Nº. 1 of  3

Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Paul Celan:

VON UNGETRÄUMTEM geätzt,
wirft das schlaflos durchwanderte Brotland
den Lebensberg auf.

Aus einer Krume
knetest du neu unsre Namen,
die ich, ein deinem
gleichendes
Aug an jedem der Finger,
abtaste nach
einer Stelle, durch die ich
mich zu dir heranwachen kann,
die helle
Hungerkerze im Mund.

—Paul Celan: Von Ungeträumtem. In: Atemwende. Frankfurt am Main 1982, S. 8.

Wenn es die schwere Fracht des Lebens ist, woraus unsere Namen neu geknetet werden, so muß es doch wohl das Ganze unserer Welterfahrung sein, was sich aus diesem Erfahrungsstoff aufbaut. Das heißt hier ‘unsere Namen’. Der Name ist ja das, was uns anfänglich gegeben wird und das wir noch gar nicht sind. Niemand kann in der Namensgebung wissen, was der sein wird, den er so tauft. So ist es mit allen Namen. Sie alle werden erst im Laufe des Lebens das, was sie sind: So wie wir werden, was wir sind, wird auch erst, was die Welt für uns ist. Das besagt, daß die ‘Namen’ beständig neu geknetet werden, oder sie sind mindestens in einer fortdauernden Formung begriffen.

—Hans-Georg Gadamer: Wer bin Ich und wer bist Du? Ein Kommentar zu Paul Celans Gedichtfolge ‘Atemkristall’. Frankfurt am Main 1973, S. 21f.

KEINE SANDKUNST MEHR, kein Sandbuch, keine Meister.

Nichts erwürfelt. Wieviel.
Stumme?
Siebenzehn.

Deine Frage – deine Antwort.
Dein Gesang, was weiß er?

Tiefimsschnee,
Iefimnee,
I – i – e.

Paul Celan: Keine Sandkunst mehr. In: Atemwende. Frankfurt am Main 1982, S. 35.

SCHWARZ,
wie die Erinnerungswunde,
wühlen die Augen nach dir
in dem von Herzzähnen hell-
gebissenen Kronland,
das unser Bett bleibt:

durch diesen Schacht mußt du kommen –
du kommst.

Im Samen-
sinn
sternt dich das Meer aus, zuinnerst, für immer.

Das Namengeben hat ein Ende,
über dich werf ich mein Schicksal.

Paul Celan: Schwarz. In: Atemwende. Frankfurt am Main 1982, S. 53.

DIE Hand voller Stunden, so kamst du zu mir – ich sprach:
Dein Haar ist nicht braun.
So hobst du es leicht auf die Waage des Leids, da war es
schwerer als ich …

Sie kommen auf Schiffen zu dir und laden es auf, sie bieten es
feil auf den Märkten der Lust –
Du lächelst zu mir aus der Tiefe, ich weine zu dir aus der
Schale, die leicht bleibt.
Ich weine: Dein Haar ist nicht braun, sie bieten das Wasser der
See, und du gibst ihnen Locken …
Du flüsterst: Sie füllen die Welt schon mit mir und ich bleib
dir ein Hohlweg im Herzen!
Du sagst: Leg das Blattwerk der Jahre zu dir – es ist Zeit, daß
du kommst und mich küssest!

Das Blattwerk der Jahre ist braun, dein Haar ist es nicht.

—Paul Celan: Die Hand voller Stunden. In: Mohn und Gedächtnis. Gedichte. Frankfurt am Main 1976, S. 12.

SCHREIB DICH NICHT
zwischen die Welten,

komm auf gegen
der Bedeutungen Vielfalt,

vertrau der Tränenspur
und lerne leben.

Paul Celan: Schreib dich nicht. In: Paul Celan - Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann, Frankfurt am Main 2005, S. 493.

ZÄHLE die Mandeln,
zähle, was bitter war und dich wachhielt,
zähle mich dazu:

Ich suchte dein Aug, als du’s aufschlugst und niemand dich
ansah,

ich spann jenen heimlichen Faden,
an dem Tau, den du dachtest,
hinunterglitt zu den Krügen,
die ein Spruch, der zu niemandes Herz fand, behütet.

Dort erst tratest du ganz in den Namen, der dein ist,
schrittest du sicheren Fußes zu dir,
schwangen die Hämmer frei im Glockenstuhl deines
Schweigens,

stieß das Erlauschte zu dir,
legte das Tote den Arm auch um dich,
und ihr ginget selbdritt durch den Abend.

Mache mich bitter.
Zähle mich zu den Mandeln.

-

[Count up the almonds,
count what was bitter and kept you waking,
count me in too:

I sought your eye when you looked out and no one saw you,
I spun that secret thread
where the dew you mused on
slid down to pitchers
tended by a word that reached no one’s heart.

There you first fully entered the name that is yours,
you stepped toward yourself on steady feet,
the hammers swung free in the belfry of your silence,
things overheard thrust through to you,
what’s dead put its arm around you too,
and the three of you walked through the evening.

Render me bitter.
Number me among the almonds.]

Paul Celan: Zähle die Mandeln. In: Mohn und Gedächtnis. Gedichte. Frankfurt am Main 1976, S. 76.

-

Paul Celan, Count Up the Almonds

[thanks to leda-swanson!]

(Source: swanfucker)

WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Ärmer. Offen. Heimatlich.
-
Wohin gings? Gen Unverklungen.
Mit dem Stein gings, mit uns zwein.
Herz und Herz. Zu schwer befunden.
Schwerer werden. Leichter sein.

Paul Celan: Die Niemandsrose, Sprachgitter, Frankfurt am Main 1980, S.61.

[via nokturn:imregenfahrradfahren]

FERNEN
-
Aug in Aug, in der Kühle,
laß uns auch solches beginnen:
gemeinsam
laß uns atmen den Schleier,
der uns voreinander verbirgt,
wenn der Abend sich anschickt zu messen,
wie weit es noch ist
von jeder Gestalt, die er annimmt,
zu jeder Gestalt,
die er uns beiden geliehn.

Paul Celan: Fernen, in: Jürgen Wertheimer (Hg.): Paul Celan - Von Schwelle zu Schwelle, Vorstufen - Textgenese - Endfassung, Frankfurt am Main 2002, S.27.

[via nokturn]

WIR LAGEN
schon tief in der Macchia, als du
endlich herankrochst.
Doch konnten wir nicht
hinüberdunkeln zu dir:
es herrschte
Lichtzwang.

Paul Celan: Gedichte. Band II. Frankfurt am Main, 1975. S. 239.

[via wirsinddiearche]

Nous avons fait la nuit
-
Die Nacht ist begangen, ich halt deine Hand,
ich wache, ich stütz dich
mit all meinen Kräften.
Ich grab, tiefes Gefurch, deiner Kräfte
Stern in den Stein: deines Körpers
Gütigsein - hier
soll es keimen und aufgehn.
Ich sage mir deine
Stimmen vor, beide, die heimliche und
die von allen gehörte.
Ich lache, ich seh dich
der Stolzen begegnen, als bettelte sie, ich seh dich, du bringst
den Umnachteten Ehrfurcht entgegen, du gehst
zu den Einfachen hin - du badest.
Leise
stimm ich die Stirn jetzt ab auf die deine, stimm sie
in eins mit der Nacht, fühl jetzt
das Wunder dahinter: du wirst mir
zur Unbekannt-Fremden, du gleichst dir, du gleichst
allem Geliebten, du bist
anders von Mal zu Mal.

Paul Eluard zitiert nach Paul Celan: Brief an Ingeborg Bachmann vom 27. Februar 1958, in: Bertrand Badiou (Hg. u.a.): Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan Der Briefwechsel, Frankfurt am Main 2008, S. 87f.

[via diesebastionbehrisch]

Lass mich alles wissen, was mitteilbar ist, und darueber hinaus vielleicht manchmal eines von den leiseren Worten, die sich einfinden, wenn man allein ist und nur in die Ferne sprechen kann. Ich tue dann dasselbe.

Paul Celan: Brief an Ingeborg Bachmann vom 30. Oktober 1951, in: Bertrand Badiou (Hg. u.a.): Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan: Der Briefwechsel, Frankfurt am Main 2008, S. 36.

[via diesebastionbehrisch]

Nº. 1 of  3