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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Die Unwahrheit steckt im Substrat von Echtheit selber, dem Individuum. Wenn im principum individuationis, wie die Antipoden Hegel und Schopenhauer gemeinsam erkannten, das Gesetz des Weltlaufs sich versteckt, so wird die Anschauung von der letzten und absoluten Substantialität des Ichs Opfer eines Scheins, der die bestehende Ordnung schützt, während ihr Wesen bereits verfällt. Die Gleichsetzung von Echtheit und Wahrheit ist nicht zu halten. Gerade die unbeirrte Selbstbesinnung – jene Verhaltensweise, die Nietzsche Psychologie nannte –, also die Insistenz auf der Wahrheit über einen selber, ergibt immer wieder, schon in den ersten Erfahrungen der Kindheit, daß die Regungen, auf die man reflektiert, nicht ganz ‘echt’ sind. Stets enthalten sie etwas von Nachahmung, Spiel, Andersseinwollen. […] Das Humane haftet an der Nachahmung: ein Mensch wird zum Menschen überhaupt erst, indem er andere Menschen imitiert. In solchem Verhalten, der Urform von Liebe, wittern die Priester der Echtheit Spuren jener Utopie, welche das Gefüge der Herrschaft zu erschüttern vermöchte. […] Ja es wäre nicht erst das Unechte, das als seinshaltig sich aufspielt, der Lüge zu überführen, sondern das Echte selber wird zur Lüge, sobald es zum Echten überhaupt wird, also in der Reflexion auf sich, in seiner Setzung als Echtes, in der es bereits die Identität überschreitet, die es im gleichen Atemzug behauptet.

Theodor W. Adorno: Goldprobe, in: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: Rolf Tiedmann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften Band 4, Frankfurt am Main 2003, S. 173-177.

[via abgrundtiefe:frutelia3000]

Und sind die Methoden auch sehr verschieden, nicht nur je nach Kunstform, sondern auch nach Autor oder Verfasser, so lassen sich dennoch große Monumentaltypen kennzeichnen oder ‘Spielarten’ von Empfindungskomplexen: die Schwingung als Charakteristikum der einfachen Empfindung (aber sie ist bereits dauerhaft oder zusammengesetzt, da sie auf- oder absteigt, einen grundlegenden Niveauunterschied beinhaltet, einem unsichtbaren, eher nervlichen denn zerebralen Strang folgt); die Umfassung oder das Ineinander von Körpern (wenn zwei Empfindungen ineinander widerhallen, indem sie sich so sehr aneinanderschmiegen, und zwar in einer Verschränkung der Körper, die nur mehr aus ‘Energien’ besteht); das Zurückweichen, die Trennung, die Dehnung (wenn zwei Empfindungen sich im Gegenteil voneinander entfernen, sich lösen, um aber nur noch durch das Licht, die Luft oder die Leere vereint zu sein, die sich zwischen sie oder in sie wie ein Keil hineintreiben, der in einem so dicht und so locker ist, daß er sich bei wachsender Distanz nach allen Richtungen hin ausdehnt und einen Block bildet, der keiner Stütze mehr bedarf). Die Empfindung schwingen lassen – die Empfindung verkoppeln – die Empfindung öffnen oder aufschlitzen, aushöhlen. Die Skulptur zeigt diese Typen fast in Reinkultur, mit ihren Stein-, Marmor- oder Metall-Empfindungen, die je nach Anordnung von starken und schwachen Taktzeiten, von Vorsprüngen und Vertiefungen vibrieren, mit ihrem machtvollen Ineinander von Körpern, das sie miteinander verflicht, mit ihrer Aufteilung von großen Leerstellen von einer Gruppe zur anderen und innerhalb einer Gruppe, wo nicht mehr auszumachen ist, ob das Licht oder die Luft es ist, die modelliert oder selbst modelliert wird.

Gilles Deleuze/Félix Guattari: Was ist Philosophie? Frankfurt am Main 2000, S. 197f.

Raw Giddel sagte im Namen des Raw: Dereinst wird Israel die messianischen Jahre genießen.

[…]

Damit wollte Raw Giddel (…) die Auffassung des Rabbi Hillel abwehren, der sagte: Israel hat keinen Messias mehr [zu erwarten], denn es hat die messianische Zeit schon in den Tagen des Königs Hiskia genossen.
[…]
Um auf Rabbi Hillels These zurückzukommen, so darf man freilich nicht glauben, sie bringe ein schieres Paradox zur Sprache. Im Talmud taucht sie nur einmal auf. Rabbi Hillel hat nie etwas anderes gesagt; vielleicht hat er damit etwas hinreichend Wichtiges gesagt, das ihn geringerer Werke enthob. Aber seine These folgt einer alten Überlieferung. Ich sage nicht, daß es die einzige Überlieferung des Judentums ist. Sollte der Messias ein Mensch sein, sollte der Messias König sein, dann ist das Heil durch den Messias ein Heil durch Stellvertretung. In dem Maße, in dem der Messias ein König ist, ist das Heil durch den Messias nicht dasjenige, in dem jeder sich individuell rettet. Denn es setzt voraus, daß man sich in ein politisches Spiel begibt. Das Heil durch den König, und wäre er der Messias, ist noch nicht das höchste Heil, das sich dem Menschen eröffnet. Der Messianismus ist Politik, seine Erfüllung gehört Israels Vergangenheit an – genau das ist die Stärke der Position des Rabbi Hillel.
[…]
Unmittelbare Beziehung zwischen dem Menschen und Gott, ohne politische Vermittlung. Das geht über den noch politischen Messianismus hinaus, der, gemäß der folgenden Seite des Traktats Sanhedrin, nur von begrenzter Dauer sein wird. Das Judentum liefert also keine Doktrin von einem Ende der Geschichte, die das individuelle Schicksal beherrscht. Das Heil ist kein Teil der Geschichte – nicht ihr Abschluß. Es bleibt in jedem Augenblick möglich.

[…]

Raw sagte: Die Welt ist bloß um Davids willen erschaffen worden. Schemuel sagte: um Moses willen. Rabbi Jochanan sagte: um des Messias willen.

—Emmanuel Lévinas: Jenseits des Messianismus. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 84 - 89.

Und wenn es so wäre, daß ich wahnsinnig bin, daß eine Welt in mir ist, die der deinen nicht gleicht - wenn es so wäre, wenn alles um mich herum riefe: Es ist nicht wahr. Du bist krank, wir sind gesund! Worin läge solcher Gesundheit Reiz? Wo deren Schönheit? Einmal war mir die Erde ein Fest, ein Ballsaal, unendlicher Spielraum, nächtliches Kaufhaus. Und jetzt? Wir sind schwarzweiße Comic-Helden, Floskeln, die man vom Ohr zu Ohr durch eine große grau Leere wirft. Ich habe keinen Wiedersehenswert entdeckt in deinem Land. Deiner Verwesung polternd Gasgemisch lebendig zu nennen - Euphemismus! Hättest soviel zu tun, aus dir noch was zu machen, so viel - das fällt in den Bereich der Theorie oder in die Vorstellungskraft hollywoodesker Lohnpoeten, denen für Geld kein Happy End zu aufgepriemelt ist. Dein Körper ist ein Massengrab verschenkter Möglichkeiten, erstickter Träume, ohne Sauerstoffmaske gar nicht begehbar, selbst dann nur mit Ekel!

Helmut Krausser: Der große Bagarozy, Hamburg 1997, S. 175.

[via animarson]

Sag mir: entfliegt dein Herz bisweilen auch, Agathe,
Dem schwarzen Meere der unreinen Stadt, hinan
Zu eines andern Meers hellerleuchtendem Achate,
Blau, klar und tief wie nur der Keuschheit Ozean?
Sag mir: entfliegt dein Herz bisweilen auch, Agathe?
-
Das Meer, das weite Meer ist unsrer Mühsal Trost!
Doch welcher Troll verlieh des rauhen Barden Tönen,
Zu dem der Winde Groll aus Riesenorgeln tost,
Die Kraft des Wiegenliedes mit Schlaf uns zu versöhnen?
Das Meer, das weite Meer ist unsrer Mühsal Trost!
-
Nimm, Wagen, du mich mit! Entführe mich Fregatte!
Weit fort, ja weit! Hier speist die Träne nur den Kot …
- Raunt nicht bisweilen dir dein traurig Herz, Agathe:
Fort von der Reue Dorn, von Untat, Schmerzensnot
Nimm, Wagen, du mich mit! Entführ mich, Fregatte!
-
Wie bist du ferne nun, du Paradies voll Duft,
Wo unter lichtem Blau nur Liebe webt und Wonne,
Wo alles, was du liebst, zurecht nach Liebe ruft,
Wo unser Herz ertrinkt in reinster Lüste Bronne!
Wie bist du fern nun, du Paradies voll Duft!
-
Das grüne Paradies der jungen Liebesfreuden,
Die Spiele, Lieder, Küsse und der Blumenstrauß,
Der Geigen hinterm Hang erregendes Vergeuden,
Die Krüge Weins vor Nacht im kleinen Gartenhaus,
- Das grüne Paradies der jungen Liebesfreunden,
-
Unschuldig Paradies, verstohlenen Glückes Hag,
Ist es denn ferner schon als fernstes Land im Osten,
Ob es denn wohl ein Wehlaut wiederbringen mag?
Erweckt ein Silberklang vielleicht aus Nacht und Frosten
Unschuldig Paradies, verstohlenen Glückes Hag?

Charles Baudelaire: Moesta et errabunda, in: Ders.: Die Blumen des Bösen, Frankfurt am Main und Leipzig 1976, S. 96.

[via diesebastionbehrisch]

Man muß sich nicht die Zeit vertreiben, man muß die Zeit in sich einladen. Sich die Zeit vertreiben, (sich die Zeit austreiben, abschlagen): sich drainieren. Typus: Spieler, Zeit spritzt ihm aus allen Poren. - Zeit laden wie eine Batterie: Flaneur. Endlich der synthetische Typ: lädt und gibt die Energie »Zeit« in veränderter Form weiter: der Wartende.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk: Pariser Passagen I, Erste Notizen.

In: Rolf Tiedemann (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften V.II, Frankfurt am Main 1991, S.1034.

[via nokturn]

Salvador Dalí - “Surrealist Piano”, a scenario sketch for the screenplay “Giraffes on Horseback Salad”, also called “The Surrealist woman” for the Marx Brothers, 1937
[via artemisdreaming]

Salvador Dalí - “Surrealist Piano”, a scenario sketch for the screenplay “Giraffes on Horseback Salad”, also called “The Surrealist woman” for the Marx Brothers, 1937

[via artemisdreaming]

(via merisoniomart)

Wenn sie Cattleyas am Kleide trug, sagte er: ‘Schade, heute abend brauchen die Cattleyas keine Nachhilfe; sie sind nicht herausgerutscht wie neulich; dennoch glaube ich die hier sitzt nicht ganz richtig. Darf ich sehen, ob sie nicht stärker duften als die anderen?’ Oder wenn sie keine hatte: ‘Ach! Keine Cattleyas heute, da habe ich jar gar nichts bei Ihnen zu tun.’ Auf diese Weise behielt er eine Weile die gleiche Ordnung der Dinge bei wie am ersten Tage; er fing jedes Mal mit dem leichten Berühren von Odettes Brust und Hals mit Fingern und Lippen an, jedesmal war dies der Beginn seiner Zärtlichkeiten; und viel später noch, als das Zurechtrücken der Cattleyas (…) längst abgekommen war, war doch die Metapher ‘Cattleya spielen’ eine schlichte Vokabel geworden, die sie schließlich ganz gedankenlos zur Bezeichnung des Aktes des physischen Besitzens benutzten - bei dem man übrigens nichts besitzt - und die in ihrem Sprachgebrauch fortlebte, wo sie noch eine letzte Erinnerung an jene vergessene Gewohnheit aufrechterhielt. Vielleicht bedeutete auch diese besondere Art, den Liebesvorgang zu bezeichnen, nicht genau das gleiche wie andere Synonyme. Man mag in bezug auf die Frauen noch so blasiert sein und den Besitz der verschiedensten von ihnen immer als das gleiche altbekannte Erlebnis ansehen, er wird doch zu einem neuen Genuß, wenn es sich um schwer zu erobernde Frauen handelt - oder solche, die man dafür hält - wenn man nämlich gezwungen ist, ihn durch irgendeine unvorhersehbare Einzelheit des Umgangs mit ihnen herbeizuführen, wie es am ersten Abend für Swann das Ordnen der Cattleyablüten war. Zitternd hoffte er an jenem Abend (…) daß der Besitz dieser Frau aus den großen lila Blütenblättern hervorgehen sollte […].

—Marcel Proust, A la recherche du temps perdu, Bd. 1: Du côté de chez Swann. Deutsch von Eva Rechel-Mertens. Frankfurt am Main 1953, S. 347f.

brainexpectingrain:


Gustave Moreau: Orphée (Jeune fille thrace portant la tête d’Orphée). 1866. Oil on canvas.

“Dunkles zu sagenWie Orpheus spiel ich auf den Saiten des Lebens den Tod und in die Schönheit der Erde und deiner Augen, die den Himmel verwalten, weiß ich nur Dunkles zu sagen. Vergiss nicht, dass auch du, plötzlich, an jenem Morgen, als dein Lager noch nass war von Tau und die Nelke an deinem Herzen schlief, den dunklen Fluss sahst, der an dir vorbeizog. Die Saite des Schweigens gespannt auf die Welle von Blut, griff ich dein tönendes Herz. Verwandelt ward deine Locke ins Schattenhaar der Nacht, der Finsternis schwarze Flocken beschneiten dein Antlitz. Und ich gehör dir nicht zu. Beide klagen wir nun. Aber wie Orpheus weiß ich auf der Seite des Todes das Leben und mir blaut dein für immer geschlossenes Aug.”
Ingeborg Bachmann

brainexpectingrain:

Gustave Moreau: Orphée (Jeune fille thrace portant la tête d’Orphée). 1866. Oil on canvas.

“Dunkles zu sagen

Wie Orpheus spiel ich
auf den Saiten des Lebens den Tod
und in die Schönheit der Erde
und deiner Augen, die den Himmel verwalten,
weiß ich nur Dunkles zu sagen.

Vergiss nicht, dass auch du, plötzlich,
an jenem Morgen, als dein Lager
noch nass war von Tau und die Nelke
an deinem Herzen schlief,
den dunklen Fluss sahst,
der an dir vorbeizog.

Die Saite des Schweigens
gespannt auf die Welle von Blut,
griff ich dein tönendes Herz.
Verwandelt ward deine Locke
ins Schattenhaar der Nacht,
der Finsternis schwarze Flocken
beschneiten dein Antlitz.

Und ich gehör dir nicht zu.
Beide klagen wir nun.

Aber wie Orpheus weiß ich
auf der Seite des Todes das Leben
und mir blaut
dein für immer geschlossenes Aug.”

Ingeborg Bachmann

(Source: wetalkedasgirlsdo)

Austra - Lose It [Album: Feel It Break, Out Now, 2011]

Video directed by M Blash

[via ffnknstn]

Wenn wir uns die Intention, d.h. die Ausrichtung auf den Gegenstand eines solchen Wortes in der Art des Strahls vorstellen, dann wird das lebendige und unwiederholbare Spiel der Farben und des Lichts in den Facetten des von ihm erbauten Bildes nicht durch die Brechung des Wort-Strahls im Gegenstand selbst (als Spiel der bildlichen Trope der poetischen Rede im engeren Sinn, im ‘Wort, das sich losgesagt hat’) erklärt, sondern als seine Brechung in jener Sphäre fremder Wörter, Wertungen und Akzente, durch die der Strahl fällt, da er sich auf den Gegenstand richtet: die den Gegenstand umgebende soziale Atmosphäre läßt die Facetten seines Bildes spielen.

Michail M. Bachtin: Das Wort im Roman, in: Rainer Grübel (Hg.): Die Ästhetik des Wortes, Frankfurt am Main 1979, S. 170.

[via diesebastionbehrisch]

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