Ziehen wir zunächst die radikale und notwendige Heterogenität eines Erbes in Erwägung, die Differenz ohne Opposition, von der es gezeichnet werden muß, sein ‘Disparates’ und eine Quasi-Juxtaposition ohne Dialektik (der Plural dessen, was wir später die Geister von Marx nennen werden). Ein Erbe versammelt sich niemals, es ist niemals eins mit sich selbst. Seine vorgebliche Einheit, wenn es sie gibt, kann nur in der Verfügung bestehen, zu reaffirmieren, indem man wählt. Man muß, das heißt: Man muß filtern, sieben, kritisieren, man muß aussuchen unter den verschiedenen Möglichkeiten, die derselben Verfügung innewohnen. Die ihr auf widersprüchliche Weise innewohnen, um ein Geheimnis herum. Wenn die Lesbarkeit eines Vermächtnisses einfach gegeben wäre, natürlich, transparent, eindeutig, wenn sie nicht nach Interpretation verlangen und diese gleichzeitig herausfordern würde, dann gäbe es niemals etwas zu erben.[…] Man erbt immer ein Geheimnis – ‘Lies mich!’ sagt es, ‘Wirst du jemals dazu im Stande sein?’ Die kritische Wahl, nach der jede Reaffirmation des Erbes verlangt, ist gleichzeitig, wie das Gedächtnis selbst, die Bedingung der Endlichkeit. Das Unendliche erbt nicht, und es vererbt sich nicht. Die Verfügung selbst (wähle und entscheide in dem, was du erbst, fordert sie stets) kann nur eins sein, indem sie sich teilt, sich zerreißt, sich in sich selbst differenziert und aufschiebt (se différant elle-méme), indem sie gleichzeitig mehrfach spricht – und mit mehreren Stimmen.
—Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Frankfurt am Main 2004, S. 32f.