Im Gegensatz zu dem kognitivistischen Ansatz der Beschäftigung mit Emotionen begreift der phänomenologische Ansatz Empathie nicht als einen ausschließlich kognitiven Akt: er ist nicht mit Informationen verknüpft, weil die Gefühle des Anderen dem empathisierenden Subjekt (dem Betrachter) nicht zugänglich sind und äußerlich bleiben. Empathie lässt sich - wie Stein argumentieren würde - eher als ein Fühlen begreifen, das auf unterschiedlichen Ebenen zusammengefügt wird, und zwar auf einer Wahrnehmungs-, einer Gefühls- und einer Kognitionsebene. Ich bin der Auffassung, dass die von Stein vorgeschlagene Darstellung der Struktur der Einfühlung vollständig und komplex genug ist, um damit die psychologische Dynamik der filmischen Erfahrung erklären zu können. An dieser Stelle sind wir endlich bereit dafür, Steins Beschreibung des empathischen Prozesses zu lesen:
“[A] Indem es mit einem Schlage vor mir auftaucht, steht es mir als Objekt gegenüber (z.B. die Trauer, die ich dem anderen ‘vom Gesicht ablese’);
[B] indem ich aber den implizierten Tendenzen nachgehe (mir die Stimmung, in der sich der andere befindet, zu klarer Gegebenheit zu bringen versuche), ist es nicht mehr im eigentlichen Sinne Objekt, sondern hat mich in sich hineingezogen, ich bin ihm jetzt nicht mehr zugewendet, sondern in ihm seinem Objekt zugewendet, bin bei seinem Subjekt, an dessen Stelle;
[C] und erst nach der im Vollzug erfolgten Klärung tritt es mir wieder als Objekt gegenüber.”
Edith Stein: Zum Problem der Einfühlung. Halle 1917, S. 9.
—Adriano D’Aloia: Edith Stein geht ins Kino. Empathie als Filmtheorie. In: montage/av - Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation. 19/1/2010, S. 79 - 100, hier: S. 92.