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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung der einen an die andere lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er allein ganz und er selbst bleiben konnte: zugleich das Einzige, was er nicht in der Gewalt hatte, was er beobachten und hinnehmen mußte, während er die Verführung zur Untreue und ihre schrecklichen Gefahren für sich immer auf’s Neue an sich heran kommen sah. Hier fliesst eine überreiche Quelle der Leiden des Werdenden, die Ungewissheit. Jeder seiner Triebe strebte in’s Ungemessene, alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und für sich befriedigen; je grösser die Fülle, um so grösser war der Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung. Dazu reizte der Zufall und das Leben, Macht, Glanz, feurigste Lust zu gewinnen, noch öfter quälte die unbarmherzige Noth, überhaupt leben zu müssen; überall waren Fesseln und Fallgruben. Wie ist es möglich, da Treue zu halten, ganz zu bleiben? – Dieser Zweifel übermannte ihn oft und sprach sich dann so aus, wie eben ein Künstler zweifelt, in künstlerischen Gestalten […].

Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Viertes Stück. Richard Wagner in Bayreuth, in: Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hg.): Friedrich Nietzsche – Kritische Studienausgabe, Band 1, S. 429-510, hier: S. 439f.

Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eigenen Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in den eisigen Athem des Alleinseins.
Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du deinen Muth ganz und deine Hoffnungen.
Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz sich krümmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst ‘ich bin allein!’
Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe; dein Erhabenes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du einst: ‘Alles ist falsch!’
Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen; gelingt es ihnen nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder zu sein?
[…]
Verbrennen musst du dich wollen in deiner eigenen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!
Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus deinen sieben Teufeln!
Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und deshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.
Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von Liebe, der nicht gerade verachten musste, was er liebte!
Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.

—Friedrich Nietzsche:  Also sprach Zarathustra, in: Giorgo Colli und Mazzino Montinari (Hg.): Friedrich Nietzsche - Kritische Studienausgabe, München 2004, Band 4, S. 81ff.

Die Sentenz ist ein Glied aus einer Gedankenkette, sie verlangt, dass der Leser diese Kette aus eigenen Mitteln wiederherstelle: dies heisst sehr viel verlangen. Eine Sentenz ist eine Anmaßung. – Oder sie ist eine Vorsicht: wie Heraclit wusste. Eine Sentenz muss, um geniessbar zu sein, erst aufgerührt und mit anderem Stoff (Beispiel, Erfahrungen, Geschichten) versetzt werden. Das verstehen die meisten nicht und deshalb darf man Bedenkliches unbedenklich in Sentenzen aussprechen.

—Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente, 20[3], 1876. In: Giorgio Colli und Mazzino Montinari: Friedrich Nietzsche - Kritische Studienausgabe, Bd. 8, S. 361.

Diess Suchen nach m e i n e m Heim: […] diess Suchen war m e i n e Heimsuchung, es frisst mich auf.

—Friedrich Nietzsche: Der Schatten. In: Ders.: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. München 2004, S. 340f.

Doch der mit historischem Sinn begabte Mensch sollte sich nicht über den angebotenen Ersatz täuschen, denn der ist nur Verkleidung. So hat man der Revolution das römsiche Vorbild, der Romantik die Rüstung des Ritters, der Wagnerzeit das Schwert des germanischen Helden angeboten; doch das sind fadenscheinige Kostüme, deren Irrealität nur auf unsere eigene Irrealität verweist. Sollen sie doch diese Götter anbeten und in Bayreuth die Erinnerung an dieses neue Jenseits zelebrieren; sollen sie ruhig diese leerstehenden Identitäten verhökern. Der gute Historiker, der Genealoge, weiß, was er von dieser Maskerade zu halten hat. Aber er lehnt sie nicht mit ernster Miene ab, sondern treibt sie ins Extrem; er inszeniert den großen Karneval der Zeit, auf dem die Maskeraden einander ablösen. Statt unsere blasse Individualität mit diesen überaus realen Identitäten der Vergangenheit zu identifizieren, geht es darum, uns selbst in all den wieder erstandenen Identitäten zu irrealisieren; und indem wir all diese Masken - wie vielleicht Friedrich II., Cäsar, Jesus, Dionysos, Zarathustra - wieder aufnehmen, indem wir das Possenspiel der Geschichte noch einmal aufführen, nehmen wir in unserer Irrealität die noch irrealere Identität des Gottes an, der sie einst eingeführt hat: ‘Vielleicht, daß wir hier gerade das Reich unserer Erfindung noch entdecken, jenes Reich, wo auch wir noch original sein können, etwa als Parodisten der Weltgeschichte und Hanswürste Gottes.’

—Michel Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. Deutsche Übersetzung von Michael Bischoff aus: Michel Foucault, Schriften. Dits et Ecrits, Bd. II, 1970 - 1975, Frankfurt am Main 2002, S. 166 - 191. In: Werner Hamacher (Hrsg.): Nietzsche aus Frankreich. Berlin/Wien 2003, S. 117f.

Wir glauben, der Leib unterliege den Gesetzen der Physiologie und sei daher der Geschichte entzogen. Doch auch das ist ein Irrtum. Der Leib ist einer ganzen Reihe von Regimen unterworfen, die ihn formen, etwa dem Wechsel von Arbeit, Muße und Festlichkeiten; er wird vergiftet von Nahrung und von Werten, von Ernährungsgewohnheiten geradeso wie von Moralgesetzen; und er bildet Resistenzen aus. Die ‘wirkliche’ Historie unterscheidet sich von der Historie der Historiker dadurch, daß sie keinerlei Beständigkeit vorraussetzt: Nichts am Menschen - und auch nicht an seinem Leib - ist so unveränderlich, daß man die anderen dadurch begreifen und sich selbst in ihnen wieder erkennen könnte. Alles, worauf man sich stützen mag, um sich der Geschichte zuzuwenden und sie in ihrer Totalität zu erfassen, und alles, was sie als ruhige, kontinuierliche Bewegung erscheinen läßt, muß systematisch zerstört werden. Es gilt, alles in Stücke zu schlagen, was dem tröstlichen Spiel des Wiedererkennens Vorschub leistet. Wissen bedeutet selbst auf historischer Ebene nicht ‘wieder finden’ und erst recht nicht ‘uns selbst wiederfinden’. Die Historie wird in dem Maße ‘wirklich’ sein, wie sie das Diskontinuierliche in unser Sein einführt. Sie wird unsere Gefühle unterteilen und unsere Triebe dramatisieren; sie wird unseren Leib vervielfachen und ihm selbst entgegensetzen. Sie wird nichts unter sich dulden, das die beruhigende Stabilität des Lebens oder der Natur besäße; sie wird sich nicht von einer stummen, beharrlichen Bewegung tragen lassen, die angeblich in ein großes Ziel mündet. Sie wird ihre eigenen Fundamente untergraben und die vorgebliche Kontinuität zerstören. Denn Wissen dient nicht dem Verstehen, sondern dem Zerschneiden.

Michel Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. Deutsche Übersetzung von Michael Bischoff aus: Michel Foucault, Schriften. Dits et Ecrits, Bd. II, 1970 - 1975, Frankfurt am Main 2002, S. 166 - 191. In: Werner Hamacher (Hrsg.): Nietzsche aus Frankreich. Berlin/Wien 2003, S. 110f.

[Eine neuere (?) Übersetzung für die adaequatio]

Die Rede des Fragments ist Rede nur an der Grenze. Das soll nicht heißen, daß sie erst am Ende redet, sondern sie begleitet und durchzieht allezeit jedes Wissen, jeden Diskurs mit einer anderen Sprache, die ihn unterbricht, indem sie ihn durch seine Verdopplung in ein Außen zieht, wo das Ununterbrochene spricht, das Ende, das kein Ende nimmt.

—Maurice Blanchot: Nietzsche und die fragmentarische Schrift. In: Werner Hamacher (Hrsg.) (2003): Nietzsche aus Frankreich. Berlin/Wien 2003, S. 82.

Nietzsche’s ‘yes’ is opposed to the dialectical ‘no’; affirmation to dialectical negation; difference to dialectical contradiction; joy, enjoyment, to dialectical labour; lightness, dance, to dialectical responsibilities.

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Das ‘Ja’ Nietzsches opponiert dem ‘Nein’ der Dialektik; die Bejahung der dialektischen Verneinung; die Differenz dem dialektischen Widerspruch; die Freude, der Genuß der dialektischen Arbeit; die Leichtigkeit, der Tanz der dialektischen Schwere; die schöne Unverantwortlichkeit den dialektischen Verantwortlichkeiten.

Deleuze: Nietzsche and Philosophy, p. 9 [thanks to mattermedia!]

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Gilles Deleuze: Nietzsche und die Philosophie. Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Schwibs. München 1976, S. 14.

(via mattermedia-deactivated20121109)

Genügt es nicht, Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten und Gesamttöne des Scheins - verschiedene valeurs, um die Sprache der Maler zu reden? Warum dürfte die Welt, die uns etwas angeht - nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt: »aber zur Fiktion gehört ein Urheber?« - dürfte dem nicht rund geantwortet werden: Warum? Gehört dieses »Gehört« nicht vielleicht mit zur Fiktion? Ist es denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prädikat und Objekt, nachgerade ein wenig ironisch zu sein? Dürfte sich der Philosoph nicht über die Gläubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, daß die Philosophie dem Gouvernanten-Glauben absagte?

—Friedrich Nietzsche, Werke und Briefe, Band 2, Jenseits von Gut und Böse, Zweites Hauptstück. Der freie Geist, 34, Hrsg. v. Karl Schlechta, S. 600, München 1954. (via noxe)

(via mephistopholus)

Wurden Sie verlassen und lesen deshalb den ganzen Tag nur noch passiv-aggressiv Karl Kraus und Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe"?

Freundliche Grüße,
p. (19, Berechtigte-Fragen-Stellerin aus Berlin) asked by Anonymous

Ja, das ist eine berechtigte Frage. Sie beantwortet sich im Grunde von selbst (ja, ich wurde verlassen). Aber das ist sicher nicht monokausal zu denken. Vergessen sie nicht Thomas Bernhards „Die Kälte“ auf der Leseliste. Und die „Fragmente“ von Barthes kann ich sehr empfehlen, zu den Problemen der Sprache und des Sprechens, der Kommunikation oder des Diskurses hin gedacht.

Interessant finde ich an dieser Frage auch das „passiv-aggressiv“. Aber wie ist das aufzufassen? Etwa in die Richtung von Nietzsches Denken des Nihilismus (passiv-aktiv-aktiv-re-aktiv? Aus dieser Sicht sind meine Lektüren nicht als Rache zu verstehen). In diesem Sinne lese ich jetzt (dank Ihnen!) „Unterwegs zu einer Sprache der Freundschaft“ von Arno Böhler (und Alexander García Düttmann, so-wieso).

Ihr Blümchen

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