Musik stimmt mich immer traurig, aber so wie ein trauriges Lächeln ist. Ich möchte sagen: freundlich-traurig. Die lustigste Musik vermag ich nicht lustig zu finden und die schwermütigste Musik ist für mich keineswegs besonders schwermütig und entmutigend. Vor der Musik habe ich nur immer die eine Empfindung: mir fehlt etwas. Nie werde ich den Grund dieser sanften Traurigkeit erfahren, nie darnach forschen wollen. Ich wünsche es nicht zu wissen. Ich wünsche nicht alles zu wissen. Ich besitze überhaupt, so sehr ich mir intelligent vorkomme, wenig Wissendrang. Ich glaube deshalb, weil ich von Natur das Gegenteil von neugierig bin. Ich lasse gern vieles um mich geschiehen, ohne mich zu bekümmern, wie es geschieht. Das ist gewiß tadelnswert und wenig geeignet, mir im Leben zu einer Laufbahn zu helfen. Mag sein. Ich fürchte mich nicht vor dem Tode, also auch nicht vor dem Leben. Ich merke, ich gerate ins Philosophieren. Musik ist die gedankenloseste und deshalb süßeste Kunst. Rein verständige Menschen werden sie nie schätzen, aber sie wird gerade ihnen in Augenblicken, wo sie sie hören, am innigsten wohl tun. Man darf eine Kunst nicht begreifen und nicht schätzen wollen. Kunst will sich uns anschmiegen. Sie ist ein so überaus reines und selbstzufriedenes Wesen, daß es sie kränkt, wenn man sich um sie bemüht. Sie straft den, der ihr, indem er sie fassen will, entgegenkommt. Künstler erfahren das. Sie sind es, die ihren Beruf darin sehen, sich mit ihr zu befassen, die durchaus nicht angefaßt werden will. Deshalb möchte ich nie Musiker werden. Ich fürchte mich vor der Strafe eines so holden Wesens. Man darf eine Kunst lieben, aber man muß sich hüten, es sich zu gestehen. Man liebt am innigsten, wenn man nicht weiß, daß man liebt. – Mich schmerzt die Musik. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich liebe. Sie trifft mich, wo sie mich eben antrifft. Ich suche sie nicht. Ich lasse mich von ihr schmeicheln. Aber dieses Schmeicheln verwundet. Wie soll ich es sagen? Musik ist ein Weinen in Melodien, ein Erinnern in Tönen, ein Gemälde in Klängen. Ich kann es schlecht sagen.
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Music always puts me in a sad mood, but sad in the way a sad smile is sad. A friendly sadness is what I mean. The happiest music isn’t happy to me, and the most melancholy music fails to strike me as particularly melancholy or disheartening. Listening to music, I always have exactly the same feeling: something’s missing. Never will I learn the cause of this gentle sadness, never will I wish to investigate it. I’ve no desire to know what it is. I’ve no desire to know everything. As intelligent as I think myself, I possess, generally speaking, very little thirst for knowledge. I suppose that’s because by nature I’m just the opposite of curious. I’m perfectly happy to let all sorts of things go on around me without bothering my head about how they happen. Certainly this is deplorable and unlikely to help me make a career for myself. Perhaps. I’m not afraid of death, so I’m not afraid of life either. I see I’m starting to philosophize. Music is the most thoughtless and thus the sweetest of the arts. Purely intellectual people will never appreciate it, but they are the ones it benefits most deeply when they hear it. You can’t want to understand and appreciate an art. Art wants to snuggle up to us. She’s so terribly pure and self-satisfied a creature that she takes offense when someone tries to win her over. She punishes anyone who approaches with the intention of laying hold of her. Artists soon find this out. They see it as their profession to deal with her, the one who won’t let anyone touch her. That’s why I never want to be a musician. I’m afraid of the punishment so fair a creature would administer. It’s fine to love an art, but you must be careful not to admit it to yourself. Your love is always warmest when you don’t know it’s there. – Music hurts me. I don’t know whether I truly love it. It finds me wherever it happens to. I don’t go looking for it. I let it caress me. But these caresses are injurious. How should I say it? Music is a weeping in melodies, a remembrance in notes, a painting in sounds. I can’t rightly say.
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Robert Walser, Fritz Kochers Aufsätze (1904), “Musik”. Trans. Susan Bernofsky in “Masquerade” and Other Stories, “From Fritz Kocher’s Essays: Music”.
[via msodradek]