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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Alain Robbe-Grillet - Successive Slidings of Pleasure, 1974
[via roserosette:louiselamoore]

Alain Robbe-Grillet - Successive Slidings of Pleasure, 1974

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(via louiselamoore-deactivated201311)

Qu’est-ce que c’est la fiction?
[via baldabiou]

Qu’est-ce que c’est la fiction?

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Zutiefst fremd ist den ‘Kinoki’ die schauspielerische Darstellung, auf die sich der Film gründet. Zutiefst fremd ist ihnen jedes theatralisch-zirzensische Moment, jede artifizielle dekadente Hypertrophie, jede tragische, wenn auch geschnittene Pose ‘stummer Extase’ und eine Reihe anderer Eigenschaften und Besonderheiten, die nicht aus dem ‘Leben, wie es ist’ gegriffen sind, sondern aus dem sogenannten ‘Theater für Dummköpfe’.

—Dziga Vertov, zit. nach Eduard Ditschek: Politisches Engagement und Medienexperiment. Theater und Film der russischen und deutschen Avantgarde der zwanziger Jahre. Tübingen 1989, S. 115.

Das Theater der Grausamkeit. ‘Denn wenn das Theater das Double des Lebens ist, ist das Leben das Double des wahren Theaters … Und das Double des Theaters ist das von dem Menschen heute nicht gebrauchte Reale.’ Damit wären wir beim Thema: das nicht gebrauchte Reale ist das, was noch nicht in Formen sich verfestigt hat, die Kraft, die die Formen sprengt. Wie ist es darzustellen, ungeformt, im Kino, das so sehr am Realen klebt? Als Aspiration, als Tendenz, als Spannung. Das ist das Revolutionäre dieses Films und das, was ihn wirklich zum Film aus Artauds Geist macht: Er stellt nicht die Sache dar, sondern die Bewegung auf sie hin. Er ist affirmative Negation. Nicht der sanfte Jakob auf der einen und der blutrünstige auf der anderen Seite, sondern der Reflex des einen im anderen, bis ihre Grenzen aufgelöst sind und es nur noch Übergänge gibt. […] Was es gibt, muss neu verteilt werden. Partner, das ist die chronologische und räumliche Gleichzeitigkeit des Möglichen mit dem Unmöglichen, des Realen mit dem Fiktiven. Kino. Jakob und Jakob sind komplementäre Figuren, die zusammen den neuen Adam ergeben könnten. ‘Die Formen verbrennen, um das Leben zu finden.’ Mauern bauen aus Büchern, das heißt nicht, sich abkapseln von der Wirklichkeit, wie die blinden Aktivisten glauben. Es heißt die Bücher gebrauchen, um etwas anderes aus ihnen zu machen. Das ist die Funktion der Zitate, der Parodien, der Halbparodien in diesem Film, in der außerdem die Bewegung des Ganzen sich wiederholt: nicht die Sache darstellen, sondern eine Relation, die Absorption von Altem, sein Übergehen in Neues. […] Es gibt einen Unterschied zwischen Wiederholen und Zitieren. Der Unterschied zwischen Reklame und Erfindung, zwischen Omo-Weiß und ‘aller wirklichen Freiheit, die schwarz ist.’ Wie sollten die Weißmacher mit ihren aufgemalten Augen Vielfältigkeit wahrnehmen können? Man braucht wirkliche Augen, um zu sehen, was es noch nicht gibt.”

Frieda Grafe: Bernardo Bertolucci: Partner, in: Filmkritik 1970, Nr. 5, S. 269-271.

Zit. nach: Jörg Probst, Hanns Zischler (Hg.): Großes Kino, kleines Kino. 1.968 Bilder. Berlin 2008, S. 37-41.

 

Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünftigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theoretischen und praktischen Bewußtseins anknüpfen und aus den eigenen Formen der existierenden Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit als ihr Sollen und Endzweck entwickeln. […] [Der Staat] gerät aber ebenso überall in den Widerspruch seiner ideellen Bestimmung mit seinen realen Voraussetzungen.
Aus diesem Konflikt des politischen Staates mit sich selbst läßt sich daher überall die soziale Wirklichkeit entwickeln. Wie die Religion das Inhaltsverzeichnis von den theoretischen Kämpfen der Menschheit, so ist es der politische Staat von ihren praktischen. Der politische Staat drückt also innerhalb seiner Form sub specie rei publicae alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse, Wahrheiten aus.
[…]
Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien.
[…]
Es wird sich dann zeigen, das die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit.

—Karl Marx an Arnold Ruge. Kreuznach, im September 1843. Briefe aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern. In: MEW 1, S. 345f.

Wird aber das Reale zum Bild, indem es in seiner Partikularität dem Ganzen so gleicht, wie ein Fordwagen allen anderen derselben Serie, so werden umgekehrt die Bilder zur unmittelbaren Realität. Zum vielberufenen ästhetischen Bildbewußtsein kommt es nicht mehr. Jede Leistung der Phantasie, die Erwartung, daß sie von sich aus die disjekten Elemente des Wirklichen zu dessen Wahrheit versammle, wird als ungebührliches Ansinnen fortgewiesen. Phantasie wird durch die automatisch verbissene Kontrolle darüber substituiert, ob auch die letzte imago, die zur Verteilung gelangt, das genaue, sachkundige und zuverlässige Abbild des entsprechenden Stückchens Wirklichkeit ist.

Theodor W. Adorno & Max Horkheimer: Das Schema der Massenkultur. Kulturindustrie (Fortsetzung). In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Darmstadt 1998, Band 3, S. 301.

[via walter-benjamin-bluemchen]

Rencontre S | Film Socialisme (2010) by Jean-Luc Godard
[via wolkigestelle]

Rencontre S | Film Socialisme (2010) by Jean-Luc Godard

[via wolkigestelle]

(via salonsueno-deactivated20130114)

Die ihrer selbst bewußte und sich aussprechende Zerrissenheit des Bewußtseins ist das Hohngelächter über das Dasein sowie über die Verwirrung des Ganzen und über sich selbst; es ist zugleich das sich noch vernehmende Verklingen dieser ganzen Verwirrung. – Diese sich selbst vernehmende Eitelkeit aller Wirklichkeit und alles bestimmten Begriffs ist die gedoppelte Reflexion der realen Welt in sich selbst; einmal in diesem Selbst des Bewußtseins, als diesem , das andere Mal in der reinen Allgemeinheit desselben oder im Denken. […]
In jener Seite der Rückkehr in das Selbst ist die Eitelkeit aller Dinge seine eigene Eitelkeit , oder es ist eitel. Es ist das fürsichseiende Selbst, das alles nicht nur zu beurteilen und zu beschwatzen, sondern geistreich die festen Wesen der Wirklichkeit wie die festen Bestimmungen, die das Urteil setzt, in ihrem Widerspruche zu sagen weiß, und dieser Widerspruch ist ihre Wahrheit. –

—Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. In: Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel (Hrsg.): G. W. F. Hegel - Werke, Band 3, Frankfurt am Main 1986, S. 389.

Die moderne Reproduktionsindustrie favorisiert das Bild als Abbild, als Double der Realität. Die elektronischen Simulationstechniken steigern, - wie der Begriff der Simulation unmißverständlich zeigt - die Darstellung zu einem perfekten ‘Als-Ob’, so sehr, daß dem Bewußtsein der Postmoderne tendenziell die Differenz zwischen Bild und Realität selbst zu schwinden schien, factum und fictum konvergierten. Die Bilderfeindlichkeit der Medienindustrie ist ungebrochen, nicht weil sie Bilder verböte oder verhinderte, im Gegenteil: weil sie eine Bilderflut in Gang setzt, deren Grundtendenz auf Suggestion zielt, auf bildlichen Realitätsersatz, zu dessen Kriterien seit jeher gehärte, die Grenzen der eigenen Bildlichkeit zu verschleiern. Das vielbeschworene neue Zeitalter des Bildes, - nach demjenigen Gutenbergs -, ist ikonoklastisch, auch dann wenn es seine Enthusiasten nicht einmal bemerken. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß mit reproduktiven - oder simulierenden - Bildtechniken nicht starke Bilder gemacht werden könnten. Die Geschichte der Photographie, des Films oder der beginnenden Videokunst haben dies zu Genüge bewiesen. Von diesen neuen Techniken einen bildstärkenden Gebrauch zu machen, setzte freilich voraus, die ikonische Spannung kontrolliert aufzubauen und dem Betrachter sichtbar werden zu lassen. Ein starkes Bild lebt aus eben dieser doppelten Wahrheit: etwas zu zeigen, auch etwas vorzutäuschen und zugleich die Kriterien und Prämissen dieser Erfahrung zu demonstrieren. Erst durch das Bild gewinnt das Dargestellte Sichtbarkeit, Auszeichnung, Präsenz. Es bindet sich dabei aber an artifizielle Bedingungen, an einen ikonischen Kontrast, von dem gesagt wurde, er sei zugleich flach und tief, opak und transparent, materiell und völlig ungreifbar.

Gottfried Boehm: Die Wiederkehr der Bilder, in: Gottfried Boehm (Hrsg.): Was ist ein Bild? München 1995, S. 11-38, hier: S. 35.

[via lf]

(Source: dr0fn0thing)

Nichts ist doch wichtiger, als die Bildung von fiktiven Begriffen,
die uns die unseren erst verstehen lehren.

Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe Band 8. Frankfurt am Main 1984. S. 555.

[via universalestate:brainexpectingrain]

Doch der mit historischem Sinn begabte Mensch sollte sich nicht über den angebotenen Ersatz täuschen, denn der ist nur Verkleidung. So hat man der Revolution das römsiche Vorbild, der Romantik die Rüstung des Ritters, der Wagnerzeit das Schwert des germanischen Helden angeboten; doch das sind fadenscheinige Kostüme, deren Irrealität nur auf unsere eigene Irrealität verweist. Sollen sie doch diese Götter anbeten und in Bayreuth die Erinnerung an dieses neue Jenseits zelebrieren; sollen sie ruhig diese leerstehenden Identitäten verhökern. Der gute Historiker, der Genealoge, weiß, was er von dieser Maskerade zu halten hat. Aber er lehnt sie nicht mit ernster Miene ab, sondern treibt sie ins Extrem; er inszeniert den großen Karneval der Zeit, auf dem die Maskeraden einander ablösen. Statt unsere blasse Individualität mit diesen überaus realen Identitäten der Vergangenheit zu identifizieren, geht es darum, uns selbst in all den wieder erstandenen Identitäten zu irrealisieren; und indem wir all diese Masken - wie vielleicht Friedrich II., Cäsar, Jesus, Dionysos, Zarathustra - wieder aufnehmen, indem wir das Possenspiel der Geschichte noch einmal aufführen, nehmen wir in unserer Irrealität die noch irrealere Identität des Gottes an, der sie einst eingeführt hat: ‘Vielleicht, daß wir hier gerade das Reich unserer Erfindung noch entdecken, jenes Reich, wo auch wir noch original sein können, etwa als Parodisten der Weltgeschichte und Hanswürste Gottes.’

—Michel Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. Deutsche Übersetzung von Michael Bischoff aus: Michel Foucault, Schriften. Dits et Ecrits, Bd. II, 1970 - 1975, Frankfurt am Main 2002, S. 166 - 191. In: Werner Hamacher (Hrsg.): Nietzsche aus Frankreich. Berlin/Wien 2003, S. 117f.

Es gibt jedenfalls nicht im gleichen Sinne wie beim Widerspruch des Wortes gegen das Wort einen Widerspruch des Bildes gegen das Bild.

—Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. Opladen 1996, Zweite Auflage, S. 80.

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