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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 1993, S. 40.
[via abgrundtiefe]

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 1993, S. 40.

[via abgrundtiefe]

Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen sie Buckel, die schnurren innewendig vor ihrem nahen Glücke – alle guten Dinge lachen.

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, Frankfurt am Main 1976, S. 297.

[via diesebastionbehrisch:abendgesellschaft]

»Glück wird aus Verlust geboren,
Ewig ist nur, was verloren.«

Henrik Ibsen

Walter Benjamin an Max Horkheimer, Paris 28. 03. 1937.

In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band II.3, Frankfurt am Main 1991, S. 1338.

II

»Zu den bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Gemüths«, sagt Lotze, »gehört … neben so vieler Selbstsucht im Einzelnen die allgemeine Neidlosigkeit jeder Gegenwart gegen ihre Zukunft.« Diese Reflexion führt darauf, daß das Bild von Glück, das wir hegen, durch und durch von der Zeit tingiert ist, in welche der Verlauf unseres eigenen Daseins uns nun einmal verwiesen hat. Glück, das Neid in uns erwecken könnte, gibt es nur in der Luft, die wir geatmet haben, mit Menschen, zu denen wir hätten reden, mit Frauen, die sich uns hätten geben können. Es schwingt, mit andern Worten, in der Vorstellung des Glücks unveräußerlich die der Erlösung mit. Mit der Vorstellung von Vergangenheit, welche die Geschichte zu ihrer Sache macht, verhält es sich ebenso. Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? Ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden. Dann ist uns wie jedem Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, an welche die Vergangenheit Anspruch hat. Billig ist dieser Anspruch nicht abzufertigen. Der historische Materialist weiß darum.

—Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.2, Frankfurt am Main 1991, S. 693f.

[Theologisch-Politisches Fragment]

Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen, und zwar in dem Sinne, daß er dessen Beziehung auf das Messianische selbst erst erlöst, vollendet, schafft. Darum kann nichts Historisches von sich aus sich auf Messianisches beziehen wollen. Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen Dynamis; es kann nicht zum Ziel gesetzt werden. Historisch gesehen ist es nicht Ziel, sondern Ende. Darum kann die Ordnung des Profanen nicht am Gedanken des Gottesreiches aufgebaut werden, darum hat die Theokratie keinen politischen sondern allein einen religiösen Sinn. Die politische Bedeutung der Theokratie mit aller Intensität geleugnet zu haben ist das größte Verdienst von Blochs »Geist der Utopie«.
Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks. Die Beziehung dieser Ordnung auf das Messianische ist eines der wesentlichen Lehrstücke der Geschichtsphilosophie. Und zwar ist von ihr aus eine mystische Geschichtsauffassung bedingt, deren Problem in einem Bilde sich darlegen läßt. Wenn eine Pfeilrichtung das Ziel, in welchem die Dynamis des Profanen wirkt, bezeichnet, eine andere die Richtung der messianischen Intensität, so strebt freilich das Glückssuchen der freien Menschheit von jener messianischen Richtung fort, aber wie eine Kraft durch ihren Weg eine andere auf entgegengesetzt gerichtetem Wege zu befördern vermag, so auch die profane Ordnung des Profanen das Kommen des messianischen Reiches. Das Profane also ist zwar keine Kategorie des Reichs, aber eine Kategorie, und zwar der zutreffendsten eine, seines leisesten Nahens. Denn im Glück erstrebt alles Irdische seinen Untergang, nur im Glück aber ist ihm der Untergang zu finden bestimmt. – Während freilich die unmittelbare messianische Intensität des Herzens, des innern einzelnen Menschen durch Unglück, im Sinne des Leidens hindurchgeht. Der geistlichen restitutio in integrum, welche in die Unsterblichkeit einführt, entspricht eine weltliche, die in die Ewigkeit eines Unterganges führt und der Rhythmus dieses ewig vergehenden, in seiner Totalität vergehenden, in seiner räumlichen, aber auch zeitlichen Totalität vergehenden Weltlichen, der Rhythmus der messianischen Natur, ist Glück. Denn messianisch ist die Natur aus ihrer ewigen und totalen Vergängnis.
Diese zu erstreben, auch für diejenigen Stufen des Menschen, welche Natur sind, ist die Aufgabe der Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat.

—Walter Benjamin: Theologisch-politisches Fragment. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band II.1, Frankfurt am Main 1991, S. 203f.

Der leere Kopf, in dem ‘ich’ bin, ist so ängstlich, so habgierig geworden, daß nur noch der Tod ihn befriedigen kann.
[…]
Nach einem schändlichen Leiden wächst der Übermut, der trotz allem heimlich weiterbesteht, von neuem, wächst zuerst ganz langsam, dann plötzlich, jählings, er blendet mich und stürzt mich in ein Glücksgefühl, das sich wider alle Vernunft behauptet.
Augenblicklich berauscht mich das Glücksgefühl, macht mich trunken. […]
ICH TRIUMPHIERE!

—Georges Bataille: Das Blau des Himmels. Deutsch von Sigrid von Massenbach und Hans Neumann. München 1969, S. 21/22.

Tu me tues. Tu me fais du bien.

Marguerite Duras, Hiroshima mon amour.

[via mechante-ambiance]

Wie ein Fallbeil fällt, schnitten Schlaf und Traum mich plötzlich von der Welt, in der ich wirklich lebte, ab: die nackten Körper neben mir vervielfältigen sich, ein Reigen, der nicht nur lüstern und herausfordernd war, der sich nicht weniger der Lust am Zerfleischen wie der am Huren darbot und, während er sich den niedrigsten Lüsten anbot, zugleich nach dem Schmerz, nach dem Würgegriff des Todes schielte. Ein solcher Reigen kündet davon, daß Häßlichkeit, Alter, Auswurf weniger selten sind als Schönheit, Eleganz und Strahlen der Jugend. Mir war, als ob die Wasser stiegen: die Flut, dieser Unrat, und daß ich bald vor der ansteigenden Gewalt keine Zuflucht mehr fände: wie die Kehle eines Ertrinkenden sich der ungeheuren Wassermenge öffnet, so würde ich der Macht des Fluches erliegen, der Macht des Unglücks.

Georges Bataille: Meine Mutter, in: Marion Luckow (Hg.): Georges Bataille - Das obszöne Werk, Reinbeck bei Hamburg 1977, S. 151f.

[via diesebastionbehrisch]

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

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[The books we need are the kind that act upon us like a nightmare, that make us suffer like the death of someone we love more than ourselves… a book should serve as the ax for the frozen sea within us.]

Franz Kafka an Oskar Pollak, 1904

[via disco-lemon-aid:hiimdom:junesixon]

Daß ich mich nicht einfach selbst beobachten kann und mich um so mehr beobachte, erklärt, warum ich von den Beobachtungen der anderen überrascht und verletzt werde. Ich verwerfe sie als einseitig und ungerechtfertigt, oder stimme ihnen unbesehen zu, erschreckende Offenbarungen, die keinen Widerspruch dulden, nach denen ich deshalb süchtig bin. Wer indes mit seinen Beobachtungen haushält und sie bei Gelegenheit einer späteren Auseinandersetzung mitteilt, verhält sich nicht als Freund, er kehrt meine Blindheit und Verblendung als Machtmittel gegen mich. Jede Szene, in der man dem anderen endlich die Wahrheit sagt, überführt den Redlichen als den Täter, während umgekehrt jedes Verschweigen einem Verrat gleichkommen muß. Daß ich mich nicht einfach selbstbeobachten kann und mich um so mehr beobachte, erklärt ebenfalls, warum die Welt der Unglücklichen nicht nur mit der Welt der Glücklichen unvereinbar ist, warum die Unglücklichen selber in unvergleichbaren Welten leben.

Alexander García Düttmann: Philosophie der Übertreibung, Frankfurt am Main 2004, S. 235.

[via diesebastionbehrisch]

Max Ernst - Santa Conversazione, 1921
[via keco merah]
”[…] schließlich beginnen sie die Paragraphen ihres intellektuellen Lebens mit diesem Satz, der ihnen gefällt: ‘Lüften wir für einen Augenblick den Schleier der Worte.’ Daß derartige Methoden sie zur Realisierung von Hypothesen und zwar von Hypothesen a posteriori treiben, ahnen sie nicht einmal. Ihre Geister sind Hybridenscheusale, Kinder der ungewöhnlichen Liebe zwischen einer Auster und einem Bussard. Aber die Buckligen des Denkens fürchten nicht, daß Passanten aus Aberglaube ihre glückverheißende Mißbildung streifen. Sie sind die Könige der Welt und die Wärter dieses Kerkers, aus dem ich ihre fröhlichen Lieder und das Klappern ihrer Schlüssel höre.”
Louis Aragon: Eine Traumwoge.
In: Karlheinz Barck (Hrsg.): Surrealismus in Paris 1919 - 1939. Ein Lesebuch. Leipzig 1985, S. 63f.

Max Ernst - Santa Conversazione, 1921

[via keco merah]

”[…] schließlich beginnen sie die Paragraphen ihres intellektuellen Lebens mit diesem Satz, der ihnen gefällt: ‘Lüften wir für einen Augenblick den Schleier der Worte.’ Daß derartige Methoden sie zur Realisierung von Hypothesen und zwar von Hypothesen a posteriori treiben, ahnen sie nicht einmal. Ihre Geister sind Hybridenscheusale, Kinder der ungewöhnlichen Liebe zwischen einer Auster und einem Bussard. Aber die Buckligen des Denkens fürchten nicht, daß Passanten aus Aberglaube ihre glückverheißende Mißbildung streifen. Sie sind die Könige der Welt und die Wärter dieses Kerkers, aus dem ich ihre fröhlichen Lieder und das Klappern ihrer Schlüssel höre.”

Louis Aragon: Eine Traumwoge.

In: Karlheinz Barck (Hrsg.): Surrealismus in Paris 1919 - 1939. Ein Lesebuch. Leipzig 1985, S. 63f.

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