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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Schibboleth:


Doris Salcedo - Shibboleth, 2007 (Photo: Tate.)
“Doris Salcedo’s Shibboleth is the first work to intervene directly in the fabric of the Turbine Hall. Rather than fill this iconic space with a conventional sculpture or installation, Salcedo has created a subterranean chasm that stretches the length of the Turbine Hall. The concrete walls of the crevice are ruptured by a steel mesh fence, creating a tension between these elements that resist yet depend on one another. By making the floor the principal focus of her project, Salcedo dramatically shifts our perception of the Turbine Hall’s architecture, subtly subverting its claims to monumentality and grandeur. Shibboleth asks questions about the interaction of sculpture and space, about architecture and the values it enshrines, and about the shaky ideological foundations on which Western notions of modernity are built. In particular, Salcedo is addressing a long legacy of racism and colonialism that underlies the modern world. A ‘shibboleth’ is a custom, phrase or use of language that acts as a test of belonging to a particular social group or class. By definition, it is used to exclude those deemed unsuitable to join this group. ‘The history of racism’, Salcedo writes, ‘runs parallel to the history of modernity, and is its untold dark side’. For hundreds of years, Western ideas of progress and prosperity have been underpinned by colonial exploitation and the withdrawal of basic rights from others. Our own time, Salcedo is keen to remind us, remains defined by the existence of a huge socially excluded underclass, in Western as well as post-colonial societies. In breaking open the floor of the museum, Salcedo is exposing a fracture in modernity itself. Her work encourages us to confront uncomfortable truths about our history and about ourselves with absolute candidness, and without self-deception. Doris Salcedo was born in 1958 in Bogotá, Colombia, where she lives and works. A monographic display of her work can be seen on Level 3 as part of the Poetry and Dream collection displays.”
[via taumazo]
[via areashape]

Doris Salcedo - Shibboleth, 2007 (Photo: Tate.)

“Doris Salcedo’s Shibboleth is the first work to intervene directly in the fabric of the Turbine Hall. Rather than fill this iconic space with a conventional sculpture or installation, Salcedo has created a subterranean chasm that stretches the length of the Turbine Hall. The concrete walls of the crevice are ruptured by a steel mesh fence, creating a tension between these elements that resist yet depend on one another. By making the floor the principal focus of her project, Salcedo dramatically shifts our perception of the Turbine Hall’s architecture, subtly subverting its claims to monumentality and grandeur. Shibboleth asks questions about the interaction of sculpture and space, about architecture and the values it enshrines, and about the shaky ideological foundations on which Western notions of modernity are built. In particular, Salcedo is addressing a long legacy of racism and colonialism that underlies the modern world. A ‘shibboleth’ is a custom, phrase or use of language that acts as a test of belonging to a particular social group or class. By definition, it is used to exclude those deemed unsuitable to join this group. ‘The history of racism’, Salcedo writes, ‘runs parallel to the history of modernity, and is its untold dark side’. For hundreds of years, Western ideas of progress and prosperity have been underpinned by colonial exploitation and the withdrawal of basic rights from others. Our own time, Salcedo is keen to remind us, remains defined by the existence of a huge socially excluded underclass, in Western as well as post-colonial societies. In breaking open the floor of the museum, Salcedo is exposing a fracture in modernity itself. Her work encourages us to confront uncomfortable truths about our history and about ourselves with absolute candidness, and without self-deception. Doris Salcedo was born in 1958 in Bogotá, Colombia, where she lives and works. A monographic display of her work can be seen on Level 3 as part of the Poetry and Dream collection displays.”

[via taumazo]

[via areashape]

(via areashape)

Wie aber soll man etwas datieren, das sich nicht wiederholt, wenn die Datierung sich auch auf irgendeine Form der Wiederkehr beruft, wenn sie durch die Möglichkeit, eine Wiederholung herauszulesen, Erinnerung auslöst? Wie aber soll man etwas Anderes als das, was sich nie wiederholt, datieren?

Jacques Derrida: Schibboleth. Für Paul Celan, Wien 1986, S. 11.

[via diesebastionbehrisch]

Wege dorthin.
Waldstunde an
der blubbernden Radspur entlang.
Auf-
gelesene
kleine, klaffende
Buchecker: schwärzliches
Offen, von
Fingergedanken befragt
nach —
wonach?

Nach
dem Unwiederholbaren, nach
ihm, nach
allem.

Blubbernde Wege dorthin.

Etwas, das gehen kann, grußlos
wie Herzgewordenes,
kommt.

[Chemins vers là-bas.
Heure de fôret au
Long de la trace de roue qui gargouille.
É-
lue,
petite fêne, béante,
qu’on ramasse: chose ouverte
et noirâtre,
qu’interrogent des doights-pensées
sur –
vers quoi?

Sur le non-répétable, vers
lui, vers
tout.

Chemins qui gargouillent, vers là-bas.

Quelque chose, qui peut marcher, sans saluts,
non plus qu’un devenu-coeur,
vient.]

—Paul Celan – A la pointe acérée, zit. nach Jacques Derrida: Schibboleth. Für Paul Celan. Graz Wien 1986, S. 13f.

Dennoch spricht es, das Gedicht. Trotz des Datums, sogar wenn es nur dank seiner spricht, von ihm her spricht, auf es zu spricht, es spricht immer nur in seiner eigenen allereigensten Sache, in seinem eigenen Namen, ohne sich jemals mit dem absolut Einzigartigen, dem unveräußerlichen Eigentum dessen, der es beschwört, einzulassen. Und dennoch, dieses Unveräußerliche muss vom Anderen, muß zum Anderen sprechen, es muß einfach sprechen. Das Datum liefert dem Gedicht nur den Anlaß zu sprechen, aber sprechen muß das Gedicht selbst! Und es spricht von dem, was ihm Anlaß gibt, es spricht zum Datum, dem es seinen Anlaß verdankt, solcherart von der Zukunft des selben Datums beschworen, oder anders ausgedrückt, von seiner Rückkehr zu einem anderen Datum.

—Jacques Derrida (1986): Schibboleth. Für Paul Celan. Wien: Passagen, S. 22.

Quel est cet à de l’à venir - et tant que date?
-
Wie ist dieses Zu der Zu-kunft beschaffen - in seiner Eigenschaft als Datum?
[Welcher Art ist dieses Zu der Zu-kunft - und zu welchem Datum? Wohin führt dieses Zu der Zu-kunft - und wann?]

Jacques Derrida (1986): Schibboleth. Für Paul Celan. Wien: Passagen, S. 22 + Fußnote 18.

(Bei der ersten Version fehlte ein nicht unerhebliches Verb [“venir”] in dem französischen Satz. In der deutschen Übersetzung schon wieder kein Verb mehr, dafür muss das “beschaffen” zu Hilfe treten. Dieser Zusatz ist leider eine Notwendigkeit, da doch auch noch das französische Substantiv “avenir” - “Zukunft” dazu tritt; also eine Art semantische Notwendigkeit in der Übersetzung, die sonst verloren gegangen wäre?)

(the impossible heap:

“hm, ja, schon klar. aber trotzdem schade. :)”

“in der deutschen zukunft ist als substantivierung ja das “kommen” auch schon drin, das macht der bindestrich in der “zu-kunft” auch deutlich - wie im französischen die erhellende auf-trennung des gewohnten worts. das holprige “beschaffen” gehört glaubich eher zum “wie”, um dem “quel” rechnung zu tragen. das läßt sich im deutschen schlecht übersetzen, ohne allzu kunstsprachlich zu werden. aber “Welcher Art ist dieses Zu der Zu-kunft” würde zum beispiel schon gehen, finde ich. obs besser wäre… naja”)

(Vielen Dank für den Hinweis! So fehlte ja tatsächlich nichts, sondern “beschaffen” wäre redundant… Na ja, warum ändern wir die Übersetzung dann nicht einfach ab?)

(the impossible heap: “hehe, ich lege da nicht meine zunge oder finger ins feuer, dafür ist mein französisch nicht gut genug. aber nur zu. vielleicht findet sich ja für das dröge “in seiner Eigenschaft als Datum” auch noch was eleganteres?”)

(Hmm, dafür ist mein Französisch ebenfalls zu schlecht… Merde! Es kommt darauf an in welcher Beziehung “tant” und “que” zueinander stehen, denn so etwas übliches wie “so sehr” oder “so viel” kann es ja nicht sein. Und ein einfaches “als” klingt auch komisch. Aber da das Gedicht doch ausdrücklich selber sprechen muss - wie wäre es mit: “und zu welchem Datum?”)

(the impossible heap: “tant que” ist eine feste wendung, kann “solange” oder (hier wohl eher) “[und] wenn [als]” bedeuten. ja, da mal die profis ran. “datum” klingt so nach kalender im deutschen, auch wenn es eigentlich auch hier eine sache und ihre zeit bedeuten kann, was ja toll ist - aber das kriegst du im deutschen ohne anstrengung kaum präsent. ganz losgelöst von der genauigkeit und dem, wovon derrida da (haha) reden mag, gefiele mir ein satz von der art “Wohin führt dieses Zu der Zu-kunft - und wann?” da kommt bei mir die windrose ins drehen.”)

(Derrida schreibt weiter: “Dennoch spricht es, das Gedicht. Trotz des Datums, sogar wenn es nur dank seiner spricht, von ihm her spricht, auf es zu spricht, es spricht immer nur in seiner eigenen allereigensten Sache, in seinem eigenen Namen, ohne sich jemals mit dem absolut Einzigartigen, dem unveräußerlichen Eigentum dessen, der es beschwört, einzulassen. Und dennoch, dieses Unveräußerliche muss vom Anderen, muß zum Anderen sprechen, es muß einfach sprechen.”)

(the impossible heap: “ah, siehste. schön. :) er wechselt ja auch ständig die richtung. trotzdem passt mein vorschlag leider nicht zu der fortsetzung. das “dennoch” bezieht sich auf die unbestimmbarkeit des “zu”?)

(Weiter heißt es: “Das Datum liefert dem Gedicht nur den Anlaß zu sprechen, aber sprechen muß das Gedicht selbst! Und es spricht von dem, was ihm Anlaß gibt, es spricht zum Datum, dem es seinen Anlaß verdankt, solcherart von der Zukunft des selben Datums beschworen, oder anders ausgedrückt, von seiner Rückkehr zu einem anderen Datum.”)

(the impossible heap: “ja, schön. das ist der celan mit den wechselnden schlüsseln und winden und worten. da mag ich jetzt gar nicht mehr drin rumfingern, der gewebte text gibt ja zum großen teil zurück, was dem einzelnen satz in der übersetzung vielleicht verlorengehen mag. - ach, da fällt mir wieder die fritzi ein, die wechselt das datum mit dem doppelpunkt:

“Wo trifft sich Zukünftiges mit Vergangenem, wo wird die Zukunft! vergiftet von der Vergangenheit; wo wird die Zukunft! verfolgt, eingeholt, gestellt, überrumpelt, gefesselt, erschossen, erwürgt, ersäuft, erhängt; wo wird die Zukunft! endlich dem erlösenden Tod: gegönnt; wo wird die Zukunft! endlich dem letzten Trost, der letzten Hoffnung, der letzten brennenden Begierde zugeführt,  mit peinvoller Verspätung.””)

(Da kann ich nur sagen: d’accord. Und danke für dieses erhellende Gespräch! Wo kommt denn dieses wunderschöne fritzi-zitat schon wieder her? Skandal: in meiner Uni-Bibliothek keinen einzigen Band von fritzi. Schande über die alma mater…)

(the impossible heap: “das zitat ist aus naturgemäß i. im ganzen riesen-roman, glaube ich, die einzige abgeschlossene kurze geschichte, und eine sehr schöne. wenn man sie dicht liest, dreht sich im schlußteil, nachdem sie explodiert ist, auch bei jedem interpunktionszeichen die perspektive. gibt es als scan hier. und: es war mir ein vergnügen. bon soir!”)

Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu?


[Mais, partis de telles dates, quel circuit, tous, ne nous est-il donné de décrire? Et, nous-mêmes, pour quelle date, à venir, nous transcrivons-nous?]

—Paul Celan: Meridian. Rede anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises am 22. Oktober 1960. Zit. nach: Jacques Derrida: Schibboleth. Für Paul Celan. Wien 1986, S. 20 [franz. Übersetzung: A. du Bouchet].

An diesem Scheideweg zwischen Kunst und Dichtung, an diesem Ort, wohin sich die Dichtung bisweilen sogar ohne Geduld zur Zurücklegung der Wegstrecke begibt, dort nun befindet sich das Rätsel des Datums.
Es scheint jeder Befragung, jeder Form philosophischer Erörterung, jedem Objektivierungsversuch, jeder theoretisch-hermeneutischen Thematisierung zu widerstehen.

—Jacques Derrida: Schibboleth. Für Paul Celan. Graz Wien 1986, S. 16.

Und wir sind verrückt nach Daten.

—Jacques Derrida: Schibboleth. Für Paul Celan. Wien 1986, S. 81