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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Die Anrede, deren Form die vermeintliche Bestimmung der Tatsache überschreitet und in sich einschließt, ähnelt gleichzeitig einem Akt des Wiederholens und Appellierens (au rappel et à l’appel). Sie ähnelt einem Appell, weil sie in die Zukunft verweist: Seid meine Freunde, denn ich liebe euch oder werde euch lieben, hört mir zu, seid empfänglich für mein Klagen, versteht und seid verständnisvoll; ich bitte um Sympathie und Einverständnis, werdet die Freunde, nach denen ich strebe. Willigt ein in das, was gleichzeitig ein Wunsch, eine Bitte, ein Versprechen und – wie man auch hinzufügen könnte – ein Gebet ist. Und vergessen wir nicht, was Aristoteles über das Gebet sagte (euche): Es ist ein Diskurs (logos), aber es ist ein Diskurs, der nach Art eines Performativs weder wahr noch falsch ist ( all’ute alethes ute pseudes). Es gibt keine Freunde, die wir kennen, aber ich bitte euch, sorgt dafür, dass es von nun an Freunde gibt. Mehr noch, wie könnte ich dein Freund sein und dir meine Freundschaft erklären – und Letzteres besteht mehr im Lieben als im Geliebt werden –, wenn Freundschaft nicht etwas bliebe, das erst noch geschieht, noch zu begehren, zu versprechen ist?

—Jacques Derrida: Politik der Freundschaft. Vortrag auf einem APA-Symposium über ‘Gesetz und Gesellschaft’ am 30. Dezember 1988.

Das Theater der Grausamkeit. ‘Denn wenn das Theater das Double des Lebens ist, ist das Leben das Double des wahren Theaters … Und das Double des Theaters ist das von dem Menschen heute nicht gebrauchte Reale.’ Damit wären wir beim Thema: das nicht gebrauchte Reale ist das, was noch nicht in Formen sich verfestigt hat, die Kraft, die die Formen sprengt. Wie ist es darzustellen, ungeformt, im Kino, das so sehr am Realen klebt? Als Aspiration, als Tendenz, als Spannung. Das ist das Revolutionäre dieses Films und das, was ihn wirklich zum Film aus Artauds Geist macht: Er stellt nicht die Sache dar, sondern die Bewegung auf sie hin. Er ist affirmative Negation. Nicht der sanfte Jakob auf der einen und der blutrünstige auf der anderen Seite, sondern der Reflex des einen im anderen, bis ihre Grenzen aufgelöst sind und es nur noch Übergänge gibt. […] Was es gibt, muss neu verteilt werden. Partner, das ist die chronologische und räumliche Gleichzeitigkeit des Möglichen mit dem Unmöglichen, des Realen mit dem Fiktiven. Kino. Jakob und Jakob sind komplementäre Figuren, die zusammen den neuen Adam ergeben könnten. ‘Die Formen verbrennen, um das Leben zu finden.’ Mauern bauen aus Büchern, das heißt nicht, sich abkapseln von der Wirklichkeit, wie die blinden Aktivisten glauben. Es heißt die Bücher gebrauchen, um etwas anderes aus ihnen zu machen. Das ist die Funktion der Zitate, der Parodien, der Halbparodien in diesem Film, in der außerdem die Bewegung des Ganzen sich wiederholt: nicht die Sache darstellen, sondern eine Relation, die Absorption von Altem, sein Übergehen in Neues. […] Es gibt einen Unterschied zwischen Wiederholen und Zitieren. Der Unterschied zwischen Reklame und Erfindung, zwischen Omo-Weiß und ‘aller wirklichen Freiheit, die schwarz ist.’ Wie sollten die Weißmacher mit ihren aufgemalten Augen Vielfältigkeit wahrnehmen können? Man braucht wirkliche Augen, um zu sehen, was es noch nicht gibt.”

Frieda Grafe: Bernardo Bertolucci: Partner, in: Filmkritik 1970, Nr. 5, S. 269-271.

Zit. nach: Jörg Probst, Hanns Zischler (Hg.): Großes Kino, kleines Kino. 1.968 Bilder. Berlin 2008, S. 37-41.

 

Dürfen in der Kunst formale Charakteristiken nicht umstandslos politisch interpretiert werden, so ist doch in ihr kein Formales ohne inhaltliche Implikate und die reichen bis zur Politik. In der Befreiung der Form, wie alle genuin neue Kunst sie will, verschlüsselt sich vor allem anderen die Befreiung der Gesellschaft, denn Form, der ästhetische Zusammenhang alles Einzelnen, vertritt im Kunstwerk das soziale Verhältnis.

Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1970, S. 379.

[via fextracts:abendgesellschaft]

Und sind die Methoden auch sehr verschieden, nicht nur je nach Kunstform, sondern auch nach Autor oder Verfasser, so lassen sich dennoch große Monumentaltypen kennzeichnen oder ‘Spielarten’ von Empfindungskomplexen: die Schwingung als Charakteristikum der einfachen Empfindung (aber sie ist bereits dauerhaft oder zusammengesetzt, da sie auf- oder absteigt, einen grundlegenden Niveauunterschied beinhaltet, einem unsichtbaren, eher nervlichen denn zerebralen Strang folgt); die Umfassung oder das Ineinander von Körpern (wenn zwei Empfindungen ineinander widerhallen, indem sie sich so sehr aneinanderschmiegen, und zwar in einer Verschränkung der Körper, die nur mehr aus ‘Energien’ besteht); das Zurückweichen, die Trennung, die Dehnung (wenn zwei Empfindungen sich im Gegenteil voneinander entfernen, sich lösen, um aber nur noch durch das Licht, die Luft oder die Leere vereint zu sein, die sich zwischen sie oder in sie wie ein Keil hineintreiben, der in einem so dicht und so locker ist, daß er sich bei wachsender Distanz nach allen Richtungen hin ausdehnt und einen Block bildet, der keiner Stütze mehr bedarf). Die Empfindung schwingen lassen – die Empfindung verkoppeln – die Empfindung öffnen oder aufschlitzen, aushöhlen. Die Skulptur zeigt diese Typen fast in Reinkultur, mit ihren Stein-, Marmor- oder Metall-Empfindungen, die je nach Anordnung von starken und schwachen Taktzeiten, von Vorsprüngen und Vertiefungen vibrieren, mit ihrem machtvollen Ineinander von Körpern, das sie miteinander verflicht, mit ihrer Aufteilung von großen Leerstellen von einer Gruppe zur anderen und innerhalb einer Gruppe, wo nicht mehr auszumachen ist, ob das Licht oder die Luft es ist, die modelliert oder selbst modelliert wird.

Gilles Deleuze/Félix Guattari: Was ist Philosophie? Frankfurt am Main 2000, S. 197f.

In der Erfahrung indes ist die Struktur des Widerspruchs nicht als solche gegeben. Sie wird in einer besonderen Form ausgedrückt. Denn die Spaltung des Menschen in seinem Wesen hat eine Teilung zur Folge. Die verschiedenen Manifestationssphären der menschlichen Erfahrung – Sphären, die den verschiedenen Prädikaten des menschlichen Wesens entsprechen – nehmen jede für sich eine autonome Realität an. Daher stellt sich der Widerspruch immer als Widerspruch innerhalb einer besonderen Sphäre dar. Jede Aussage vom Widerspruch, die sich an diese besondere Form hält, ist eine einseitige, partielle Aussage. Den besonderen Widerspruch zu einer allgemeinen Form zu erheben, ist das Werk der Kritik.

—Jacques Rancière: Der Begriff der Kritik und die Kritik der politischen Ökonomie. Aus dem Französischen übersetzt von Eva Pfaffenberger. Berlin 1972, S. 9.

Alle entscheidenden Schläge werden mit der linken Hand geführt werden.

—Walter Benjamin: Einbahnstraße. Frankfurt am Main 1955, S. 16.

Muss sich […] das Prinzip der Politik, außer das es den Rückgang auf das Prinzip selbst, auf die arché, in Frage stellen muss, nicht genau von der von ihrer rein politischen Bedeutung gelösten Idee der Anarchie beeinflussen lassen, von den Störeffekten, die sie entfaltet, in dem sie die Linien einer negativen Dialektik zeichnet? Weit davon entfernt, dass der Staat die Demokratie umfasst, so als könne er sie einschließen, indem er sich mit ihr identifiziert, ist es die Demokratie, die fern von jeglicher arché die Grenzen des Staates markiert und, indem sie dies tut, sich gegen die Bewegung der Totalisierung dieser Form, die sich als souverän ausgibt, verwahrt, ja mehr noch sie zunichte macht. Kann sich der Denker des Politischen von der Anarchie bewegen lassen, so wie sie bei den Philosophen eine Wiederkunft erlebt, als Echo des philosophischen Bruchs, ohne Garantien und vorgängige Grenzen – ohne Prinzip – […]: ‘Sie [die Anarchie] kann den Staat nur stören – allerdings auf radikale Weise und so, daß dadurch Momente der Negation ohne irgendeine Bejahung möglich werden. Der Staat kann sich so nicht zum Ganzen erheben.’
Als Unordnung, die nicht dazu bestimmt ist, eine andere Ordnung zu sein, hat die Demokratie eine irreduzible Bedeutung als Absage an die Synthese, als Absage an die Ordnung, als eine in der Zeit erfolgende Erfindung des politischen Bandes, das über den Staat hinausgeht und ihn überschreitet.

Miguel Abensour: Demokratie gegen den Staat. Marx und das machiavellische Moment. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Frankfurt am Main 2012, S. 222f.

Virginie Bocaert - I Can Feel You
[via artemisdreaming:francesca-mazzucato]

Virginie Bocaert - I Can Feel You

[via artemisdreaming:francesca-mazzucato]

Die Vernichtung der eigenen Form ist gegenseitig, aber nicht absolut gleich; es schaut sich jedes in dem andern an, als zugleich ein fremdes, und dieses ist die Liebe; die Unbegreiflichkeit dieses sein selbst Seins in einem fremden gehört darum der Natur, nicht der Sittlichkeit, denn diese ist, in Beziehung auf die differenten, absolute Gleichheit beider; in Beziehung auf das Einssein absolutes Einssein durch die Idealität; jene Naturidealität aber bleibt in der Ungleichheit und darum in der Begierde, in welcher das eine bestimmt ist als ein subjektives, das andre als ein objektives.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: System der Sittlichkeit [Critik des Fichteschen Naturrechts], herausgegeben von Horst D. Brandt, Hamburg: Meiner 2002, S. 12f.

[via abendgesellschaft]

Herta Müller - Collage
[via adaequatio]

Herta Müller - Collage

[via adaequatio]

Die Vernunft hat immer existiert, nur nicht immer in der vernünftigen Form. Der Kritiker kann also an jede Form des theoretischen und praktischen Bewußtseins anknüpfen und aus den eigenen Formen der existierenden Wirklichkeit die wahre Wirklichkeit als ihr Sollen und Endzweck entwickeln. […] [Der Staat] gerät aber ebenso überall in den Widerspruch seiner ideellen Bestimmung mit seinen realen Voraussetzungen.
Aus diesem Konflikt des politischen Staates mit sich selbst läßt sich daher überall die soziale Wirklichkeit entwickeln. Wie die Religion das Inhaltsverzeichnis von den theoretischen Kämpfen der Menschheit, so ist es der politische Staat von ihren praktischen. Der politische Staat drückt also innerhalb seiner Form sub specie rei publicae alle sozialen Kämpfe, Bedürfnisse, Wahrheiten aus.
[…]
Es hindert uns also nichts, unsre Kritik an die Kritik der Politik, an die Parteinahme in der Politik, also an wirkliche Kämpfe anzuknüpfen und mit ihnen zu identifizieren. Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien.
[…]
Es wird sich dann zeigen, das die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit.

—Karl Marx an Arnold Ruge. Kreuznach, im September 1843. Briefe aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern. In: MEW 1, S. 345f.

Das Eigentum, der Vertrag, die Ehe, die bürgerliche Gesellschaft erscheinen hier (wie dies Hegel für diese abstrakten Staatsformen ganz richtig entwickelt, nur daß er die Idee des Staats zu entwickeln meint) als besondre Daseinsweisen neben dem politischen Staat, als der Inhalt, zu dem sich der politische Staat als die organisierende Form verhält, eigentlich nur als der bestimmende, beschränkende, bald bejahende, bald verneinende, in sich selbst inhaltslose Verstand. In der Demokratie ist der politische Staat, so wie er sich neben diesen Inhalt stellt und von ihm unterscheidet, selbst nur ein besondrer Inhalt, wie eine besondre Daseinsform des Volkes. In der Monarchie z.B. hat dies Besondre, die politische Verfassung, die Bedeutung des alles Besondern beherrschenden und bestimmenden Allgemeinen. In der Demokratie ist der Staat als Besondres nur Besondres, als Allgemeines das wirkliche Allgemeine, d.h. keine Bestimmtheit im Unterschied zu dem andern Inhalt. Die neueren Franzosen haben dies so aufgefaßt, daß in der wahren Demokratie der politische Staat untergehe.

—Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts. In: MEW, Band 1, S. 232.

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