Daeng Buasand - Write Life, 2010
oil on fabric covered foam, Japan clay, wood, 126 cm.
Daeng Buasand - Write Life, 2010
oil on fabric covered foam, Japan clay, wood, 126 cm.
ZEIT: Stört es Sie, dass der Kapitalismus fast nur ökonomisch und nicht kulturell kritisiert wird?
Godard: Es gibt schon eine kulturelle Kritik des Kapitalismus, aber sie bleibt meistens Schrift, Literatur, écriture. Man reiht einen Satz an den nächsten, aber es entsteht keine Vision daraus. Zu einer kulturellen Kritik müsste auch eine Kritik durch Bilder gehören.
ZEIT: Bei der Verleihung des Adorno-Preises haben sie gesagt: »Im großen Kampf zwischen den Augen und der Sprache hat der Blick die größere analytische Kraft.«
Godard: So ist es. Das heißt auch: die Montage.
ZEIT: Was genau entsteht durch den Zusammenprall verschiedener Bildausschnitte?
Godard: Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.
ZEIT: Ist die Montage das bessere Mittel zur Analyse von Geschichte als die Sprache?
Godard: Ja. Weil die Montage der Bilder die Linearität der Geschichte, die Linearität des Denkens und der Schrift durchbrechen kann.
ZEIT: In ihrem neuen Film montieren Sie immer wieder Aufnahmen des Meeres. Das wirkt, also ob sich in diesem schwimmenden Konsumalbtraum ein Fenster öffnet.
Godard: Ich weiß nicht, ob das eine Utopie ist, eine Kritik oder einfach nur ein Blick von der Reling. Das ist das Gute an der Montage: Es ist an Ihnen, das Dritte aus zwei Bildern zu bilden.
—Jean-Luc Godard: »Es kommt mir obszön vor«. Warum Jean-Luc Godard den Technikwahn des Kapitalismus für unanständig hält. Ein Gespräch über Geld, Europa, seinen Hund und sein neues Werk »Film Socialisme«. Ein Gespräch mit Katja Nicodemus. In: DIE ZEIT, No. 41, Oktober 2011, S. 52.
“L’écriture n’a jamais été la chose du capitalisme. Le capitalisme est profondément analphabète. La mort de l’écriture, c’est comme la mort de Dieu ou du père, il y a longtemps que c’est fait, bien que l’événement mette longtemps à nous parvenir, et que survive en nous le souvenir de signes disparus avec lesquels nous écrivons toujours. La raison en est simple: l’écriture implique un usage du language en général d’après lequel le graphisme s’aligne sur la voix, mais aussi la surcode et induit une voix fictive des hauteurs fonctionnant comme signifiant. L’arbitraire du désigné, la subordination du signifié, la transcendance du signifiant despotique, et enfin sa décomposition consécutive en éléments minimaux dans un champ d’immanence mis à découvert par le retrait du despote, tout cela marque l’appartenance de l’écriture à la représentation despotique impériale. Dès lors, quand on annonce l’éclatement de la “galaxie Gutenberg”, que veut-on dire au juste? Certes, le capitalisme s’est beaucoup servi et se sert de l’écriture; non seulement l’écriture convient avec la monnnaie comme équivalent général, mais les fonctions spécifiques de la monnaie dans le capitalisme passèrent par l’écriture et l’imprimerie, et pour une part continuent de passer par là. Il n’en reste pas moins que l’écriture joue typiquement le rôle d’un archaïsme dans le capitalisme, l’imprimerie-Gutenberg étant alors l’élément qui donne à l’archaïsme une fonction actuelle. Mais l’usage capitaliste du langage est en droit d’une autre nature et se réalise ou devient concret dans le champ d’immanence propre au capitalisme lui-même, lorsqu’apparaissent les moyens techniques d’expression qui correspondent au décodage généralisé des flux, au lieu de renvoyer encore sous une forme directe ou indirecte au surcodage despotique.”
(L’Anti-Œdipe, p. 285–286)
[“Writing has never been capitalism’s thing. Capitalism is profoundly illiterate. The death of writing is like the death of God or the death of the father: the thing was settled a long time ago, although the news of the event is slow to reach us, and there survives in us the memory of extinct signs with which we still write. The reason for this is simple: writing implies a use of language in general according to which graphism becomes aligned on the voice, but also overcodes it and induces a fictitious voice from on high that functions as a signifier. The arbitrary nature of the thing designated, the subordination of the signified, the transcendence of the despotic signifier, and finally, its consecutive decomposition into minimal elements within a field of immanence uncovered by the withdrawal of the despot—all this is evidence that writing belongs to imperial despotic representation. Once this is said, what exactly is meant when someone announces the collapse of the ‘Gutenberg galaxy’? Of course capitalism has made and continues to make use of writing: not only is writing adapted to money as the general equivalent, but the specific functions of money in capitalism went by way of writing and printing, and in some measure continue to do so. The fact nonetheless remains that writing typically plays the role of an archaism in capitalism, the Gutenberg press being the element that confers on the archaism a current function. But the capitalist use of language is different in nature; it is realized or becomes concerted within the field of immanence peculiar to capitalism itself, with the appearance of the technical means of expression that correspond to the generalized decoding of flows, instead of still referring, in a direct or indirect form, to despotic overcoding.”
(Anti-Oedipus, p. 260—261)
“Noch nie war die Schrift Sache des Kapitalismus. Dieser ist von Grund auf Analphabeth. Der Tod der Schrift, das ist wie mit dem Tode Gottes oder des Vaters, schon lange zuvor hat das Ereignis stattgefunden, und doch braucht es Zeit, bis es zu uns dringt, lange überdauert in uns die Erinnerung an untergegangene Zeichen, mit denen wir gleichwohl noch schreiben. Der Grund ist ein einfacher: die Schrift impliziert einen allgemeinen Sprachgebrauch, der dadurch sich auszeichnet, daß sich der Graphismus an der Stimme ausrichtet, sie aber gleichzeitig übercodiert und eine als Signifikant funktionierende fiktive Stimme der Höhen einführt. Das Beliebige des Bezeichneten, die Unterordnung des Signifikats, die Transzendenz des despotischen Signifikanten, und endlich seine nachfolgende Dekomposition in kleinste Elemente innerhalb eines durch das Zurückweichen des Signifikanten aufgedeckten Immanenzfeldes: alles das markiert die Zugehörigkeit der Schrift zur imperialen despotischen Repräsentation. Indessen, wenn man das Ende der ‘Gutenberg-Galaxis’ annonciert, was mag man letztlich damit sagen wollen? Der Kapitalismus hat sich gewiß der Schrift umfassend bedient und bedient sich ihrer weiterhin; die Schrift entspricht nicht nur dem Geld als allgemeines Äquivalent, vielmehr laufen die spezifischen Strukturen des Geldes im Kapitalismus über die Schrift und den Buchdruck - auch heute noch. Es braucht weiter nichts, als daß die Schrift die Rolle des Archaismus im Kapitalismus spielt, die Gutenberg-Buchdruckerei jenes Element ist, das dem Archaismus eine aktuelle Funktion verleiht. Doch der kapitalistische Gebrauch der Sprache ist in Wahrheit von anderer Natur, er realisiert sich oder wird konkret in dem spezifisch kapitalistischen Immanenzzusammenhang dann, wenn die technischen Ausdrucksmittel auftauchen, die der verallgemeinerten Decodierung der Ströme entsprechen statt wie bisher in mittel- oder unmittelbarer Form auf die despotische Übercodierung zu verweisen.”
(Anti-Ödipus, S. 308 - 309)]
der bach der stürzt
ist nicht ein spruchband textband weißn rau
- schnnz;
schrift schon;
der sichtliche bach di
textader, einstweilen
ein nicht drossel-, nicht
abstellbares textadersystem,
in rufweite, in auflösender
naheinstellun’.
bruchstücke,
ständig überspült, über-
löschte blöcke, weiße schrift -
blöcke und glitschige, teils,
begreifbare anordnungn ein un-
unterbrochn ununterbrochenes.
am bergstrich krakelige unruhe
und felsskalpell. schäumendes
ausschabn.
bezifferbarer bach,
der bach der stürzt: guß
megagerinnsel, hirnstrom.
—
Thomas Kling
Grabschrift der Schwalbe
Ich, die verwundete Schwalbe, drei Tage des Menschen
Genossin,
Sahe den schrecklichen Tod freundlicher werden und
starb:
Schwestern im Blau, fliegt schweigend hier überhin, wo
sich das Geistlein
Schüttelt und ringt nach Ruf, wenn es euch Rufende hört.
Gönnt mir Schweigen und singt, singt anderswo, wenn ihr
das Meer wagt:
Nicht ganz, nicht ganz stumm flattert ich eine beiseit.
—
Rudolf Borchardt: Grabschrift der Schwalbe, in: Theodor W. Adorno (Hg.): Rudolf Borchardt - Ausgewählte Gedichte. Frankfurt/M. 1968, S. 76.
Paul Klee - Die Zwitscher-Maschine [Twittering Machine], 1922 (MOMA)
“Die messianische Welt ist die Welt allseitiger und integraler Aktualität. Erst in ihr gibt es Universalgeschichte. Was sich heute so bezeichnet, kann immer nur eine Sorte von Esperanto sein. Es kann ihr nichts entsprechen, eh die Verwirrung, die vom Turmbau zu Babel herrührt, geschlichtet ist. Sie setzt die Sprache voraus, in die jeder Text einer lebenden oder toten ungeschmälert zu übersetzen ist. Oder besser, sie ist diese Sprache selbst. Aber nicht als geschriebene sondern vielmehr als die festlich begangene. Dieses Fest ist gereinigt von aller Feier und kennt keine Festgesänge. Seine Sprache ist die Idee der Prosa selbst, die von allen Menschen verstanden wird wie die Sprache der Vögel von Sonntagskindern.”
Walter Benjamin: Vorstufen, Varianten und Fragmente zu “Über den Begriff der Geschichte”.
In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.3, S. 1239.
[“The messianic world is the world of complete and integral actuality. Only in the messianic realm does a universal history exist. Not as written history, but as festively enacted history. This festival is purified of all celebration. There are no festive songs. Its language is liberated prose - prose which has burst the fetters of script and is understood by all people as the language of birds is understood by those born on Sundays.”]
(Source: beetleinabox)
Im Geschriebenen erstickt der Schrei leicht, vollends dann, wenn das Schreiben sich nur im Beschreiben ergeht und es darauf absieht, das Vorstellen zu beschäftigen und ihm ausreichend immer neuen Stoff zu liefern. Im Geschriebenen verschwindet das Gedachte, wenn das Schreiben es nicht vermag, im Geschriebenen selbst noch ein Gehen des Denkens, ein Weg zu bleiben.
—
Martin Heidegger: Was heißt Denken? Vorlesung Wintersemester 1951/52, Tübingen 1984, S.30f.
Problem der Schrift: nur mit ungenauen Ausdrücken kann man etwas genau bezeichnen.
—
Gilles Deleuze und Félix Guattari: Rhizom. Berlin 1977, S. 33.
Wenn wir die Sätze im Kopf haben, dachte ich, haben wir noch nicht die Sicherheit, sie aufs Papier zu bringen. Die Sätze machen uns Angst, dann der Satz, dann, daß wir diesen Satz möglicherweise nicht mehr im Kopf haben, wenn wir ihn aufschreiben wollen. Sehr oft schreiben wir einen Satz zu früh auf, dann wieder einen zu spät; wir haben den Satz zu dem richtigen Zeitpunkt aufzuschreiben, sonst ist er verloren.
—Thomas Bernhard, Beton, 206.
(Source: glassplitter, via brainexpectingrain)
Man gab mir einen Körper - wer
Sagt mir, wozu? Er ist nur mein, nur er.
-
Die stille Freude: atmen dürfen, leben.
Wem sei der Dank dafür gegeben?
-
Ich soll der Gärtner, soll die Blume sein.
Im Kerker Welt, da bin ich nicht allein.
-
Das Glas der Ewigkeit - behaucht:
Mein Atem, meine Wärme drauf.
-
Die Zeichnung auf dem Glas, die Schrift:
Du liest sie nicht, erkennst sie nicht.
-
Die Trübung, mag sie bald vergehn.
Es bleibt die zarte Zeichnung stehn.
—
Ossip Mandelstam: Hufeisenfinder. Gedichte, Leipzig 1993, S. 13.
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