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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Ödipus ist wie ein Labyrinth, man tritt aus ihm nur heraus, indem man wieder eintritt (oder in dem man einen anderen zum Eintritt veranlaßt). Ödipus als Problem oder Lösung, das sind die zwei Enden einer Binde, die die umfassende Wunschproduktion zum Stocken bringt. Man dreht die Schraubenmuttern fest, bis nichts mehr von der Produktion herausdringt außer einem Gemurmel. Das Unbewußte ist niedergewalzt, trianguliert, vor Alternativen gestellt worden, die nicht die seinen sind. Alle Ausgänge verriegelt: aus mit dem möglichen Gebrauch inklusiver, nicht-limitativer Disjunktionen. Man hat dem Unbewußten Eltern gemacht!

—Gilles Deleuze und Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Übersetzt von Bernd Schwibs. Frankfurt am Main 1977, S. 102.

Man zeigte im alten Griechenland Stellen, an denen es in die Unterwelt hinabging. Auch unser waches Dasein ist ein Land, in dem es an verborgenen Stellen in die Unterwelt hinabgeht, voll unscheinbarer Örter, wo die Träume münden. Alle Tage gehen wir nichtsahnend an ihnen vorüber, kaum aber kommt der Schlaf, so tasten wir mit geschwinden Griffen zu ihnen zurück und verlieren uns in den dunklen Gängen. Das Häuserlabyrinth der Städte gleicht am hellen Tage dem Bewußtsein; die Passagen (das sind die Galerien, die in ihr vergangenes Dasein führen) münden tagsüber unbemerkt in die Straßen. Nachts unter den dunklen Häusermassen aber tritt ihr kompakteres Dunkel erschreckend heraus und der späte Passant hastet an ihnen vorüber, es sei denn, daß wir [recte: sie] ihn zur Reise durch die schmale Gasse ermuntert haben.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [C 1 a, 2]: Antikisches Paris, Katakomben, Démolitions, Untergang von Paris.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 135.

Ja, glauben sie denn, daß ich mir soviel Mühe machen würde und es mir soviel Spaß machen würde zu schreiben, glauben Sie, daß ich mit solcher Hartnäckigkeit den Kopf gesenkt hätte, wenn ich nicht mit etwas fiebriger Hand das Labyrinth bereitete, wo ich umherirre, meine Worte verlagere, ihm ein Souterrain öffne, es fern von ihm selbst einstürze, an ihm Vorkragungen finde, die seine Bahn zusammenfassen und deformieren, wo ich mich verliere und schließlich vor Augen auftauche, die ich nie wieder treffen werde? Mehr als einer schreibt wahrscheinlich wie ich und hat schließlich kein Gesicht mehr. Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: […].

—Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Übersetzt von Ulrich Köppen. Frankfurt am Main 1981, S. 30.

“Als sie tanzte, trank ich jede Linie, die sich an ihr bewegte und was könnte ich über den Tanz und diese Nacht nicht alles sagen, wenn nicht der Satan selber dort oben Klavier spielte. 
[…]
Ich suchte ihr, mitten während sie so im Tanzen war, ihren Tanz zu beschreiben. Das Herrlichste war, daß ich alles an diesem Tanz sah, oder besser, so unendlich viel, daß mir klar war: alles, das wäre unfaßbar. Was ist die Neigung aller Zeiten, selbst des Kaffers oder mancher Worte, Gedanken, Klänge - Afrikas oder der Ornamente z.B. - zum Haschisch, verglichen mit dem roten Ariadnefaden, den uns der Tanz und sein Labyrinth gibt. Ich ließ ihr alle Chance, im Wesen, im Alter, im Geschlecht sich zu verwandeln, viele Identitäten zogen über ihren Rücken wie Nebel über den nächtlichen Himmel hin.
[…]
Dann kam das Alleinsein, Stunden später die Trostversuche mit Stirn und Stimme, aber da war der Gram im Innern meiner Sofabastion schon zu hoch gestiegen und ich bin nicht mehr gerettet worden.”
Walter Benjamin, Haschisch Anfang März 1930, In: Walter Benjamin, Über Haschisch, hg. von Tillman Rexroth, Frankfurt am Main 1972, S. 112.

“Als sie tanzte, trank ich jede Linie, die sich an ihr bewegte und was könnte ich über den Tanz und diese Nacht nicht alles sagen, wenn nicht der Satan selber dort oben Klavier spielte.

[…]

Ich suchte ihr, mitten während sie so im Tanzen war, ihren Tanz zu beschreiben. Das Herrlichste war, daß ich alles an diesem Tanz sah, oder besser, so unendlich viel, daß mir klar war: alles, das wäre unfaßbar. Was ist die Neigung aller Zeiten, selbst des Kaffers oder mancher Worte, Gedanken, Klänge - Afrikas oder der Ornamente z.B. - zum Haschisch, verglichen mit dem roten Ariadnefaden, den uns der Tanz und sein Labyrinth gibt. Ich ließ ihr alle Chance, im Wesen, im Alter, im Geschlecht sich zu verwandeln, viele Identitäten zogen über ihren Rücken wie Nebel über den nächtlichen Himmel hin.

[…]

Dann kam das Alleinsein, Stunden später die Trostversuche mit Stirn und Stimme, aber da war der Gram im Innern meiner Sofabastion schon zu hoch gestiegen und ich bin nicht mehr gerettet worden.”

Walter Benjamin, Haschisch Anfang März 1930, In: Walter Benjamin, Über Haschisch, hg. von Tillman Rexroth, Frankfurt am Main 1972, S. 112.

Das Werden zieht alles in sein Labyrinth, das mit dem darin hausenden Menschen wesensverwandt ist; aber aus dem Dunkel dieser verwinkelten und verdrehten Architektur führt ein fester Faden auf die Spur früherer Schritte und zum selben Tag zurück. Dionysos mit Ariadne: du bist mein Labyrinth.

—Michel Foucault: Theatrum Philosophicum. In: Deleuze/Foucault (1977): Der Faden ist gerissen. Berlin: Merve Verlag, S. 54.


“Mein Ich, die Frau, der Leib, hinter vergitterten Fenstern, verschleierten Augen. Gekrümmte Straßen, geheime Gelasse, Labyrinthe und nochmals Labyrinthe.”
Anais Nin, Die Tagebücher der Anais Nin II (1934 - 1939), München 1980, S. 179.

“Mein Ich, die Frau, der Leib, hinter vergitterten Fenstern, verschleierten Augen. Gekrümmte Straßen, geheime Gelasse, Labyrinthe und nochmals Labyrinthe.”

Anais Nin, Die Tagebücher der Anais Nin II (1934 - 1939), München 1980, S. 179.

Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den Löschblättern meiner Hefte waren.

Walter Benjamin: Berliner Kindheit um 1900.

In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Frankfurt am Main 1991, Band IV.1, S. 237.