Man hat weder die nötige Zeit noch den nötigen Raum, um sich eine Seele zu bilden. Der simple Verdacht einer solchen Sorge wirkt lächerlich und deplatziert. Der von sich selbst besessene moderne Mensch ist ein vielleicht leidender, doch reueloser Narziß. Der Schmerz trifft ihn körperlich: Er somatisiert. Wenn er klagt, dann um sich desto besser in der Klage zu gefallen, die er sich als ausweglos wünscht. Ist er nicht deprimiert, dann begeistert er sich für zweitrangige, abgewertete Objekte mit einer perversen Lust, die keine Befriedigung erfährt. Er, der in einer beschleunigten Zeit und einem zerstückelten Raum wohnt, hat häufig Mühe, an sich selbst eine Physiognomie zu erkennen. Dieses Amphibium ohne sexuelle, moralische oder subjektive Identität ist ein Grenzmensch, ein »Borderline-Fall« oder »wrong-self«. Ein Körper, der handelt, meist auch noch ohne Freude an diesem Leistungsrausch.
Der moderne Mensch ist dabei, seine Seele zu verlieren. Er weiß es aber nicht, denn es ist gerade der psychische Apparat, der für das Subjekt die Vorstellungen und deren Sinnwerte aufnimmt. Die Dunkelkammer ist jedoch außer Betrieb.
—
Julia Kristeva: Die neuen Leiden der Seele. Hamburg 1994, S. 14.
![Alice in Wonderland (1933) Charlotte Henry
[via extranuance]](http://25.media.tumblr.com/tumblr_l913624Ewe1qa7rmho1_400.gif)