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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Melancholie:

Jean-Baptiste Greuze - Der zerbrochene Spiegel
“Auf einer ernsteren Ebene schlägt [Diderot] beim Vergleich der beiden Bilder vor, dass man nicht antworten, diskurieren muss, dass das Bild kein Spiegel ist, der eine unmittelbare oder verborgene Bedeutung reflektierte, den Geist oder die Natur, einen bestimmten natürlichen oder kulturellen Gegenstand, einen Vogel oder einen Spiegel: Der Vogel ist immer schon davon geflogen, der Spiegel zerbrochen, gesprungen, und es ist das Zerbrechen der Bedeutung, das das junge Mädchen beweint, der Verlust nicht nur des Spiegels oder des Vogels, sondern jedes Bezugspunktes und daher jedes Diskurses; sie beweint die ‘Opferung’ des Subjekts oder den Verlust des Objekts, was tatsächlich nach Freud Melancholie erzeugt, bis die Trauerarbeit geleistet ist.”
Sarah Kofman: Melancholie der Kunst. Aus dem Französischen von Birgit Wagner. Wien 2008, S. 20f.

Jean-Baptiste Greuze - Der zerbrochene Spiegel

“Auf einer ernsteren Ebene schlägt [Diderot] beim Vergleich der beiden Bilder vor, dass man nicht antworten, diskurieren muss, dass das Bild kein Spiegel ist, der eine unmittelbare oder verborgene Bedeutung reflektierte, den Geist oder die Natur, einen bestimmten natürlichen oder kulturellen Gegenstand, einen Vogel oder einen Spiegel: Der Vogel ist immer schon davon geflogen, der Spiegel zerbrochen, gesprungen, und es ist das Zerbrechen der Bedeutung, das das junge Mädchen beweint, der Verlust nicht nur des Spiegels oder des Vogels, sondern jedes Bezugspunktes und daher jedes Diskurses; sie beweint die ‘Opferung’ des Subjekts oder den Verlust des Objekts, was tatsächlich nach Freud Melancholie erzeugt, bis die Trauerarbeit geleistet ist.”

Sarah Kofman: Melancholie der Kunst. Aus dem Französischen von Birgit Wagner. Wien 2008, S. 20f.

Gespenster (Christan Petzold, 2000)

Gespenster (Christan Petzold, 2000)

Gespenster (Christian Petzold, 2000)

Gespenster (Christian Petzold, 2000)

Man hat weder die nötige Zeit noch den nötigen Raum, um sich eine Seele zu bilden. Der simple Verdacht einer solchen Sorge wirkt lächerlich und deplatziert. Der von sich selbst besessene moderne Mensch ist ein vielleicht leidender, doch reueloser Narziß. Der Schmerz trifft ihn körperlich: Er somatisiert. Wenn er klagt, dann um sich desto besser in der Klage zu gefallen, die er sich als ausweglos wünscht. Ist er nicht deprimiert, dann begeistert er sich für zweitrangige, abgewertete Objekte mit einer perversen Lust, die keine Befriedigung erfährt. Er, der in einer beschleunigten Zeit und einem zerstückelten Raum wohnt, hat häufig Mühe, an sich selbst eine Physiognomie zu erkennen. Dieses Amphibium ohne sexuelle, moralische oder subjektive Identität ist ein Grenzmensch, ein »Borderline-Fall« oder »wrong-self«. Ein Körper, der handelt, meist auch noch ohne Freude an diesem Leistungsrausch.
Der moderne Mensch ist dabei, seine Seele zu verlieren. Er weiß es aber nicht, denn es ist gerade der psychische Apparat, der für das Subjekt die Vorstellungen und deren Sinnwerte aufnimmt. Die Dunkelkammer ist jedoch außer Betrieb.

Julia Kristeva: Die neuen Leiden der Seele. Hamburg 1994, S. 14.

[via abendgesellschaft]

Man sah, wir haben zunächst nichts, weder außen noch innen, das sich jeweils an sich festhalten ließe. Darum bleibt uns so schattenhaft, nichts gelebtes sogleich zu erleben, wobei stets doch das Jetzt, an dem wir einzig ‘sind’, poltert und spukt.
Es ist nicht leicht etwa, einen Punkt, von dem man absichtlich wegsehen soll, dennoch aufmerksam zu beobachten. Dem ist verwandt, aber noch weit schwieriger, das jeweils Augenblickliche aus dem Zustand melancholischer Schattenhaftigkeit seines da-Seins herauszuholen und ohne Schleier gegenwärtig zu besitzen. Da ist nicht etwa nur eine bloße Schwäche: gewiß, ganz unmetaphysisch, es finden sich genug, die überhaupt nicht leben können, den Anderen lediglich zusehen oder sich an Bildern, Berichten von Erlebnissen schadlos halten, wie sie sie selber nie haben könnten und so sich ersetzen lassen müssen.

—Ernst Bloch: Geist der Utopie. Bearbeitete Neuauflage der zweiten Fassung von 1923. Ernst Bloch Gesamtausgabe, Band 3. Frankfurt am Main 1985, S. 251.

Let us keep in mind the speech of the depressed - repetitive and monotonous. Faced with the impossibility of concatenating, they utter sentences that are interrupted, exhausted, come to a standstill. Even phrases they cannot formulate. A repetitive rhythm, a monotonous melody emerge and dominate the broken logical sequences, changing them into recurring, obsessive litanies. Finally, when that frugal musicality becomes exhausted in its turn, or simply does not succeed in becoming established on account of the pressure of silence, the melancholy person appears of asymbolia or the excess of an unorderable cognitive chaos.

Julia Kristeva, Black Sun.

[via batarde]

Liebe

“Wie verhindert man, dass sich Ekstase zwangsläufig in Melancholie auflöst? Jede Liebe möchte ewig währen, jede Liebe muss jedoch erfahren, dass sie ein Provisorium ist.”

über Baudelaire, das Pendel zwischen Schmerz und Langeweile, die Trennung von sich selbst und die Erfahrung, dass es darüber hinaus nichts anderes zu erwarten gibt: Was also ist Liebe?

[via zitation:fliegtallesauf]

Und da kam es mir so vor, als sei der im feinen hartnäckigen Frühlingsregen sich ausbreitende graue feuchte Fleck auf dem aufgeschlagenen Zeitungsblatt eine visuelle Metapher, die auf seltsame Weise zu meinen Gefühlen paßte. Als ob das angstvolle Unbehagen, die Übelkeit, die körperliche Traurigkeit, die ich empfand, sich in den aufgelösten, aufgeweichten Fasern meines Körpers, in der trostlosen Landschaft meiner Seele ebenso ausbreiteten wie der feuchte Fleck auf jenem Zeitungsblatt.
Ich blieb im Regen stehen, sehr lange, wie mir scheint: elend.
[…] Ich sagte mir nicht mehr Gedichte von Baudelaire auf. Eine lange dunstige Ungewißheit von mir abschüttelnd, habe ich mich dabei ertappt, wie ich leise ein Sonett von Rubén Darío vor mich hin sagte, dessen letzter Vers so eindringlich war: ‘Hörst du nicht die Tropfen meiner Melancholie?’

Jorge Semprun: Unsre allzu kurzen Sommer, Frankfurt am Main 2001, S. 69.

[via diesebastionbehrisch]

Melancholie, das Überdenken des sich vollziehenden Unglücks, hat aber mit Todessucht nichts gemein. Sie ist eine Form des Widerstands. Und auf dem Niveau der Kunst vollends ist ihre Funktion alles andere als bloß reaktiv oder reaktionär. Wenn sie, starren Blicks, noch einmal nachrechnet, wie es nur so hat, kommen können, dann zeigt es sich, daß die Motorik der Trostlosigkeit und diejenige der Erkenntnis identische Executiven sind. Die Beschreibung des Unglücks schließt in sich die Möglichkeit zu seiner Überwindung ein.

***

Melancholy, the pondering of existing sorrows, has nothing to do with a death wish. It is a form of resistance. And on an artistic level, its function is completely different than simply reactive or reactionary. When, with a fixed gaze, it goes over how things have happened, it is revealed that the motor functions of hopelessness and knowledge are identically executed. The description of misery involves the possibility of overcoming it.

W.G. Sebald, Die Beschreibung des Unglücks, 1985.

[via msodradek]

[via circulationwithinmyskull]

etctatic:

Anatolii Fomenko, Anti-Dürer

etctatic:

Anatolii Fomenko, Anti-Dürer

Man kann wagen es auszusprechen, daß die Manie nichts anderes ist, als ein solcher Triumph, nur daß es wiederum dem Ich verdeckt bleibt, was es überwunden hat und worüber es triumphiert. Den in dieselbe Reihe von Zuständen gehörigen Alkoholrausch wird man - insofern er ein heiterer ist - ebenso zurechtlegen dürfen; es handelt sich bei ihm wahrscheinlich um die toxisch erzielte Aufhebung von Verdrängungsaufwänden. Die Laienmeinung nimmt gern an, daß man in solcher maniakalischer Verfassung darum so bewegungs- und unternehmungslustig ist, weil man so “gut aufgelegt” ist. Diese falsche Verknüpfung wird man natürlich auflösen müssen.

Sigmund Freud: Trauer und Melancholie, in: Anna Freud et al (Hg.): Sigmund Freud: Gesammelte Werke, Band X, Frankfurt am Main 1999, S. 441.

[via diesebastionbehrisch]

Der in den Tod vernarrte Schmerz: sollte dies die höchste Individuierung sein?

Julia Kristeva: Schwarze Sonne. Depression und Melancholie, Frankfurt am Main 2007, S. 244.

[via diesebastionbehrisch]

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