Was aber heute auf eine noch “gespenstischere” Art […] diesen Umstand bezeugt, ist eine Institution des modernen Staates, die Polizei, die beide Gewalten (die erhaltende und die [be]gründende) vermischt. Gespenstisch ist gerade diese “Vermischung”, als würde die eine Gewalt die andere heimsuchen […]. Das Fehlen einer Grenze zwischen den beiden Gewalten, die Kontamination, die sich zwischen (Be)gründung und Erhaltung ereignet, ist schmachvoll, sie ist […] das “Schmachvolle” der Polizei. Denn diese begnügt sich gegenwärtig nicht damit, das Gesetz anzuwenden und folglich zu erhalten; sie erfindet es, sie läßt Erlasse ergehen, sie greift jedesmal ein, wenn die gesetzliche Lage nicht eindeutig ist, mit der Absicht, die Sicherheit zu garantieren. […] Dort, wo Polizei ist, überall also und auch an diesem Ort hier, kann man die beiden Gewalten, die setzende, (be)gründende, und die erhaltende, nicht länger unterscheiden; darin besteht die schmachvolle, schändliche, abstoßende Doppelsinnigkeit.
—Jacques Derrida: Gesetzeskraft. Der “mystische Grund der Autorität”, Frankfurt am Main 1991, S. 90f.