Sebastion Behrisch: Kritik der Lumpenintellektuellen II 
Das Dilemma des Lumpenintellektuellen: das Erben
(Vortrag, gehalten am 22. Januar 2013 – zur Vorstellung des Sammelbandes “‘…wenn die Stunde es zuläßt’ – Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie”)
Es ist mir eine große Freude, heute in Marburg über kritische Theorie einmal an und für sich zu sprechen. Der Titel meines Vortrages lautet daher: „…wenn es die Stunde zulässt.“
Ich werde versuchen zu erläutern, was wir uns dabei dachten, als wir den ersten Teil der Einleitung des Sammelbandes formulierten – auch wenn manche Gedanken es nicht mehr in den wirklichen Text schafften. Dadurch spreche ich auch einige Probleme an, die in unserem Sammelband verhandelt werden. Ich kann dies freilich nicht so ausführlich tun, aber vielleicht so, dass ich zu einer Lektüre der anderen Aufsätze anrege. Als Einleitendes dieses Vortrages mag daher Folgendes zitiert werden, vielleicht aus Vorsicht, aber es trifft ganz gut unsere individuellen Erfahrungen, die wir sammelten, als wir Vorträge über kritische Theorie hörten, in der Diskussion danach etwas sagen wollten oder als wir sogar selbst schon einmal über kritische Theorie sprechen mussten: „Sprechen macht mir Angst, denn da ich nie genug sage, sage ich immer auch zu viel.“Wer sagt, dass er kritische Theorie liest, schreibt oder etwas damit tut, der tut nicht irgendetwas – ob er es möchte oder nicht, er erbt etwas – er ist irgendwie Erbe. Und Erben ist eine merkwürdige Tätigkeit: Man bekommt etwas, für das man in der Regel wenig getan hat. Vielleicht muss man also gar nicht so viel tun, um zu sagen, dass man kritische Theorie betreibe, um also ein Erbe zu sein.
Doch in diesem Fall ist man kein Alleinerbe: Man liest oder schreibt kritische Theorie nie allein, bloß für sich – man weiß vielleicht noch nicht einmal, was man da eigentlich geerbt hat: „Wenn die Lesbarkeit eines Vermächtnisses einfach gegeben wäre, natürlich, transparent, eindeutig, wenn sie nicht nach Interpretation verlangen und diese gleichzeitig herausfordern würde, dann gäbe es niemals etwas zu erben. […] Man erbt immer ein Geheimnis – ‘Lies mich!‘ sagt es, ‚Wirst du jemals dazu im Stande sein?‘“
Dass man nicht dazu im Stande ist, so viele Texte zu durchdringen, die uns gewisse Traditionen als kritische Theorie empfehlen, dies scheinen diese Schriften selbst immer wieder zu sagen. Man ist dazu nicht im Stande: Keineswegs natürlich oder klar ist einem, was nun dieser oder jener Satz Hegels oder Marxens oder Adornos zu bedeuten hat, schließlich finden wir ja diese Autoren in einem Corpus dessen, was die Erben vor uns als ihr Erbe begriffen.
Vorträge, die sich in eine Tradition kritischer Theorie einschreiben wollen, die uns von diesem Erbe berichten oder für uns sogar dieses Erbe sind, sind meist von einer gewissen Anmaßung durchzogen. Sie weisen sich freimütig als kritische Theorie aus – sie haben geerbt. Den Vortragenden steht es nicht selten außer Frage, dass man dazu im Stande sei. Ihre Interpretation ist klar – so scheint es zumindest ihnen selbst. Nicht selten heben solche Vorträge damit an, dass es schlecht um dieses Erbe bestellt sei: Sie seien einsame Kritiker, marginalisiert, die letzten legitimen Erben und andere hätten dieses Erbe verraten. So deutlich es auszusprechen, das verbietet meist ein Mindestmaß an Sittlichkeit, mag es auch durch das Fortkommen im akademischen Betrieb motiviert sein.
Vielleicht bringt es auch die Bedingtheit der Universität mit sich, dass es bei solchen Vorträgen meistens keine Unklarheiten gibt. Diese Vorträge geben Antworten, sie stellen keine Fragen. Es stünde doch da, man müsse es nur zu lesen wissen, steht man auch einsam als Vortragender auf einem verlorenen Posten inmitten des Missverstehens.
Machen wir uns nichts vor, sich zur kritischen Theorie zu bekennen, bedeutet immer auch ein Ende der Einsamkeit: Mit der Autorität einer Tradition scheint man zu sprechen, man spricht nicht allein: Durch einen scheinen sie zu sprechen, ein Adorno, ein Marx, ein Benjamin (oder ist dieser schon nicht mehr oder noch keine kritische Theorie?) oder ein Marcuse (oder ist seine Unterscheidung in falsche und wahre Bedürfnisse nicht ein plumper und bloßer Linkshegelianismus? Adorno behauptete dies zumindest).
Vorträge über kritische Theorie bezeugen ihre Erbschaft damit, dass sich dort Zitat an Zitat gereiht findet. Die Zitate haben häufig eine Länge, so dass der Vortragende eigentlich davon ausgehen muss, dass man gerade den betreffenden Band auf seinen Schenkeln ruhen hat oder zumindest diese Schriften so gut kennt, als lese man im Geiste mit. So als kennte man dies schon.
Machen wir uns wirklich nichts vor: Vorträge über kritische Theorie sind meist so angenehm, weil man aus ihnen „immer aufs neue erfährt, was man schon weiß“. Das Irritierende, das Neue oder Andere bringt eher die Unruhe in die kritisch-theoretisch Zuhörenden: Spricht dort jemand im Namen kritischer Theorie, der durch seine Lektüre etwas aus dem Erbe liest, was nicht das Erbe ist? Hat er uns etwas versprochen, was er im Vortragen nicht hält? Sind wir nun glücklich, weil sich die Erbengemeinschaft verkleinert hat, weil man um sich erst durch solche Vorträge, Schriften als rechtmäßiger Erbe weiß? Oder sind wir nun traurig, weil wir so doch weniger sind, als wir annahmen?
Wir wollen nicht traurig sein darüber, dass wir heute vielleicht nur noch wenige sind, die dieses warme Gefühl verspüren, wenn sie das Adorno-Zitat wieder hören, was sie auch letzte Woche in ihrem Lesekreis besprachen, weil es in dem Text vorkam, den ihnen nun der Referent leicht variiert vorträgt.
Die Zitate werden so vorgetragen, sie so arrangiert, dass man dieses Gerassel und Geklapper der Begriffe schon verstanden haben müsste, um es zu verstehen. Den nicht Eingeweihten muss das merkwürdig vorkommen. Aber dies kann ja auch ein Ausweis dafür sein, dass kritische Theorie nun wirklich, endlich Bestandteil der Universität ist. Bei einem Vortrag im Kreise von Phänomenologen, logischen Atomisten oder Neokantianern mag dies bestimmt ähnlich sein. Ist dadurch kritische Theorie traditionell geworden? Es wäre anmaßend, dies jetzt schon zu behaupten. Vielleicht bringen dies auch philosophische Vorträge als solche mit sich, denn die „Welt ist nun einmal nicht niedlich“, Begriffe sind merkwürdige Werkzeuge und damit Wirklichkeit oder Wahrheit so bestimmen zu wollen, dass wir über den lediglich „nächsten Hausbedarf des Erkennens“ hinausgelangen, ist eine schwierige Arbeit.
Erstaunlich daran ist nur, dass die meisten kritischen Theoretiker keinen Lohn für solche ganz traditionell universitär-philosophischen Vorträge bekommen. Vielleicht eine Erstattung der Fahrtkosten. Häufig gilt für sie sogar als kritisch, dass sie die Universität verachten, sich dem Gerangel um Posten verweigern. Mit ihren Zitaten belegen sie, welch perfider Betrieb die Universität ist in den Worten Prof. Dr. Theodor W. Adornos. Es wäre gemein, dies als bloße Rationalisierungen dessen auszuweisen, dass die allermeisten kritischen Theoretiker daran gescheitert sind, Professoren zu werden.
Und es liegt gewiss nicht an ihnen als Einzelnen. Eine Professur ist gewiss nicht das Resultat der angemessensten Durchdringung von Texten oder irgendeines Erbes. Eine Professur ist Resultat eines Streits, sie resultiert aus politischen Kräfteverhältnissen. Und gegen diese Kräfteverhältnisse spricht nun der kritische Theoretiker. Was erlaubt er sich? Obgleich die Freiheit der Lehre garantiert ist, dieses vermeintliche Erbe frei zugänglich ist (ist es denn wertvoll oder ist es denn noch aktuell?), behauptet er dennoch, dass die Verhältnisse schuld daran seien, dass kritische Theorie nicht wirklich ist, keine Posten ergattert oder ergattern will, weil sie kritisch ist? Unweigerlich muss derjenige anmaßend sprechen, der dies in Frage stellt.
So anmaßend, wie diese Zitate aus ihren Texten ragen, so als hätte die Stunde es nicht zugelassen, sich länger mit ihnen zu beschäftigen. Als entsprängen sie einer Selbstausbeutung, für die jetzt noch kein Lohn zu erwirken sei. So als ob die Zitate eine Widerfahrnis seien, so als ob sie mehr forderten, als das bloße Zuhören, als forderten sie eine Praxis, die nicht auf eine Parole, ein Schema, eine Methode zu reduzieren ist, als forderten sie eine Anstrengung, eine Aneignung des Erbes. Lies mich, sagt es – wirst Du jemals, je und je wieder dazu im Stande sein?
Nein, diese Anmaßung ist keiner Idiosynkrasie oder Schrulle einzelner geschuldet, kritische Theorie selbst ist immer Anmaßung – und Vorsicht zugleich, als ob sie forderte, dass wir sagen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß, außer dass der Verblendungszusammenhang universal ist“. Anfänglich muss kritische Theorie Vorsicht sein: Ich weiß, dass ich nichts weiß, sie ist kritisch auch gegen sich selbst, Adorno bezeichnete sie als „Selbstreflexion des Marxismus“.
Diese Vorsicht drückt sich eben in ihrem Namen aus. Denn als dieser Name ersonnen wurde, waren die Kräfteverhältnisse so bestimmt, dass es abträglich gewesen wäre, offen zu sprechen. ‚Marxistische Arbeitswoche’ hieß noch jener lose Verbund von Intellektuellen am Rande der KPD, der als ein Anfang kritischer Theorie ausgemacht werden kann. In der damaligen Universität zu sagen, wir betreiben Marxismus, hätte Schwierigkeiten bereitet – gerade bei jenem Unterfangen, das unweigerlich mit Kritischer Theorie verknüpft ist, ihrer Institutionalisierung: der Gründung des Instituts für Sozialforschung. Man wählte also einen Decknamen.
Doch die Anmaßung kann kritische Theorie nicht los werden. Und auch dies ist an ihrem Decknamen abzulesen: Sie ist die Theorie, die kritisch ist, im Gegensatz zu allen anderen Theorien. Sie bestimmt sich selbst als kritisch, indem sie das ihr Andere als traditionell bestimmt – schließlich interpretiere es nur die Welt, statt Moment ihrer Veränderung zu sein.
In ihrem Anspruch an sich selbst und ihr Anderes ist kritische Theorie anmaßend, indem sie die Grenzen der Theorie selbst in Frage stellt. Sie ergreift Partei für jene Veränderung, dass die Menschen nicht länger an und in der je aktuellen Gesellschaftsform Leidende sind. Und indem sie dies ins Spiel bringt, setzt sie damit genau das aufs Spiel, was die Theorie, die Institution der Universität doch auszeichnen soll: die Distanznahme vom Politischen, von der Parteilichkeit, um darüber unbefangen zu urteilen, was das Wahre ist.
In ihrer Anmaßung scheint diese Kritik regressiv, vielleicht sogar noch traditioneller als die traditionelle Theorie, hatte letztere sich doch von Thron und Theologie emanzipiert. Kritische Theorie bleibt einer Heteronomie verhaftet, denn ihr Movens ist nicht das ‚ewiggültige Wahre’, sondern entzündet sich „an der Erfahrung der Gewalt und des Leidens“. Ist das Vorsicht oder Anmaßung?
Denn trotz aller Vorsicht, die sich lieber auf die Zunge beißt und sagt: „Alles, was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin“, ist kritische Theorie Kritik der Theorie im doppelten Sinne: 1. Sie ist Kritik der Theorie, in dem Sinne, dass sie Theorie kritisiert. 2. Sie ist aber auch Kritik der Theorie dergestalt, dass sie als Theorie diese Kritik übt. Wir haben also ganz traditionell einen Widerspruch vor uns, den wir als kritische Theorie behaupten. Und traditionelle Theorie weist so etwas als sicheres Anzeichen für das Falsche aus.
Als Kritik der Theorie könnte daher ihre Bestimmung als Theorie fragwürdig sein. Vielleicht ist unsere Bestimmung ja nur dem Verstoß gegen das Ideal der trennscharfen Definition der Begriffe geschuldet, eine zu beseitigende Mehrdeutigkeit des Begriffes Theorie. Hat kritische Theorie ihr Movens am Leiden der Einzelnen vielleicht deshalb, weil der Begriff als notwendig Allgemeines das Nichtidentische, das Individuelle stets verfehlt, ihm Gewalt antut, so wie die Annahme der Wahrheit nur Widerspiegelung einer Herrschaft, die das Besondere, Einzelne unterdrückt?
Nehmen wir dies an, so wäre die Bezeichnung ‚kritische Theorie’ eine bloße Strategie, ‚Theorie’ selbst nur ein Deckname für ein Unterfangen, das zu erweisen hätte, dass es nicht die eine Wahrheit gäbe, indem diese Behauptung selbst als eine wahr sein muss, um die Wahrheit aufzulösen. Solche Regressionsformen werden überall dort wirklich, wo eine bestimmte Epoche, ein besonderer Sprechort oder eine gewisse begriffliche Markierung aussagender Individuen, sei’s etwa ein Geschlecht oder eine Klasse, zum Kriterium der Wahrheit wird. Diese Relativismen sind Ausdruck der Verzweiflung, die kritische Theorie stets auf Neue heimsucht, wenn sie vor Arbeit am Begriff zurückschreckt.
Relativismen sind – eigentlich immer – inkonsistent: Sie bezweifeln die Möglichkeit von so etwas wie „wahrer Theorie“, und kleiden diesen Zweifel selbst ins Gewand einer Wahrheit beanspruchenden Theorie. Deshalb beißen sie sich in den Schwanz: Ohne eine begriffliche, d.h. notwendig auch und wesentlich allgemeine Bestimmung der Wahrheit kann es kein Wahres geben. Formen, die dies nicht reflektieren, sind unvernünftig und deshalb unwirklich, kein Erbe, sondern Abhub (daher als Gegenstände durchwegs von Interesse).
Selbst traditionelle Theorie ist kritische Theorie nicht ein Ganzes. In und durch traditionelle Theorie haben sich unterschiedliche Formen historisch entwickelt, mögen diese Formen auch ihre eigene Historizität bestreiten. Und in ihrem Anfangen war traditionelle Theorie dasBetrachten der Wahrheit. Wahrheit ist dann etwas, was auch außerhalb der Theorie irgendwie schon bestehe: So, wie die physikalischen Gesetze dann, als sie „entdeckt“ waren, beanspruchen mussten, immer schon gegolten zu haben.
Eine traditionelle Theorie nimmt Wahrheit als etwas an, was in gewissem Sinne dem historischen Wandel widersteht, gerade kein Resultat politischer Kräfteverhältnisse sein darf. Eine solche Theorie usurpiert einen quasi göttlichen Standpunkt, indem sie sich als getrennt von der Praxis behauptet. Ist ihr Anfang die Tatsache, das reine Andere der Theorie, dann ist unklar, wie diese Tatsache eine bestimmte sein soll, so dass sie die Aussage der Theorie „wahr macht“. Ist sie nicht willkürlich, indem etwas als Tatsache irgendwie bestimmt ist, ein Anderes aber ausgeschlossen ist, dass doch ebenso als Tatsache hätte in den Blick geraten können?
Eine solche traditionelle Theorie verdrängt, dass das von ihr Bestimmte nicht identisch mit ihren Bestimmungen ist. Ihre Zwecke entspringen nicht diesen Tatsachen, und die Realisierung dieser Zwecke ist nicht gleichbedeutend mit dem Gegenstand. Die Realisierung dieser Zwecke ist Erkenntnis über den Gegenstand in der Hinsicht, dass sie ihn unter einem gewissen Zweck, mit gewissen Mitteln ‚betrachtet’, ihn so ‚sprechen’ lässt.
Ist die Zielsetzung aber Wahrheit, d.h. die angemessene Darstellung des Gegenstandes, dann hat sich Theorie selbst als Vollzug, als Praxis zu reflektieren, dann ist sie keine bloße Betrachtung, sondern selbst ein bestimmtes Tun, was Scheitern kann, weil der Gegenstand ihn entgegensteht, weil die Mittel nicht diesen Zwecken gereichen, weil sie selbst Moment gesellschaftlicher Praxis.
An diesen Widersprüchen setzt kritische Theorie an, entfaltet die Widersprüche traditioneller Theorien, um ihren Gegenstand zu begreifen. Und so hat sie „traditionell“ zwei Alternativen: Entweder vom Subjekt her, das als frei und irgendwie „vernünftig“ vorausgesetzt werden muss, oder vom Objekt her, das als wohlbestimmt irgendwie als vor- oder herumliegend vorausgesetzt werden muss. Das sind nun die goldenen Kühe von Subjektivisten, Konstruktivisten etc. auf der einen und Empiristen, Realisten etc. auf der anderen Seite. Kritische Theorie ist kritisch, weil sie dieses Spiel nicht mitmacht, m.a.W.: Nicht zustimmt, dass das die erste, nicht hintergehbare Unterscheidung aller Theorie sei.
Wie aber geht die Kritische Theorie mit diesem scheinbaren Dilemma um? Sie begreift es als Gewordenes: Kritische Theorie ist Kritik der Theorie im doppelten Sinne, weil sie traditionelle Theorie immanent kritisiert, indem sie diese als Moment historischer gesellschaftlicher Praxis begreift – und sich selbst als Kritik verwirklicht, die deren Widersprüche darstellt und ihre eigene Unangemessenheit reflektiert. Da sich die gesellschaftliche Praxis, ihre Kräfteverhältnisse, die in ihr zirkulierenden Formen der Vernunft verändern, muss kritische Theorie sich selbst kritisieren – ist sie doch ihre Zeit in begrifflichen Konstellationen gefasst.
Wahrheit ist deshalb für kritische Theorie in ihrer Historizität und nur als Vollzug begreifbar, die Reflexion ihrer eigenen Historizität ist ihr wesentlich. Sie trägt ihren Decknamen nicht nur, weil es akademisch geboten war, sondern auch weil sich eine dogmatische Erstarrung jener Praxis vollzog, die für sich beanspruchte, das wahre Erbe der Marx’schen Theorie zu verkörpern. In jenem überlieferten Corpus von Texten (und er mag sich bei Lenin, Trotzki, Stalin oder Mao schließen) sei bereits eingeschrieben, wie und was von ihm zu tradieren sei. Denn genau eine solche Tradierung sichere die Aktualität dieser Theorie, da sie bereits die gesellschaftlichen Bewegungsgesetze enthüllt habe. Nicht länger sei die Interpretation der Welt von Nöten, es müsse nur noch (etwas) getan werden. Wer postuliert mit siegessicherer Miene, die stärkste der Parteien zu sein, für den wird das Denken unnötig anstrengend: „es bereitet zuviel Arbeit, ist zu praktisch“. Man lässt sich also von der Anmaßung verführen, die Vorsicht preiszugeben, die stets eine Anstrengung um das Andere ist – dasjenige, was nicht im eigenen Denken aufgeht, was uns praktisch widerfährt, uns zur theoretischen Reflexion zwingt, weil unsere Praxis scheiterte und in diesem Scheitern selbst Leiden wurde.
Mit diesem Erbe musste kritische Theorie brechen. Vielmehr machte sie erst am Marx’schen Erbe wieder lesbar, dass es das unablässige Fragen danach ist, wie sich Theorie kritisch-reflexiv auf ihre eigene theoretische Praxis beziehen kann, um praktische Theorie zu werden, d.h. Moment der Emanzipation der Menschheit, Moment der Emanzipation als Menschheit. Eben weil kritische Theorie ihren methodischen Anfang an den Reflexionen gesellschaftlicher Widersprüche findet, ist sie „vermittels des Interesses an der Umwandlung“ stets damit konfrontiert, traditionelle Theorie geworden zu sein. Deshalb ist sie selbst Gegenstand der Kritik. Etwas kann auch aus dem Erbe ausscheiden, nicht länger vererbt werden. Und die Frage, ob dies eine Vorsicht oder Anmaßung war, wird sich stets nur nachträglich entscheiden lassen.
Weil die Reflexion der Traditionalität von kritischer Theorie die beständige Aktualisierung ihres kritischen Potentials fordert, so ist eben ihr Erbe, auf welches sich die je gegenwärtige kritische Theorie bezieht, um sich selbst als kritische Theorie zu markieren, merkwürdig gespalten: in einen Erbteil, der seinen Gegenstand nicht länger trifft, und einen anderen, der Aktualität verspricht: „Leiden beredt werden zu lassen“. Ein solches Erbe kann nie „eins mit sich“ sein. Es besteht notwendig im Streit der Erben, so dass selbst dieser Streit gefährdet war und sein wird, denn der „Kreis der Träger dieser Tradition“ ist durch keine „testamentarische Vererbung konstituiert“, ihre „zukünftige Gemeinschaft“ nie garantiert.
Im Umgang mit dem Erbe können nämlich zwei Extreme bestimmt werden, die den Streit durch das Schweigen ersetzten: Auf der einen Seite steht das Postulat einer ungebrochenen oder unabgegoltenen Aktualität ihres Erbes, in dem angeblich alles zu finden sei, was für ein Begreifen heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse nötig wäre – in diesem Extrem kehren am deutlichsten die Gespenster des Marxismus wieder. Solche Treue zum Erbe stellt jede Abweichung, etwa die Verunreinigung mit anderen Theorien, unter den Verdacht des Verrats: Sie ist reine Anmaßung.
Auf der anderen Seite steht die Behandlung des Erbes als ein bloßes Museumsstück, welches nicht zu vertretender, veralteter Vorannahmen überführt worden sei, weshalb man den Namen ‚kritische Theorie‘ selbst nur noch mit großer Vorsicht führen möge. Damit entledige man sich der Anmaßungen, um wirklichen Einfluss nicht allein in akademischen Diskursen gewinnen zu können. Ihre Treue zum Erbe liegt gerade in ihrem Verrat: Sie ist reine Vorsicht. Beide Positionen schreiben nicht zufällig das‚Kritische’ groß und reden von der einen Kritischen Theorie – beide sind nicht abgeneigt, von Generationen, von einer frühen oder einer so späten Kritischen Theorie zu reden, dass sie eigentlich keinekritische Theorie mehr sei. Sie schreiben im Grunde genommen an einem „Familienroman“.
Diesen beiden Extremen ist gemein, dass sie eine Einheit des Erbes annehmen müssen, sie müssen sich selbst oder ihre Interpretation identisch mit dem Erbe setzen. Wir könnten sagen, dass die einen das Erbe nicht wirklich annehmen, während die anderen es einfach preisgeben. Beide haben Probleme damit, ein Verhältnis von Aktualität und Traditionalität zu denken.
Das Erbe selbst ist so nicht mehr in der Geschichte, es ist entweder überhistorisch, weil es beständig Geltung beanspruchen kann, oder es ist längst so tief unter Sedimenten begraben, dass es jedwede Geltung verloren hat. Doch unter dem Postulat, „daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist“, ist es „dieGegenwart“, die gegenwärtige gesellschaftliche Praxis, die das Erbe wieder neu liest und unter Maßgabe des ihr im Ausgang vom Gegenwärtigen am Vergangenen als unabgegolten sich Zeigenden auch je und je wieder neu auszulegen hat. Im Zuge dessen erscheint die Vergangenheit als veränderte – und verändernd auf die Gegenwart wirkend. Die Rede von einem Verfall, von der Unmöglichkeit der Veränderung, ja die Perspektive von Geschichtsphilosophie überhaupt ist für kritische Theorie nicht nur ein Unglück, sondern die Kapitulation vor der Anstrengung, Historizität zu denken, sich wirklich in jenem Jetzt zu begreifen, was sich nur im Verhältnis des vergangenen und künftigen Jetzt konstituiert.
Kritische Theorie ist eben kein lineares Fortschreiten, sondern in ihrem Aktualisieren zeigt sich das Traditionelle des Aktuellen und das Aktuelle des Traditionalisierten – ‚wenn die Stunde es zuläßt‘. Denn dieses ‚Zeigen’, diese Dialektik hat kein gewisses Resultat, vielleicht auch keine ewige Dauer. Sie entfaltet sich durch all jene Individuen, die verzweifelt oder berauscht dieses Erbe lesen, darüber diskutieren, es irgendwie wirklich werden lassen und sei es in seinem Scheitern, in all jenen eitel vorwissenschaftlichen Schriften, die nur durch ihre Zitate es sprechen lassen, durch all die endlosen Satzkaskaden und logischen Widersprüche hindurch, in denen diese eingerückten, mit Gänsehautfüßchen eingerahmten, kursiv geschrieben Sätze sagen: Lies mich, das um mich herum Geschrieben war dazu nicht im Stande!
Heißt dies aber nicht, dass wir zwar aus Vorsicht kritische Theorie klein schreiben, aber eigentlich doch groß, weil wir diese Extreme der Traditionalität und Aktualität aussondern? Wenn wir daran festhalten wollen, dass kritische Theorie stets auch Anmaßung ist, weil sie mehr beanspruchen muss, als bloße Theorie zu sein, dann können wir sie nicht einfach in verschiedene kritische Theorien auflösen, weil wir uns durch und in kritische(r) Theorie auf etwas anderes als unsere gegenwärtigen Interpretationen und Gegenwärtigkeit beziehen. Wir können sie nicht einfach nur kleinschreiben, sie kann nicht bloß kritische Theorie werden: „Man muß,das heißt: Man muß filtern, sieben, kritisieren, man muß aussuchen unter den verschiedenen Möglichkeiten, die derselben Verfügung innewohnen“. Und darum ist zu streiten, genau zwischen diesen Extremen, zwischen einer groß geschriebenen Kritischen und einer klein geschriebenen kritischen Theorie. Zwischen dem, was man als das Erbe glaubt, und dem, um das man dann als Erbe weiß. Und das Erben fängt immer als ein Glauben an: Man muss glauben an das, was da mit der Würde der Erblasser beladen uns überkommt – weil man es noch nicht wissen kann, weil man dafür das Erbe „angenommen“, d.h. erworben und sich assimiliert haben müsste. Kritische Theorie muss daher ihr Erbe radikal in Frage stellen – indem sie das aber tut, hat sie etwas als ihr Erbe angenommen, was nicht in dem Angenommenen aufgehen wird.
Und dieses Angenommene ist wesentlich nicht das Erbe, das wir erbten, was wir immer nur zu erben glaubten. Da es als bestimmtes stets begrifflich ist, ist es immer auch Gegenstand, etwas, was nicht dieses Erbe ist. Keine tradierte Erbschaftslinie wird es sichern können, es werden andere Familienähnlichkeiten auftauchen, die dieses Erben, seine Reinheit irritieren werden, sie werden andere Bastarde und Monstrositäten der Vernunft zeugen, die vielleicht erst die inzestuöse Tragik der sogenannten Frankfurter Schule begreifbar werden lässt, denn ihre Extreme berühren sich: Wie sie die unterschiedlichen und unterschiedlich kritikablen Philosophien, die ihnen den Anspruch einer avancierten Gesellschaftskritik vermeintlich streitig machten, unter jene Schablone der sogenannten „Postmoderne“ subsumierten, anstatt diese immanent zu kritisieren; dies markiert das Verdrängen dessen, was Benjamin oder Adorno noch als Wesentliches kritischer Theorie auswiesen: die Reflexion ihrer Form, des Sprechens als gesellschaftlicher Praxis, ihres Wirkens selbst –
darüber sind jene „10.000 Seiten“ noch zu schreiben, sind nicht nur jenseits und diesseits des Rheines blinde Flecken auszuloten. Nicht um bloß das Erbe zu vermehren, nicht nur weil man historisch stets vieles, fast alles verloren hat, sondern weil die Praxis des Erbens jene Theorie ist, die den Klassenkampf in der Theorie bewusst austrägt, denn „Kritische Theorie ohne ihre immanente Parteilichkeit wäre nicht wahr“.
Und für jene Intellektuellen (und dies sind wohl am ehesten die, die zumindest ihre Beschädigtheit, ihre Proletarität anerkennen, die das Fragen, jenes „das hab’ ich gerade nicht verstanden“ nicht länger abgründig schmerzt – der Rest sind Idioten), für jene „Intellektuellen“, die sich als Erben glauben, ist es zuvörderst Aufgabe, den wirklichen Streit zu eröffnen, in dem eben nicht bereits gesetzt sein kann oder in dem nicht Zwecksetzung ist zu bestimmen, wer dazugehört und wer nicht, wer das Erbe verraten oder ihm die Treue gehalten hat. So etwas verdrängt den wirklichen Gegenstand, wird Pseudo-Aktivität oder einfach schlechter Akademismus, der die Texte der anderen bereits mit der Gewissheit liest, dass sie ja doch nur zu widerlegen seien und die Dummheit der Angst jeden antwortenden Satz schon längst geschlagen hat. Es geht nicht um die Zerstörung des Anderen, die Wiederherstellung einer nur phantasmatisch garantierten Einheit des Erbes. Es geht um einen Streit.
Und nur im Streit können das Erbe und damit dessen Aktualisierung sein: „Wiederzukehren vermag Tradition einzig in dem, was unerbittlich ihr sich versagt.“ Die Tradition kritischer Theorie besteht in der Irritation ihrer Tradierung und weist über sie hinaus – der Ort dieses Streits darf sich keineswegs auf eine Institution beschränken, wie sie gegenwärtig die Universität bietet, denn ob sie wirklich kritische Theorie ist, erweist sich erst in gesellschaftlicher Praxis, das heißt, „im Handgemenge“.
[via diesebastionbehrisch]