Amedeo Modigliani - Portrait de Jean Cocteau, 1919
“Sie geht im Zimmer auf und ab und stöhnt vor Schmerzen.
Verzeih mir. Ich weiß, diese Szene ist unerträglich für dich. Ich weiß, daß ich deine Geduld auf eine harte Probe stelle. Aber verstehe mich doch, ich leide, ich leide. Diese Schnur ist noch das Letzte, was mich mit dir verbindet …………………………………………………………… Vorgestern Abend? Da habe ich geschlafen. Ich hab mir das Telefon mit ins Bett genommen ………………… Nein, nein, im Bett …………. Ich weiß, es ist sehr albern, aber ich nahm das Telefon mit ins Bett, weil es einen doch schließlich verbindet, trotz allem. Es reicht doch bis zu dir, und dann versprachst du mir, mich anzurufen. Und stell dir vor, da hatte ich eine Menge seltsamer Träume. Der Anschlag der Telefonglocke wurde zum Schlag, den du mir gabst, und ich stürzte. Dann war’s, als würge mich jemand am Hals. Und dann war ich plötzlich am Meeresgrund, der sah aus wie meine Wohnung in Auteuil. Und ich war ein Taucher und durch einen Schlauch mit dir verbunden, und ich flehte dich an, den Schlauch nicht durchzuschneiden. - Dumme Träume, wenn man sie so erzählt. Aber im Schlaf, da lebten sie, und es war schrecklich ………………………………………………. […]
Sie schlingt sich die Telefonschnur um den Hals.
……………… Ich weiß wohl, daß es sein muß, aber es ist so hart ………. Niemals werde ich den Mut finden …………………. Ja, man hat die Illusion, einander gegenüber zu stehen, und plötzlich rückt man Abgründe, Höhlen und eine ganze Stadt zwischen einander ……. Weißt du noch, wie Yvonne sich darüber wunderte, daß die menschliche Stimme durch eine so fein geschlungene Schnur dringen kann. Ich habe die Schnur um meinen Hals gelegt, ich habe deine Stimme um meinen Hals ……………………….”
Jean Cocteau: Die geliebte Stimme. Übertragen von Hans Feist. Frankfurt am Main 1963, S. 149 und 155.