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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Narzißmus:

Man hat weder die nötige Zeit noch den nötigen Raum, um sich eine Seele zu bilden. Der simple Verdacht einer solchen Sorge wirkt lächerlich und deplatziert. Der von sich selbst besessene moderne Mensch ist ein vielleicht leidender, doch reueloser Narziß. Der Schmerz trifft ihn körperlich: Er somatisiert. Wenn er klagt, dann um sich desto besser in der Klage zu gefallen, die er sich als ausweglos wünscht. Ist er nicht deprimiert, dann begeistert er sich für zweitrangige, abgewertete Objekte mit einer perversen Lust, die keine Befriedigung erfährt. Er, der in einer beschleunigten Zeit und einem zerstückelten Raum wohnt, hat häufig Mühe, an sich selbst eine Physiognomie zu erkennen. Dieses Amphibium ohne sexuelle, moralische oder subjektive Identität ist ein Grenzmensch, ein »Borderline-Fall« oder »wrong-self«. Ein Körper, der handelt, meist auch noch ohne Freude an diesem Leistungsrausch.
Der moderne Mensch ist dabei, seine Seele zu verlieren. Er weiß es aber nicht, denn es ist gerade der psychische Apparat, der für das Subjekt die Vorstellungen und deren Sinnwerte aufnimmt. Die Dunkelkammer ist jedoch außer Betrieb.

Julia Kristeva: Die neuen Leiden der Seele. Hamburg 1994, S. 14.

[via abendgesellschaft]

Von der Einsamkeit angezogen, verweilt er dennoch im Weltlichen: ein Säulenheiliger ohne Säule.

E.M. Cioran: Vom Nachteil, geboren zu sein, Frankfurt am Main 1979, S. 66.

[via diesebastionbehrisch]

Alice in Wonderland (1933) Charlotte Henry
[via extranuance]

Alice in Wonderland (1933) Charlotte Henry

[via extranuance]

(via swanfucker)

Was bloß identisch ist mit sich, ist ohne Glück. In der genitalen Zentrierung aufs Ich und auf die in sich ebenso feste Andere, für die nicht umsonst der Titel Partnerin Mode wurde, steckt Narzißmus. Libidinöse Energie wird auf die Macht verschoben, die jene beherrscht und dadurch betrügt. […] Mit der zunehmenden sozialen Bestätigung der Genitatlität steigt der Druck gegen die Partialtriebe und gegen ihre Repräsentanten in genitalen Beziehungen. Als ihr Rest wird nur der sozialisierte Voyeurismus kultiviert, die Vorlust. Sie setzt die Betrachtung durch alle anstelle der Vereinigung mit Einer und drückt damit die Sozialisierungstendenz des Sexus aus, die selbst einen Aspekt seiner tödlichen Integration ausmacht. Die Prämie, welche die patriarchalische Gesellschaft auf den weiblichen Charakter, die passive, der eigenen Regung, womöglich dem eigenen Lustanspruch entwöhnte Fügsamkeit setzt, tut ein übriges zur Desexualisierung des Sexus. Ihn beschlagnahmt ein Ideal des Natürlichen, das unter einer Art von Freiluftkultur möglichst auf die pure Genitalität hinausläuft und gegen jedes Raffinement sich sträubt.

Theodor W. Adorno, »Sexualtabus und Recht heute«, in: Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe. Stichworte, Frankfurt am Main 1977, S. 533 - 555, hier: S. 538.

[via edsminorplace]

Balthus - The Golden Days, 1944-46 
(via oldpainting.blogspot.com)
[via stronder]

Balthus - The Golden Days, 1944-46 

(via oldpainting.blogspot.com)

[via stronder]

Die Lektüre vieler literarischer Beiträge der “Lacaniens” ist deshalb unerträglich. Sie erschöpfen sich in Wiederholungen, Paraphrasierungen, versuchen den oft assoziativen Stil des Meisters nachzuahmen, entbehren jeder eigenständigen Exegese - und sind deshalb noch “dunkler” als die Schriften des Meisters selbst. Lacan wurde zum “sujet-supposé-savoir”, zum Subjekt, das man als wissendes setzt, zum “personifizierten großen Anderen”, der eine absolute Wahrheit hat und mit dem man deshalb zu verschmelzen sucht. Zweifellos ein Paradox: In der Identifikation mit dieser Imago des Schöpfers einer Lehre, welche die Destruktion solcher Imagines zum zentralen Inhalt hat und sich deshalb ganz besonders zur Institutionskritik eignet, hält die imaginär-narzißtische Kategorie durch die Hintertür triumphalen Einzug.

Hermann Lang: Die Sprache und das Unbewußte. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse, Frankfurt am Main 1973, S. XI.

[via diesebastionbehrisch]

Wie könnte ein Sprechen sich in zwei Worten einkreisen, ohne sich im Kreise zu drehen? Etwas anderes sagen, ohne aufzuhören, von sich zu sprechen, im Gegenteil, zu sich zurückkommend, zwei Worte in einem?
Den Abweichungen dieser alterslosen Metaphern oder dieser unglaublichen Topologie zufolge wäre es nötig, anzuerkennen, daß eine Rede von sich selbst sprechen muß, um den Narzißmus zu brechen, jedenfalls um ihn zu sehen und zu denken zu geben. Von sich selbst sprechen, von dem, was ihr zustößt oder was mit ihr geschieht, um sich an den anderen zu richten und ihm endlich anderes zu sagen. Nötig wäre, anzuerkennen, daß die Stimme noch von ihrer Einschreibung in den Kreis widerhallt, wenn sie ringsum sagt.
Ringsum: ringsum kreisen, herumstehen. Im gegebenen Umstand, Ulysses, der Wiedergänger.

—Jacques Derrida: ulysses grammophon. Berlin 1988, S. 5