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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Paul Celan:

SCHREIB DICH NICHT
zwischen die Welten,

komm auf gegen
der Bedeutungen Vielfalt,

vertrau der Tränenspur
und lerne leben.

Paul Celan: Schreib dich nicht. In: Paul Celan - Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann, Frankfurt am Main 2005, S. 493.

ZÄHLE die Mandeln,
zähle, was bitter war und dich wachhielt,
zähle mich dazu:

Ich suchte dein Aug, als du’s aufschlugst und niemand dich
ansah,

ich spann jenen heimlichen Faden,
an dem Tau, den du dachtest,
hinunterglitt zu den Krügen,
die ein Spruch, der zu niemandes Herz fand, behütet.

Dort erst tratest du ganz in den Namen, der dein ist,
schrittest du sicheren Fußes zu dir,
schwangen die Hämmer frei im Glockenstuhl deines
Schweigens,

stieß das Erlauschte zu dir,
legte das Tote den Arm auch um dich,
und ihr ginget selbdritt durch den Abend.

Mache mich bitter.
Zähle mich zu den Mandeln.

-

[Count up the almonds,
count what was bitter and kept you waking,
count me in too:

I sought your eye when you looked out and no one saw you,
I spun that secret thread
where the dew you mused on
slid down to pitchers
tended by a word that reached no one’s heart.

There you first fully entered the name that is yours,
you stepped toward yourself on steady feet,
the hammers swung free in the belfry of your silence,
things overheard thrust through to you,
what’s dead put its arm around you too,
and the three of you walked through the evening.

Render me bitter.
Number me among the almonds.]

Paul Celan: Zähle die Mandeln. In: Mohn und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1976, S. 76.

-

Paul Celan, Count Up the Almonds

[thanks to leda-swanson!]

WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Ärmer. Offen. Heimatlich.
-
Wohin gings? Gen Unverklungen.
Mit dem Stein gings, mit uns zwein.
Herz und Herz. Zu schwer befunden.
Schwerer werden. Leichter sein.

Paul Celan: Die Niemandsrose, Sprachgitter, Frankfurt am Main 1980, S.61.

[via nokturn:imregenfahrradfahren]

FERNEN
-
Aug in Aug, in der Kühle,
laß uns auch solches beginnen:
gemeinsam
laß uns atmen den Schleier,
der uns voreinander verbirgt,
wenn der Abend sich anschickt zu messen,
wie weit es noch ist
von jeder Gestalt, die er annimmt,
zu jeder Gestalt,
die er uns beiden geliehn.

Paul Celan: Fernen, in: Jürgen Wertheimer (Hg.): Paul Celan - Von Schwelle zu Schwelle, Vorstufen - Textgenese - Endfassung, Frankfurt am Main 2002, S.27.

[via nokturn]

WIR LAGEN
schon tief in der Macchia, als du
endlich herankrochst.
Doch konnten wir nicht
hinüberdunkeln zu dir:
es herrschte
Lichtzwang.

Paul Celan: Gedichte. Band II. Frankfurt am Main, 1975. S. 239.

[via wirsinddiearche]

Nous avons fait la nuit
-
Die Nacht ist begangen, ich halt deine Hand,
ich wache, ich stütz dich
mit all meinen Kräften.
Ich grab, tiefes Gefurch, deiner Kräfte
Stern in den Stein: deines Körpers
Gütigsein - hier
soll es keimen und aufgehn.
Ich sage mir deine
Stimmen vor, beide, die heimliche und
die von allen gehörte.
Ich lache, ich seh dich
der Stolzen begegnen, als bettelte sie, ich seh dich, du bringst
den Umnachteten Ehrfurcht entgegen, du gehst
zu den Einfachen hin - du badest.
Leise
stimm ich die Stirn jetzt ab auf die deine, stimm sie
in eins mit der Nacht, fühl jetzt
das Wunder dahinter: du wirst mir
zur Unbekannt-Fremden, du gleichst dir, du gleichst
allem Geliebten, du bist
anders von Mal zu Mal.

Paul Eluard zitiert nach Paul Celan: Brief an Ingeborg Bachmann vom 27. Februar 1958, in: Bertrand Badiou (Hg. u.a.): Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan Der Briefwechsel, Frankfurt am Main 2008, S. 87f.

[via diesebastionbehrisch]

Lass mich alles wissen, was mitteilbar ist, und darueber hinaus vielleicht manchmal eines von den leiseren Worten, die sich einfinden, wenn man allein ist und nur in die Ferne sprechen kann. Ich tue dann dasselbe.

Paul Celan: Brief an Ingeborg Bachmann vom 30. Oktober 1951, in: Bertrand Badiou (Hg. u.a.): Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan: Der Briefwechsel, Frankfurt am Main 2008, S. 36.

[via diesebastionbehrisch]

Ein Blatt, baumlos
für Bertolt Brecht:

Was sind das für Zeiten,
wo ein Gespräch
beinah ein Verbrechen ist,
weil es soviel Gesagtes
mit einschließt?

Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe. Hg. v. Barbara Wiedemann, Frankfurt a. M.: 2005, S. 333.

[via derbeo:diesebastionbehrisch]

… Ou si le mal me suit d’un songe refermé,
Quand (au velours du souffle envolé l’or des lampes)
J’ai de mes bras épais environné mes temps,
Et longtemps de mon âme attendu les éclairs?
Toute? Mais toute à moi, maîtresse de mes chairs,
Durcissant d’un frisson leur étrange étendue,
Et dans mes doux liens, à mon sang suspendue,
Je me voyais me voir, sinueuse, et dorais
De regards en regards, mes profondes forêts.

-

… Wann, so ein Traum, der weh tut, sich rund um mich
geschlossen,
ich (da das Gold der Lampen im Samthauch fortgeflossen),
die Arme um die Schläfen als dichten Kranz gelegt,
dalag, den Blitz erwartend, der seelenher sich regt?
Ganz so? Doch mein zur Gänze und Herrin aller Sinne,
sie straffend mit den Schauern, die meinen Leib durchrinnen,
und so, in sanften Banden, ganz nah bei meinem Blut,
sah ich mich, sah mich sehen, die verschlungen ruht,
und goß über mein Waldreich aus Blicken goldne Glut.

—Paul Valéry: La jeune Parque - Die junge Parze. Französisch und Deutsch. Übertragen von Paul Celan. Frankfurt am Main 1982, S. 10f.

Wege dorthin.
Waldstunde an
der blubbernden Radspur entlang.
Auf-
gelesene
kleine, klaffende
Buchecker: schwärzliches
Offen, von
Fingergedanken befragt
nach —
wonach?

Nach
dem Unwiederholbaren, nach
ihm, nach
allem.

Blubbernde Wege dorthin.

Etwas, das gehen kann, grußlos
wie Herzgewordenes,
kommt.

[Chemins vers là-bas.
Heure de fôret au
Long de la trace de roue qui gargouille.
É-
lue,
petite fêne, béante,
qu’on ramasse: chose ouverte
et noirâtre,
qu’interrogent des doights-pensées
sur –
vers quoi?

Sur le non-répétable, vers
lui, vers
tout.

Chemins qui gargouillent, vers là-bas.

Quelque chose, qui peut marcher, sans saluts,
non plus qu’un devenu-coeur,
vient.]

—Paul Celan – A la pointe acérée, zit. nach Jacques Derrida: Schibboleth. Für Paul Celan. Graz Wien 1986, S. 13f.

DIE GAUKLERTROMMEL,
von meinem Herzgroschen laut.

Die Sprossen der Leiter, über
die Odysseus, mein Affe, nach Ithaka klettert,
rue de Longchamp, eine Stunde
nach dem verschütteten Wein:

tu das zum Bild,
das uns heimwürfelt in
den Becher, in dem ich bei dir lieg,
unauspielbar.

—Paul Celan: Die Gauklertrommel. In: Atemwende. Frankfurt am Main 1982, S. 56.

Erst im Raum dieses Gesprächs konstituiert sich das Angesprochene, versammelt es sich um das es ansprechende und nennende Ich. Aber in diese Gegenwart bringt das Angesprochene und durch Nennung gleichsam zum Du Gewordene auch sein Anderssein mit. Noch im Hier und Jetzt des Gedichts - das Gedicht selbst hat ja immer eine, einmalige, punktuelle Gegenwart -, noch in dieser Unmittelbarkeit und Nähe läßt es das ihm, dem Anderen, Eigenste mitsprechen: dessen Zeit.

Paul Celan: Der Meridian. Rede anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises, in: Ders.: Ausgewählte Gedichte, Frankfurt am Main 1968, S. 145.

[via diesebastionbehrisch]

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