist als Naturgeschichte, als Urgeschichte des Bedeutens oder der Intention dialektischer Art. Unter der entscheidenden Kategorie der Zeit, welche in dieses Gebiet der Semiotik getragen zu haben die große romantische Einsicht dieser Denker war, läßt das Verhältnis von Symbol und Allegorie eindringlich und formelhaft sich festlegen. Während im Symbol mit der Verklärung des Untergangs das transfigurierte Antlitz der Natur im Lichte der Erlösung flüchtig sich offenbart, liegt in der Allegorie die facies hippocratica der Geschichte als erstarrte Urlandschaft dem Betrachter vor Augen. Die Geschichte in allem was sie Unzeitiges, Leidvolles, Verfehltes von Beginn an hat, prägt sich in einem Antlitz – nein in einem Totenkopfe aus. Und so wahr alle ‘symbolische’ Freiheit des Ausdrucks, alle klassische Harmonie der Gestalt, alles Menschliche einem solchen fehlt – es spricht nicht nur die Natur des Menschendaseins schlechthin, sondern die biographische Geschichtlichkeit eines Einzelnen in dieser naturverfallensten Figur bedeutungsvoll als Rätselfrage sich aus. Das ist der Kern der allegorischen Betrachtung, der barocken, weltlichen Exposition der Geschichte als Leidensgeschichte der Welt; bedeutend ist sie nur in den Stationen des Verfalls. Soviel Bedeutung, soviel Todverfallenheit, weil am tiefsten der Tod die zackige Demarkationslinie zwischen Physis und Bedeutung eingräbt. Ist aber die Natur von jeher todverfallen, so ist sie auch allegorisch von jeher. Bedeutung und Tod sind so gezeitigt in historischer Entfaltung wie sie im gnadenlosen Sündenstand der Kreatur als Keime enge ineinandergreifen.

—Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. Frankfurt am Main 1978, S. 144f.

Frida Kahlo - Henry Ford Hospital, 1932
Oil on metal 
(via Kahlo: Henry Ford Hospital)

[via fyeahwomenartists]

Frida Kahlo - Henry Ford Hospital1932

Oil on metal 

(via Kahlo: Henry Ford Hospital)

[via fyeahwomenartists]

Ich könnte nicht aus Freundschaft lieben, würde die Kraft dieses Liebens nicht an den Horizont jenes Todes heranreichen. Der Horizont ist die Grenze und die Abwesenheit der Grenze, das Verschwinden des Horizonts, die Grenze als Abwesenheit der Grenze. Ich könnte nicht aus Freundschaft lieben, ohne mich dazu verpflichten, ohne mich im voraus verpflichtet zu fühlen, den andren über den Tod – also über das Leben hinaus zu lieben. Im voraus, vor jedem Vertrag, fühle ich mich unwiderstehlich dazu hingerissen, den toten anderen zu lieben. Ich fühle mich so (hingerissen zu) lieben; so fühle ich mich (lieben).

Jacques Derrida: Politik der Freundschaft, Frankfurt am Main 2002, S. 33.

[via diesebastionbehrisch]


Amedeo Modigliani - Portrait de Jean Cocteau, 1919
[via mechante-ambiance]
“Sie geht im Zimmer auf und ab und stöhnt vor Schmerzen.
Verzeih mir. Ich weiß, diese Szene ist unerträglich für dich. Ich weiß, daß ich deine Geduld auf eine harte Probe stelle. Aber verstehe mich doch, ich leide, ich leide. Diese Schnur ist noch das Letzte, was mich mit dir verbindet …………………………………………………………… Vorgestern Abend? Da habe ich geschlafen. Ich hab mir das Telefon mit ins Bett genommen ………………… Nein, nein, im Bett …………. Ich weiß, es ist sehr albern, aber ich nahm das Telefon mit ins Bett, weil es einen doch schließlich verbindet, trotz allem. Es reicht doch bis zu dir, und dann versprachst du mir, mich anzurufen. Und stell dir vor, da hatte ich eine Menge seltsamer Träume. Der Anschlag der Telefonglocke wurde zum Schlag, den du mir gabst, und ich stürzte. Dann war’s, als würge mich jemand am Hals. Und dann war ich plötzlich am Meeresgrund, der sah aus wie meine Wohnung in Auteuil. Und ich war ein Taucher und durch einen Schlauch mit dir verbunden, und ich flehte dich an, den Schlauch nicht durchzuschneiden. - Dumme Träume, wenn man sie so erzählt. Aber im Schlaf, da lebten sie, und es war schrecklich ………………………………………………. […]
 Sie schlingt sich die Telefonschnur um den Hals.
……………… Ich weiß wohl, daß es sein muß, aber es ist so hart ………. Niemals werde ich den Mut finden …………………. Ja, man hat die Illusion, einander gegenüber zu stehen, und plötzlich rückt man Abgründe, Höhlen und eine ganze Stadt zwischen einander ……. Weißt du noch, wie Yvonne sich darüber wunderte, daß die menschliche Stimme durch eine so fein geschlungene Schnur dringen kann. Ich habe die Schnur um meinen Hals gelegt, ich habe deine Stimme um meinen Hals ……………………….”
Jean Cocteau: Die geliebte Stimme. Übertragen von Hans Feist. Frankfurt am Main 1963, S. 149 und 155.

Amedeo Modigliani - Portrait de Jean Cocteau, 1919

[via mechante-ambiance]

Sie geht im Zimmer auf und ab und stöhnt vor Schmerzen.

Verzeih mir. Ich weiß, diese Szene ist unerträglich für dich. Ich weiß, daß ich deine Geduld auf eine harte Probe stelle. Aber verstehe mich doch, ich leide, ich leide. Diese Schnur ist noch das Letzte, was mich mit dir verbindet …………………………………………………………… Vorgestern Abend? Da habe ich geschlafen. Ich hab mir das Telefon mit ins Bett genommen ………………… Nein, nein, im Bett …………. Ich weiß, es ist sehr albern, aber ich nahm das Telefon mit ins Bett, weil es einen doch schließlich verbindet, trotz allem. Es reicht doch bis zu dir, und dann versprachst du mir, mich anzurufen. Und stell dir vor, da hatte ich eine Menge seltsamer Träume. Der Anschlag der Telefonglocke wurde zum Schlag, den du mir gabst, und ich stürzte. Dann war’s, als würge mich jemand am Hals. Und dann war ich plötzlich am Meeresgrund, der sah aus wie meine Wohnung in Auteuil. Und ich war ein Taucher und durch einen Schlauch mit dir verbunden, und ich flehte dich an, den Schlauch nicht durchzuschneiden. - Dumme Träume, wenn man sie so erzählt. Aber im Schlaf, da lebten sie, und es war schrecklich ………………………………………………. […]

Sie schlingt sich die Telefonschnur um den Hals.

……………… Ich weiß wohl, daß es sein muß, aber es ist so hart ………. Niemals werde ich den Mut finden …………………. Ja, man hat die Illusion, einander gegenüber zu stehen, und plötzlich rückt man Abgründe, Höhlen und eine ganze Stadt zwischen einander ……. Weißt du noch, wie Yvonne sich darüber wunderte, daß die menschliche Stimme durch eine so fein geschlungene Schnur dringen kann. Ich habe die Schnur um meinen Hals gelegt, ich habe deine Stimme um meinen Hals ……………………….”

Jean Cocteau: Die geliebte Stimme. Übertragen von Hans Feist. Frankfurt am Main 1963, S. 149 und 155.

In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,
greifen sich leise ins wachsende Haar,
dessen Halme aus ihres Schädels Schwäche
in diesen langen Tagen treiben,
als wollten sie über der Oberfläche
des Todes bleiben.
Ihre Gebärde geht durch das Haus
als wenn überall Spiegel hingen;
und sie geben - mit diesem Graben
in ihren Haaren - Kräfte aus,
die sie in Jahren gesammelt haben,
welche vergingen.

Rainer Maria Rilke: Aus einer Sturmnacht. Acht Blätter mit einem Titelblatt, in: Manfred Engel (Hg. u.a.): Rainer Maria Rilke - Die Gedichte, Frankfurt am Main und Leipzig 2006, S. 349.

[via diesebastionbehrisch]



“L’écriture n’a jamais été la chose du capitalisme. Le capitalisme est profondément analphabète. La mort de l’écriture, c’est comme la mort de Dieu ou du père, il y a longtemps que c’est fait, bien que l’événement mette longtemps à nous parvenir, et que survive en nous le souvenir de signes disparus avec lesquels nous écrivons toujours. La raison en est simple: l’écriture implique un usage du language en général d’après lequel le graphisme s’aligne sur la voix, mais aussi la surcode et induit une voix fictive des hauteurs fonctionnant comme signifiant. L’arbitraire du désigné, la subordination du signifié, la transcendance du signifiant despotique, et enfin sa décomposition consécutive en éléments minimaux dans un champ d’immanence mis à découvert par le retrait du despote, tout cela marque l’appartenance de l’écriture à la représentation despotique impériale. Dès lors, quand on annonce l’éclatement de la “galaxie Gutenberg”, que veut-on dire au juste? Certes, le capitalisme s’est beaucoup servi et se sert de l’écriture; non seulement l’écriture convient avec la monnnaie comme équivalent général, mais les fonctions spécifiques de la monnaie dans le capitalisme passèrent par l’écriture et l’imprimerie, et pour une part continuent de passer par là. Il n’en reste pas moins que l’écriture joue typiquement le rôle d’un archaïsme dans le capitalisme, l’imprimerie-Gutenberg étant alors l’élément qui donne à l’archaïsme une fonction actuelle. Mais l’usage capitaliste du langage est en droit d’une autre nature et se réalise ou devient concret dans le champ d’immanence propre au capitalisme lui-même, lorsqu’apparaissent les moyens techniques d’expression qui correspondent au décodage généralisé des flux, au lieu de renvoyer encore sous une forme directe ou indirecte au surcodage despotique.”
(L’Anti-Œdipe, p. 285–286)
[“Writing has never been capitalism’s thing. Capitalism is profoundly illiterate. The death of writing is like the death of God or the death of the father: the thing was settled a long time ago, although the news of the event is slow to reach us, and there survives in us the memory of extinct signs with which we still write. The reason for this is simple: writing implies a use of language in general according to which graphism becomes aligned on the voice, but also overcodes it and induces a fictitious voice from on high that functions as a signifier. The arbitrary nature of the thing designated, the subordination of the signified, the transcendence of the despotic signifier, and finally, its consecutive decomposition into minimal elements within a field of immanence uncovered by the withdrawal of the despot—all this is evidence that writing belongs to imperial despotic representation. Once this is said, what exactly is meant when someone announces the collapse of the ‘Gutenberg galaxy’? Of course capitalism has made and continues to make use of writing: not only is writing adapted to money as the general equivalent, but the specific functions of money in capitalism went by way of writing and printing, and in some measure continue to do so. The fact nonetheless remains that writing typically plays the role of an archaism in capitalism, the Gutenberg press being the element that confers on the archaism a current function. But the capitalist use of language is different in nature; it is realized or becomes concerted within the field of immanence peculiar to capitalism itself, with the appearance of the technical means of expression that correspond to the generalized decoding of flows, instead of still referring, in a direct or indirect form, to despotic overcoding.”
(Anti-Oedipus, p. 260—261)
“Noch nie war die Schrift Sache des Kapitalismus. Dieser ist von Grund auf Analphabeth. Der Tod der Schrift, das ist wie mit dem Tode Gottes oder des Vaters, schon lange zuvor hat das Ereignis stattgefunden, und doch braucht es Zeit, bis es zu uns dringt, lange überdauert in uns die Erinnerung an untergegangene Zeichen, mit denen wir gleichwohl noch schreiben. Der Grund ist ein einfacher: die Schrift impliziert einen allgemeinen Sprachgebrauch, der dadurch sich auszeichnet, daß sich der Graphismus an der Stimme ausrichtet, sie aber gleichzeitig übercodiert und eine als Signifikant funktionierende fiktive Stimme der Höhen einführt. Das Beliebige des Bezeichneten, die Unterordnung des Signifikats, die Transzendenz des despotischen Signifikanten, und endlich seine nachfolgende Dekomposition in kleinste Elemente innerhalb eines durch das Zurückweichen des Signifikanten aufgedeckten Immanenzfeldes: alles das markiert die Zugehörigkeit der Schrift zur imperialen despotischen Repräsentation. Indessen, wenn man das Ende der ‘Gutenberg-Galaxis’ annonciert, was mag man letztlich damit sagen wollen? Der Kapitalismus hat sich gewiß der Schrift umfassend bedient und bedient sich ihrer weiterhin; die Schrift entspricht nicht nur dem Geld als allgemeines Äquivalent, vielmehr laufen die spezifischen Strukturen des Geldes im Kapitalismus über die Schrift und den Buchdruck - auch heute noch. Es braucht weiter nichts, als daß die Schrift die Rolle des Archaismus im Kapitalismus spielt, die Gutenberg-Buchdruckerei jenes Element ist, das dem Archaismus eine aktuelle Funktion verleiht. Doch der kapitalistische Gebrauch der Sprache ist in Wahrheit von anderer Natur, er realisiert sich oder wird konkret in dem spezifisch kapitalistischen Immanenzzusammenhang dann, wenn die technischen Ausdrucksmittel auftauchen, die der verallgemeinerten Decodierung der Ströme entsprechen statt wie bisher in mittel- oder unmittelbarer Form auf die despotische Übercodierung zu verweisen.”
(Anti-Ödipus, S. 308 - 309)]
[via fuckyeahgillesdeleuze]
[via areashape]

“L’écriture n’a jamais été la chose du capitalisme. Le capitalisme est profondément analphabète. La mort de l’écriture, c’est comme la mort de Dieu ou du père, il y a longtemps que c’est fait, bien que l’événement mette longtemps à nous parvenir, et que survive en nous le souvenir de signes disparus avec lesquels nous écrivons toujours. La raison en est simple: l’écriture implique un usage du language en général d’après lequel le graphisme s’aligne sur la voix, mais aussi la surcode et induit une voix fictive des hauteurs fonctionnant comme signifiant. L’arbitraire du désigné, la subordination du signifié, la transcendance du signifiant despotique, et enfin sa décomposition consécutive en éléments minimaux dans un champ d’immanence mis à découvert par le retrait du despote, tout cela marque l’appartenance de l’écriture à la représentation despotique impériale. Dès lors, quand on annonce l’éclatement de la “galaxie Gutenberg”, que veut-on dire au juste? Certes, le capitalisme s’est beaucoup servi et se sert de l’écriture; non seulement l’écriture convient avec la monnnaie comme équivalent général, mais les fonctions spécifiques de la monnaie dans le capitalisme passèrent par l’écriture et l’imprimerie, et pour une part continuent de passer par là. Il n’en reste pas moins que l’écriture joue typiquement le rôle d’un archaïsme dans le capitalisme, l’imprimerie-Gutenberg étant alors l’élément qui donne à l’archaïsme une fonction actuelle. Mais l’usage capitaliste du langage est en droit d’une autre nature et se réalise ou devient concret dans le champ d’immanence propre au capitalisme lui-même, lorsqu’apparaissent les moyens techniques d’expression qui correspondent au décodage généralisé des flux, au lieu de renvoyer encore sous une forme directe ou indirecte au surcodage despotique.”

(L’Anti-Œdipe, p. 285–286)

[“Writing has never been capitalism’s thing. Capitalism is profoundly illiterate. The death of writing is like the death of God or the death of the father: the thing was settled a long time ago, although the news of the event is slow to reach us, and there survives in us the memory of extinct signs with which we still write. The reason for this is simple: writing implies a use of language in general according to which graphism becomes aligned on the voice, but also overcodes it and induces a fictitious voice from on high that functions as a signifier. The arbitrary nature of the thing designated, the subordination of the signified, the transcendence of the despotic signifier, and finally, its consecutive decomposition into minimal elements within a field of immanence uncovered by the withdrawal of the despot—all this is evidence that writing belongs to imperial despotic representation. Once this is said, what exactly is meant when someone announces the collapse of the ‘Gutenberg galaxy’? Of course capitalism has made and continues to make use of writing: not only is writing adapted to money as the general equivalent, but the specific functions of money in capitalism went by way of writing and printing, and in some measure continue to do so. The fact nonetheless remains that writing typically plays the role of an archaism in capitalism, the Gutenberg press being the element that confers on the archaism a current function. But the capitalist use of language is different in nature; it is realized or becomes concerted within the field of immanence peculiar to capitalism itself, with the appearance of the technical means of expression that correspond to the generalized decoding of flows, instead of still referring, in a direct or indirect form, to despotic overcoding.”

(Anti-Oedipus, p. 260—261)

“Noch nie war die Schrift Sache des Kapitalismus. Dieser ist von Grund auf Analphabeth. Der Tod der Schrift, das ist wie mit dem Tode Gottes oder des Vaters, schon lange zuvor hat das Ereignis stattgefunden, und doch braucht es Zeit, bis es zu uns dringt, lange überdauert in uns die Erinnerung an untergegangene Zeichen, mit denen wir gleichwohl noch schreiben. Der Grund ist ein einfacher: die Schrift impliziert einen allgemeinen Sprachgebrauch, der dadurch sich auszeichnet, daß sich der Graphismus an der Stimme ausrichtet, sie aber gleichzeitig übercodiert und eine als Signifikant funktionierende fiktive Stimme der Höhen einführt. Das Beliebige des Bezeichneten, die Unterordnung des Signifikats, die Transzendenz des despotischen Signifikanten, und endlich seine nachfolgende Dekomposition in kleinste Elemente innerhalb eines durch das Zurückweichen des Signifikanten aufgedeckten Immanenzfeldes: alles das markiert die Zugehörigkeit der Schrift zur imperialen despotischen Repräsentation. Indessen, wenn man das Ende der ‘Gutenberg-Galaxis’ annonciert, was mag man letztlich damit sagen wollen? Der Kapitalismus hat sich gewiß der Schrift umfassend bedient und bedient sich ihrer weiterhin; die Schrift entspricht nicht nur dem Geld als allgemeines Äquivalent, vielmehr laufen die spezifischen Strukturen des Geldes im Kapitalismus über die Schrift und den Buchdruck - auch heute noch. Es braucht weiter nichts, als daß die Schrift die Rolle des Archaismus im Kapitalismus spielt, die Gutenberg-Buchdruckerei jenes Element ist, das dem Archaismus eine aktuelle Funktion verleiht. Doch der kapitalistische Gebrauch der Sprache ist in Wahrheit von anderer Natur, er realisiert sich oder wird konkret in dem spezifisch kapitalistischen Immanenzzusammenhang dann, wenn die technischen Ausdrucksmittel auftauchen, die der verallgemeinerten Decodierung der Ströme entsprechen statt wie bisher in mittel- oder unmittelbarer Form auf die despotische Übercodierung zu verweisen.”

(Anti-Ödipus, S. 308 - 309)]

[via fuckyeahgillesdeleuze]

[via areashape]

La Maladie et la Mort font des cendres
De tout le feu qui pour nous flamboya.
De ces grands yeux si fervents et si tendres,
De cette bouche où mon coeur se noya,

De ces baisers puissants comme un dictame,
De ces transports plus vifs que des rayons,
Que reste-t-il? C’est affreux, ô mon âme!
Rien qu’un dessin fort pâle, aux trois crayons,

Qui, comme moi, meurt dans la solitude,
Et que le Temps, injurieux vieillard,
Chaque jour frotte avec son aile rude…

Noir assassin de la Vie et de l’Art,
Tu ne tueras jamais dans ma mémoire
Celle qui fut mon plaisir et ma gloire!

-

‎[Zu Asche brennen Krankheit und der Tod
Das Feuer ganz, des Flammen wir getrunken.
Von diesem Aug, das groß und zärtlich loht,
Von diesem Mund, in dem mein Herz ertrunken,

Von diesen Küssen, wie ein Zauber stark,
Ergüssen, brennender als rote Strahlen —
Was bleibt davon? Es ist entsetzlich karg!
Ein fahles Bild, wie es drei Farben malen,

Das wie ich stumm einsamem Tode reift
Und das die Zeit, der Greis voll Mißvergunst,
Tagtäglich hart mit seinem Flügel streift…

O schwarzer Mörder Lebens und der Kunst!
In meinen Sinnen bringst du niemals um
Die Schöne, die mein Glück war und mein Ruhm!]

Charles Baudelaire: Le Portrait

-

Charles Baudelaire, Das Bildnis. In: Die Blumen des Bösen. Übertragen von Carlo Schmid. Frankfurt am Main 1976, S. 62.

Der leere Kopf, in dem ‘ich’ bin, ist so ängstlich, so habgierig geworden, daß nur noch der Tod ihn befriedigen kann.
[…]
Nach einem schändlichen Leiden wächst der Übermut, der trotz allem heimlich weiterbesteht, von neuem, wächst zuerst ganz langsam, dann plötzlich, jählings, er blendet mich und stürzt mich in ein Glücksgefühl, das sich wider alle Vernunft behauptet.
Augenblicklich berauscht mich das Glücksgefühl, macht mich trunken. […]
ICH TRIUMPHIERE!

—Georges Bataille: Das Blau des Himmels. Deutsch von Sigrid von Massenbach und Hans Neumann. München 1969, S. 21/22.

Max Pechstein - Selbstbildnis mit Tod [Self Portrait with Death], 1920-21
[via queenblue]
“Die [feiernde] Gruppe aktiviert und stärkt den individuellen  Respekt vor dem Gebot des Feierns. […] Sie produziert einen  nicht-intimen, öffentlichen Moment. Während Gemeinschaften ihren  Zusammenhalt durch die übereinstimmenden Überzeugungen ihrer einzelnen  Mitglieder gewinnen, ist bei Gesellschaften der Träger ihrer  bestimmenden Einbildung mit keinem der Mitglieder identisch; er ist  außerhalb davon angesiedelt. Nicht die Individuen sind von dem Spektakel  überzeugt, das sie inszenieren. Die Gruppe fühlt sich vielmehr einer  anderen Instanz, einer Beobachtung von außen, verpflichtet, der sie  Haltung schuldet. Bezeichnend dafür ist das Gefühl der Scham: Es wäre  schändlich, nun nicht mitzukommen, die Einladung auszuschlagen, den  Alkohol nicht in Strömen fließen zu lassen, den anderen nicht einige der  eigenen Zigaretten anzubieten. Genau dieses Schamgefühl lässt Gruppen  zu etwas größerem als bloßen intimen Gemeinschaften mit eigenen Regeln  und Zwängen werden - nämlich zu Gesellschaften; es ermöglicht ihnen  mondäne Eleganz.”
- Robert Pfaller, »Wofür es sich  zu leben lohnt. Und was uns das vergessen lässt: Über-Ich, Narzissmus,  Beuteverzicht«, in: Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, hrsg. von Christoph Menke und Juliane Rebentisch, Berlin 2010, S. 191 - 207, hier: S. 196.
[thanks to edsminorplace!]

Max Pechstein - Selbstbildnis mit Tod [Self Portrait with Death], 1920-21

[via queenblue]

“Die [feiernde] Gruppe aktiviert und stärkt den individuellen Respekt vor dem Gebot des Feierns. […] Sie produziert einen nicht-intimen, öffentlichen Moment. Während Gemeinschaften ihren Zusammenhalt durch die übereinstimmenden Überzeugungen ihrer einzelnen Mitglieder gewinnen, ist bei Gesellschaften der Träger ihrer bestimmenden Einbildung mit keinem der Mitglieder identisch; er ist außerhalb davon angesiedelt. Nicht die Individuen sind von dem Spektakel überzeugt, das sie inszenieren. Die Gruppe fühlt sich vielmehr einer anderen Instanz, einer Beobachtung von außen, verpflichtet, der sie Haltung schuldet. Bezeichnend dafür ist das Gefühl der Scham: Es wäre schändlich, nun nicht mitzukommen, die Einladung auszuschlagen, den Alkohol nicht in Strömen fließen zu lassen, den anderen nicht einige der eigenen Zigaretten anzubieten. Genau dieses Schamgefühl lässt Gruppen zu etwas größerem als bloßen intimen Gemeinschaften mit eigenen Regeln und Zwängen werden - nämlich zu Gesellschaften; es ermöglicht ihnen mondäne Eleganz.”

- Robert Pfaller, »Wofür es sich zu leben lohnt. Und was uns das vergessen lässt: Über-Ich, Narzissmus, Beuteverzicht«, in: Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, hrsg. von Christoph Menke und Juliane Rebentisch, Berlin 2010, S. 191 - 207, hier: S. 196.

[thanks to edsminorplace!]

(via merisoniomart)

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