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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Schmerz:

Man hat weder die nötige Zeit noch den nötigen Raum, um sich eine Seele zu bilden. Der simple Verdacht einer solchen Sorge wirkt lächerlich und deplatziert. Der von sich selbst besessene moderne Mensch ist ein vielleicht leidender, doch reueloser Narziß. Der Schmerz trifft ihn körperlich: Er somatisiert. Wenn er klagt, dann um sich desto besser in der Klage zu gefallen, die er sich als ausweglos wünscht. Ist er nicht deprimiert, dann begeistert er sich für zweitrangige, abgewertete Objekte mit einer perversen Lust, die keine Befriedigung erfährt. Er, der in einer beschleunigten Zeit und einem zerstückelten Raum wohnt, hat häufig Mühe, an sich selbst eine Physiognomie zu erkennen. Dieses Amphibium ohne sexuelle, moralische oder subjektive Identität ist ein Grenzmensch, ein »Borderline-Fall« oder »wrong-self«. Ein Körper, der handelt, meist auch noch ohne Freude an diesem Leistungsrausch.
Der moderne Mensch ist dabei, seine Seele zu verlieren. Er weiß es aber nicht, denn es ist gerade der psychische Apparat, der für das Subjekt die Vorstellungen und deren Sinnwerte aufnimmt. Die Dunkelkammer ist jedoch außer Betrieb.

Julia Kristeva: Die neuen Leiden der Seele. Hamburg 1994, S. 14.

[via abendgesellschaft]

Dennoch kann auch in der romantischen Kunst, obgleich das Leiden und der Schmerz in ihr das Gemüt und subjektive Innere tiefer als bei den Alten trifft, eine geistige Innigkeit, eine Freudigkeit in der Ergebung, eine Seligkeit im Schmerz und Wonne im Leiden, ja eine Wollust selbst in der Marter zur Darstellung kommen. Selbst in der italienischen ernst-religiösen Musik durchdringt diese Lust und Verklärung des Schmerzes den Ausdruck der Klage. Dieser Ausdruck ist im Romantischen überhaupt das Lächeln durch Tränen. Die Träne gehört dem Schmerz, das Lächeln der Heiterkeit, und so bezeichnet das Lächeln im Weinen dies Beruhigtsein in sich bei Qual und Leiden. Allerdings darf das Lächeln dann keine bloß sentimentale Rührung, keine Eitelkeit des Subjekts und Schöntuerei mit sich über Miserabilitäten sein und über seine kleinen subjektiven Empfindungen dabei, sondern muß als die Fassung und Freiheit des Schönen allem Schmerze zum Trotz erscheinen, wie von der Ximene in den Romanzen vom Cid gesagt wird: »wie war sie in Tränen schön«. Die Haltungslosigkeit des Menschen dagegen ist entweder häßlich und widrig oder lächerlich. Kinder z. B. brechen bei dem Geringfügigsten schon in Tränen aus und machen uns dadurch lachen, wogegen die Tränen in den Augen eines ernsten, gehaltenen Mannes bei tiefer Empfindung schon einen ganz anderen Eindruck der Rührung geben.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik I. Frankfurt am Main 1970, S. 209f.

[via edwardnortonamstrand:frutelia3000:paris1850]

(…)


Mit jedem neuen Schmerz fand er eine neue Tonhöhe.
Seine Stimme stieg auf zwischen all den andern Stimmen,
Die in den Himmel brüllten.


Aber er fühlte sich selbst nun entblößter denn je.
Sein eigener Schweiß brannte Blasen in seine Haut und jeder Kuss
War eine offene Verbrennung auf seinem weißen Unterbauch.


Abschiede hinterließen Narben an seinen Beinen und Knöcheln,
merkte er,
Wie Brandflecken, und Anfänge waren traurige Eröffnungen
Zu noch mehr Abschied.


Er packte sich selbst wieder ein,
Las seine Eierschale auf, Stück für Stück,
Und klebte sie auf seine wunde Oberfläche. Ließ die Kanten
zusammenwachsen,


Bis er ganz instand gesetzt war und innendrin
Seine Stimme erstarb. Lieber ihm verloren als gestohlen
Von einer, die er liebgehabt.

Frieda Hughes - Vogelmann, in: Dies.: Wooroloo. Übertragung von Jutta Kaußen. Köln 2002.

[via imregenfahrradfahren]

“A life ladder”
[via noxe]

“A life ladder”

[via noxe]

Autonomie, wie sie selbstschöpferische Ironiker von der Art Nietzsches, Derridas oder Foucaults suchen, könnte nie von sozialen Institutionen verwirklicht werden. Autonomie ist nichts, was alle Menschen tief in ihrem Inneren hätten; es ist etwas, was bestimmte besondere Menschen durch Selbsterschaffung zu erreichen hoffen und einige von ihnen tatsächlich erreichen. Sie hat keine Bedeutung für den Wunsch der Liberalen, Grausamkeit und Schmerz zu vermeiden.

Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt am Main 1992, S. 115.

[via edsminorplace]


Amedeo Modigliani - Portrait de Jean Cocteau, 1919
[via mechante-ambiance]
“Sie geht im Zimmer auf und ab und stöhnt vor Schmerzen.
Verzeih mir. Ich weiß, diese Szene ist unerträglich für dich. Ich weiß, daß ich deine Geduld auf eine harte Probe stelle. Aber verstehe mich doch, ich leide, ich leide. Diese Schnur ist noch das Letzte, was mich mit dir verbindet …………………………………………………………… Vorgestern Abend? Da habe ich geschlafen. Ich hab mir das Telefon mit ins Bett genommen ………………… Nein, nein, im Bett …………. Ich weiß, es ist sehr albern, aber ich nahm das Telefon mit ins Bett, weil es einen doch schließlich verbindet, trotz allem. Es reicht doch bis zu dir, und dann versprachst du mir, mich anzurufen. Und stell dir vor, da hatte ich eine Menge seltsamer Träume. Der Anschlag der Telefonglocke wurde zum Schlag, den du mir gabst, und ich stürzte. Dann war’s, als würge mich jemand am Hals. Und dann war ich plötzlich am Meeresgrund, der sah aus wie meine Wohnung in Auteuil. Und ich war ein Taucher und durch einen Schlauch mit dir verbunden, und ich flehte dich an, den Schlauch nicht durchzuschneiden. - Dumme Träume, wenn man sie so erzählt. Aber im Schlaf, da lebten sie, und es war schrecklich ………………………………………………. […]
 Sie schlingt sich die Telefonschnur um den Hals.
……………… Ich weiß wohl, daß es sein muß, aber es ist so hart ………. Niemals werde ich den Mut finden …………………. Ja, man hat die Illusion, einander gegenüber zu stehen, und plötzlich rückt man Abgründe, Höhlen und eine ganze Stadt zwischen einander ……. Weißt du noch, wie Yvonne sich darüber wunderte, daß die menschliche Stimme durch eine so fein geschlungene Schnur dringen kann. Ich habe die Schnur um meinen Hals gelegt, ich habe deine Stimme um meinen Hals ……………………….”
Jean Cocteau: Die geliebte Stimme. Übertragen von Hans Feist. Frankfurt am Main 1963, S. 149 und 155.

Amedeo Modigliani - Portrait de Jean Cocteau, 1919

[via mechante-ambiance]

Sie geht im Zimmer auf und ab und stöhnt vor Schmerzen.

Verzeih mir. Ich weiß, diese Szene ist unerträglich für dich. Ich weiß, daß ich deine Geduld auf eine harte Probe stelle. Aber verstehe mich doch, ich leide, ich leide. Diese Schnur ist noch das Letzte, was mich mit dir verbindet …………………………………………………………… Vorgestern Abend? Da habe ich geschlafen. Ich hab mir das Telefon mit ins Bett genommen ………………… Nein, nein, im Bett …………. Ich weiß, es ist sehr albern, aber ich nahm das Telefon mit ins Bett, weil es einen doch schließlich verbindet, trotz allem. Es reicht doch bis zu dir, und dann versprachst du mir, mich anzurufen. Und stell dir vor, da hatte ich eine Menge seltsamer Träume. Der Anschlag der Telefonglocke wurde zum Schlag, den du mir gabst, und ich stürzte. Dann war’s, als würge mich jemand am Hals. Und dann war ich plötzlich am Meeresgrund, der sah aus wie meine Wohnung in Auteuil. Und ich war ein Taucher und durch einen Schlauch mit dir verbunden, und ich flehte dich an, den Schlauch nicht durchzuschneiden. - Dumme Träume, wenn man sie so erzählt. Aber im Schlaf, da lebten sie, und es war schrecklich ………………………………………………. […]

Sie schlingt sich die Telefonschnur um den Hals.

……………… Ich weiß wohl, daß es sein muß, aber es ist so hart ………. Niemals werde ich den Mut finden …………………. Ja, man hat die Illusion, einander gegenüber zu stehen, und plötzlich rückt man Abgründe, Höhlen und eine ganze Stadt zwischen einander ……. Weißt du noch, wie Yvonne sich darüber wunderte, daß die menschliche Stimme durch eine so fein geschlungene Schnur dringen kann. Ich habe die Schnur um meinen Hals gelegt, ich habe deine Stimme um meinen Hals ……………………….”

Jean Cocteau: Die geliebte Stimme. Übertragen von Hans Feist. Frankfurt am Main 1963, S. 149 und 155.

Pause


Hinter den tiefsten Erinnerungen
Verwächst die Zeit;
Die alten Wege waren tief und breit,
Nun hat die Welt sie überdrungen.


„O Rauschen tief in mir,
Was aber hast du, das ich gerne hörte?
Ist denn ein Ton in dir,
Der mich nicht störte?”


„Ich habe nichts als Rauschen,
Kein Deutliches erwarte dir;
Sei dir am Schmerz genug, in dich zu lauschen.“

Rudolf Borchardt: Pause, in: Theodor W. Adorno (Hg.): Rudolf Borchardt - Ausgewählte Gedichte. Frankfurt/M. 1968, S.40.

[via fextracts]

Du musst vorsichtig sein: ein Gesicht wie dies! Gesetzlos, so scheint es, doch ist es gleichsam fixiert auf einen besonderen Punkt dieser Örtlichkeit, einen Punkt, den es sichtbar machen würde, stieße dein Wunsch, es zu sehen, nicht alles andre zurück.
Die Gedanken der Nacht, immer strahlender, unpersönlicher, schmerzenreicher. Schmerz unablässig und Freude, unendlich, und zu gleicher Zeit diese Stille.

—Maurice Blanchot: Warten Vergessen, Frankfurt am Main 1964, S.29.

(Source: nokturn, via diesebastionbehrisch)

Maria Schneider in: Last Tango in Paris [Ultimo Tango a Parigi, Bernardo Bertolucci, 1972]
[Ich liebe diesen Film…]
[via dfordoom:blindedbyeverything]

Maria Schneider in: Last Tango in Paris [Ultimo Tango a Parigi, Bernardo Bertolucci, 1972]

[Ich liebe diesen Film…]

[via dfordoom:blindedbyeverything]

Diese Aufzeichnungen indem sie ein Maß an sehr angewachsene Leiden legen, deuten an, bis zu welcher Höhe die Seligkeit steigen könnte, die mit der Fülle dieser selben Kräfte zu leisten wäre.

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

[via blindedbyeverything]

Tänzerin

Dir ist als ob ich schon gezeichnet wäre
Und auf der Totenliste stünde.
Es hält mich ab von mancher Sünde.
Wie langsam ich am Leben zehre.
Und ängstlich sind oft meine Schritte,
Mein Herz hat einen kranken Schlag
Und schwächer wird’s mit jedem Tag.
Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte.
Doch tanz ich bis zur Atemnot.
Bald werde ich im Grabe liegen
Und niemand wird sich an mich schmiegen.
Ach, küssen will ich bis zum Tod.

Emmy Hennings: Tänzerin

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