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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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ACHTUNG STUFEN!

Arbeit an einer guten Prosa hat drei Stufen: eine musikalische, auf der sie komponiert, eine architektonische, auf der sie gebaut, endlich eine textile, auf der sie gewoben wird.
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[Le travail d’une bonne prose comporte trois stades: un stade musical, où elle est composée, un stade architectonique, où elle est construite, et finalement un stade textile, où elle est tissée.]

Walter Benjamin: Einbahnstraße. Frankfurt am Main 1955, S. 39f.

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Walter Benjamin: Sens unique. Traduit de l’allemand par Jean Lacoste. Éditions Maurice Nadeau 1988.

[merci a4rizm!]

[via walter-benjamin-bluemchen:deligne]

Die Politik der Kunst kann ihre Paradoxa also in der Form des Hinausgehens ins Außen oder einer Intervention in der ‚wirklichen Welt‘ nicht lösen. Es gibt keine wirkliche Welt, die außerhalb der Kunst wäre. Es gibt Falten im gemeinsamen sinnlichen Gewebe, wo Politik der Ästhetik und Ästhetik der Politik sich ineinander verweben und voneinander trennen. Es gibt keine Wirklichkeit an sich, sondern Gestaltungen dessen, was als unser Wirkliches gegeben ist, als Gegenstand unserer Wahrnehmungen, unserer Gedanken und unserer Interventionen. Das Reale ist immer ein Gegenstand der Fiktion, das heißt eine Konstruktion des Raumes, wo sich das Sichtbare, das Sagbare und das Machbare miteinander verknüpfen. Die herrschende Fiktion, die konsensuelle Fiktion leugnet ihre fiktionale Eigenschaft und gibt sich als das Wirkliche selbst aus und zieht eine einfache Trennlinie zwischen dem Bereich dieses Wirklichen und dem der Repräsentationen und Erscheinungen, der Meinungen und der Utopien. Die künstlerische Fiktion und die politische Aktion höhlen dieses Wirkliche aus, sie spalten es und vervielfältigen es auf polemische Weise. Die Arbeit der Politik, die neue Subjekte erfindet und neue Gegenstände und eine neue Wahrnehmung des gemeinsam Gegebenen einführt, ist auch eine Arbeit der Fiktion. Auch ist das Verhältnis der Kunst zur Politik nicht ein Übergang von der Fiktion zum Wirklichen, sondern ein Verhältnis zwischen zwei Arten, Fiktionen zu produzieren.

Jacques Rancière: Der emanzipierte Zuschauer. Aus dem Französischen von Richard Steurer. Wien 2009, S. 91f.

Die photographische Technik des Films, primär abbildend, verschafft dem zur Subjektivität fremden Objekt mehr an Eigengeltung als die ästhetisch autonomen Verfahrungsarten; das ist im geschichtlichen Zug der Kunst das retardierende Moment des Films. Selbst wo er die Objekte, wie es ihm möglich ist, auflöst und modifiziert, ist die Auflösung nicht vollständig. Sie erlaubt daher auch keine absolute Konstruktion; die Elemente, in die zerlegt wird, behalten etwas Dinghaftes, sind keine reinen Valeurs. Kraft dieser Differenz ragt die Gesellschaft ganz anders, weit unmittelbarer vom Objekt her, in den Film hinein als in avancierte Malerei oder Literatur. Das im Film Irreduzible an den Objekten ist an sich gesellschaftliches Zeichen, wird es nicht erst durch die ästhetische Realisierung einer Intention. Die Ästhetik des Films ist darum immanent, vermöge ihrer Stellung zum Objekt, mit Gesellschaft befaßt.

Theodor W. Adorno, Filmtransparente. In: Tiedemann (u.a.) (Hrsg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften Band 10.1, Frankfurt am Main 2003, S. 357.

[via walter-benjamin-bluemchen]

Die erste Etappe dieses Weges wird sein, das Prinzip der Montage in die Geschichte zu übernehmen. Also die großen Konstruktionen aus kleinsten, scharf und schneidend konfektionierten Baugliedern zu errichten. Ja in der Analyse des kleinen Einzelmoments den Kristall des Totalgeschehens zu entdecken.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [N 2, 6]: Erkenntnistheoretisches; Theorie des Fortschritts.

Rolf Tiedemann (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt am Main 1991, S. 575.

[via walter-benjamin-bluemchen]

ACHTUNG STUFEN!

Arbeit an einer guten Prosa hat drei Stufen: eine musikalische, auf der sie komponiert, eine architektonische, auf der sie gebaut, endlich eine textile, auf der sie gewoben wird.
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[Le travail d’une bonne prose comporte trois stades: un stade musical, où elle est composée, un stade architectonique, où elle est construite, et finalement un stade textile, où elle est tissée.]

Walter Benjamin: Einbahnstraße. Frankfurt am Main 1955, S. 39f.

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Walter Benjamin: Sens unique. Traduit de l’allemand par Jean Lacoste. Éditions Maurice Nadeau 1988.

[merci a4rizm!]

Jean-Luc Nancy: Destruktion als Erinnerung der Struktion oder Techné.

"Jean-Luc Nancy führt mit Erich Hörl ein Gespräch zur Frage der Technik. In Nancys einleitenden Bemerkungen und in der folgenden Unterredung werden diagnostisch hochvirulente Gedanken zum anderen und neuen Sinn der Technik entfaltet und weiter vorangetrieben, die Nancys Werk schon seit längerem durchziehen, deren Bündelung aber noch aussteht.

Jean-Luc Nancy (geb. 1940) zählt zu den bedeutendsten Denkern der Gegenwart. Sein vielfältiges Werk, das international und weit über die Grenzen der Universität hinaus rezipiert wird, umfaßt Arbeiten zur Ontologie der Gemeinschaft, Studien zur Metamorphose des Sinns und zu den Künsten, Abhandlungen zur Bildtheorie und nicht zuletzt zur Dekonstruktion des Christentums. Es sind zahlreiche deutsche Übersetzungen erschienen, u.a.: Die Musen (Stuttgart 1999); Die Erschaffung der Welt oder die Globalisierung (Zürich/Berlin 2003); Singulär Plural Sein (Zürich/Berlin 2004), Der Eindringling (Berlin 2000); Corpus (Zürich/Berlin 2003); Am Grund der Bilder (Zürich/Berlin 2006); Dekonstruktion des Christentums (Zürich/Berlin 2008).”

[via derdrittep]

Ausgraben und Erinnern

Die Sprache hat es unmißverständlich bedeutet, daß das Gedächtnis nicht ein Instrument für die Erkundung des Vergangenen ist, vielmehr das Medium. Es ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen. Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn ausstreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‘Sachverhalte’ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. Die Bilder nämlich, welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht - wie Torsi der Galerie des Sammlers - stehen. Und gewiß ist’s nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen. Doch ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengen Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren.

—Walter Benjamin: Berliner Chronik. In: Gesammelte Schriften. Bd. VI: Fragmente, Autobiographische Schriften. Frankfurt am Main 1984. S. 486.

Das Komma, nicht der Punkt, muss das liebste Satzzeichen des Dialektikers sein.

Patrick Bahners: Die Weltgeschichte macht keinen Punkt, in: FAZ Nr. 268, 17. November 2011, S. 34.

[via abendgesellschaft:diesebastionbehrisch]

Der versöhnte Zustand annektierte nicht mit philosophischem Imperialismus das Fremde, sondern hätte sein Glück daran, daß es in der gewährten Nähe das Ferne und Verschiedene bleibt, jenseits des Heterogenen wie des Eigenen. Die unermüdliche Anklage von Verdinglichung sperrt sich jener Dialektik, und das verklagt die geschichtsphilosophische Konstruktion, die jene Anklage trägt. Die sinnerfüllten Zeiten, deren Wiederkunft der frühe Lukács ersehnte, waren ebenso das Produkt von Verdinglichung, unmenschlicher Institution, wie er es erst den bürgerlichen attestierte. Zeitgenössische Darstellungen mittelalterlicher Städte pflegen auszusehen, als ob gerade zur Volksbelustigung eine Hinrichtung stattfände. Sollte anno dazumal Harmonie von Subjekt und Objekt gewaltet haben, so war sie gleich der jüngsten vom Druck bewirkt und brüchig. Die Verklärung vergangener Zustände dient später und überflüssiger Versagung, die sich als ausweglos erfährt; erst als verlorene gewinnen sie ihren Glanz.

Theodor W. Adorno - Negative Dialektik. In: Rolf Tiedemann u.a. (Hrsg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Band 6, Frankfurt am Main 2003, S. 192.

[via lf]

(Source: dr0fn0thing)

Zum Denken gehört ebenso die Bewegung wie das Stillstellen der Gedanken. Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild. Es ist die Zäsur der Denkbewegung. Ihre Stelle ist natürlich keine beliebige. Sie ist, mit einem Wort, da zu suchen, wo die Spannung zwischen den dialektischen Gegensätzen am größten ist. Demnach ist der in der materialistischen Geschichtsdarstellung konstruierte Gegenstand selber das dialektische Bild. Es ist identisch mit dem historischen Gegenstand; es rechtfertigt seine Absprengung aus dem Kontinuum der Geschichte.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [N 10 a, 3]: Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 595.

László Moholy-Nagy, Das Gesetz der Serie [The Law of Series], 1925

László Moholy-Nagy, Das Gesetz der Serie [The Law of Series], 1925

(via areashape)

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