Das Leben schien nur lebenswert, wo die Schwelle, die zwischen Wachen und Schlaf ist, in jedem ausgetreten war, wie von Tritten massenhafter hin und wider flutender Bilder, die Sprache nur sie selbst, wo Laut und Bild und Bild und Laut mit automatischer Exaktheit derart glücklich ineinandergriffen, daß für den Groschen »Sinn« kein Spalt mehr übrigblieb. Bild und Sprache haben den Vortritt. Saint-Pol-Roux befestigt, wenn er gegen Morgen sich zum Schlafe niederlegt, an seiner Tür ein Schild: Le poète travaille. Breton notiert: »Still. Ich will, wo keiner noch hindurchgegangen ist, hindurchgehen, still! – Nach Ihnen, liebste Sprache.« Die hat den Vortritt.[…]
Die wahre, schöpferische Überwindung religiöser Erleuchtung aber liegt nun wahrhaftig nicht bei den Rauschgiften. Sie liegt in einer profanen Erleuchtung, einer materialistischen, anthropologischen Inspiration, zu der Haschisch, Opium und was immer sonst die Vorschule abgeben können. (Aber eine gefährliche. Und die der Religionen ist strenger.)
[…]
Jede ernsthafte Ergründung der okkulten, sürrealistischen, phantasmagorischen Gaben und Phänomene hat eine dialektische Verschränkung zur Voraussetzung, die ein romantischer Kopf sich niemals aneignen wird. Es bringt uns nämlich nicht weiter, die rätselhafte Seite am Rätselhaften pathetisch oder fanatisch zu unterstreichen; vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäglichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als alltäglich erkennt. Die passionierteste Untersuchung telepathischer Phänomene zum Beispiel wird einen über das Lesen (das ein eminent telepathischer Vorgang ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Lesens über die telepathischen Phänomene. Oder: die passionierteste Untersuchung des Haschischrausches wird einen über das Denken (das ein eminentes Narkotikum ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Denkens über Literarische und ästhetische Essays
den Haschischrausch. Der Leser, der Denkende, der Wartende, der Flaneur sind ebensowohl Typen des Erleuchteten wie der Opiumesser, der Träumer, der Berauschte. Und sind profanere.
Ganz zu schweigen von jener fürchterlichsten Droge – uns selber –, die wir in der Einsamkeit zu uns nehmen.
—Walter Benjamin: Der Sürrealismus. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften II.1., Frankfurt am Main 1991, S. 295-310; hier: S. 296f. und S. 307f.
![Max Ernst - Petite Féerie Nocturne, 1957/58
Galerie Ludorff, Düsseldorf, Germany
[via amare-habeo]](http://25.media.tumblr.com/tumblr_m1sue7rgJV1qa1j80o1_1280.jpg)
![Salvador Dalí - Argus, 1960.
Hand coloured drawing.
[via foxesinbreeches:leda-swanson:darksilenceinsuburbia]](http://24.media.tumblr.com/tumblr_m09g33zu371qarjnpo1_1280.jpg)
![frenchtwist:
Edith Rimmington - Museum, 1951
from the exhibition Angels of Anarchy: Women Artists and Surrealism at the Manchester Art Gallery
[via madonnawithlion*gilliflower]](http://24.media.tumblr.com/tumblr_lsx26lXhTl1qzb1cjo1_1280.jpg)

![Salvador Dalí - “Surrealist Piano”, a scenario sketch for the screenplay “Giraffes on Horseback Salad”, also called “The Surrealist woman” for the Marx Brothers, 1937
[via artemisdreaming]](http://25.media.tumblr.com/tumblr_lm1myoZ1aI1qc6wuio1_500.jpg)
