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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Was die Bilder von den »Wesenheiten« der Phänomenologie unterscheidet, das ist ihr historischer Index. (Heidegger sucht vergeblich die Geschichte für die Phänomenologie abstrakt, durch die »Geschichtlichkeit« zu retten.) Diese Bilder sind durchaus abzugrenzen von den »geisteswissenschaftlichen« Kategorien, dem sogenannten Habitus, dem Stil etc. Der historische Index der Bilder sagt nämlich nicht nur, daß sie einer bestimmten Zeit angehören, er sagt vor allem, daß sie erst in einer bestimmten Zeit zur Lesbarkeit kommen. Und zwar ist dieses »zur Lesbarkeit« gelangen ein bestimmter kritischer Punkt der Bewegung in ihrem Innern. Jede Gegenwart ist durch diejenigen Bilder bestimmt, die mit ihr synchronistisch sind: jedes Jetzt ist das Jetzt einer bestimmten Erkennbarkeit. In ihm ist die Wahrheit mit Zeit bis zum Zerspringen geladen. (Dies Zerspringen, nichts anderes, ist der Tod der Intentio, der also mit der Geburt der echten historischen Zeit, der Zeit der Wahrheit, zusammenfällt.) Nicht so ist es, daß das Vergangene sein Licht auf das Gegenwärtige oder das Gegenwärtige sein Licht auf das Vergangene wirft, sondern Bild ist dasjenige, worin das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt. Mit anderen Worten: Bild ist die Dialektik im Stillstand. Denn während die Beziehung der Gegenwart zur Vergangenheit eine rein zeitliche ist, ist die des Gewesenen zum Jetzt eine dialektische: nicht zeitlicher sondern bildlicher Natur. Nur dialektische Bilder sind echt geschichtliche, d.h. nicht archaische Bilder. Das gelesene Bild, will sagen das Bild im Jetzt der Erkennbarkeit trägt im höchsten Grade den Stempel des kritischen, gefährlichen Moments, welcher allem Lesen zugrunde liegt.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [N 3, 1]: Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 577f.

Schreiben heißt die Leere erschaffen, worin die furchtbare Tatsache, daß das Rettende fehlt, erkennbar wird.

Jean Cayrol

[via noxe]


Erwin Blumenfeld, Le Poudrier, 1944
[via frenchtwist]

Erwin Blumenfeld, Le Poudrier, 1944

[via frenchtwist]

Wir glauben, der Leib unterliege den Gesetzen der Physiologie und sei daher der Geschichte entzogen. Doch auch das ist ein Irrtum. Der Leib ist einer ganzen Reihe von Regimen unterworfen, die ihn formen, etwa dem Wechsel von Arbeit, Muße und Festlichkeiten; er wird vergiftet von Nahrung und von Werten, von Ernährungsgewohnheiten geradeso wie von Moralgesetzen; und er bildet Resistenzen aus. Die ‘wirkliche’ Historie unterscheidet sich von der Historie der Historiker dadurch, daß sie keinerlei Beständigkeit vorraussetzt: Nichts am Menschen - und auch nicht an seinem Leib - ist so unveränderlich, daß man die anderen dadurch begreifen und sich selbst in ihnen wieder erkennen könnte. Alles, worauf man sich stützen mag, um sich der Geschichte zuzuwenden und sie in ihrer Totalität zu erfassen, und alles, was sie als ruhige, kontinuierliche Bewegung erscheinen läßt, muß systematisch zerstört werden. Es gilt, alles in Stücke zu schlagen, was dem tröstlichen Spiel des Wiedererkennens Vorschub leistet. Wissen bedeutet selbst auf historischer Ebene nicht ‘wieder finden’ und erst recht nicht ‘uns selbst wiederfinden’. Die Historie wird in dem Maße ‘wirklich’ sein, wie sie das Diskontinuierliche in unser Sein einführt. Sie wird unsere Gefühle unterteilen und unsere Triebe dramatisieren; sie wird unseren Leib vervielfachen und ihm selbst entgegensetzen. Sie wird nichts unter sich dulden, das die beruhigende Stabilität des Lebens oder der Natur besäße; sie wird sich nicht von einer stummen, beharrlichen Bewegung tragen lassen, die angeblich in ein großes Ziel mündet. Sie wird ihre eigenen Fundamente untergraben und die vorgebliche Kontinuität zerstören. Denn Wissen dient nicht dem Verstehen, sondern dem Zerschneiden.

Michel Foucault: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. Deutsche Übersetzung von Michael Bischoff aus: Michel Foucault, Schriften. Dits et Ecrits, Bd. II, 1970 - 1975, Frankfurt am Main 2002, S. 166 - 191. In: Werner Hamacher (Hrsg.): Nietzsche aus Frankreich. Berlin/Wien 2003, S. 110f.

[Eine neuere (?) Übersetzung für die adaequatio]

Die Klage ist aber der undifferenzierteste, ohnmächtige Ausdruck der Sprache, sie enthält fast nur den sinnlichen Hauch; und wo auch nur Pflanzen rauschen, klingt immer eine Klage mit. Weil sie stumm ist, trauert die Natur. Doch noch tiefer führt in das Wesen der Natur die Umkehrung dieses Satzes ein: die Traurigkeit der Natur macht sie verstummen. Es ist in aller Trauer der tiefste Hang zur Sprachlosigkeit, und das ist unendlich viel mehr als Unfähigkeit oder Unlust zur Mitteilung. Das Traurige fühlt sich so durch und durch erkannt vom Unerkennbaren. Benannt zu sein - selbst wenn der Nennende ein Göttergleicher und Seliger ist - bleibt vielleicht immer eine Ahnung von Trauer.

Walter Benjamin: Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen.

[via hintergrundrauschen]

Paul Ruiz - Visage, 2010Oil on Linen41 x 30 cm
"Das banale Faktum des Gesprächs verläßt  auf der einen Seite die Ordnung der Gewalt. Dieses banale Faktum ist  das Wunder aller Wunder.
Sprechen heißt den Anderen erkennen und sich ihm gleichzeitig zu erkennen geben. Der Andere wird nicht nur erkannt, er wird begrüßt. Er  wird nicht nur benannt, sondern auch angerufen. Um es grammatikalisch  auszudrücken: der Andere erscheint nicht im Nominativ, sondern im  Vokativ. Ich denke nicht nur daran, was er für mich ist, sondern  gleichzeitig und sogar schon vorher bin ich für ihn. Indem ich einen Begriff auf ihn anwende, indem ich ihn so oder so nenne, berufe ich mich bereits auf ihn. Ich erkenne nicht nur, ich bin auch in Gesellschaft. Eben dieser Umgang, den  das gesprochene Wort impliziert, ist das Handeln ohne Gewalt: der Handelnde hat im  Augenblick seines Handelns auf alles Beherrschen, auf jede Herrschaft  verzichtet, setzt sich bereits, in Erwartung der Antwort, dem Handeln  des Anderen aus. Sprechen und Zuhören fallen zusammen, folgen nicht  aufeinander. Sprechen begründet somit das moralische Verhältnis der  Gleichheit und erkennt folglich die Gerechtigkeit an. Selbst wenn man zu  einem Sklaven spricht, spricht man zu einem Gleichen. Was man sagt, der  kommunizierte Inhalt, ist nur dank diesem Verhältnis des von Angesicht  zu Angesicht möglich, in dem der Andere, noch bevor er erkannt ist, als  Gesprächspartner zählt. Man blickt einen Blick an. Einen Blick anblicken  heißt anblicken, was sich nicht preisgibt, sich nicht ausliefert,  sondern einen ins >Visier< nimmt: es heißt das Gesicht (visage)  anblicken.
Das Gesicht ist nicht die Verbindung von Nase, Stirn, Augen  usw. Zwar ist es das, erhält jedoch die Bedeutung eines Gesichts durch  die neue Dimension, die es in der Wahrnehmung eines Seins eröffnet.  Durch das Gesicht ist das Sein nicht nur in seine Form eingeschlossen  und der Hand dargeboten – es ist offen, setzt sich in der Tiefe fest und  stellt sich in dieser Öffnung gewissermaßen persönlich dar. Das Gesicht  ist ein irreduzibler Modus, dem zufolge das Sein sich in seiner  Identität darstellen kann. Die Dinge sind das, was sich niemals  persönlich darstellt und letztlich keine Identität hat. Auf das Ding  bezieht sich die (18) Gewalt. Sie verfügt über es, ergreift es. Die  Dinge bieten eine handhabe, sie zeigen kein Gesicht. Es sind Seiende  ohne Gesicht. Vielleicht sucht die Kunst den Dingen ein Gesicht zu  geben, und darin liegt sowohl ihre Größe wie ihre Lüge.”
Emmanuel Lévinas: Geist und Gesicht. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Frankfurt am Main 1996, S. 17f.

Paul Ruiz - Visage, 2010
Oil on Linen
41 x 30 cm

"Das banale Faktum des Gesprächs verläßt auf der einen Seite die Ordnung der Gewalt. Dieses banale Faktum ist das Wunder aller Wunder.

Sprechen heißt den Anderen erkennen und sich ihm gleichzeitig zu erkennen geben. Der Andere wird nicht nur erkannt, er wird begrüßt. Er wird nicht nur benannt, sondern auch angerufen. Um es grammatikalisch auszudrücken: der Andere erscheint nicht im Nominativ, sondern im Vokativ. Ich denke nicht nur daran, was er für mich ist, sondern gleichzeitig und sogar schon vorher bin ich für ihn. Indem ich einen Begriff auf ihn anwende, indem ich ihn so oder so nenne, berufe ich mich bereits auf ihn. Ich erkenne nicht nur, ich bin auch in Gesellschaft. Eben dieser Umgang, den das gesprochene Wort impliziert, ist das Handeln ohne Gewalt: der Handelnde hat im Augenblick seines Handelns auf alles Beherrschen, auf jede Herrschaft verzichtet, setzt sich bereits, in Erwartung der Antwort, dem Handeln des Anderen aus. Sprechen und Zuhören fallen zusammen, folgen nicht aufeinander. Sprechen begründet somit das moralische Verhältnis der Gleichheit und erkennt folglich die Gerechtigkeit an. Selbst wenn man zu einem Sklaven spricht, spricht man zu einem Gleichen. Was man sagt, der kommunizierte Inhalt, ist nur dank diesem Verhältnis des von Angesicht zu Angesicht möglich, in dem der Andere, noch bevor er erkannt ist, als Gesprächspartner zählt. Man blickt einen Blick an. Einen Blick anblicken heißt anblicken, was sich nicht preisgibt, sich nicht ausliefert, sondern einen ins >Visier< nimmt: es heißt das Gesicht (visage) anblicken.

Das Gesicht ist nicht die Verbindung von Nase, Stirn, Augen usw. Zwar ist es das, erhält jedoch die Bedeutung eines Gesichts durch die neue Dimension, die es in der Wahrnehmung eines Seins eröffnet. Durch das Gesicht ist das Sein nicht nur in seine Form eingeschlossen und der Hand dargeboten – es ist offen, setzt sich in der Tiefe fest und stellt sich in dieser Öffnung gewissermaßen persönlich dar. Das Gesicht ist ein irreduzibler Modus, dem zufolge das Sein sich in seiner Identität darstellen kann. Die Dinge sind das, was sich niemals persönlich darstellt und letztlich keine Identität hat. Auf das Ding bezieht sich die (18) Gewalt. Sie verfügt über es, ergreift es. Die Dinge bieten eine handhabe, sie zeigen kein Gesicht. Es sind Seiende ohne Gesicht. Vielleicht sucht die Kunst den Dingen ein Gesicht zu geben, und darin liegt sowohl ihre Größe wie ihre Lüge.”

Emmanuel Lévinas: Geist und Gesicht. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Frankfurt am Main 1996, S. 17f.

(via merisoniomart)

Man gab mir einen Körper – wer
Sagt mir, wozu? Er ist nur mein, nur er.

Die stille Freude: atmen dürfen, leben.
Wem sei der Dank dafür gegeben?

Ich soll der Gärtner, soll die Blume sein.
Im Kerker Welt, da bin ich nicht allein.

Das Glas der Ewigkeit - behaucht:
Mein Atem, meine Wärme drauf.

Die Zeichnung auf dem Glas, die Schrift:
Du liest sie nicht, erkennst sie nicht.

Die Trübung, mag sie bald vergehn.
Es bleibt die zarte Zeichnung stehn.

Ossip Mandelstam: Hufeisenfinder. Gedichte. Leipzig 1993, S. 13.

[via diesebastionbehrisch]

Aus aktuellem und doch unzeitgemäßen Anlass lege ich »R e l i e f .« aus Walter Benjamins Einbahnstraße nahe. Seite 68f. in Ihrer Ausgabe. Herzlich, asked by Anonymous

»R e l i e f . —

Man ist zusammen mit der Frau, die man liebt, man spricht mit ihr. Dann, Wochen oder Monate später, wenn man von ihr getrennt ist, kommt einem wieder, wovon damals die Rede war. Und nun liegt das Motiv banal, grell, untief da, und man erkennt: nur sie, die sich aus Liebe tief darüber neigte, hat es vor uns beschattet und geschützt, daß wie ein Relief in allen Falten und in allen Winkeln der Gedanke lebte. Sind wir allein, wie jetzt, so liegt er flach, trost-, schattenlos im Lichte unserer Erkenntnis.«

Walter Benjamin: Einbahnstraße. Frankfurt am Main 1955, S. 68f.

Ich verneige mich vor Ihnen, Oh, liebe(r) Anonymous!

Was ich über die Liebe denke? - Kurzgesagt nichts. Ich möchte zwar wissen, was das ist, aber wenn ich darin befangen bin, nehme ich sie nur in ihrer Existenz, nicht in ihrer Essenz wahr. Was ich erkennen will (die Liebe), ist eben die Materie, die ich zum Sprechen benutze (der Diskurs des Liebenden). Die Reflexion ist mir zwar erlaubt, aber da diese Reflexion sogleich in den Fluß der Bilder hineingezogen wird, mündet sie nie in Reflexivität: aus der Logik ausgeschlossen (die Sprachen voraussetzt, die sich zueinander wie Innen und Außen verhalten), kann ich keinen Anspruch darauf erheben, gut zu denken. Deshalb mag ich ruhig jahrelang gut reden über die Liebe haben - ich darf doch nicht hoffen, ihren Begriff anders zu erfassen als ‘beim Schwanz’: anhand kurzer Blitzlichtaufnahmen, Formeln, Ausdrucksüberraschungen, wie sie im großen Geriesel des Imaginären verstreut liegen; ich bin im verrufenen Haus der Liebe, dem Ort ihres blendenden Lichtes: ‘Der dunkelste Platz ist immer unter der Lampe.’
[…]
Zwang: ich will in einer anderen Sprache als der meinen analysieren, wissen, aussagen; ich will mir meinen Wahn selbst darstellen, ich will ‘direkt ins Auge fassen’, was mich zerteilt, mich entzweischneidet. Versteht eure Narrheit: das war Zeus’ Geheiß, als er Apollo gebot, die Gesichtshälften der geteilten Zwitter (wie ein Ei, eine Vogelbeere) nach der Schnittfläche (dem Bauch) zu drehen, ‘damit der Mensch, seine Zerschnittenheit vor Augen habend, sittsamer würde’. Verstehen, heißt das nicht das Bild zerschneiden, das ich aufheben, jenes stolze Organ der Verkennung?

—Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 243f.

"Das banale Faktum des Gesprächs verläßt auf der einen Seite die Ordnung der Gewalt. Dieses banale Faktum ist das Wunder aller Wunder.
Sprechen heißt den Anderen erkennen und sich ihm gleichzeitig zu erkennen geben. Der Andere wird nicht nur erkannt, er wird begrüßt. Er wird nicht nur benannt, sondern auch angerufen. Um es grammatikalisch auszudrücken: der Andere erscheint nicht im Nominativ, sondern im Vokativ. Ich denke nicht nur daran, was er für mich ist, sondern gleichzeitig und sogar schon vorher bin ich für ihn. Indem ich einen Begriff auf ihn anwende, indem ich ihn so oder so nenne, berufe ich mich bereits auf ihn. Ich erkenne nicht nur, ich bin auch in Gesellschaft. Eben dieser Umgang, den das gesprochene Wort impliziert, ist das Handeln ohne Gewalt: der Handelnde hat im Augenblick seines Handelns auf alles Beherrschen, auf jede Herrschaft verzichtet, setzt sich bereits, in Erwartung der Antwort, dem Handeln des Anderen aus. Sprechen und Zuhören fallen zusammen, folgen nicht aufeinander. Sprechen begründet somit das moralische Verhältnis der Gleichheit und erkennt folglich die Gerechtigkeit an. Selbst wenn man zu einem Sklaven spricht, spricht man zu einem Gleichen. Was man sagt, der kommunizierte Inhalt, ist nur dank diesem Verhältnis des von Angesicht zu Angesicht möglich, in dem der Andere, noch bevor er erkannt ist, als Gesprächspartner zählt. Man blickt einen Blick an. Einen Blick anblicken heißt anblicken, was sich nicht preisgibt, sich nicht ausliefert, sondern einen ins &gt;Visier&lt; nimmt: es heißt das Gesicht (visage) anblicken.
Das Gesicht ist nicht die Verbindung von Nase, Stirn, Augen usw. Zwar ist es das, erhält jedoch die Bedutung eines Gesichts durch die neue Dimension, die es in der Wahrnehmung eines Seins eröffnet. Durch das Gesicht ist das Sein nicht nur in seine Form eingeschlossen und der Hand dargeboten – es ist offen, setzt sich in der Tiefe fest und stellt sich in dieser Öffnung gewissermaßen persönlich dar. Das Gesicht ist ein irreduzibler Modus, dem zufolge das Sein sich in seiner Identität darstellen kann. Die Dinge sind das, was sich niemals persönlich darstellt und letztlich keine Identität hat. Auf das Ding bezieht sich die (18) Gewalt. Sie verfügt über es, ergreift es. Die Dinge bieten eine handhabe, sie zeigen kein Gesicht. Es sind Seiende ohne Gesicht. Vielleicht sucht die Kunst den Dingen ein Gesicht zu geben, und darin liegt sowohl ihre Größe wie ihre Lüge.&#8221;
Emmanuel Lévinas: Geist und Gesicht. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Frankfurt am Main 1996, S. 17f.

"Das banale Faktum des Gesprächs verläßt auf der einen Seite die Ordnung der Gewalt. Dieses banale Faktum ist das Wunder aller Wunder.

Sprechen heißt den Anderen erkennen und sich ihm gleichzeitig zu erkennen geben. Der Andere wird nicht nur erkannt, er wird begrüßt. Er wird nicht nur benannt, sondern auch angerufen. Um es grammatikalisch auszudrücken: der Andere erscheint nicht im Nominativ, sondern im Vokativ. Ich denke nicht nur daran, was er für mich ist, sondern gleichzeitig und sogar schon vorher bin ich für ihn. Indem ich einen Begriff auf ihn anwende, indem ich ihn so oder so nenne, berufe ich mich bereits auf ihn. Ich erkenne nicht nur, ich bin auch in Gesellschaft. Eben dieser Umgang, den das gesprochene Wort impliziert, ist das Handeln ohne Gewalt: der Handelnde hat im Augenblick seines Handelns auf alles Beherrschen, auf jede Herrschaft verzichtet, setzt sich bereits, in Erwartung der Antwort, dem Handeln des Anderen aus. Sprechen und Zuhören fallen zusammen, folgen nicht aufeinander. Sprechen begründet somit das moralische Verhältnis der Gleichheit und erkennt folglich die Gerechtigkeit an. Selbst wenn man zu einem Sklaven spricht, spricht man zu einem Gleichen. Was man sagt, der kommunizierte Inhalt, ist nur dank diesem Verhältnis des von Angesicht zu Angesicht möglich, in dem der Andere, noch bevor er erkannt ist, als Gesprächspartner zählt. Man blickt einen Blick an. Einen Blick anblicken heißt anblicken, was sich nicht preisgibt, sich nicht ausliefert, sondern einen ins >Visier< nimmt: es heißt das Gesicht (visage) anblicken.

Das Gesicht ist nicht die Verbindung von Nase, Stirn, Augen usw. Zwar ist es das, erhält jedoch die Bedutung eines Gesichts durch die neue Dimension, die es in der Wahrnehmung eines Seins eröffnet. Durch das Gesicht ist das Sein nicht nur in seine Form eingeschlossen und der Hand dargeboten – es ist offen, setzt sich in der Tiefe fest und stellt sich in dieser Öffnung gewissermaßen persönlich dar. Das Gesicht ist ein irreduzibler Modus, dem zufolge das Sein sich in seiner Identität darstellen kann. Die Dinge sind das, was sich niemals persönlich darstellt und letztlich keine Identität hat. Auf das Ding bezieht sich die (18) Gewalt. Sie verfügt über es, ergreift es. Die Dinge bieten eine handhabe, sie zeigen kein Gesicht. Es sind Seiende ohne Gesicht. Vielleicht sucht die Kunst den Dingen ein Gesicht zu geben, und darin liegt sowohl ihre Größe wie ihre Lüge.”

Emmanuel Lévinas: Geist und Gesicht. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Frankfurt am Main 1996, S. 17f.