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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Ich weiß nicht, ob ich nichts zu sagen habe, ich weiß, dass ich nichts sage; ich weiß nicht, ob das, was ich zu sagen hätte, nicht gesagt wird, weil es das Unsagbare ist (das Unsagbare verkriecht sich nicht im Geschriebenen, es ist das, was das Schreiben lange zuvor ausgelöst hat); ich weiß, dass das, was ich sage, leer ist, farblos ist, ein für allemal das Zeichen ist für eine Vernichtung, die ein für allemal ist.
Genau das sage ich, das schreibe ich, und nur das findet sich in den Worten, die ich hinsetze, und in den Zeilen, die diese Worte zeichnen, und in den leeren Räumen, die der Abstand zwischen diesen Zeilen erscheinen lässt: ich kann noch so sehr meinen Sprachschnitzern hinterherjagen […] oder zwei Stunden lang von der Länge des Mantels meines Papas träumen oder in meinen Sätzen, um sie natürlich sogleich zu finden, die Lieblingsmelodie des Ödipus- oder des Kastrationskomplexes suchen, ich werde, selbst in meiner ewigen Wiederholung, in meinem bis zum Überdruss gehenden Grübeln immer nur den letzten Widerschein eines dem Geschriebenen fehlenden Wortes, den Skandal ihres Schweigens und meines Schweigens finden: ich schreibe nicht, um zu sagen, dass ich nichts sagen werde, ich schreibe nicht, um zu sagen, dass ich nichts zu sagen habe. Ich schreibe: ich schreibe, weil wir zusammen gelebt haben, weil ich unter ihnen geweilt habe, einer unter ihnen gewesen bin, ein Schatten inmitten ihrer Schatten, ein Körper nahe bei ihren Körpern; ich schreibe, weil sie in mir ihr unauslöschliches Zeichen hinterlassen haben und weil das Schreiben die Spur dieses Zeichens ist: die Erinnerung an sie ist für das Geschriebene tot; das Geschriebene, das Schreiben, ist die Erinnerung an ihren Tod und die Bejahung meines Lebens.

Georges Perec: W oder die Kindheitserinnerung, Zürich 2012, S. 47f.

[via diesebastionbehrisch:abendgesellschaft]

Ich spiele auf der Laute Erinnerung. Sie ist ein geringfügiges Instrument mit nur immer einem und demselben Klang. Dieser Klang ist bald lang, bald kurz, bald träge, bald hurtig. Er atmet in in ruhigen Zügen, oder er setzt in einem hastigen Sprung über sich selbst hinweg. Er ist traurig und lustig. Das Sonderbare ist nur, daß, wenn er schwermütig klingt, er mich lachen macht, daß, wenn er lustig ist und springt, ich dabei weinen muß.

Robert Walser: Sechs Kleine Geschichten: 2. Laute (1914). In: Jochen Greven (Hg.): Robert Walser – Das Gesamtwerk, Bd. 1. Zürich und Frankfurt am Main 1978, S. 112.

Musik stimmt mich immer traurig, aber so wie ein trauriges Lächeln ist. Ich möchte sagen: freundlich-traurig. […] Vor der Musik habe ich nur immer die eine Empfindung: mir fehlt etwas. Nie werde ich den Grund dieser sanften Traurigkeit erfahren, nie darnach forschen wollen. Ich wünsche es nicht zu wissen. Ich wünsche nicht alles zu wissen. […] Man liebt am innigsten, wenn man nicht weiß, daß man liebt. – Mich schmerzt die Musik. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich liebe. Sie trifft mich, wo sie mich eben antrifft. Ich suche sie nicht. Ich lasse mich von ihr schmeicheln. Aber dieses Schmeicheln verwundet. Wie soll ich es sagen? Musik ist ein Weinen in Melodien, ein Erinnern in Tönen, ein Gemälde in Klängen. Ich kann es schlecht sagen. […] Mir fehlt etwas, wenn ich keine Musik höre, und wenn ich Musik höre, fehlt mir erst recht etwas.

Robert Walser: Fritz Kochers Aufsätze: “Musik” (1904). In: Jochen Greven (Hg.): Robert Walser – Das Gesamtwerk, Bd. 1. Zürich und Frankfurt am Main 1978, S. 43f.

Er trifft Moll wieder, da die Welt eines jeden voll von den Molls ist. Aber an diesen Moll erinnert er sich kaum. Es ist der Weißt-du-noch-Moll. Es nützt ihm nichts, keine Ahnung zu haben, denn Moll erinnert sich um so besser an alles. […] Moll weiß noch den Tag, an dem er, Molls Freund, eine Riesendummheit gemacht hat, Moll, der die Negative seines Lebens in der Hand hat, seine Pleiten, seine Gewöhnlichkeiten getreu aufbewahrt hat.
[…]
Wie vermeidet man Moll? Welchen Sinn hat es, dieser Hydra Moll ein Haupt abzuschlagen, wenn ihr an Stelle eines jeden wieder zehn neue nachwachsen! Wenn er sich auch nicht daran erinnert, Moll je ein Recht auf eine einzige dieser Erinnerungen eingeräumt zu haben, so weiß er doch, wie es in Zukunft sein wird: Moll wird an allen Ecken und Enden auftauchen, immer wieder.

Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr. Erzählungen. München 1978, S. 37f.

RODIN

Des Meisters Leben geht von uns so fern,
als wär es schon in Mythen umgewandelt;
wir fühlen nur die Dinge, die er handelt,
– und nicht ihn selbst: wir haben keinen Herrn.

Wir sind allein und weit an einer Stelle,
wo längst der Strom dem Brückenmaß entwuchs,
uns redet, was vorübergeht: die Welle,
die leise Stimme eines fernen Buchs;

Erinnerung und Zukunft spricht und schweigt.
Wir aber müssen uns daran gewöhnen,
daß sich uns auf dem weiten Weg zum Schönen
der seltne Freund nur aus Fernen zeigt,
darin er einsam ist mit seinen Tönen.

II. Des Meisters Weg ist dunkel, als verlöre
er sich am Anfang einer alten Zeit.
Mir ist, als ob ich seine Einsamkeit,
wie man ein Meer bei Nacht hört – rauschen höre.
Wo kam er her? Wer sagts? Er kam von weit.

Und wir? weißt du es denn, woher wir stammen?
Oh unsre Wege sind wie Nacht und Wald.
Wer weiß, woher wir sind, wie reich, wie alt?
Und unsre Lampen scheue schwache Flammen
erhellen nicht mal die Gestalt –

viel weniger des Weges langen Lauf. –
Und das ist leben: nichts und keinen kennen,
nur alles sehn und zittern und nichts deuten, –
so hell wie möglich eine Weile brennen,
wie eine Kerze brennt bei fremden Leuten.

Rainer Maria Rilke: Rodin.

In: Rodin. Ein Vortrag. Die Briefe an Rodin, hrsg. von Oswalt von Nostitz. Frankfurt am Main und Hamburg 1955, S. 151f.

Die schöpferische Fabulation oder Fiktion hat weder mit der Erinnerung – und sei sie auch erweitert – zu tun noch mit einem Phantasma. Tatsächlich geht der Künstler, darin eingeschlossen der Romancier, über die perzeptiven Zustände und affektiven Übergänge des Erlebten hinaus. Er ist ein Seher, ein Werdender. Wie sollte er erzählen, was ihm geschehen ist oder was er sich in seiner Phantasie vorstellt, da er doch ein Schatten ist? Er hat in seinem Leben etwas allzu Großes, auch allzu Untragbares gesehen und die Zwänge des Lebens samt dem, wovon es bedroht ist, so daß der Rest an Natur, den er wahrnimmt, oder die Stadtviertel und deren Personen zu einer Vision gelangen, die vermittels ihrer die Perzepte dieses Lebens, dieses Augenblicks bildet, dabei die erlebten Perzeptionen in eine Art Kubismus, Simultaneismus, grellen Lichts oder Dämmerung, in Purpur oder Blau explodieren läßt, die kein anderes Objekt oder Subjekt mehr haben als sich selbst.

Gilles Deleuze/Félix Guattari: Was ist Philosophie? Frankfurt am Main 2000, S. 201.

Um aus den erlebten Perzeptionen herauszutreten, genügt das Gedächtnis natürlich nicht, das lediglich alte Perzeptionen heraufbeschwört, auch ein unwillkürliches Gedächtnis nicht, das die Wiedererinnerung als erhaltenden Faktor der Gegenwart hinzufügt. Das Gedächtnis greift in der Kunst nur selten ein (selbst und vor allem auch bei Proust). Wohl ist jedes Kunstwerk ein Monument, aber hier ist das Monument nicht etwas, das eine Vergangenheit ins Gedächtnis zurückruft, es ist ein Block gegenwärtiger Empfindungen, die ihre Bewahrung nur sich selbst verdanken und die dem Ereignis die Verbindung verleihen, durch die es gefeiert wird. Der Akt des Monuments ist nicht das Gedächtnis, vielmehr die Fabulation. Man schreibt nicht mit Kindheitserinnerungen, sondern durch Kindheitsblöcke, die ein Kind-Werden des Gegenwärtigen sind. Die Musik ist voll davon. Nicht Gedächtnis braucht es, sondern ein komplexes Material, das man nicht im Gedächtnis findet, sondern in den Wörtern, in den Tönen: ‘Gedächtnis, ich hasse dich.’ Zum Perzept oder zum Affekt dringt man nur vor als zu autonomen und sich selbst genügenden Wesen, die denjenigen, die sie empfinden oder empfunden haben, nichts mehr schulden: […].

—Gilles Deleuze/Félix Guattari: Was ist Philosophie? Frankfurt am Main 2000, S. 196f.

Die kopernikanische Wendung in der geschichtlichen Anschauung ist diese: man hielt für den fixen Punkt das »Gewesene« und sah die Gegenwart bemüht, an dieses Feste die Erkenntnis tastend heranzuführen. Nun soll sich dieses Verhältnis umkehren und das Gewesene zum dialektischen Umschlag, zum Einfall des erwachten Bewußtseins werden. Die Politik erhält den Primat über die Geschichte. Die Fakten werden etwas, was uns soeben zustieß, sie festzustellen ist die Sache der Erinnerung. Und in der Tat ist das Erwachen der exemplarische Fall des Erinnerns: der Fall, in welchem es uns glückt, des Nächsten, Banalsten, Naheliegendsten uns zu erinnern. Was Proust mit dem experimentierenden Umstellen der Möbel im morgendlichen Halbschlummer meint, Bloch als das Dunkel des gelebten Augenblicks erkennt, ist nichts anderes als was hier in der Ebene des Geschichtlichen, und kollektiv, gesichert werden soll. Es gibt Noch-nicht-bewußtes-Wissen vom Gewesenen, dessen Förderung die Struktur des Erwachens hat.

[…]


Man sagt, daß die dialektische Methode darum geht, der jeweiligen konkret-geschichtlichen Situation ihres Gegenstandes gerecht zu werden. Aber das genügt nicht. Denn ebensosehr geht es ihr darum, der konkret-geschichtlichen Situation des Interesses für ihren Gegenstand gerecht zu werden. Und diese letztere Situation liegt immer darin beschlossen, daß es selber sich präformiert in jenem Gegenstande, vor allem aber, daß es jenen Gegenstand in sich selber konkretisiert, aus seinem Sein von damals in die höhere Konkretion des Jetztseins (Wachseins!) aufgerückt fühlt. Wieso dies Jetztsein (das nicht weniger als das Jetztsein der »Jetztzeit« – sondern ein stoßweises, intermittierendes – ist) an sich schon eine höhere Konkretion bedeutet – diese Frage kann die dialektische Methode freilich nicht in der Ideologie des Fortschritts sondern nur in einer, an allen Teilen diese überwindenden Geschichtsanschauung erfassen. In ihr wäre von der zunehmenden Verdichtung (Integration) der Wirklichkeit zu sprechen, in der alles Vergangene (zu seiner Zeit) einen höheren Aktualitätsgrad als im Augenblick seines Existierens erhalten kann. Wie es als höhere Aktualität sich ausprägt, das schafft das Bild als das und in dem es verstanden wird. Und diese dialektische Durchdringung und Vergegenwärtigung vergangener Zusammenhänge ist die Probe auf die Wahrheit des gegenwärtigen Handelns. Das heißt: sie bringt den Sprengstoff, der im Gewesenen liegt (…) zur Entzündung. So an das Gewesene herangehen, das heißt nicht wie bisher es auf historische sondern auf politische Art, in politischen Kategorien behandeln.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [K 1, 2] und [K 2, 3]: Traumstadt und Traumhaus, Zukunftsträume, Anthropologischer Nihilismus, Jung.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt am Main 1991, S. 490f. und 494f.

[via walter-benjamin-bluemchen]

19. April 1943 
„[…] Znałam takich. Drażnił ich świat – ponieważ był. Nie miał prawa być po tym, co śię zdarzyło, a istniał w najlepsze.””[…] Ich habe solche Leute gekannt. Die Welt ärgerte sie - weil sie da war. Sie hatte nach allem, was geschehen war, nicht das Recht zu bestehen, aber sie existierte aufs beste.”
Hanna Krall
[Herzlichen Dank an Jakub!]

19. April 1943 

„[…] Znałam takich. Drażnił ich świat – ponieważ był. Nie miał prawa być po tym, co śię zdarzyło, a istniał w najlepsze.”

”[…] Ich habe solche Leute gekannt. Die Welt ärgerte sie - weil sie da war. Sie hatte nach allem, was geschehen war, nicht das Recht zu bestehen, aber sie existierte aufs beste.”

Hanna Krall

[Herzlichen Dank an Jakub!]

minusgold:

"LAUT ZU LESEN


es ist nicht deine schuld,
dass er dein gesicht nicht berühren kann,
deine nähe nicht sucht.

es ist nicht deine schuld,
dass die fäden seiner angst ihm die hände fesseln,
sich niemals nach dir ausstrecken.

es ist nicht deine schuld,
dass seine sprache deine schönheit nicht zu benennen vermag,
dass er, anders als du, von fremden träumt.

es ist nicht deine schuld,
dass sein schweigen deine uhren frisst,
seine antworten jahre brauchen.

es ist nicht deine schuld,
dass er sich kaputt in höhlen verkriecht,
lieber, als deine unberührten hände zu halten.

es ist nicht deine schuld.

und dennoch,
ist es deine haut,
die zu reißen versucht
es ist dein herz,
das die liebe verflucht

dein kopf,
der nach befreiung schreit,
deine zeit,
die sich zwischen nachrichten verteilt

deine lippen,
rosa ungeküsst
deine wunden
triefen weiter ungewusst


du, die zu lieben sich so sicher war
du und dein herz bleiben verwundbar.”

Jean-Luc Nancy: Destruktion als Erinnerung der Struktion oder Techné.

"Jean-Luc Nancy führt mit Erich Hörl ein Gespräch zur Frage der Technik. In Nancys einleitenden Bemerkungen und in der folgenden Unterredung werden diagnostisch hochvirulente Gedanken zum anderen und neuen Sinn der Technik entfaltet und weiter vorangetrieben, die Nancys Werk schon seit längerem durchziehen, deren Bündelung aber noch aussteht.

Jean-Luc Nancy (geb. 1940) zählt zu den bedeutendsten Denkern der Gegenwart. Sein vielfältiges Werk, das international und weit über die Grenzen der Universität hinaus rezipiert wird, umfaßt Arbeiten zur Ontologie der Gemeinschaft, Studien zur Metamorphose des Sinns und zu den Künsten, Abhandlungen zur Bildtheorie und nicht zuletzt zur Dekonstruktion des Christentums. Es sind zahlreiche deutsche Übersetzungen erschienen, u.a.: Die Musen (Stuttgart 1999); Die Erschaffung der Welt oder die Globalisierung (Zürich/Berlin 2003); Singulär Plural Sein (Zürich/Berlin 2004), Der Eindringling (Berlin 2000); Corpus (Zürich/Berlin 2003); Am Grund der Bilder (Zürich/Berlin 2006); Dekonstruktion des Christentums (Zürich/Berlin 2008).”

[via derdrittep]

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