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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Nichts:

Das Gleichgewicht, worein sich Entstehen und Vergehen setzen, ist zunächst das Werden selbst. Aber dieses geht ebenso in ruhige Einheit zusammen. Sein und Nichts sind in ihm nur als Verschwindende; aber das Werden als solches ist nur durch die Unterschiedenheit derselben. Ihr Verschwinden ist daher das Verschwinden des Werdens oder Verschwinden des Verschwindens selbst. Das Werden ist eine haltungslose Unruhe, die in ein ruhiges Resultat zusammensinkt.
[…]
Aufheben und das Aufgehobene (das Ideelle) ist einer der wichtigsten Begriffe der Philosophie, eine Grundbestimmung, die schlechthin allenthalben wiederkehrt, deren Sinn bestimmt aufzufassen und besonders vom Nichts zu unterscheiden ist. – Was sich aufhebt, wird dadurch nicht zu Nichts. Nichts ist das Unmittelbare; ein Aufgehobenes dagegen ist ein Vermitteltes, es ist das Nichtseiende, aber als Resultat, das von einem Sein ausgegangen ist; es hat daher die Bestimmtheit, aus der es herkommt, noch an sich.
Aufheben hat in der Sprache den gedoppelten Sinn, daß es soviel wie Aufbewahren, erhalten bedeutet und zugleich soviel als aufhören lassen, ein Ende machen. Das Aufbewahren selbst schließt schon das Negative in sich […]. Die angegebenen zwei Bestimmungen des Aufhebens können lexikalisch als zwei Bedeutungen dieses Wortes aufgeführt werden. Auffallend müßte es aber dabei sein, daß eine Sprache dazu gekommen ist, ein und dasselbe Wort für zwei entgegengesetzte Bestimmungen zu gebrauchen. Für das spekulative Denken ist es erfreulich, in der Sprache Wörter zu finden, welche eine spekulative Bedeutung an ihnen selbst haben; die deutsche Sprache hat mehrere dergleichen.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik, Band I. In: Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel (Hsrg.): G.W.F. Hegel - Werke, Band 5. Frankfurt am Main 1979, S. 113-115.

Zu Marburg: Die Studenten sind bieder, ohne besondere Antriebe. Und da ich mich viel mit dem Problem der Negativität beschäftige, habe ich hier die beste Gelegenheit zu studieren, wie das Nichts aussieht.

—Martin Heidegger

Derart also gibt es noch ein sich Regen in uns, das neu nach innen und oben greift. Es ist abendlich, dort mag sich das echte Träumen am leichtesten finden, und doch werden wir darin am tiefsten hell und berührt. Freilich entzündet sich dieses Hoffen und, woran es deutlicher wird, das Staunen oft völlig beliebig, ja unangemessen, ja vielleicht gibt es hier nicht einmal eine Regel, wonach im gleichen Menschen dieselben Anlässe dazu zu finden wären.
Es ist ein Fragen an sich, ein innerstes tiefstes Erstaunen, wie es sich oft auf ein Nichts hin zu rühren scheint und doch das Fließen des gerade Gelebten stillt, sich in sich selbst einspiegeln läßt, dergestalt, daß das uns tiefst Gemeinte darin erscheint, sich seltsam erfaßt. Ein Tropfen fällt und es ist da; […]
[…] und wir fühlen, bei diesem kleinen, schnöden, sonderbaren Vers aus Goethes Hochzeitslied, in dieser Richtung liegt das Unsagbare, das, was der Knabe liegen ließ, als er aus dem Berg herauskam, ‘vergiß das Beste nicht!’ hatte der Alte zu ihm gesagt, aber noch keiner konnte dies Unscheinbare, tief Versteckte, Ungeheure jemals im Begriff entdecken. Kein Grausen, Bild oder Gefühl schließt hier völlig ein und ab; man sieht, es sind nicht nur die großen Entdeckungen, die Segel großer Schiffe, dem gemeinen Auge noch unter dem Horizont, die das Genie des noch nicht Bewußten vorraussieht, die seinen utopischen Raum bevölkern. Sondern tiefer noch werden vom Zustand des Ahnens die Erstaunens-Werte getragen und schließlich reflektiert: das Kleine, der Kern so manch prunkvoll leerer Emballage, ein Messias, der nicht im Blitz, sondern warm und nahe als unser Gast erscheint, […].

—Ernst Bloch: Geist der Utopie. Bearbeitete Neuauflage der zweiten Fassung von 1923. Ernst Bloch Gesamtausgabe, Band 3. Frankfurt am Main 1985, S. 243f.

“Where are you now? At this very moment where are you? I still miss our ‘nothing’, your desire, our secret wounded love, remember”
Francesca Mazzucato - Fragments
[via booksandsorrows]

“Where are you now? At this very moment where are you? I still miss our ‘nothing’, your desire, our secret wounded love, remember”

Francesca Mazzucato - Fragments

[via booksandsorrows]

(via francesca-mazzucato)

edsminorplace:

»Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.«
- 1. Korinther 13.

edsminorplace:

»Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.«

- 1. Korinther 13.

Zudem ist in der Idee der Entdeckung, der Enthüllung, auch die Idee des aneignenden Genusses enthalten. Das Sehen ist Genuss, sehen heißt deflorieren.[…]
Übrigens ist die Erkenntnis eine Jagd. Bacon nennt sie die Jagd Pans. Der Forscher ist der Jäger, der eine weiße Nacktheit überrascht und mit seinem Blick vergewaltigt. Das Insgesamt solcher Bilder enthüllt uns somit etwas, das wir den Aktäon-Komplex nennen wollen. […]: denn man jagt,
um zu essen. Beim Tier entspringt die Neugier stets der Sexualität oder der Nahrungssuche. Erkennen heißt, mit den Augen essen.[…]
Die Erkenntnis ist Eindringen und zugleich oberflächliche Liebkosung. Verdauung und distanzierte Betrachtung eines nicht zu verformenden Gegenstands.

—Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Reinbek 1976, S. 726–728.

Der Mensch ist diese Nacht, dies leere Nichts, das alles in ihrer Einfachheit enthält, ein Reichtum unendlich vieler Vorstellungen, Bilder deren keines ihm gerade einfällt oder die nicht als gegenwärtige sind. Dies [ist] die Nacht, das Innre der Natur, das hier existiert – reines Selbst. In phantasmagorischen Vorstellungen ist es ringsum Nacht; hier schießt dann ein blutig[er] Kopf, dort ein[e] andere weiße Gestalt plötzlich hervor und verschwindet ebenso. Diese Nacht erblickt man, wenn man dem Menschen ins Auge blickt – in eine Nacht hinein, die furchtbar wird; es hängt die Nacht der Welt hier einem entgegen.”

[The human being is this Night, this empty nothing which contains everything in its simplicity – a wealth of infinitely many representations, images, none of which occur to it directly, and none of which are not present. This [is] the Night, the interior of [human] nature, existing here – pure Self – [and] in phantasmagoric representations it is night everywhere: here a bloody head suddenly shoots up and there another white shape, only to disappear as suddenly. We see this Night when we look a human being in the eye, looking into a Night which turns terrifying. [For from his eyes] the night of the world hangs out toward us.]

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Jenaer Realphilosophie. Vorlesungsmanuskripte zur Philosophie der Natur und des Geistes von 1805-1806, hrsg. v. Johannes Hoffmeister, Hamburg 1969, 180f.

[English Translation]

Philosophische Reflexion versichert sich des Nichtbegrifflichen im Begriff. Sonst wäre dieser, nach Kants Diktum, leer, am Ende überhaupt nicht mehr der Begriff von etwas und damit nichtig. Philosophie, die das erkennt, die Autarktie des Begriffs tilgt, streift die Binde von den Augen. Daß der Begriff Begriff ist, auch wenn er von Seiendem handelt, ändert nichts daran, daß er seinerseits in ein nichtbegriffliches Ganzes verflochten ist, gegen das er durch seine Verdinglichung einzig sich abdichtet, die freilich als Begriff ihn stiftet. Der Begriff ist ein Moment wie ein jegliches in dialektischer Logik. In ihm überlebt sein Vermitteltsein durchs Nichtbegriffliche vermöge seiner Bedeutung, die ihrerseits sein Begriffsein begründet. Ihn charakterisiert ebenso, auf Nichtbegriffliches sich zu beziehen (…), wie konträr, als abstrakte Einheit der unter ihm befaßten Onta vom Ontischen sich zu entfernen.

Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, in: Rolf Tiedemann (Hg. u.a.): Theodor W. Adorno - Gesammelt Schriften, Darmstadt 1998, Band 6, S. 23f.

[via diesebastionbehrisch]

Dieses Nichts fängt an zu denken… Fünf Treppen hoch…

“Es ist lächerlich. Ich sitze hier in meiner kleinen Stube, ich, Brigge, der achtundzwanzig Jahre alt geworden ist und von dem niemand weiß. Ich sitze hier und bin nichts. Und dennoch, dieses Nichts fängt an zu denken und denkt, fünf Treppen hoch, an einen grauen Pariser Nachmittag diesen Gedanken:

Ist es möglich, denkt es, daß man noch nichts Wirkliches und Wichtiges gesehen, erkannt und gesagt hat? Ist es möglich, daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zun schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?
Ja es ist möglich.
Ist es möglich, daß man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist?

Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich, daß die ganze Weltgeschichte mißverstanden worden ist? Ist es möglich, daß die Vergangenheit falsch ist, weil man immer von ihren Massen gesprochen hat, gerade, als ob man von einem Zusammenlauf vieler Menschen erzählte, statt von dem Einen zu sagen, um den sie herumstanden, weil er fremd war und starb?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich, daß man glaubte, nachholen zu müssen, was sich ereignet hat, ehe man geboren war? Ist es möglich, daß man jeden einzelnen erinnern müßte, er sei ja aus allen Früheren entstanden, wüßte es also und sollte sich nichts einreden lassen von den anderen, die anders wüßten?
Ja, es ist möglich.

Ist es möglich, daß alle diese Menschen eine Vergangenheit, die nie gewesen ist, ganz genau kennen? Ist es möglich, daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie; daß ihr Leben abläuft, mit nichts verknüpft, wie eine Uhr in einem leeren Zimmer?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich, daß man von den Mädchen nichts weiß, die doch leben? Ist es möglich, daß man >die Frauen< sagt, >die Kinder<, >die Knaben< und nicht ahnt (bei aller Bildung nicht ahnt), daß diese Worte längst keine Mehrzahl mehr haben, sondern nur unzählige Einzahlen?
Ja, es ist möglich.

Ist es möglich, daß es Leute gibt, welche >Gott< sagen und meinen, das wäre etwas Gemeinsames? - Und sieh nur zwei Schulkinder: es kauft sich der eine ein Messer, und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben Tag. Und sie zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer, und es ergibt sich, daß sie sich nur noch ganz entfernt ähnlich sehen, - so verschieden,…so verschieden haben sie sich in verschiedenen Händen entwickelt. (Ja, sagt die Mutter dazu: wenn ihr auch gleich immer alles abnutzen müßt. -) Ach so: Ist es möglich, zu glauben, man könnte einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?
Ja, es ist möglich.
Wenn aber dieses alles möglich ist, auch nur einen Schein von Möglichkeiten hat, - dann muß ja, um alles in der Welt, etwas geschehen. Der Nächstbeste, der, welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat, muß anfangen, etwas von dem Versäumten zu tun; wenn es auch nur irgendeiner ist, durchaus nicht der Geeignetste: es ist eben kein anderer da. Dieser junge, belanglose Ausländer, Brigge, wird sich fünf Treppen hoch hinsetzen müssen und schreiben, Tag und Nacht: ja, er wird schreiben müssen, das wird das Ende sein.”

Rainer Maria Rilke: Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. München 1962, S. 19ff.

Zu Marburg: Die Studenten sind bieder, ohne besondere Antriebe. Und da ich mich viel mit dem Problem der Negativität beschäftige, habe ich hier die beste Gelegenheit zu studieren, wie das Nichts aussieht.

Martin Heidegger

[via letatetmoi]