Nº. 1 of  3

Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Erinnerung:

RODIN

Des Meisters Leben geht von uns so fern,
als wär es schon in Mythen umgewandelt;
wir fühlen nur die Dinge, die er handelt,
– und nicht ihn selbst: wir haben keinen Herrn.

Wir sind allein und weit an einer Stelle,
wo längst der Strom dem Brückenmaß entwuchs,
uns redet, was vorübergeht: die Welle,
die leise Stimme eines fernen Buchs;

Erinnerung und Zukunft spricht und schweigt.
Wir aber müssen uns daran gewöhnen,
daß sich uns auf dem weiten Weg zum Schönen
der seltne Freund nur aus Fernen zeigt,
darin er einsam ist mit seinen Tönen.

II. Des Meisters Weg ist dunkel, als verlöre
er sich am Anfang einer alten Zeit.
Mir ist, als ob ich seine Einsamkeit,
wie man ein Meer bei Nacht hört – rauschen höre.
Wo kam er her? Wer sagts? Er kam von weit.

Und wir? weißt du es denn, woher wir stammen?
Oh unsre Wege sind wie Nacht und Wald.
Wer weiß, woher wir sind, wie reich, wie alt?
Und unsre Lampen scheue schwache Flammen
erhellen nicht mal die Gestalt –

viel weniger des Weges langen Lauf. –
Und das ist leben: nichts und keinen kennen,
nur alles sehn und zittern und nichts deuten, –
so hell wie möglich eine Weile brennen,
wie eine Kerze brennt bei fremden Leuten.

Rainer Maria Rilke: Rodin.

In: Rodin. Ein Vortrag. Die Briefe an Rodin, hrsg. von Oswalt von Nostitz. Frankfurt am Main und Hamburg 1955, S. 151f.

Die schöpferische Fabulation oder Fiktion hat weder mit der Erinnerung – und sei sie auch erweitert – zu tun noch mit einem Phantasma. Tatsächlich geht der Künstler, darin eingeschlossen der Romancier, über die perzeptiven Zustände und affektiven Übergänge des Erlebten hinaus. Er ist ein Seher, ein Werdender. Wie sollte er erzählen, was ihm geschehen ist oder was er sich in seiner Phantasie vorstellt, da er doch ein Schatten ist? Er hat in seinem Leben etwas allzu Großes, auch allzu Untragbares gesehen und die Zwänge des Lebens samt dem, wovon es bedroht ist, so daß der Rest an Natur, den er wahrnimmt, oder die Stadtviertel und deren Personen zu einer Vision gelangen, die vermittels ihrer die Perzepte dieses Lebens, dieses Augenblicks bildet, dabei die erlebten Perzeptionen in eine Art Kubismus, Simultaneismus, grellen Lichts oder Dämmerung, in Purpur oder Blau explodieren läßt, die kein anderes Objekt oder Subjekt mehr haben als sich selbst.

Gilles Deleuze/Félix Guattari: Was ist Philosophie? Frankfurt am Main 2000, S. 201.

Um aus den erlebten Perzeptionen herauszutreten, genügt das Gedächtnis natürlich nicht, das lediglich alte Perzeptionen heraufbeschwört, auch ein unwillkürliches Gedächtnis nicht, das die Wiedererinnerung als erhaltenden Faktor der Gegenwart hinzufügt. Das Gedächtnis greift in der Kunst nur selten ein (selbst und vor allem auch bei Proust). Wohl ist jedes Kunstwerk ein Monument, aber hier ist das Monument nicht etwas, das eine Vergangenheit ins Gedächtnis zurückruft, es ist ein Block gegenwärtiger Empfindungen, die ihre Bewahrung nur sich selbst verdanken und die dem Ereignis die Verbindung verleihen, durch die es gefeiert wird. Der Akt des Monuments ist nicht das Gedächtnis, vielmehr die Fabulation. Man schreibt nicht mit Kindheitserinnerungen, sondern durch Kindheitsblöcke, die ein Kind-Werden des Gegenwärtigen sind. Die Musik ist voll davon. Nicht Gedächtnis braucht es, sondern ein komplexes Material, das man nicht im Gedächtnis findet, sondern in den Wörtern, in den Tönen: ‘Gedächtnis, ich hasse dich.’ Zum Perzept oder zum Affekt dringt man nur vor als zu autonomen und sich selbst genügenden Wesen, die denjenigen, die sie empfinden oder empfunden haben, nichts mehr schulden: […].

—Gilles Deleuze/Félix Guattari: Was ist Philosophie? Frankfurt am Main 2000, S. 196f.

Die kopernikanische Wendung in der geschichtlichen Anschauung ist diese: man hielt für den fixen Punkt das »Gewesene« und sah die Gegenwart bemüht, an dieses Feste die Erkenntnis tastend heranzuführen. Nun soll sich dieses Verhältnis umkehren und das Gewesene zum dialektischen Umschlag, zum Einfall des erwachten Bewußtseins werden. Die Politik erhält den Primat über die Geschichte. Die Fakten werden etwas, was uns soeben zustieß, sie festzustellen ist die Sache der Erinnerung. Und in der Tat ist das Erwachen der exemplarische Fall des Erinnerns: der Fall, in welchem es uns glückt, des Nächsten, Banalsten, Naheliegendsten uns zu erinnern. Was Proust mit dem experimentierenden Umstellen der Möbel im morgendlichen Halbschlummer meint, Bloch als das Dunkel des gelebten Augenblicks erkennt, ist nichts anderes als was hier in der Ebene des Geschichtlichen, und kollektiv, gesichert werden soll. Es gibt Noch-nicht-bewußtes-Wissen vom Gewesenen, dessen Förderung die Struktur des Erwachens hat.

[…]


Man sagt, daß die dialektische Methode darum geht, der jeweiligen konkret-geschichtlichen Situation ihres Gegenstandes gerecht zu werden. Aber das genügt nicht. Denn ebensosehr geht es ihr darum, der konkret-geschichtlichen Situation des Interesses für ihren Gegenstand gerecht zu werden. Und diese letztere Situation liegt immer darin beschlossen, daß es selber sich präformiert in jenem Gegenstande, vor allem aber, daß es jenen Gegenstand in sich selber konkretisiert, aus seinem Sein von damals in die höhere Konkretion des Jetztseins (Wachseins!) aufgerückt fühlt. Wieso dies Jetztsein (das nicht weniger als das Jetztsein der »Jetztzeit« – sondern ein stoßweises, intermittierendes – ist) an sich schon eine höhere Konkretion bedeutet – diese Frage kann die dialektische Methode freilich nicht in der Ideologie des Fortschritts sondern nur in einer, an allen Teilen diese überwindenden Geschichtsanschauung erfassen. In ihr wäre von der zunehmenden Verdichtung (Integration) der Wirklichkeit zu sprechen, in der alles Vergangene (zu seiner Zeit) einen höheren Aktualitätsgrad als im Augenblick seines Existierens erhalten kann. Wie es als höhere Aktualität sich ausprägt, das schafft das Bild als das und in dem es verstanden wird. Und diese dialektische Durchdringung und Vergegenwärtigung vergangener Zusammenhänge ist die Probe auf die Wahrheit des gegenwärtigen Handelns. Das heißt: sie bringt den Sprengstoff, der im Gewesenen liegt (…) zur Entzündung. So an das Gewesene herangehen, das heißt nicht wie bisher es auf historische sondern auf politische Art, in politischen Kategorien behandeln.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [K 1, 2] und [K 2, 3]: Traumstadt und Traumhaus, Zukunftsträume, Anthropologischer Nihilismus, Jung.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt am Main 1991, S. 490f. und 494f.

[via walter-benjamin-bluemchen]

19. April 1943 
„[…] Znałam takich. Drażnił ich świat – ponieważ był. Nie miał prawa być po tym, co śię zdarzyło, a istniał w najlepsze.””[…] Ich habe solche Leute gekannt. Die Welt ärgerte sie - weil sie da war. Sie hatte nach allem, was geschehen war, nicht das Recht zu bestehen, aber sie existierte aufs beste.”
Hanna Krall
[Herzlichen Dank an Jakub!]

19. April 1943 

„[…] Znałam takich. Drażnił ich świat – ponieważ był. Nie miał prawa być po tym, co śię zdarzyło, a istniał w najlepsze.”

”[…] Ich habe solche Leute gekannt. Die Welt ärgerte sie - weil sie da war. Sie hatte nach allem, was geschehen war, nicht das Recht zu bestehen, aber sie existierte aufs beste.”

Hanna Krall

[Herzlichen Dank an Jakub!]

minusgold:

“LAUT ZU LESEN


es ist nicht deine schuld,
dass er dein gesicht nicht berühren kann,
deine nähe nicht sucht.

es ist nicht deine schuld,
dass die fäden seiner angst ihm die hände fesseln,
sich niemals nach dir ausstrecken.

es ist nicht deine schuld,
dass seine sprache deine schönheit nicht zu benennen vermag,
dass er, anders als du, von fremden träumt.

es ist nicht deine schuld,
dass sein schweigen deine uhren frisst,
seine antworten jahre brauchen.

es ist nicht deine schuld,
dass er sich kaputt in höhlen verkriecht,
lieber, als deine unberührten hände zu halten.

es ist nicht deine schuld.

und dennoch,
ist es deine haut,
die zu reißen versucht
es ist dein herz,
das die liebe verflucht

dein kopf,
der nach befreiung schreit,
deine zeit,
die sich zwischen nachrichten verteilt

deine lippen,
rosa ungeküsst
deine wunden
triefen weiter ungewusst


du, die zu lieben sich so sicher war
du und dein herz bleiben verwundbar.”

Jean-Luc Nancy: Destruktion als Erinnerung der Struktion oder Techné.

“Jean-Luc Nancy führt mit Erich Hörl ein Gespräch zur Frage der Technik. In Nancys einleitenden Bemerkungen und in der folgenden Unterredung werden diagnostisch hochvirulente Gedanken zum anderen und neuen Sinn der Technik entfaltet und weiter vorangetrieben, die Nancys Werk schon seit längerem durchziehen, deren Bündelung aber noch aussteht.

Jean-Luc Nancy (geb. 1940) zählt zu den bedeutendsten Denkern der Gegenwart. Sein vielfältiges Werk, das international und weit über die Grenzen der Universität hinaus rezipiert wird, umfaßt Arbeiten zur Ontologie der Gemeinschaft, Studien zur Metamorphose des Sinns und zu den Künsten, Abhandlungen zur Bildtheorie und nicht zuletzt zur Dekonstruktion des Christentums. Es sind zahlreiche deutsche Übersetzungen erschienen, u.a.: Die Musen (Stuttgart 1999); Die Erschaffung der Welt oder die Globalisierung (Zürich/Berlin 2003); Singulär Plural Sein (Zürich/Berlin 2004), Der Eindringling (Berlin 2000); Corpus (Zürich/Berlin 2003); Am Grund der Bilder (Zürich/Berlin 2006); Dekonstruktion des Christentums (Zürich/Berlin 2008).”

[via derdrittep]

Hier nun ein wahres tumblr-Gespenst. Ein Post von einer mir unvergessenen Dame, die ohne Nachricht ihr Blog deaktivierte. Und die “Ursprungsquelle” bei Kultur-Online auch nicht mehr vorhanden. Aber es geistert weiter durch das “tumblorium” (Zitat aus dem Burgzimmer) und erfreut sich konstant weiterer Beliebtheit:
Horst Janssen - Blumensträusse
[via hekatera]

Hier nun ein wahres tumblr-Gespenst. Ein Post von einer mir unvergessenen Dame, die ohne Nachricht ihr Blog deaktivierte. Und die “Ursprungsquelle” bei Kultur-Online auch nicht mehr vorhanden. Aber es geistert weiter durch das “tumblorium” (Zitat aus dem Burgzimmer) und erfreut sich konstant weiterer Beliebtheit:

Horst Janssen - Blumensträusse

[via hekatera]

(Source: walter-benjamin-bluemchen)

Jacek Kaczynski - Memorials
[via darksilenceinsuburbia:merisoniomart]
Probleme der Selbst-Erschaffung I: Denkmale und Erinnerungen.

Jacek Kaczynski - Memorials

[via darksilenceinsuburbia:merisoniomart]

Probleme der Selbst-Erschaffung I: Denkmale und Erinnerungen.

Ausgraben und Erinnern

Die Sprache hat es unmißverständlich bedeutet, daß das Gedächtnis nicht ein Instrument für die Erkundung des Vergangenen ist, vielmehr das Medium. Es ist das Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen. Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muß sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen - ihn ausstreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt. Denn ‘Sachverhalte’ sind nicht mehr als Schichten, die erst der sorgsamsten Durchforschung das ausliefern, um dessentwillen sich die Grabung lohnt. Die Bilder nämlich, welche, losgebrochen aus allen früheren Zusammenhängen, als Kostbarkeiten in den nüchternen Gemächern unserer späten Einsicht - wie Torsi der Galerie des Sammlers - stehen. Und gewiß ist’s nützlich, bei Grabungen nach Plänen vorzugehen. Doch ist unerläßlich der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich. Und der betrügt sich selber um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht und nicht im heutigen Boden Ort und Stelle bezeichnen kann, an denen er das Alte aufbewahrt. So müssen wahrhafte Erinnerungen viel weniger berichtend verfahren als genau den Ort bezeichnen, an dem der Forscher ihrer habhaft wurde. Im strengen Sinne episch und rhapsodisch muß daher wirkliche Erinnerung ein Bild zugleich von dem der sich erinnert geben, wie ein guter archäologischer Bericht nicht nur die Schichten angeben muß, aus denen seine Fundobjekte stammen, sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren.

—Walter Benjamin: Berliner Chronik. In: Gesammelte Schriften. Bd. VI: Fragmente, Autobiographische Schriften. Frankfurt am Main 1984. S. 486.

Nº. 1 of  3