Man achtet nicht genügend darauf, daß der Andere sich nie von vorne darbietet. Selbst wenn ich in der heftigsten Diskussion dem Gegner »die Stirn biete«, so befindet sich die Intention, die mich erreicht, nicht wirklich in diesem ungestümen und grimassierenden Gesicht, selbst nicht in der Stimme, die durch den Raum auf mich zukommt. Der Gegner ist niemals gänzlich lokalisiert: seine Stimme, seine Gebärden, seine Eigenheiten sind nur Wirkungen, eine Art von Inszenierung, eine Zeremonie. Der Veranstalter ist so gut getarnt, daß ich ganz überrascht bin, wenn meine Antworten ankommen: der zauberische Stimmträger gerät in Verwirrung, gibt einige Seufzer von sich, einige Meckerlaute, einige Zeichen von Intelligenz; man muß annehmen, dort drüben sei einer. Aber wo? Nicht in dieser allzu vollen Stimme, nicht in diesem Gesicht, das mit Spuren gezeichnet ist wie ein gebrauchter Gegenstand. Auch nicht hinter diesem Apparat: ich weiß wohl, daß es dort nur »mit Organen vollgestopfte Dunkelheiten« gibt. Der Leib des Anderen ist vor mir – aber was ihn selbst betrifft, so führt er ein einzigartiges Dasein: zwischen mir, der denkt, und jenem Leib oder eher neben mir, an meiner Seite, taucht er auf wie eine Nachbildung meiner selbst, ein umherirrendes Doppel, er treibt sich eher in meiner Umgebung herum, als daß er in ihr erschiene, er ist die unerwartete Antwort, die ich von anderswo erhalte, als ob durch ein Wunder die Dinge begännen, meine Gedanken auszusprechen; immer wären sie nur für mich denkend und sprechend, da sie eben Dinge sind, ich aber Ich bin.* Der Andere bewegt sich in meinen Augen also immer am Rande dessen, was ich sehe und höre, er ist auf meiner Seite, er steht neben mir oder hinter mir, er ist nicht an dem Ort, den mein Blick zermalmt und aller Innerlichkeit entleert. Jeder Andere ist ein anderes Ich. Er ist wie der Doppelgänger, den jener Kranke immer an seiner Seite spürt, der ihm wie ein Bruder gleicht, den er nie fixieren kann, ohne ihn verschwinden zu lassen, und der sichtlich nichts anderes ist als eine auswärtige Verlängerung seiner selbst, da schon ein wenig Aufmerksamkeit genügt, um ihn schrumpfen zu lassen. Ich und der Andere sind wie zwei fast konzentrische Kreise, die sich nur durch eine leichte und rätselhafte Verschiebung unterscheiden. Diese Verwandtschaft ist es vielleicht, die uns die Beziehung zum Anderen verständlich machen wird, eine Beziehung, die unbegreiflich bleibt, solange ich den Anderen von vorne anzupacken versuche, von seiner schroffen Seite. Im übrigen ist der Andere nicht Ich, und wir müssen wohl auf die Gegenseite gelangen. Ich gestalte den Anderen nach meinem Bilde; doch wie kann es für mich ein Bild von mir geben? Reiche ich nicht bis an den Rand der Welt, bin ich nicht für mich selbst schon deckungsgleich mit allem, was ich sehen, hören oder vortäuschen kann? Wie kann es von dieser Totalität, die ich bin, eine äußerliche Sicht geben? Von woher sollte denn diese Sicht kommen? Doch eben eine solche kommt zustande, wenn ein Anderer mir erscheint. Diesem Unendlichen, das ich verkörpere, fügt sich etwas hinzu, ein Sproß entsteht, ich verdoppele mich, ich erzeuge Nachkommen, dieser Andere ist gemacht aus meiner Substanz, und dennoch ist er nicht mehr Ich. Wie ist dies möglich? Wie könnte das ich denke von mir auswandern, da es ja mein Ich ist? Die Blicke, die ich auf der Welt herumspazieren ließ – so wie der Blinde die Objekte mit seinem Stab abtastet –, jemand hat sie vom anderen Ende her aufgegriffen und wendet sie gegen mich, um mich meinerseits zu treffen. Ich begnüge mich nicht mehr damit, zu empfinden: ich empfinde, daß man mich empfindet und daß man mich empfindend empfindet und zudem selbst die Tatsache empfindet, daß man mich empfindet … Es ist nicht nur so, daß ich von jetzt an einen anderen Leib bewohne: dies würde nur ein zweites Ich, einen zweiten Wohnsitz für mich ergeben. Nein, es gibt ein Ich, das ein anderes ist, das anderswo sitzt und mich von meiner zentralen Position absetzt, obwohl es seine Ich-Qualität augenscheinlich nur aus seiner Abstammung beziehen kann. Die Rollen des Subjektes und dessen, was es sieht, vertauschen sich und kehren sich um: ich glaubte dem was ich sah, den Sinn eines gesehenen Dinges zu verleihen, aber plötzlich entzieht sich eines der Dinge dieser Bedingung, das Schauspiel gibt sich von nun an selbst einen Zuschauer, der nicht Ich ist, sondern eine Kopie von mir. Wie ist dies möglich? Wie kann ich etwas sehen, das selbst zu sehen anfängt?
* Der Text des Satzes ist offensichtlich unvollständig. Nach »dire mes pensées« hat der Autor zwei Nebensätze angefangen, die er durchgestrichen hat, nach erneuter Lektüre hat er zweifellos ein »ou comme« dazugeschrieben, das er nicht fortgeführt hat.
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Maurice Merleau-Ponty: Die Prosa der Welt. Wilhelm Fink Verlag, München, 1993. S.149f.
[via wirsinddiearche]