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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Konstellation:

In den Tag hinein (Maria Speth, 2001).
“Das Ergebnis ist nicht die Lösung. Es bleiben Unbekannte und das ist die Kunst. Die Figuren bleiben unerklärt, so genau ihr Platz auch anzugeben ist in einer ausgezirkelten Konstellation. Die Erzählweise und die Bilder entsprechen einander in dieser Weise. Unterm Druck großer künstlerischer Kontrolle öffnet sich, paradoxer Weise aus dieser Kontrolle heraus, ein Freiheitsraum. Für die Figuren, für die Interpretation. Nicht, dass das immer ganz überzeugt. Manchmal verklumpt es sich zum bloßen Klischee - obwohl man den Eindruck hat, dass man sozusagen die Rückseite des Klischees zu sehen bekommt, die anders gedacht ist als seine Vorderseite. Nur bleiben sie in Momenten ununterscheidbar, diese beiden Seiten.”
Film-Kritik von Ekkehard Knörer, Jump Cut-Magazin
[via infinitetext:lanuitamericaine]

In den Tag hinein (Maria Speth, 2001).

“Das Ergebnis ist nicht die Lösung. Es bleiben Unbekannte und das ist die Kunst. Die Figuren bleiben unerklärt, so genau ihr Platz auch anzugeben ist in einer ausgezirkelten Konstellation. Die Erzählweise und die Bilder entsprechen einander in dieser Weise. Unterm Druck großer künstlerischer Kontrolle öffnet sich, paradoxer Weise aus dieser Kontrolle heraus, ein Freiheitsraum. Für die Figuren, für die Interpretation. Nicht, dass das immer ganz überzeugt. Manchmal verklumpt es sich zum bloßen Klischee - obwohl man den Eindruck hat, dass man sozusagen die Rückseite des Klischees zu sehen bekommt, die anders gedacht ist als seine Vorderseite. Nur bleiben sie in Momenten ununterscheidbar, diese beiden Seiten.”

Film-Kritik von Ekkehard Knörer, Jump Cut-Magazin

[via infinitetext:lanuitamericaine]

Ausgraben und Erinnern

Die Sprache hat es unmißverständlich bedeutet, daß das Gedächtnis nicht ein Instrument für die Erkundung des Vergangenen ist, vielmehr das Medium. Es ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen. Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn ausstreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‘Sachverhalte’ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. Die Bilder nämlich, welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht - wie Torsi der Galerie des Sammlers - stehen. Und gewiß ist’s nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen. Doch ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengen Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren.

—Walter Benjamin: Berliner Chronik. In: Gesammelte Schriften. Bd. VI: Fragmente, Autobiographische Schriften. Frankfurt am Main 1984. S. 486.

Das Komma, nicht der Punkt, muss das liebste Satzzeichen des Dialektikers sein.

Patrick Bahners: Die Weltgeschichte macht keinen Punkt, in: FAZ Nr. 268, 17. November 2011, S. 34.

[via abendgesellschaft:diesebastionbehrisch]

Zum Denken gehört ebenso die Bewegung wie das Stillstellen der Gedanken. Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild. Es ist die Zäsur der Denkbewegung. Ihre Stelle ist natürlich keine beliebige. Sie ist, mit einem Wort, da zu suchen, wo die Spannung zwischen den dialektischen Gegensätzen am größten ist. Demnach ist der in der materialistischen Geschichtsdarstellung konstruierte Gegenstand selber das dialektische Bild. Es ist identisch mit dem historischen Gegenstand; es rechtfertigt seine Absprengung aus dem Kontinuum der Geschichte.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [N 10 a, 3]: Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 595.

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Hinter den Spiegel. - Erste Vorsichtsregel des Schriftstellers: jeden Text, jedes Stück, jeden Absatz daraufhin durchzusehen, ob das zentrale Motiv deutlich genug hervortritt. Wer etwas ausdrücken will, ist davon so bewegt, daß er sich treiben läßt, ohne darauf zu reflektieren. Man ist in der Intention zu nah ‘in Gedanken’, und vergißt zu sagen, was man sagen will.

Keine Verbesserung ist zu klein oder geringfügig, als daß man sie nicht durchführen sollte. Von hundert Änderungen mag jede einzelne läppisch und pedantisch erscheinen; zusammen können sie ein neues Niveau des Textes ausmachen.

Nie darf man kleinlich sein beim Streichen. Länge ist gleichgültig und die Furcht, es stehe nicht genug da, kindisch.

[…]

Anständig gearbeitete Texte sind wie Spinnweben: dicht, konzentrisch, transparent, wohlgefügt und befestigt. Sie ziehen alles in sich hinein, was da kreucht und fleucht. Metaphern, die flüchtig sie durcheilen, werden ihr zur nahrhaften Beute. Materialien kommen ihnen zugeflogen. Die Stichhaltigkeit einer Konzeption läßt sich danach beurteilen, ob sie die Zitate herbeizitiert. […]

—Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. In: Tiedemann u.a. (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften Bd. 4. Frankfurt am Main 2003, S. 95ff.

Aby Warburg - Bilderatlas Mnemosyne, Tafel 53
“Um zu erfassen, was Warburg mit »Ikononologie des Zwischenraumes«  meinte, gilt es, das, was auf jenen unregelmäßigen schwarzen Feldern,  die die Bilder auf den Tafeln vereinzeln und eine rätselhafte,  prädiskursive Funktion erfüllen, die Motive einander annähert oder  voneinander trennt, als Introspektion und zugleich als Montage zu  begreifen: in Mnemosyne stellt jede Tafel die kartographische  Aufnahme einer Region der Kunstgeschichte dar, aufgefasst als objektive  Sequenz und zugleich als Gedankenkette, in die das Netz der  Zwischenräume die Bruchlinien einzeichnet, die die Abbildungen in  Archipele oder auch, wie Werner Hofmann es nennt, in »Konstellationen«  aufteilen oder gliedern.”
Philippe-Alain Michaud, »Zwischenreich. Mnemosyne, ou l’expressivité sans sujet«, in: Les Cahiers du Musée national d’art moderne, Nr. 70, Winter 1999-2000, S. 42-61.

Aby Warburg - Bilderatlas Mnemosyne, Tafel 53

“Um zu erfassen, was Warburg mit »Ikononologie des Zwischenraumes« meinte, gilt es, das, was auf jenen unregelmäßigen schwarzen Feldern, die die Bilder auf den Tafeln vereinzeln und eine rätselhafte, prädiskursive Funktion erfüllen, die Motive einander annähert oder voneinander trennt, als Introspektion und zugleich als Montage zu begreifen: in Mnemosyne stellt jede Tafel die kartographische Aufnahme einer Region der Kunstgeschichte dar, aufgefasst als objektive Sequenz und zugleich als Gedankenkette, in die das Netz der Zwischenräume die Bruchlinien einzeichnet, die die Abbildungen in Archipele oder auch, wie Werner Hofmann es nennt, in »Konstellationen« aufteilen oder gliedern.”

Philippe-Alain Michaud, »Zwischenreich. Mnemosyne, ou l’expressivité sans sujet«, in: Les Cahiers du Musée national d’art moderne, Nr. 70, Winter 1999-2000, S. 42-61.

Netze der Sprachen und die Einschreibungen der Iche
[via salivaglands:madzukamaison:ironoir]

Netze der Sprachen und die Einschreibungen der Iche

[via salivaglands:madzukamaison:ironoir]

Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß in dem Kantischen Erkenntnisbegriff die wenn auch sublimierte Vorstellung eines individuellen leibgeistigen Ich welches mittelst der Sinne die Empfindungen empfängt und auf deren Grundlage sich eine Vorstellungen bildet die größte Rolle spielt. Diese Vorstellung ist jedoch Mythologie […]. Die große Umbildung und Korrektur die an dem einseitig mathematisch-mechanisch orientierten Erkenntnisbegriff vorzunehmen ist, kann nur durch eine Beziehung der Erkenntnis auf die Sprache wie sie schon zu Kants Lebzeiten Hamann versucht hat gewonnen werden.

Walter Benjamin, Über das Programm der kommenden Philosophie.

In: Schweppenhäuser/Tiedemann (Hg.), Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band II.1,Frankfurt am Main 1991, S. 166 ff.

[via edsminorplace:diesebastionbehrisch]

Die Tätigkeit des Scheidens ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, der verwundersamsten und größten oder vielmehr absoluten Macht. Der Kreis, der in sich geschlossen ruht und als Substanz seine Momente hält, ist das unmittelbare und darum nicht verwundersame Verhältnis. Aber daß das von seinem Umfange getrennte Akzidentelle als solches, das Gebundene und nur in seinem Zusasmmenhange mit anderem Wirkliche ein eigenes Dasein und abgesonderte Freiheit gewinnt, ist die ungeheure Macht des Negativen; es ist die Energie des Denkens, des reinen Ichs. Der Tod, wenn wir jene Unwirklichkeit so nennen wollen, ist das Furchtbarste, und das Tote festzuhalten das, was die größte Kraft erfordert. Die kraftlose Schönheit haßt den Verstand, weil er ihr dies zumutet, was sie nicht vermag. Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt. – Sie ist dasselbe, was oben das Subjekt genannt worden, welches darin, daß es der Bestimmtheit in seinem Elemente Dasein gibt, die abstrakte, d.h. nur überhaupt seiende Unmittelbarkeit aufhebt und dadurch die wahrhafte Substanz ist, das Sein oder die Unmittelbarkeit, welche nicht die Vermittlung außer ihr hat, sondern diese selbst ist.

—Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. Werke Band 3, herausgegeben von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt am Main 1986, S. 36.

Das Verhältnis des Ganzen zum Detail jedoch bei Proust ist nicht das eines architektonischen Gesamtplans zu seiner Ausfüllung durchs Spezifische: eben dagegen, gegen das gewaltige Unwahre einer subsumierenden, von oben her aufgestülpten Form hat Proust revoltiert. Wie die Gesinnung seines Werkes die herkömmlichen Vorstellungen von Allgemeinem und Besonderem herausfordert und ästhetisch ernst macht mit der Lehre aus Hegels Logik, das Besondere sei das Allgemeine und umgekehrt, beides sei durcheinander vermittelt, so kristallisiert sich das Ganze, allem abstrakten Umriß abhold, aus den ineinanderwachsenden Einzeldarstellungen. Eine jede birgt Konstellationen dessen in sich, was am Ende als Idee des Romans hervortritt.

—Theodor W. Adorno: Kleine Proust Kommentare. In: Ders.: Versuch das >Endspiel< zu verstehen. Frankfurt am Main 1973, S. 86.