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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Spur und Aura. Die Spur ist Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ. Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft. In der Spur werden wir der Sache habhaft; in der Aura bemächtigt sie sich unser.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [M 16 a, 4]: Der Flaneur.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 560.

[via wolkigestelle]

Raw sagte: Alle Endfristen sind schon verstrichen, und die Sache hängt nur noch von der Buße und den guten Handlungen ab. Schemuel aber sagte: Genug ist es für einen Trauernden, daß er in der Trauer steht.

Wie man sieht, sind für Raw die objektiven Voraussetzungen der Erlösung gegeben; die Geschichte ist abgeschlossen. Man brauchte nicht auf die »Phänomenologie des Geistes« und das 19. Jahrhundert warten, um das Ende der Geschichte zu erkennen. Nicht, daß es keine Zukunft gibt, aber die objektiven Voraussetzungen für das Erscheinen des Messias sind somit bereits seit dem 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verwirklicht.
Alles hängt von den guten Handlungen und von der Buße ab: das Erscheinen des Messias liegt auf der Ebene der individuellen Anstrengung, die sich in voller Selbstherrschaft vollziehen kann. Alles ist bereits denkbar und gedacht worden; die Menschheit ist reif; was fehlt, sind die guten Handlungen und die Buße. Die moralische Handlung, Werk des Individuums, ist nicht entfremdet in einer Geschichte, die sie entstellen würde, und muß daher nicht, um sich durchzusetzen, den Umweg der Politik nehmen und zur Staatsräson greifen.
Um einer gerechten Sache zum Sieg zu verhelfen, ist man nicht gezwungen, sich politisch mit Mördern zu verbünden und damit die Handlungen von ihrer moralischen Quelle und ihrer realen Intention zu trennen. Alle Fristen sind verstrichen: die guten Handlungen sind wirksam. Eben das ist der Messias.
Dem widerstreitet Schemuels These. Er mißt den politischen Realitäten Bedeutung bei. Einzig der Messianismus könnte die zerstörerischen Auswirkungen verhindern, die sie auf das moralische Leben haben. Mit einem Wort, für ihn kann die messianische Erlösung nicht aus der individuellen Anstrengung folgen, deren Wirksamkeit und deren harmonisches Spiel sie lediglich ermöglicht. Was sagte Schemuel? Genug ist es für den Trauernden, daß er in seiner Trauer steht. Um diese sybillinische Äußerung zu verstehen, müssen wir zuerst herausfinden, wer die Person ist, von der es heißt, sie stehe in Trauer. Dazu gibt es drei Meinungen.
Erste Meinung: der Trauernde ist Gott.
[…]
Zweite Auffassung: der Trauernde ist Israel. […] Aber es ist nicht die Buße, bei der das Individuum, das sich des Bösen voll bewußt ist, eine vollkommen bewußte Handlung unternimmt, um es wiedergutzumachen – es ist das Leid, das die Erlösung bedingt.
[…]
Dritte Auffassung: die eines Kommentators des 17. Jahrhunderts, die sich in den klassischen Ausgaben des Talmud befindet, Marchaa: zwar ist der Trauernde Israel, aber das Leiden Israels bewirkt nicht von sich aus die Erlösung.
[…]
Dem Leiden käme also in der Ökonomie des Seins ein ganz besonderer Platz zu: es ist noch nicht die moralische Initiative, aber durch das Leiden kann man eine Freiheit hervorrufen. Der Mensch empfängt das Leiden, aber aus diesem Leiden steigt er als moralische Freiheit empor. Die Idee des äußeren Eingriffs in das Heil versöhnt sich im Leiden mit der Idee, daß die Quelle des Heils notwendig dem Menschen innewohnen muß. Der Mensch empfängt das Heil und ist gleichzeitig dessen Urheber. Schemuel – der empfänglich für das politische, d.h. äußerliche Hindernis ist, auf das die Moral trifft und das zur Erlösung eine von außen kommende Handlung erfordert, eine Handlung, die die einfache Moral transzendiert – nähert sich Raw an, der die Zeit für gekommen hält, da »alles nur noch von den guten Handlungen abhängt«.
Es ist vielleicht interessant, bei dieser Gelegenheit eine andere – sehr schöne – Stelle des Talmud anzuführen, die gewiß Raws radikale Position veranschaulicht, aber auch als vierte Antwort auf die Frage »Wer ist der Trauernde?« dienen kann: der Trauernde ist der Messias.
[…]
Wir haben also auch einen Messias, der leidet. Aber das Heil kann nicht allein kraft seines Leidens erfolgen. Und doch ist die ganze Geschichte durchlaufen worden. Alle Zeiten sind erfüllt. Der Messias ist bereit, heute noch zu erscheinen. Aber alles hängt vom Menschen ab. Und das Leiden des Messias und infolgedessen das Leiden der Menschheit, die im Messias leidet, und das Leiden der Menschheit, an dem der Messias leidet, reichen nicht aus, die Menschheit zu retten.

—Emmanuel Lévinas: Die Ankunft der messianischen Zeit - bedingt oder bedingungslos? In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 70 - 74.

Und Franzis Vater hackte auf etwas anderem herum, so wie jemand beim Stricken an den Fäden zieht, um ein Loch zu machen; aber ihr Vater versuchte etwas in seinem Innern aufzutrennen und aufzuzerren, das von den Jahren, die er gelebt hatte, gestrickt worden war, und dessen Muster, die Links- und Rechtsmaschen der Zeit, durcheinandergeraten und ganz anders geworden war, als er sich erträumt hatte.

Janet Frame: Wenn Eulen schrein, Frankfurt am Main 1996, S. 44.

[via diesebastionbehrisch]



“L’écriture n’a jamais été la chose du capitalisme. Le capitalisme est profondément analphabète. La mort de l’écriture, c’est comme la mort de Dieu ou du père, il y a longtemps que c’est fait, bien que l’événement mette longtemps à nous parvenir, et que survive en nous le souvenir de signes disparus avec lesquels nous écrivons toujours. La raison en est simple: l’écriture implique un usage du language en général d’après lequel le graphisme s’aligne sur la voix, mais aussi la surcode et induit une voix fictive des hauteurs fonctionnant comme signifiant. L’arbitraire du désigné, la subordination du signifié, la transcendance du signifiant despotique, et enfin sa décomposition consécutive en éléments minimaux dans un champ d’immanence mis à découvert par le retrait du despote, tout cela marque l’appartenance de l’écriture à la représentation despotique impériale. Dès lors, quand on annonce l’éclatement de la “galaxie Gutenberg”, que veut-on dire au juste? Certes, le capitalisme s’est beaucoup servi et se sert de l’écriture; non seulement l’écriture convient avec la monnnaie comme équivalent général, mais les fonctions spécifiques de la monnaie dans le capitalisme passèrent par l’écriture et l’imprimerie, et pour une part continuent de passer par là. Il n’en reste pas moins que l’écriture joue typiquement le rôle d’un archaïsme dans le capitalisme, l’imprimerie-Gutenberg étant alors l’élément qui donne à l’archaïsme une fonction actuelle. Mais l’usage capitaliste du langage est en droit d’une autre nature et se réalise ou devient concret dans le champ d’immanence propre au capitalisme lui-même, lorsqu’apparaissent les moyens techniques d’expression qui correspondent au décodage généralisé des flux, au lieu de renvoyer encore sous une forme directe ou indirecte au surcodage despotique.”
(L’Anti-Œdipe, p. 285–286)
[“Writing has never been capitalism’s thing. Capitalism is profoundly illiterate. The death of writing is like the death of God or the death of the father: the thing was settled a long time ago, although the news of the event is slow to reach us, and there survives in us the memory of extinct signs with which we still write. The reason for this is simple: writing implies a use of language in general according to which graphism becomes aligned on the voice, but also overcodes it and induces a fictitious voice from on high that functions as a signifier. The arbitrary nature of the thing designated, the subordination of the signified, the transcendence of the despotic signifier, and finally, its consecutive decomposition into minimal elements within a field of immanence uncovered by the withdrawal of the despot—all this is evidence that writing belongs to imperial despotic representation. Once this is said, what exactly is meant when someone announces the collapse of the ‘Gutenberg galaxy’? Of course capitalism has made and continues to make use of writing: not only is writing adapted to money as the general equivalent, but the specific functions of money in capitalism went by way of writing and printing, and in some measure continue to do so. The fact nonetheless remains that writing typically plays the role of an archaism in capitalism, the Gutenberg press being the element that confers on the archaism a current function. But the capitalist use of language is different in nature; it is realized or becomes concerted within the field of immanence peculiar to capitalism itself, with the appearance of the technical means of expression that correspond to the generalized decoding of flows, instead of still referring, in a direct or indirect form, to despotic overcoding.”
(Anti-Oedipus, p. 260—261)
“Noch nie war die Schrift Sache des Kapitalismus. Dieser ist von Grund auf Analphabeth. Der Tod der Schrift, das ist wie mit dem Tode Gottes oder des Vaters, schon lange zuvor hat das Ereignis stattgefunden, und doch braucht es Zeit, bis es zu uns dringt, lange überdauert in uns die Erinnerung an untergegangene Zeichen, mit denen wir gleichwohl noch schreiben. Der Grund ist ein einfacher: die Schrift impliziert einen allgemeinen Sprachgebrauch, der dadurch sich auszeichnet, daß sich der Graphismus an der Stimme ausrichtet, sie aber gleichzeitig übercodiert und eine als Signifikant funktionierende fiktive Stimme der Höhen einführt. Das Beliebige des Bezeichneten, die Unterordnung des Signifikats, die Transzendenz des despotischen Signifikanten, und endlich seine nachfolgende Dekomposition in kleinste Elemente innerhalb eines durch das Zurückweichen des Signifikanten aufgedeckten Immanenzfeldes: alles das markiert die Zugehörigkeit der Schrift zur imperialen despotischen Repräsentation. Indessen, wenn man das Ende der ‘Gutenberg-Galaxis’ annonciert, was mag man letztlich damit sagen wollen? Der Kapitalismus hat sich gewiß der Schrift umfassend bedient und bedient sich ihrer weiterhin; die Schrift entspricht nicht nur dem Geld als allgemeines Äquivalent, vielmehr laufen die spezifischen Strukturen des Geldes im Kapitalismus über die Schrift und den Buchdruck - auch heute noch. Es braucht weiter nichts, als daß die Schrift die Rolle des Archaismus im Kapitalismus spielt, die Gutenberg-Buchdruckerei jenes Element ist, das dem Archaismus eine aktuelle Funktion verleiht. Doch der kapitalistische Gebrauch der Sprache ist in Wahrheit von anderer Natur, er realisiert sich oder wird konkret in dem spezifisch kapitalistischen Immanenzzusammenhang dann, wenn die technischen Ausdrucksmittel auftauchen, die der verallgemeinerten Decodierung der Ströme entsprechen statt wie bisher in mittel- oder unmittelbarer Form auf die despotische Übercodierung zu verweisen.”
(Anti-Ödipus, S. 308 - 309)]
[via fuckyeahgillesdeleuze]
[via areashape]

“L’écriture n’a jamais été la chose du capitalisme. Le capitalisme est profondément analphabète. La mort de l’écriture, c’est comme la mort de Dieu ou du père, il y a longtemps que c’est fait, bien que l’événement mette longtemps à nous parvenir, et que survive en nous le souvenir de signes disparus avec lesquels nous écrivons toujours. La raison en est simple: l’écriture implique un usage du language en général d’après lequel le graphisme s’aligne sur la voix, mais aussi la surcode et induit une voix fictive des hauteurs fonctionnant comme signifiant. L’arbitraire du désigné, la subordination du signifié, la transcendance du signifiant despotique, et enfin sa décomposition consécutive en éléments minimaux dans un champ d’immanence mis à découvert par le retrait du despote, tout cela marque l’appartenance de l’écriture à la représentation despotique impériale. Dès lors, quand on annonce l’éclatement de la “galaxie Gutenberg”, que veut-on dire au juste? Certes, le capitalisme s’est beaucoup servi et se sert de l’écriture; non seulement l’écriture convient avec la monnnaie comme équivalent général, mais les fonctions spécifiques de la monnaie dans le capitalisme passèrent par l’écriture et l’imprimerie, et pour une part continuent de passer par là. Il n’en reste pas moins que l’écriture joue typiquement le rôle d’un archaïsme dans le capitalisme, l’imprimerie-Gutenberg étant alors l’élément qui donne à l’archaïsme une fonction actuelle. Mais l’usage capitaliste du langage est en droit d’une autre nature et se réalise ou devient concret dans le champ d’immanence propre au capitalisme lui-même, lorsqu’apparaissent les moyens techniques d’expression qui correspondent au décodage généralisé des flux, au lieu de renvoyer encore sous une forme directe ou indirecte au surcodage despotique.”

(L’Anti-Œdipe, p. 285–286)

[“Writing has never been capitalism’s thing. Capitalism is profoundly illiterate. The death of writing is like the death of God or the death of the father: the thing was settled a long time ago, although the news of the event is slow to reach us, and there survives in us the memory of extinct signs with which we still write. The reason for this is simple: writing implies a use of language in general according to which graphism becomes aligned on the voice, but also overcodes it and induces a fictitious voice from on high that functions as a signifier. The arbitrary nature of the thing designated, the subordination of the signified, the transcendence of the despotic signifier, and finally, its consecutive decomposition into minimal elements within a field of immanence uncovered by the withdrawal of the despot—all this is evidence that writing belongs to imperial despotic representation. Once this is said, what exactly is meant when someone announces the collapse of the ‘Gutenberg galaxy’? Of course capitalism has made and continues to make use of writing: not only is writing adapted to money as the general equivalent, but the specific functions of money in capitalism went by way of writing and printing, and in some measure continue to do so. The fact nonetheless remains that writing typically plays the role of an archaism in capitalism, the Gutenberg press being the element that confers on the archaism a current function. But the capitalist use of language is different in nature; it is realized or becomes concerted within the field of immanence peculiar to capitalism itself, with the appearance of the technical means of expression that correspond to the generalized decoding of flows, instead of still referring, in a direct or indirect form, to despotic overcoding.”

(Anti-Oedipus, p. 260—261)

“Noch nie war die Schrift Sache des Kapitalismus. Dieser ist von Grund auf Analphabeth. Der Tod der Schrift, das ist wie mit dem Tode Gottes oder des Vaters, schon lange zuvor hat das Ereignis stattgefunden, und doch braucht es Zeit, bis es zu uns dringt, lange überdauert in uns die Erinnerung an untergegangene Zeichen, mit denen wir gleichwohl noch schreiben. Der Grund ist ein einfacher: die Schrift impliziert einen allgemeinen Sprachgebrauch, der dadurch sich auszeichnet, daß sich der Graphismus an der Stimme ausrichtet, sie aber gleichzeitig übercodiert und eine als Signifikant funktionierende fiktive Stimme der Höhen einführt. Das Beliebige des Bezeichneten, die Unterordnung des Signifikats, die Transzendenz des despotischen Signifikanten, und endlich seine nachfolgende Dekomposition in kleinste Elemente innerhalb eines durch das Zurückweichen des Signifikanten aufgedeckten Immanenzfeldes: alles das markiert die Zugehörigkeit der Schrift zur imperialen despotischen Repräsentation. Indessen, wenn man das Ende der ‘Gutenberg-Galaxis’ annonciert, was mag man letztlich damit sagen wollen? Der Kapitalismus hat sich gewiß der Schrift umfassend bedient und bedient sich ihrer weiterhin; die Schrift entspricht nicht nur dem Geld als allgemeines Äquivalent, vielmehr laufen die spezifischen Strukturen des Geldes im Kapitalismus über die Schrift und den Buchdruck - auch heute noch. Es braucht weiter nichts, als daß die Schrift die Rolle des Archaismus im Kapitalismus spielt, die Gutenberg-Buchdruckerei jenes Element ist, das dem Archaismus eine aktuelle Funktion verleiht. Doch der kapitalistische Gebrauch der Sprache ist in Wahrheit von anderer Natur, er realisiert sich oder wird konkret in dem spezifisch kapitalistischen Immanenzzusammenhang dann, wenn die technischen Ausdrucksmittel auftauchen, die der verallgemeinerten Decodierung der Ströme entsprechen statt wie bisher in mittel- oder unmittelbarer Form auf die despotische Übercodierung zu verweisen.”

(Anti-Ödipus, S. 308 - 309)]

[via fuckyeahgillesdeleuze]

[via areashape]

Gerade in der Verblüffung durch das Unerwartete, nämlich das Andere, ist der Wahrheitsgehalt der Allegorie enthalten: als Aufschließen und Verständlichmachen einer Situation, in der auseinanderliegende Bedeutungen plötzlich zusammenschießen und dadurch das Außergewöhnliche und singuläre des Augenblicks charakterisieren.
[…]
Hier setzt sich eine Dialektik durch, nämlich die von Zerstreuung und Sammlung. Das Denken entläßt sich allegorisierend ins Viele, zerstreut sich also, hingegeben an die Bedeutungen der Gegenstände. Indem es aber die Bedeutungen aufnimmt und aufeinander bezieht, sammelt es das Viele wieder um sich als eine Mitte konzentrischer Ringe. Unabhängig von seiner Bedeutung in diesem Kreise aber bleibt das Viele wieder zusammenhanglos, verstreut. So zeigt sich auch hier wieder eine Antinomie: die von Bedeutungszentrum und emblemerfüllter Peripherie - wobei Allegorie sich auf den Umkreis der Peripherie bewegt und das Bedeutungszentrum nur als Idee aufscheinen läßt im Zusammenfall der Extreme.

—Hans Heinz Holz: Prismatisches Denken. In: Über Walter Benjamin. Frankfurt am Main 1968, 1. Auflage, S. 85 - 87.

Was, um es kurz zu machen, bedeutet, dass die Gabe als Gabe nur möglich ist, wo sie unmöglich erscheint. Wenn die Gabe stattgefunden haben soll, darf sie nicht als solche in Erscheinung treten. So wird man aber nie wissen, ob sie stattgefunden hat. Nie wird jemand mit einem hinreichenden Grad an Sicherheit sagen können ‚Die Gabe hat stattgefunden‘ oder auch nur ‚Ich habe gegeben‘, ‚Ich habe empfangen‘. Wenn es sie überhaupt gibt, wenn sie überhaupt möglich ist, muss die Gabe also unmöglich erscheinen. ‚Geben‘ heißt also das Unmögliche tun. Das Ereignis der Gabe darf nicht gesagt werden können; sobald man es ausspricht, zerstört man es. Anders gesagt: Es ist die Unmöglichkeit des Ereignisses, die das Maß für seine Möglichkeit gibt. Die Gabe ist unmöglich, und nur als unmögliche kann sie möglich werden. Es gibt kein ereignishafteres Ereignis als eine Gabe, die den Tausch, den Gang der Geschichte, den Kreislauf der Ökonomie unterbricht. […] Es gibt keine Möglichkeit der Gabe, die sich nicht als etwas präsentiert, das sich nicht präsentiert; sie ist das Unmögliche selbst.

—Jacques Derrida: Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen. Aus dem Französischen von Susanne Lüdemann. Berlin 2003, S. 28f.

Das Messianische (das ich für eine universale Struktur der Erfahrung halte und das sich auf keinen religiösen Messianismus reduzieren lässt) ist alles andere als utopisch: Es ist in allem der Bezug auf das Kommen des konkretesten und wirklichsten Ereignisses, d.h. auf die unauflöslich heterogenste Andersheit. Nichts ist ‘realistischer’ und ‘unmittelbarer’ als diese messianische Sorge, die auf das Ereignis dessen gerichtet ist, der (das) kommt. […] Da sie alles andere als utopisch ist, fordert sie hier und jetzt die Unterbrechung des gewöhnlichen Laufs der Dinge, der Zeit und der Geschichte; sie ist von einer Bestätigung der Andersheit und der Gerechtigkeit nicht zu trennen. Wie dieses unbedingte Messianische anschließend in dieser oder jener einzigartigen praktischen Situation seine Bedingung aushandeln soll, dafür ist eine Analyse und eine Bewertung, d.h. eine Verantwortung gefragt.

Jacques Derrida: Marx & Sons. Frankfurt am Main 2004, S. 78f.

[via picturewalkwithme]

Die Annahme, daß Bilder im Sinne eines authentischen Dokuments “wahr” zu sein hätten, hängt mit dieser aktivierenden Botschaft zusammen, die dem Bedürfnis entgegenkommt, mit Hilfe der Bilder einer Person zu begegnen oder eine Handlung mitzuerleben. Indem Bilder als Fakten erzeugende, lebendige Akteure erachtet werden, wirkt dieses Prinzip auch im politischen Raum. Hierin liegt der Grund, warum es schwerfällt, kategorial zwischen Geschichte und Bildgeschichte zu trennen. Bilder stehen zur Welt der Ereignisse in einem gleichermaßen reagierenden wie gestaltenden Verhältnis. Sie geben Geschichte nicht nur passivisch wieder, sondern vermögen sie wie jede Handlung oder Handlungsanweisung zu prägen: als Bildakt, der Fakten schafft, indem er Bilder in die Welt setzt.

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La supposition que les images, au sens d’un document authentique, devraient être «vraies», est liée à l’effet d’activation de ce message qui vient au devant du besoin de recourir à l’image pour rencontrer une personne ou participer à une action. Les images étant considérées comme des acteurs vivants, engendrant des faits, ce principe agit aussi bien dans la sphère politique. En cela réside la raison pour laquelle il est difficile d’établir une division catégorielle entre Histoire et histoire en images. Par rapport au monde des événements, les images se tiennent elles aussi dans une relation tout à la fois réactive et constructive. Elles ne restituent pas l’Histoire de manière purement passive, mais possèdent la faculté de la marquer, comme toute action ou ordre d’action : en tant qu’acte d’image, qui crée des faits en posant des images dans le monde.

Horst Bredekamp: Bildakte als Zeugnis und Urteil. In: Monika Flacke (Hrsg.): Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums. Begleitbände der Ausstellung. Band I, Mainz 2004, S. 29 - 66, hier: S. 29f.

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Horst Bredekamp: Actes d’images comme témoignage et comme jugement. Traduit par Denise Modigliani. In: Trivium. Revue franco-allemande des sciences humaines et sociales - Deutsch-französische Zeitschrift für Geistes- und Sozialwissenschaften, 1-2008.

Thomas Hoepker - Blick vom Williamsburg, Brooklyn auf Manhattan, 11. September 2001
Das Bild und seine Rezeption wurden am 18.11.2010 im Rahmen der interdisziplinären Tagung “Reinhard Koselleck (1926 - 2006) - Politische Ikonologie” anlässlich der Übernahme des Nachlasses Kosellecks durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach und das Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg einer eingehenden Analyse unterzogen.
Der Kunsthistoriker Michael Diers wählte den Schnappschuss Hoepkers als Beispiel in seinem Vortrag “Ereignis Bild. Fotografie, Politik und (Be-)Deutung”. Das Bild wurde nach seiner verspäteten Veröffentlichung 2006 von Frank Rich in der New York Times zu einem Skandalbild bzw. Tabu-9/11-Foto stilisiert. Es wurde unter anderem argumentiert, dass das Ereignis der Terroranschläge des 11. Septembers die Beteiligten auf dem Bild nicht “aufwühlte” und sie stattdessen gefühllos sonnenbadeten, während hinter ihnen die Welt untergeht. Auch die FAZ sprach von einem “beklemmenden Bild” und die SZ vermutete sogar, es handele sich um ein “Spiegelbild unseres Verhaltens bei medialen Katastrophen”.
In diese (Be-)Deutung passt auch der Kommentar von herr keuner, der zu dem Bild schreibt:
“Sieht aus, als würde picknickend die antisemitische Menschenvernichtung genossen werden…”
Aber sehen wir uns die Rezeption des Bildes 2006 einmal genauer an. Es entwickelte sich in den USA eine Debatte auf der Internetplattform www.slate.com, auf der David Plotz zunächst die Kritik von Frank Rich aus der New York Times kritisierte, der Fotograf Thomas Hoepker sich in die Diskussion einschaltete und dann durch einen Aufruf die Fotografierten selbst “Zeugenaussagen” zu dem Bild lieferten. Ohne die Debatte hier im einzelnen zu wiederholen, kann die These von Michael Diers festgehalten werden: Die “Zeugenaussagen” widersprechen der scheinbar sich aufdrängenden Interpretation, der ignoranten Distanz/des nicht-aufgewühlt-seins der Beteiligten. Vielmehr diskutierten sie gerade darüber, was sie jeweils über die Terroranschläge gehört hatten und versuchten so eine Rekonstruktion der Wirklichkeit der Ereignisse, oder ihre Fassungslosigkeit zu verarbeiten. Die Gruppe ist bei genauerem Hinsehen auch kein “Freundeskreis”, sondern eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Menschen, die sich einen besseren Blick auf die Ereignisse verschaffen wollten. Wie man es auch immer damit halten mag, kann konstatiert werden, dass das Bild wohl irgendwie auf den ersten Blick irritiert, was zu verkürzten Deutungen führt. Dies lässt sich selbstverständlich auch an dem antiamerikanischen Ressentiment ablesen, welches gewisse deutsche Zeitungen - in Deutschland gab es eine Ausstellung von Hoepkers Bildern - über “die” Amerikaner an den Tag legten.
Was macht aber die Irritation des Bildes aus? Diers argumentiert, dass sie aus einer verkürzten Betrachtung des Bildes resultieren und führt eine eindrückliche Bildanalyse durch, in der er das Bild über den Nachweis von ikonographischen Strukturen des Motivs und der Komposition in der Malerei, bis hin zu einem Beispiel für ein theoretisches (Denk-)Bild in der Folge Aby Warburgs oder einer Metapher im Sinne Blumenbergs liest. Seine Hauptthese besteht aus meiner Sicht in der Deutung der Irritation des Bildes durch eine “doppelte Distanz”, in der die ProtagonistInnen des Bildes weder in das Bild hinein, noch aus dem Bild heraus blicken. In seinem Résumé mahnt Diers die Notwendigkeit einer eingehenden Betrachtung und Analyse einzelner Bilder für die Kunstgeschichte an. Mit ihr kann der Bild-Historiker seine Möglichkeit der Stellungnahme und (politischen) Urteilsbildung überhaupt wahrnehmen. Dies könnte die Aufgabe einer politischen Ikonologie darstellen.
Ich danke Michael Diers für diesen beeindruckenden Vortrag und die vorbildliche (nicht vor-bildliche) Analyse dieses Schnappschusses. Es zeigt einmal mehr an, wie wichtig eine reflektierte Betrachtung von Bildern in Zeiten der “Bilderflut” sein kann.

Thomas Hoepker - Blick vom Williamsburg, Brooklyn auf Manhattan, 11. September 2001

Das Bild und seine Rezeption wurden am 18.11.2010 im Rahmen der interdisziplinären Tagung “Reinhard Koselleck (1926 - 2006) - Politische Ikonologie” anlässlich der Übernahme des Nachlasses Kosellecks durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach und das Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg einer eingehenden Analyse unterzogen.

Der Kunsthistoriker Michael Diers wählte den Schnappschuss Hoepkers als Beispiel in seinem Vortrag “Ereignis Bild. Fotografie, Politik und (Be-)Deutung”. Das Bild wurde nach seiner verspäteten Veröffentlichung 2006 von Frank Rich in der New York Times zu einem Skandalbild bzw. Tabu-9/11-Foto stilisiert. Es wurde unter anderem argumentiert, dass das Ereignis der Terroranschläge des 11. Septembers die Beteiligten auf dem Bild nicht “aufwühlte” und sie stattdessen gefühllos sonnenbadeten, während hinter ihnen die Welt untergeht. Auch die FAZ sprach von einem “beklemmenden Bild” und die SZ vermutete sogar, es handele sich um ein “Spiegelbild unseres Verhaltens bei medialen Katastrophen”.

In diese (Be-)Deutung passt auch der Kommentar von herr keuner, der zu dem Bild schreibt:

“Sieht aus, als würde picknickend die antisemitische Menschenvernichtung genossen werden…”

Aber sehen wir uns die Rezeption des Bildes 2006 einmal genauer an. Es entwickelte sich in den USA eine Debatte auf der Internetplattform www.slate.com, auf der David Plotz zunächst die Kritik von Frank Rich aus der New York Times kritisierte, der Fotograf Thomas Hoepker sich in die Diskussion einschaltete und dann durch einen Aufruf die Fotografierten selbst “Zeugenaussagen” zu dem Bild lieferten. Ohne die Debatte hier im einzelnen zu wiederholen, kann die These von Michael Diers festgehalten werden: Die “Zeugenaussagen” widersprechen der scheinbar sich aufdrängenden Interpretation, der ignoranten Distanz/des nicht-aufgewühlt-seins der Beteiligten. Vielmehr diskutierten sie gerade darüber, was sie jeweils über die Terroranschläge gehört hatten und versuchten so eine Rekonstruktion der Wirklichkeit der Ereignisse, oder ihre Fassungslosigkeit zu verarbeiten. Die Gruppe ist bei genauerem Hinsehen auch kein “Freundeskreis”, sondern eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Menschen, die sich einen besseren Blick auf die Ereignisse verschaffen wollten. Wie man es auch immer damit halten mag, kann konstatiert werden, dass das Bild wohl irgendwie auf den ersten Blick irritiert, was zu verkürzten Deutungen führt. Dies lässt sich selbstverständlich auch an dem antiamerikanischen Ressentiment ablesen, welches gewisse deutsche Zeitungen - in Deutschland gab es eine Ausstellung von Hoepkers Bildern - über “die” Amerikaner an den Tag legten.

Was macht aber die Irritation des Bildes aus? Diers argumentiert, dass sie aus einer verkürzten Betrachtung des Bildes resultieren und führt eine eindrückliche Bildanalyse durch, in der er das Bild über den Nachweis von ikonographischen Strukturen des Motivs und der Komposition in der Malerei, bis hin zu einem Beispiel für ein theoretisches (Denk-)Bild in der Folge Aby Warburgs oder einer Metapher im Sinne Blumenbergs liest. Seine Hauptthese besteht aus meiner Sicht in der Deutung der Irritation des Bildes durch eine “doppelte Distanz”, in der die ProtagonistInnen des Bildes weder in das Bild hinein, noch aus dem Bild heraus blicken. In seinem Résumé mahnt Diers die Notwendigkeit einer eingehenden Betrachtung und Analyse einzelner Bilder für die Kunstgeschichte an. Mit ihr kann der Bild-Historiker seine Möglichkeit der Stellungnahme und (politischen) Urteilsbildung überhaupt wahrnehmen. Dies könnte die Aufgabe einer politischen Ikonologie darstellen.

Ich danke Michael Diers für diesen beeindruckenden Vortrag und die vorbildliche (nicht vor-bildliche) Analyse dieses Schnappschusses. Es zeigt einmal mehr an, wie wichtig eine reflektierte Betrachtung von Bildern in Zeiten der “Bilderflut” sein kann.

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