Die Unwahrheit steckt im Substrat von Echtheit selber, dem Individuum. Wenn im principum individuationis, wie die Antipoden Hegel und Schopenhauer gemeinsam erkannten, das Gesetz des Weltlaufs sich versteckt, so wird die Anschauung von der letzten und absoluten Substantialität des Ichs Opfer eines Scheins, der die bestehende Ordnung schützt, während ihr Wesen bereits verfällt. Die Gleichsetzung von Echtheit und Wahrheit ist nicht zu halten. Gerade die unbeirrte Selbstbesinnung – jene Verhaltensweise, die Nietzsche Psychologie nannte –, also die Insistenz auf der Wahrheit über einen selber, ergibt immer wieder, schon in den ersten Erfahrungen der Kindheit, daß die Regungen, auf die man reflektiert, nicht ganz ‘echt’ sind. Stets enthalten sie etwas von Nachahmung, Spiel, Andersseinwollen. […] Das Humane haftet an der Nachahmung: ein Mensch wird zum Menschen überhaupt erst, indem er andere Menschen imitiert. In solchem Verhalten, der Urform von Liebe, wittern die Priester der Echtheit Spuren jener Utopie, welche das Gefüge der Herrschaft zu erschüttern vermöchte. […] Ja es wäre nicht erst das Unechte, das als seinshaltig sich aufspielt, der Lüge zu überführen, sondern das Echte selber wird zur Lüge, sobald es zum Echten überhaupt wird, also in der Reflexion auf sich, in seiner Setzung als Echtes, in der es bereits die Identität überschreitet, die es im gleichen Atemzug behauptet.
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Theodor W. Adorno: Goldprobe, in: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: Rolf Tiedmann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften Band 4, Frankfurt am Main 2003, S. 173-177.
![Salvador Dalí - “Surrealist Piano”, a scenario sketch for the screenplay “Giraffes on Horseback Salad”, also called “The Surrealist woman” for the Marx Brothers, 1937
[via artemisdreaming]](http://25.media.tumblr.com/tumblr_lm1myoZ1aI1qc6wuio1_500.jpg)
