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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Spur und Aura. Die Spur ist Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ. Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft. In der Spur werden wir der Sache habhaft; in der Aura bemächtigt sie sich unser.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [M 16 a, 4]: Der Flaneur.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 560.

[via wolkigestelle]

Ich betrachte Dich. Wir werden uns auf der Brücke der Klarheit treffen, bevor wir in die Nacht unserer Unterschiede hinabtauchen. Wir werden schwimmen, nah oder entfernt, entspannt oder angespannt, der Strömung unseres Rätsel folgend, um uns in der ungewissen Umarmung unserer fliehenden Schatten wiederzufinden. Wir sind nicht die einzigen, die sich eines Tages aus den tiefsten Gründen ihrer Einsamkeit erhoben haben, um die Flucht vor unseren Phantomen zu ergreifen, unbekümmert darum, ob diese weiblich oder männlich sind.

aus: Annie Le Brun: Lâchez tout

[via abenteuerundfreiheit]

minusgold:

“LAUT ZU LESEN


es ist nicht deine schuld,
dass er dein gesicht nicht berühren kann,
deine nähe nicht sucht.

es ist nicht deine schuld,
dass die fäden seiner angst ihm die hände fesseln,
sich niemals nach dir ausstrecken.

es ist nicht deine schuld,
dass seine sprache deine schönheit nicht zu benennen vermag,
dass er, anders als du, von fremden träumt.

es ist nicht deine schuld,
dass sein schweigen deine uhren frisst,
seine antworten jahre brauchen.

es ist nicht deine schuld,
dass er sich kaputt in höhlen verkriecht,
lieber, als deine unberührten hände zu halten.

es ist nicht deine schuld.

und dennoch,
ist es deine haut,
die zu reißen versucht
es ist dein herz,
das die liebe verflucht

dein kopf,
der nach befreiung schreit,
deine zeit,
die sich zwischen nachrichten verteilt

deine lippen,
rosa ungeküsst
deine wunden
triefen weiter ungewusst


du, die zu lieben sich so sicher war
du und dein herz bleiben verwundbar.”

Der versöhnte Zustand annektierte nicht mit philosophischem Imperialismus das Fremde, sondern hätte sein Glück daran, daß es in der gewährten Nähe das Ferne und Verschiedene bleibt, jenseits des Heterogenen wie des Eigenen. Die unermüdliche Anklage von Verdinglichung sperrt sich jener Dialektik, und das verklagt die geschichtsphilosophische Konstruktion, die jene Anklage trägt. Die sinnerfüllten Zeiten, deren Wiederkunft der frühe Lukács ersehnte, waren ebenso das Produkt von Verdinglichung, unmenschlicher Institution, wie er es erst den bürgerlichen attestierte. Zeitgenössische Darstellungen mittelalterlicher Städte pflegen auszusehen, als ob gerade zur Volksbelustigung eine Hinrichtung stattfände. Sollte anno dazumal Harmonie von Subjekt und Objekt gewaltet haben, so war sie gleich der jüngsten vom Druck bewirkt und brüchig. Die Verklärung vergangener Zustände dient später und überflüssiger Versagung, die sich als ausweglos erfährt; erst als verlorene gewinnen sie ihren Glanz.

Theodor W. Adorno - Negative Dialektik. In: Rolf Tiedemann u.a. (Hrsg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Band 6, Frankfurt am Main 2003, S. 192.

[via lf]

FERNEN
-
Aug in Aug, in der Kühle,
laß uns auch solches beginnen:
gemeinsam
laß uns atmen den Schleier,
der uns voreinander verbirgt,
wenn der Abend sich anschickt zu messen,
wie weit es noch ist
von jeder Gestalt, die er annimmt,
zu jeder Gestalt,
die er uns beiden geliehn.

Paul Celan: Fernen, in: Jürgen Wertheimer (Hg.): Paul Celan - Von Schwelle zu Schwelle, Vorstufen - Textgenese - Endfassung, Frankfurt am Main 2002, S.27.

[via nokturn]

Das Distinkte ist in der Ferne, es ist dem Nahen entgegengesetzt. Was nicht nah ist, kann indes von zweierlei entfernt werden: von der Berührung oder aber von der Identität. Das Distinkte ist auf zwei Weisen distinkt. Es berührt nicht und es ist unähnlich. Dergestalt ist das Bild: es muss abgenommen, nach Außen und vor Augen geführt werden (es ist daher von einer verborgenen, unabnehmbaren Seite untrennbar: die dunkle Seite des Bildes, dessen Unterseite, Textur oder Subjektil). Das Bild ist ein Ding, das dieses Ding nicht ist: es unterscheidet sich davon wesenhaft.

—Jean-Luc Nancy: Am Grund der Bilder. Aus dem Französischen von Emmanuel Alloa. Zürich-Berlin 2006, S. 10.

Sag mir: entfliegt dein Herz bisweilen auch, Agathe,
Dem schwarzen Meere der unreinen Stadt, hinan
Zu eines andern Meers hellerleuchtendem Achate,
Blau, klar und tief wie nur der Keuschheit Ozean?
Sag mir: entfliegt dein Herz bisweilen auch, Agathe?
-
Das Meer, das weite Meer ist unsrer Mühsal Trost!
Doch welcher Troll verlieh des rauhen Barden Tönen,
Zu dem der Winde Groll aus Riesenorgeln tost,
Die Kraft des Wiegenliedes mit Schlaf uns zu versöhnen?
Das Meer, das weite Meer ist unsrer Mühsal Trost!
-
Nimm, Wagen, du mich mit! Entführe mich Fregatte!
Weit fort, ja weit! Hier speist die Träne nur den Kot …
- Raunt nicht bisweilen dir dein traurig Herz, Agathe:
Fort von der Reue Dorn, von Untat, Schmerzensnot
Nimm, Wagen, du mich mit! Entführ mich, Fregatte!
-
Wie bist du ferne nun, du Paradies voll Duft,
Wo unter lichtem Blau nur Liebe webt und Wonne,
Wo alles, was du liebst, zurecht nach Liebe ruft,
Wo unser Herz ertrinkt in reinster Lüste Bronne!
Wie bist du fern nun, du Paradies voll Duft!
-
Das grüne Paradies der jungen Liebesfreuden,
Die Spiele, Lieder, Küsse und der Blumenstrauß,
Der Geigen hinterm Hang erregendes Vergeuden,
Die Krüge Weins vor Nacht im kleinen Gartenhaus,
- Das grüne Paradies der jungen Liebesfreunden,
-
Unschuldig Paradies, verstohlenen Glückes Hag,
Ist es denn ferner schon als fernstes Land im Osten,
Ob es denn wohl ein Wehlaut wiederbringen mag?
Erweckt ein Silberklang vielleicht aus Nacht und Frosten
Unschuldig Paradies, verstohlenen Glückes Hag?

Charles Baudelaire: Moesta et errabunda, in: Ders.: Die Blumen des Bösen, Frankfurt am Main und Leipzig 1976, S. 96.

[via diesebastionbehrisch]

Lass mich alles wissen, was mitteilbar ist, und darueber hinaus vielleicht manchmal eines von den leiseren Worten, die sich einfinden, wenn man allein ist und nur in die Ferne sprechen kann. Ich tue dann dasselbe.

Paul Celan: Brief an Ingeborg Bachmann vom 30. Oktober 1951, in: Bertrand Badiou (Hg. u.a.): Herzzeit. Ingeborg Bachmann - Paul Celan: Der Briefwechsel, Frankfurt am Main 2008, S. 36.

[via diesebastionbehrisch]

F A D I N G.
Schmerzliche Prüfung, bei der das geliebte Wesen sich von jedem Kontakt zurückzuziehen scheint, ohne daß diese rätselhafte Gleichgültigkeit gegen das liebende Subjekt gerichtet oder zugunsten dessen geltend gemacht würde, was sonst im Spiel ist, Welt oder Rivale.

1. Im Text ist das Fading der Stimmen eine willkommene Angelegenheit; die Stimmen der Erzählung kommen, gehen, verhallen, durchkreuzen einander; man weiß nicht wer spricht; es spricht, das ist alles: kein Bild mehr, nichts als Sprache. Aber der Andere ist kein Text, er ist Bild, eines und verwachsend; wenn die Stimme sich verliert, verflüchtigt sich auch das ganze Bild (die Liebe ist monologisch besessen; der Text ist heterologisch, pervers).
[…]

2. Es gibt Alpträume, in denen die Mutter auftaucht, das Antlitz zu einer strengen und kalten Miene verdüstert. Das Fading des Liebesobjektes ist die schreckliche Wiederkehr der Bösen Mutter, der unerklärliche Rückzug der Liebe, die bekannte Verlassenheit der Mystiker: Gott existiert, die Mutter ist da, aber sie liebten nicht mehr. Ich bin nicht zerstört, aber da liegengelassen wie ein Stück Abfall.

3. Die Eifersucht bereitet weniger Leiden, denn der Andere bleibt dabei lebendig. Im Fading dagegen scheint der Andere jede Begierde fahren zu lassen, er wird von der Nacht aufgesogen. Ich bin vom Anderen verlassen, aber dieses Verlassensein vermehrt sich um das Verlassensein, von dem er selbst betroffen ist; sein Bild ist von der verwaschenen, abgelegten Art; ich kann an nichts mehr Rückhalt finden, nicht einmal mehr an der Begierde, die der Andere anderswohin richtet: ich bin in Trauer um ein Objekt, das selbst trauert (von daher wird verständlich, in welchem Maße wir der Begierde des Anderen bedürfen, selbst wenn diese Begierde nicht uns gilt).

4. Wenn der Andere im Fading versinkt, wenn er sich zurückzieht, um nichts, es sei denn um einer Angst willen, die er nicht anders zum Ausdruck bringen vermag als mit den dürftigen Worten: ‘ich fühle mich nicht wohl’, scheint er in einem Nebel in die Ferne zurückzuweichen; durchaus nicht tot, aber eine verschwommene Gestalt im Reiche der Schatten; Odysseus hat ihnen einen Besuch abgestattet, sie beschworen (Nekyia); unter ihnen weilte der Schatten seiner Mutter; ich nenne, ich beschwöre so den Anderen, die Mutter, aber was da heraufkommt, ist lediglich ein Schatten.
[…]

—Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 106ff.

In einem Abschnitt seines Buchs ‘The Claim of Reason’ erwähnt Stanley Cavell das ‘Gewahren eines Punkts, an dem der weitere Verlauf oder das Los [path] unserer Kommunikation davon abhängt, daß du den nächsten Schritt tust, ohne anderen Beistand, diesen Schritt zu tun.’
[…]
Weil an diesem Punkt Liebe und Freundschaft auf die Probe gestellt werden, ist er für deren Bildung und Erneuerung sogar ausschlaggebend. Wir dürfen Regung und Urteil, Gewahren und Wissen nicht einfach gleichsetzen, beinhaltet und erlaubt Wissen ein urteilendes Verfügen über das ‘Kommunizieren’ und die Regungen, die es hervorruft. In dem Augenblick, in dem ich dessen gewahr werde, daß es so ist: daß du den nächsten Schritt tun mußt, weiß ich lediglich, daß es in unserer Beziehung, zwischen dir und mir, in der ‘Kommunikation’, die sich zwischen uns ereignet, etwas gibt, das mich zum Innehalten anhält. Ich muß unterbrechen, eine Unterbrechung zum Ausdruck bringen, will ich unsere Beziehung fortsetzen, will ich klären, was es damit auf sich hat. Es mag so scheinen, als würde ich mich dabei von dir entfernen, ja, als würde ich auf meinem ‘eigenen Titel’ insistieren. Vielleicht kann ich dir aber niemals näher sein als in diesem Augenblick. Jetzt haben wir eine Chance, es richtig zu machen. Die Kommunikation bricht nicht schlichtweg ab. Wir haben den Punkt erreicht, an dem wir gegenüber dem ‘Kommunizieren’ besonders aufmerksam sind, besonders empfindlich, einen Punkt, an dem die höchsten Anforderungen an unsere Fähigkeit, dieses oder jenes zu gewahren, ergehen, einen aphoristischen Punkt des Vollzugs oder der integralen Aktualität. Ich vertraue darauf, daß du den Unterschied kennst. Vielleicht wirst du ihn mir verdeutlichen.WIe kann ich allerdings eines solchen Punktes gewahr werden, eines So-ist-es, das so ungewiß und schwer bestimmbar ist, das sich so sehr der Feststellung entzieht, daß meine Antwort auf die unausweichliche Forderung, innezuhalten, auch eine Entscheidung, eine Wette, eine Herausforderung sein muß, eine schreckliche Last, die ich deiner Zuwendung aufzubürden wage? Der Weg führt durch einen Bereich, in dem Gewalt herrscht. Jeder getane oder vermiedene Schritt ist ebenso gewaltsam wie die Schritte der Tänzer, die sich in William Forsythes ‘Choreographie One Flat Thing, Reproduced’ schnell, gefährlich wagemutig bewegen, zwischen, unter, auf dicht nebeneinandergestellten Tischen, die rechteckig und kantig sind. Werden wir uns verletzen? Ich weiß vielleicht, warum unser ‘Kommunizieren’ an den Punkt gelangt ist, an dem ich spüre, daß ich innehalten muß. Diese Forderung teilt mir aber gerade mit, daß der fragliche Punkt ein Wendepunkt ist, ein Punkt, an dem sich etwas zeigen wird, das unsere Beziehung selber betrifft, das sie entweder einen Schritt weiter oder zu ihrem Ende bringt. Dessen gewahr zu sein, daß wir uns an einem Wendepunkt befinden, bedeutet demnach, daß ich auf die Grenzen meines Wissens stoße, zumindest im Hinblick auf unser ‘Kommunizieren’.

—Alexander García Düttmann: So ist es. Ein philosophischer Kommentar zu Adornos ‘Minima Moralia’. Frankfurt am Main 2004, S. 82f.

Das Exil des Imaginären
EXIL. Wenn das Subjekt sich entschließt, dem Stande der Liebe zu entsagen, sieht es sich traurig aus seinem Imaginären verbannt.
[…]
Bei der Trauer des Liebenden ist das Objekt weder tot noch fern. Ich bin es, der beschließt, daß sein Bild sterben muß (…). In der ganzen Zeitspanne, die diese merkwürdige Trauer in Anspruch nimmt, muß ich also zwei gegensätzliche Arten von Unglück ertragen: darunter leiden, daß der Andere präsent ist (und mich unwissentlich zu verletzen fortfährt), und darum trauern, daß er tot ist (wenigstens der, den ich geliebt habe). Also ängstige ich mich (alte Gewohnheit) wegen eines Telephonanrufes, der ausbleibt, muß mir aber gleichzeitig sagen, daß diese Stille auf jeden Fall folgenlos ist, weil ich ja beschlossen habe, diese Besorgnis in den Wind zu schlagen: nur dem geliebten Bild galt ja die Erwartung eines Anrufes; da dieses Bild verblaßt ist, erhält das Telephon, ob es nun klingelt oder nicht, seine belanglose Existenz zurück.
[…]
Jetzt ist keinerlei Widerhall mehr zu verspüren; alles ist ruhig, und das ist um so schlimmer. Wenn auch durch eine Ökonomie gerechtfertigt - das Bild stirbt, damit ich leben kann -, bleibt von der Trauer des Liebenden doch stets ein Rest: unaufhörlich kehrt ein Wort wieder: ‘Wie schade!’.
[…]
Ich versuche, mich vom Imaginären der Liebe loszureißen: das Imaginäre aber glimmt unterirdisch weiter wie schlecht gelöschter Torf; es entzündet sich von neuem; was entsagend aufgeben wurde, taucht wieder auf; aus dem schlecht verschlossenen Grabe dringt jählings ein langer Schrei.

—Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 102ff.

Verkehrt ist richtig

Ein Wirrsal ist’s solang’ es währt,
du tappst darin, als wär’s verkehrt,
und in dem Dunkel da und dort
erkennst du nur das Rätselwort.

Rätsel

Bald ist’s von dieser, bald von jener Sorte:
dort gilt’s der Silbe, hier gilt es dem Worte.
Leicht läßt es dich in alle Ferne schweifen,
wiewohl grad nur das Nächste ergreifen.
Bescheiden steht’s und wartet in der Ecke,
bis du den Sinn holst aus dem Wortverstecke.
Wenn endlich dir die Lösung glücken soll,
sei zu bedenken dieses dir gegeben:
gelöst wär’ nur dies eine eben,
jedoch fast jedes Ding im Leben,
es bleibt dir leider dessen voll.
Ja mehr als das - ich wag es auszusprechen
und will dich warnen, ehe es zu spät -,
dies eine selbst, es lohnt kein Kopfzerbrechen:
denn Rätsel bleibt es, wenn man’s auch errrät.

Karl Kraus: Rätsel. Die Fackel, Nr. 834-837, Mai 1930, XXXII. Jahr, S. 12 - 14.

In: Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel, Band 11, Nr. 834 bis 922, Mai 1930 bis Februar 1936, München 1976.

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