Die Anrede, deren Form die vermeintliche Bestimmung der Tatsache überschreitet und in sich einschließt, ähnelt gleichzeitig einem Akt des Wiederholens und Appellierens (au rappel et à l’appel). Sie ähnelt einem Appell, weil sie in die Zukunft verweist: Seid meine Freunde, denn ich liebe euch oder werde euch lieben, hört mir zu, seid empfänglich für mein Klagen, versteht und seid verständnisvoll; ich bitte um Sympathie und Einverständnis, werdet die Freunde, nach denen ich strebe. Willigt ein in das, was gleichzeitig ein Wunsch, eine Bitte, ein Versprechen und – wie man auch hinzufügen könnte – ein Gebet ist. Und vergessen wir nicht, was Aristoteles über das Gebet sagte (euche): Es ist ein Diskurs (logos), aber es ist ein Diskurs, der nach Art eines Performativs weder wahr noch falsch ist ( all’ute alethes ute pseudes). Es gibt keine Freunde, die wir kennen, aber ich bitte euch, sorgt dafür, dass es von nun an Freunde gibt. Mehr noch, wie könnte ich dein Freund sein und dir meine Freundschaft erklären – und Letzteres besteht mehr im Lieben als im Geliebt werden –, wenn Freundschaft nicht etwas bliebe, das erst noch geschieht, noch zu begehren, zu versprechen ist?
—Jacques Derrida: Politik der Freundschaft. Vortrag auf einem APA-Symposium über ‘Gesetz und Gesellschaft’ am 30. Dezember 1988.
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