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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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ZEIT: Stört es Sie, dass der Kapitalismus fast nur ökonomisch und nicht kulturell kritisiert wird?

Godard: Es gibt schon eine kulturelle Kritik des Kapitalismus, aber sie bleibt meistens Schrift, Literatur, écriture. Man reiht einen Satz an den nächsten, aber es entsteht keine Vision daraus. Zu einer kulturellen Kritik müsste auch eine Kritik durch Bilder gehören.

ZEIT: Bei der Verleihung des Adorno-Preises haben sie gesagt: »Im großen Kampf zwischen den Augen und der Sprache hat der Blick die größere analytische Kraft.«

Godard: So ist es. Das heißt auch: die Montage.

ZEIT: Was genau entsteht durch den Zusammenprall verschiedener Bildausschnitte?

Godard: Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.

ZEIT: Ist die Montage das bessere Mittel zur Analyse von Geschichte als die Sprache?

Godard: Ja. Weil die Montage der Bilder die Linearität der Geschichte, die Linearität des Denkens und der Schrift durchbrechen kann.

ZEIT: In ihrem neuen Film montieren Sie immer wieder Aufnahmen des Meeres. Das wirkt, also ob sich in diesem schwimmenden Konsumalbtraum ein Fenster öffnet.

Godard: Ich weiß nicht, ob das eine Utopie ist, eine Kritik oder einfach nur ein Blick von der Reling. Das ist das Gute an der Montage: Es ist an Ihnen, das Dritte aus zwei Bildern zu bilden.

—Jean-Luc Godard: »Es kommt mir obszön vor«. Warum Jean-Luc Godard den Technikwahn des Kapitalismus für unanständig hält. Ein Gespräch über Geld, Europa, seinen Hund und sein neues Werk »Film Socialisme«. Ein Gespräch mit Katja Nicodemus. In: DIE ZEIT, No. 41, Oktober 2011, S. 52.

Das Leben schien nur lebenswert, wo die Schwelle, die zwischen Wachen und Schlaf ist, in jedem ausgetreten war, wie von Tritten massenhafter hin und wider flutender Bilder, die Sprache nur sie selbst, wo Laut und Bild und Bild und Laut mit automatischer Exaktheit derart glücklich ineinandergriffen, daß für den Groschen »Sinn« kein Spalt mehr übrigblieb. Bild und Sprache haben den Vortritt. Saint-Pol-Roux befestigt, wenn er gegen Morgen sich zum Schlafe niederlegt, an seiner Tür ein Schild: Le poète travaille. Breton notiert: »Still. Ich will, wo keiner noch hindurchgegangen ist, hindurchgehen, still! – Nach Ihnen, liebste Sprache.« Die hat den Vortritt.[…]
Die wahre, schöpferische Überwindung religiöser Erleuchtung aber liegt nun wahrhaftig nicht bei den Rauschgiften. Sie liegt in einer profanen Erleuchtung, einer materialistischen, anthropologischen Inspiration, zu der Haschisch, Opium und was immer sonst die Vorschule abgeben können. (Aber eine gefährliche. Und die der Religionen ist strenger.)
[…]
Jede ernsthafte Ergründung der okkulten, sürrealistischen, phantasmagorischen Gaben und Phänomene hat eine dialektische Verschränkung zur Voraussetzung, die ein romantischer Kopf sich niemals aneignen wird. Es bringt uns nämlich nicht weiter, die rätselhafte Seite am Rätselhaften pathetisch oder fanatisch zu unterstreichen; vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäglichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als alltäglich erkennt. Die passionierteste Untersuchung telepathischer Phänomene zum Beispiel wird einen über das Lesen (das ein eminent telepathischer Vorgang ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Lesens über die telepathischen Phänomene. Oder: die passionierteste Untersuchung des Haschischrausches wird einen über das Denken (das ein eminentes Narkotikum ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Denkens über Literarische und ästhetische Essays den Haschischrausch. Der Leser, der Denkende, der Wartende, der Flaneur sind ebensowohl Typen des Erleuchteten wie der Opiumesser, der Träumer, der Berauschte. Und sind profanere. Ganz zu schweigen von jener fürchterlichsten Droge – uns selber –, die wir in der Einsamkeit zu uns nehmen.

—Walter Benjamin: Der Sürrealismus. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften II.1., Frankfurt am Main 1991, S. 295-310; hier: S. 296f. und S. 307f.

Wo beginnen?
Alles kracht in den Fugen und schwankt.
Die Luft erzittert vor Vergleichen.
Kein Wort ist besser als das andre,
die Erde dröhnt von Metaphern…

Osip Mandelstam; zit.n.: Peter Handke - Weissagung, in.: Ders. - Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke, Frankfurt am Main 1979, S. 51.

[via nokturn]

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minusgold:

“LAUT ZU LESEN


es ist nicht deine schuld,
dass er dein gesicht nicht berühren kann,
deine nähe nicht sucht.

es ist nicht deine schuld,
dass die fäden seiner angst ihm die hände fesseln,
sich niemals nach dir ausstrecken.

es ist nicht deine schuld,
dass seine sprache deine schönheit nicht zu benennen vermag,
dass er, anders als du, von fremden träumt.

es ist nicht deine schuld,
dass sein schweigen deine uhren frisst,
seine antworten jahre brauchen.

es ist nicht deine schuld,
dass er sich kaputt in höhlen verkriecht,
lieber, als deine unberührten hände zu halten.

es ist nicht deine schuld.

und dennoch,
ist es deine haut,
die zu reißen versucht
es ist dein herz,
das die liebe verflucht

dein kopf,
der nach befreiung schreit,
deine zeit,
die sich zwischen nachrichten verteilt

deine lippen,
rosa ungeküsst
deine wunden
triefen weiter ungewusst


du, die zu lieben sich so sicher war
du und dein herz bleiben verwundbar.”

Mel Bochner - Language is not transparent, 1969 
[via anticipatedstranger:tirado:a4rizm]

Mel Bochner - Language is not transparent, 1969 

[via anticipatedstranger:tirado:a4rizm]

Die Wirklichkeit ist der Schatten des Wortes. Philosophie ist eigentlich Philologie, sie ist die tiefgreifende, schöpferische Erforschung des Wortes.

Bruno Schulz: Die Mythisierung der Wirklichkeit, in: Ders.: Die Zimtläden, München 2009, S. 151.

[via diesebastionbehrisch]



“L’écriture n’a jamais été la chose du capitalisme. Le capitalisme est profondément analphabète. La mort de l’écriture, c’est comme la mort de Dieu ou du père, il y a longtemps que c’est fait, bien que l’événement mette longtemps à nous parvenir, et que survive en nous le souvenir de signes disparus avec lesquels nous écrivons toujours. La raison en est simple: l’écriture implique un usage du language en général d’après lequel le graphisme s’aligne sur la voix, mais aussi la surcode et induit une voix fictive des hauteurs fonctionnant comme signifiant. L’arbitraire du désigné, la subordination du signifié, la transcendance du signifiant despotique, et enfin sa décomposition consécutive en éléments minimaux dans un champ d’immanence mis à découvert par le retrait du despote, tout cela marque l’appartenance de l’écriture à la représentation despotique impériale. Dès lors, quand on annonce l’éclatement de la “galaxie Gutenberg”, que veut-on dire au juste? Certes, le capitalisme s’est beaucoup servi et se sert de l’écriture; non seulement l’écriture convient avec la monnnaie comme équivalent général, mais les fonctions spécifiques de la monnaie dans le capitalisme passèrent par l’écriture et l’imprimerie, et pour une part continuent de passer par là. Il n’en reste pas moins que l’écriture joue typiquement le rôle d’un archaïsme dans le capitalisme, l’imprimerie-Gutenberg étant alors l’élément qui donne à l’archaïsme une fonction actuelle. Mais l’usage capitaliste du langage est en droit d’une autre nature et se réalise ou devient concret dans le champ d’immanence propre au capitalisme lui-même, lorsqu’apparaissent les moyens techniques d’expression qui correspondent au décodage généralisé des flux, au lieu de renvoyer encore sous une forme directe ou indirecte au surcodage despotique.”
(L’Anti-Œdipe, p. 285–286)
[“Writing has never been capitalism’s thing. Capitalism is profoundly illiterate. The death of writing is like the death of God or the death of the father: the thing was settled a long time ago, although the news of the event is slow to reach us, and there survives in us the memory of extinct signs with which we still write. The reason for this is simple: writing implies a use of language in general according to which graphism becomes aligned on the voice, but also overcodes it and induces a fictitious voice from on high that functions as a signifier. The arbitrary nature of the thing designated, the subordination of the signified, the transcendence of the despotic signifier, and finally, its consecutive decomposition into minimal elements within a field of immanence uncovered by the withdrawal of the despot—all this is evidence that writing belongs to imperial despotic representation. Once this is said, what exactly is meant when someone announces the collapse of the ‘Gutenberg galaxy’? Of course capitalism has made and continues to make use of writing: not only is writing adapted to money as the general equivalent, but the specific functions of money in capitalism went by way of writing and printing, and in some measure continue to do so. The fact nonetheless remains that writing typically plays the role of an archaism in capitalism, the Gutenberg press being the element that confers on the archaism a current function. But the capitalist use of language is different in nature; it is realized or becomes concerted within the field of immanence peculiar to capitalism itself, with the appearance of the technical means of expression that correspond to the generalized decoding of flows, instead of still referring, in a direct or indirect form, to despotic overcoding.”
(Anti-Oedipus, p. 260—261)
“Noch nie war die Schrift Sache des Kapitalismus. Dieser ist von Grund auf Analphabeth. Der Tod der Schrift, das ist wie mit dem Tode Gottes oder des Vaters, schon lange zuvor hat das Ereignis stattgefunden, und doch braucht es Zeit, bis es zu uns dringt, lange überdauert in uns die Erinnerung an untergegangene Zeichen, mit denen wir gleichwohl noch schreiben. Der Grund ist ein einfacher: die Schrift impliziert einen allgemeinen Sprachgebrauch, der dadurch sich auszeichnet, daß sich der Graphismus an der Stimme ausrichtet, sie aber gleichzeitig übercodiert und eine als Signifikant funktionierende fiktive Stimme der Höhen einführt. Das Beliebige des Bezeichneten, die Unterordnung des Signifikats, die Transzendenz des despotischen Signifikanten, und endlich seine nachfolgende Dekomposition in kleinste Elemente innerhalb eines durch das Zurückweichen des Signifikanten aufgedeckten Immanenzfeldes: alles das markiert die Zugehörigkeit der Schrift zur imperialen despotischen Repräsentation. Indessen, wenn man das Ende der ‘Gutenberg-Galaxis’ annonciert, was mag man letztlich damit sagen wollen? Der Kapitalismus hat sich gewiß der Schrift umfassend bedient und bedient sich ihrer weiterhin; die Schrift entspricht nicht nur dem Geld als allgemeines Äquivalent, vielmehr laufen die spezifischen Strukturen des Geldes im Kapitalismus über die Schrift und den Buchdruck - auch heute noch. Es braucht weiter nichts, als daß die Schrift die Rolle des Archaismus im Kapitalismus spielt, die Gutenberg-Buchdruckerei jenes Element ist, das dem Archaismus eine aktuelle Funktion verleiht. Doch der kapitalistische Gebrauch der Sprache ist in Wahrheit von anderer Natur, er realisiert sich oder wird konkret in dem spezifisch kapitalistischen Immanenzzusammenhang dann, wenn die technischen Ausdrucksmittel auftauchen, die der verallgemeinerten Decodierung der Ströme entsprechen statt wie bisher in mittel- oder unmittelbarer Form auf die despotische Übercodierung zu verweisen.”
(Anti-Ödipus, S. 308 - 309)]
[via fuckyeahgillesdeleuze]
[via areashape]

“L’écriture n’a jamais été la chose du capitalisme. Le capitalisme est profondément analphabète. La mort de l’écriture, c’est comme la mort de Dieu ou du père, il y a longtemps que c’est fait, bien que l’événement mette longtemps à nous parvenir, et que survive en nous le souvenir de signes disparus avec lesquels nous écrivons toujours. La raison en est simple: l’écriture implique un usage du language en général d’après lequel le graphisme s’aligne sur la voix, mais aussi la surcode et induit une voix fictive des hauteurs fonctionnant comme signifiant. L’arbitraire du désigné, la subordination du signifié, la transcendance du signifiant despotique, et enfin sa décomposition consécutive en éléments minimaux dans un champ d’immanence mis à découvert par le retrait du despote, tout cela marque l’appartenance de l’écriture à la représentation despotique impériale. Dès lors, quand on annonce l’éclatement de la “galaxie Gutenberg”, que veut-on dire au juste? Certes, le capitalisme s’est beaucoup servi et se sert de l’écriture; non seulement l’écriture convient avec la monnnaie comme équivalent général, mais les fonctions spécifiques de la monnaie dans le capitalisme passèrent par l’écriture et l’imprimerie, et pour une part continuent de passer par là. Il n’en reste pas moins que l’écriture joue typiquement le rôle d’un archaïsme dans le capitalisme, l’imprimerie-Gutenberg étant alors l’élément qui donne à l’archaïsme une fonction actuelle. Mais l’usage capitaliste du langage est en droit d’une autre nature et se réalise ou devient concret dans le champ d’immanence propre au capitalisme lui-même, lorsqu’apparaissent les moyens techniques d’expression qui correspondent au décodage généralisé des flux, au lieu de renvoyer encore sous une forme directe ou indirecte au surcodage despotique.”

(L’Anti-Œdipe, p. 285–286)

[“Writing has never been capitalism’s thing. Capitalism is profoundly illiterate. The death of writing is like the death of God or the death of the father: the thing was settled a long time ago, although the news of the event is slow to reach us, and there survives in us the memory of extinct signs with which we still write. The reason for this is simple: writing implies a use of language in general according to which graphism becomes aligned on the voice, but also overcodes it and induces a fictitious voice from on high that functions as a signifier. The arbitrary nature of the thing designated, the subordination of the signified, the transcendence of the despotic signifier, and finally, its consecutive decomposition into minimal elements within a field of immanence uncovered by the withdrawal of the despot—all this is evidence that writing belongs to imperial despotic representation. Once this is said, what exactly is meant when someone announces the collapse of the ‘Gutenberg galaxy’? Of course capitalism has made and continues to make use of writing: not only is writing adapted to money as the general equivalent, but the specific functions of money in capitalism went by way of writing and printing, and in some measure continue to do so. The fact nonetheless remains that writing typically plays the role of an archaism in capitalism, the Gutenberg press being the element that confers on the archaism a current function. But the capitalist use of language is different in nature; it is realized or becomes concerted within the field of immanence peculiar to capitalism itself, with the appearance of the technical means of expression that correspond to the generalized decoding of flows, instead of still referring, in a direct or indirect form, to despotic overcoding.”

(Anti-Oedipus, p. 260—261)

“Noch nie war die Schrift Sache des Kapitalismus. Dieser ist von Grund auf Analphabeth. Der Tod der Schrift, das ist wie mit dem Tode Gottes oder des Vaters, schon lange zuvor hat das Ereignis stattgefunden, und doch braucht es Zeit, bis es zu uns dringt, lange überdauert in uns die Erinnerung an untergegangene Zeichen, mit denen wir gleichwohl noch schreiben. Der Grund ist ein einfacher: die Schrift impliziert einen allgemeinen Sprachgebrauch, der dadurch sich auszeichnet, daß sich der Graphismus an der Stimme ausrichtet, sie aber gleichzeitig übercodiert und eine als Signifikant funktionierende fiktive Stimme der Höhen einführt. Das Beliebige des Bezeichneten, die Unterordnung des Signifikats, die Transzendenz des despotischen Signifikanten, und endlich seine nachfolgende Dekomposition in kleinste Elemente innerhalb eines durch das Zurückweichen des Signifikanten aufgedeckten Immanenzfeldes: alles das markiert die Zugehörigkeit der Schrift zur imperialen despotischen Repräsentation. Indessen, wenn man das Ende der ‘Gutenberg-Galaxis’ annonciert, was mag man letztlich damit sagen wollen? Der Kapitalismus hat sich gewiß der Schrift umfassend bedient und bedient sich ihrer weiterhin; die Schrift entspricht nicht nur dem Geld als allgemeines Äquivalent, vielmehr laufen die spezifischen Strukturen des Geldes im Kapitalismus über die Schrift und den Buchdruck - auch heute noch. Es braucht weiter nichts, als daß die Schrift die Rolle des Archaismus im Kapitalismus spielt, die Gutenberg-Buchdruckerei jenes Element ist, das dem Archaismus eine aktuelle Funktion verleiht. Doch der kapitalistische Gebrauch der Sprache ist in Wahrheit von anderer Natur, er realisiert sich oder wird konkret in dem spezifisch kapitalistischen Immanenzzusammenhang dann, wenn die technischen Ausdrucksmittel auftauchen, die der verallgemeinerten Decodierung der Ströme entsprechen statt wie bisher in mittel- oder unmittelbarer Form auf die despotische Übercodierung zu verweisen.”

(Anti-Ödipus, S. 308 - 309)]

[via fuckyeahgillesdeleuze]

[via areashape]

WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Ärmer. Offen. Heimatlich.
-
Wohin gings? Gen Unverklungen.
Mit dem Stein gings, mit uns zwein.
Herz und Herz. Zu schwer befunden.
Schwerer werden. Leichter sein.

Paul Celan: Die Niemandsrose, Sprachgitter, Frankfurt am Main 1980, S.61.

[via nokturn:imregenfahrradfahren]

Ausgraben und Erinnern

Die Sprache hat es unmißverständlich bedeutet, daß das Gedächtnis nicht ein Instrument für die Erkundung des Vergangenen ist, vielmehr das Medium. Es ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen. Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn ausstreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‘Sachverhalte’ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. Die Bilder nämlich, welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht - wie Torsi der Galerie des Sammlers - stehen. Und gewiß ist’s nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen. Doch ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengen Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren.

—Walter Benjamin: Berliner Chronik. In: Gesammelte Schriften. Bd. VI: Fragmente, Autobiographische Schriften. Frankfurt am Main 1984. S. 486.

Karen KnorrThe Dictionary of Received Ideas
(via Karen Knorr » Connoisseurs)
[via batarde:fyeahwomenartists]

Karen Knorr
The Dictionary of Received Ideas

(via Karen Knorr » Connoisseurs)

[via batarde:fyeahwomenartists]

“Das stupende Phänomen, daß ein Stück mit Farbe beschmierter Fläche  Zugang zu unerhörten sinnlichen und geistigen Einsichten eröffnen kann,  läßt sich aus der Logik des Kontrastes erläutern, vermittels derer etwas  als etwas ansichtig wird. Was der Satz (der ‘Logos’) kann, das muß auch  dem bildnerischen Werke zu Gebote stehen, freilich auf seine Weise. Das  tertium beider, zwischen Sprachbildern (als Metaphern) und dem Bild im  Sinner der bildenden Kunst, repräsentiert, wie wir sahen, die Struktur  des Kontrastes.”
Gottfried Boehm: Die Wiederkehr der Bilder. In: Gottfried Boehm (Hrsg.): Was ist ein Bild? München  1995 S. 11-38, hier: S. 31.
[via lf:cherilucas]

“Das stupende Phänomen, daß ein Stück mit Farbe beschmierter Fläche Zugang zu unerhörten sinnlichen und geistigen Einsichten eröffnen kann, läßt sich aus der Logik des Kontrastes erläutern, vermittels derer etwas als etwas ansichtig wird. Was der Satz (der ‘Logos’) kann, das muß auch dem bildnerischen Werke zu Gebote stehen, freilich auf seine Weise. Das tertium beider, zwischen Sprachbildern (als Metaphern) und dem Bild im Sinner der bildenden Kunst, repräsentiert, wie wir sahen, die Struktur des Kontrastes.”

Gottfried Boehm: Die Wiederkehr der Bilder. In: Gottfried Boehm (Hrsg.): Was ist ein Bild? München 1995 S. 11-38, hier: S. 31.

[via lf:cherilucas]

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