Raw sagte: Alle Endfristen sind schon verstrichen, und die Sache hängt nur noch von der Buße und den guten Handlungen ab. Schemuel aber sagte: Genug ist es für einen Trauernden, daß er in der Trauer steht.
Wie man sieht, sind für Raw die objektiven Voraussetzungen der Erlösung gegeben; die Geschichte ist abgeschlossen. Man brauchte nicht auf die »Phänomenologie des Geistes« und das 19. Jahrhundert warten, um das Ende der Geschichte zu erkennen. Nicht, daß es keine Zukunft gibt, aber die objektiven Voraussetzungen für das Erscheinen des Messias sind somit bereits seit dem 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verwirklicht.
Alles hängt von den guten Handlungen und von der Buße ab: das Erscheinen des Messias liegt auf der Ebene der individuellen Anstrengung, die sich in voller Selbstherrschaft vollziehen kann. Alles ist bereits denkbar und gedacht worden; die Menschheit ist reif; was fehlt, sind die guten Handlungen und die Buße. Die moralische Handlung, Werk des Individuums, ist nicht entfremdet in einer Geschichte, die sie entstellen würde, und muß daher nicht, um sich durchzusetzen, den Umweg der Politik nehmen und zur Staatsräson greifen.
Um einer gerechten Sache zum Sieg zu verhelfen, ist man nicht gezwungen, sich politisch mit Mördern zu verbünden und damit die Handlungen von ihrer moralischen Quelle und ihrer realen Intention zu trennen. Alle Fristen sind verstrichen: die guten Handlungen sind wirksam. Eben das ist der Messias.
Dem widerstreitet Schemuels These. Er mißt den politischen Realitäten Bedeutung bei. Einzig der Messianismus könnte die zerstörerischen Auswirkungen verhindern, die sie auf das moralische Leben haben. Mit einem Wort, für ihn kann die messianische Erlösung nicht aus der individuellen Anstrengung folgen, deren Wirksamkeit und deren harmonisches Spiel sie lediglich ermöglicht. Was sagte Schemuel? Genug ist es für den Trauernden, daß er in seiner Trauer steht. Um diese sybillinische Äußerung zu verstehen, müssen wir zuerst herausfinden, wer die Person ist, von der es heißt, sie stehe in Trauer. Dazu gibt es drei Meinungen.
Erste Meinung: der Trauernde ist Gott.
[…]
Zweite Auffassung: der Trauernde ist Israel. […] Aber es ist nicht die Buße, bei der das Individuum, das sich des Bösen voll bewußt ist, eine vollkommen bewußte Handlung unternimmt, um es wiedergutzumachen – es ist das Leid, das die Erlösung bedingt.
[…]
Dritte Auffassung: die eines Kommentators des 17. Jahrhunderts, die sich in den klassischen Ausgaben des Talmud befindet, Marchaa: zwar ist der Trauernde Israel, aber das Leiden Israels bewirkt nicht von sich aus die Erlösung.
[…]
Dem Leiden käme also in der Ökonomie des Seins ein ganz besonderer Platz zu: es ist noch nicht die moralische Initiative, aber durch das Leiden kann man eine Freiheit hervorrufen. Der Mensch empfängt das Leiden, aber aus diesem Leiden steigt er als moralische Freiheit empor. Die Idee des äußeren Eingriffs in das Heil versöhnt sich im Leiden mit der Idee, daß die Quelle des Heils notwendig dem Menschen innewohnen muß. Der Mensch empfängt das Heil und ist gleichzeitig dessen Urheber. Schemuel – der empfänglich für das politische, d.h. äußerliche Hindernis ist, auf das die Moral trifft und das zur Erlösung eine von außen kommende Handlung erfordert, eine Handlung, die die einfache Moral transzendiert – nähert sich Raw an, der die Zeit für gekommen hält, da »alles nur noch von den guten Handlungen abhängt«.
Es ist vielleicht interessant, bei dieser Gelegenheit eine andere – sehr schöne – Stelle des Talmud anzuführen, die gewiß Raws radikale Position veranschaulicht, aber auch als vierte Antwort auf die Frage »Wer ist der Trauernde?« dienen kann: der Trauernde ist der Messias.
[…]
Wir haben also auch einen Messias, der leidet. Aber das Heil kann nicht allein kraft seines Leidens erfolgen. Und doch ist die ganze Geschichte durchlaufen worden. Alle Zeiten sind erfüllt. Der Messias ist bereit, heute noch zu erscheinen. Aber alles hängt vom Menschen ab. Und das Leiden des Messias und infolgedessen das Leiden der Menschheit, die im Messias leidet, und das Leiden der Menschheit, an dem der Messias leidet, reichen nicht aus, die Menschheit zu retten.
—Emmanuel Lévinas: Die Ankunft der messianischen Zeit - bedingt oder bedingungslos? In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 70 - 74.