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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Als ich vor 2 Jahren einen Tag in den Ateliers von Neubabelsberg zubrachte, hat mich am meisten beeindruckt, wie wenig von Montage und all dem Fortgeschrittenen wirklich durchgesetzt ist, das Sie herausholen; vielmehr wird überall mimetisch die Wirklichkeit infantil aufgebaut und dann ‘abphotographiert’. Sie unterschätzen die Technizität der autonomen Kunst und überschätzen die der abhängigen; das wäre vielleicht in runden Worten mein Haupteinwand. Er wäre aber zu realisieren nur als eine Dialektik zwischen den Extremen, die Sie von einander reißen.

—Theodor W. Adorno an Walter Benjamin, 18. 03. 1936. In: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.3. Frankfurt am Main 1991, S. 1000-1006, hier: S. 1004f.

Das Dilemma des Lumpenintellektuellen: das Erben

(Vortrag, gehalten am 22. Januar 2013 – zur Vorstellung des Sammelbandes “‘…wenn die Stunde es zuläßt’ – Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie”)

Es ist mir eine große Freude, heute in Marburg über kritische Theorie einmal an und für sich zu sprechen. Der Titel meines Vortrages lautet daher: „…wenn es die Stunde zulässt.“

Ich werde versuchen zu erläutern, was wir uns dabei dachten, als wir den ersten Teil der Einleitung des Sammelbandes formulierten – auch wenn manche Gedanken es nicht mehr in den wirklichen Text schafften. Dadurch spreche ich auch einige Probleme an, die in unserem Sammelband verhandelt werden. Ich kann dies freilich nicht so ausführlich tun, aber vielleicht so, dass ich zu einer Lektüre der anderen Aufsätze anrege. Als Einleitendes dieses Vortrages mag daher Folgendes zitiert werden, vielleicht aus Vorsicht, aber es trifft ganz gut unsere individuellen Erfahrungen, die wir sammelten, als wir Vorträge über kritische Theorie hörten, in der Diskussion danach etwas sagen wollten oder als wir sogar selbst schon einmal über kritische Theorie sprechen mussten: „Sprechen macht mir Angst, denn da ich nie genug sage, sage ich immer auch zu viel.“[1] Wer sagt, dass er kritische Theorie liest, schreibt oder etwas damit tut, der tut nicht irgendetwas – ob er es möchte oder nicht, er erbt etwas – er ist irgendwie Erbe. Und Erben ist eine merkwürdige Tätigkeit: Man bekommt etwas, für das man in der Regel wenig getan hat. Vielleicht muss man also gar nicht so viel tun, um zu sagen, dass man kritische Theorie betreibe, um also ein Erbe zu sein.

Doch in diesem Fall ist man kein Alleinerbe: Man liest oder schreibt kritische Theorie nie allein, bloß für sich – man weiß vielleicht noch nicht einmal, was man da eigentlich geerbt hat: „Wenn die Lesbarkeit eines Vermächtnisses einfach gegeben wäre, natürlich, transparent, eindeutig, wenn sie nicht nach Interpretation verlangen und diese gleichzeitig herausfordern würde, dann gäbe es niemals etwas zu erben. […] Man erbt immer ein Geheimnis – ‘Lies mich!‘ sagt es, ‚Wirst du jemals dazu im Stande sein?‘“[2]

Dass man nicht dazu im Stande ist, so viele Texte zu durchdringen, die uns gewisse Traditionen als kritische Theorie empfehlen, dies scheinen diese Schriften selbst immer wieder zu sagen. Man ist dazu nicht im Stande: Keineswegs natürlich oder klar ist einem, was nun dieser oder jener Satz Hegels oder Marxens oder Adornos zu bedeuten hat, schließlich finden wir ja diese Autoren in einem Corpus dessen, was die Erben vor uns als ihr Erbe begriffen.

Vorträge, die sich in eine Tradition kritischer Theorie einschreiben wollen, die uns von diesem Erbe berichten oder für uns sogar dieses Erbe sind, sind meist von einer gewissen Anmaßung durchzogen. Sie weisen sich freimütig als kritische Theorie aus – sie haben geerbt. Den Vortragenden steht es nicht selten außer Frage, dass man dazu im Stande sei. Ihre Interpretation ist klar – so scheint es zumindest ihnen selbst. Nicht selten heben solche Vorträge damit an, dass es schlecht um dieses Erbe bestellt sei: Sie seien einsame Kritiker, marginalisiert, die letzten legitimen Erben und andere hätten dieses Erbe verraten. So deutlich es auszusprechen, das verbietet meist ein Mindestmaß an Sittlichkeit, mag es auch durch das Fortkommen im akademischen Betrieb motiviert sein.

Vielleicht bringt es auch die Bedingtheit der Universität mit sich, dass es bei solchen Vorträgen meistens keine Unklarheiten gibt. Diese Vorträge geben Antworten, sie stellen keine Fragen. Es stünde doch da, man müsse es nur zu lesen wissen, steht man auch einsam als Vortragender auf einem verlorenen Posten inmitten des Missverstehens.

Machen wir uns nichts vor, sich zur kritischen Theorie zu bekennen, bedeutet immer auch ein Ende der Einsamkeit: Mit der Autorität einer Tradition scheint man zu sprechen, man spricht nicht allein: Durch einen scheinen sie zu sprechen, ein Adorno, ein Marx, ein Benjamin (oder ist dieser schon nicht mehr oder noch keine kritische Theorie?) oder ein Marcuse (oder ist seine Unterscheidung in falsche und wahre Bedürfnisse nicht ein plumper und bloßer Linkshegelianismus? Adorno behauptete dies zumindest).

Vorträge über kritische Theorie bezeugen ihre Erbschaft damit, dass sich dort Zitat an Zitat gereiht findet. Die Zitate haben häufig eine Länge, so dass der Vortragende eigentlich davon ausgehen muss, dass man gerade den betreffenden Band auf seinen Schenkeln ruhen hat oder zumindest diese Schriften so gut kennt, als lese man im Geiste mit. So als kennte man dies schon.

Machen wir uns wirklich nichts vor: Vorträge über kritische Theorie sind meist so angenehm, weil man aus ihnen „immer aufs neue erfährt, was man schon weiß“. Das Irritierende, das Neue oder Andere bringt eher die Unruhe in die kritisch-theoretisch Zuhörenden: Spricht dort jemand im Namen kritischer Theorie, der durch seine Lektüre etwas aus dem Erbe liest, was nicht das Erbe ist? Hat er uns etwas versprochen, was er im Vortragen nicht hält? Sind wir nun glücklich, weil sich die Erbengemeinschaft verkleinert hat, weil man um sich erst durch solche Vorträge, Schriften als rechtmäßiger Erbe weiß? Oder sind wir nun traurig, weil wir so doch weniger sind, als wir annahmen?

Wir wollen nicht traurig sein darüber, dass wir heute vielleicht nur noch wenige sind, die dieses warme Gefühl verspüren, wenn sie das Adorno-Zitat wieder hören, was sie auch letzte Woche in ihrem Lesekreis besprachen, weil es in dem Text vorkam, den ihnen nun der Referent leicht variiert vorträgt.

Die Zitate werden so vorgetragen, sie so arrangiert, dass man dieses Gerassel und Geklapper der Begriffe schon verstanden haben müsste, um es zu verstehen. Den nicht Eingeweihten muss das merkwürdig vorkommen. Aber dies kann ja auch ein Ausweis dafür sein, dass kritische Theorie nun wirklich, endlich Bestandteil der Universität ist. Bei einem Vortrag im Kreise von Phänomenologen, logischen Atomisten oder Neokantianern mag dies bestimmt ähnlich sein. Ist dadurch kritische Theorie traditionell geworden? Es wäre anmaßend, dies jetzt schon zu behaupten. Vielleicht bringen dies auch philosophische Vorträge als solche mit sich, denn die „Welt ist nun einmal nicht niedlich“, Begriffe sind merkwürdige Werkzeuge und damit Wirklichkeit oder Wahrheit so bestimmen zu wollen, dass wir über den lediglich „nächsten Hausbedarf des Erkennens“ hinausgelangen, ist eine schwierige Arbeit.

Erstaunlich daran ist nur, dass die meisten kritischen Theoretiker keinen Lohn für solche ganz traditionell universitär-philosophischen Vorträge bekommen. Vielleicht eine Erstattung der Fahrtkosten. Häufig gilt für sie sogar als kritisch, dass sie die Universität verachten, sich dem Gerangel um Posten verweigern. Mit ihren Zitaten belegen sie, welch perfider Betrieb die Universität ist in den Worten Prof. Dr. Theodor W. Adornos. Es wäre gemein, dies als bloße Rationalisierungen dessen auszuweisen, dass die allermeisten kritischen Theoretiker daran gescheitert sind, Professoren zu werden.

Und es liegt gewiss nicht an ihnen als Einzelnen. Eine Professur ist gewiss nicht das Resultat der angemessensten Durchdringung von Texten oder irgendeines Erbes. Eine Professur ist Resultat eines Streits, sie resultiert aus politischen Kräfteverhältnissen. Und gegen diese Kräfteverhältnisse spricht nun der kritische Theoretiker. Was erlaubt er sich? Obgleich die Freiheit der Lehre garantiert ist, dieses vermeintliche Erbe frei zugänglich ist (ist es denn wertvoll oder ist es denn noch aktuell?), behauptet er dennoch, dass die Verhältnisse schuld daran seien, dass kritische Theorie nicht wirklich ist, keine Posten ergattert oder ergattern will, weil sie kritisch ist? Unweigerlich muss derjenige anmaßend sprechen, der dies in Frage stellt.

So anmaßend, wie diese Zitate aus ihren Texten ragen, so als hätte die Stunde es nicht zugelassen, sich länger mit ihnen zu beschäftigen. Als entsprängen sie einer Selbstausbeutung, für die jetzt noch kein Lohn zu erwirken sei. So als ob die Zitate eine Widerfahrnis seien, so als ob sie mehr forderten, als das bloße Zuhören, als forderten sie eine Praxis, die nicht auf eine Parole, ein Schema, eine Methode zu reduzieren ist, als forderten sie eine Anstrengung, eine Aneignung des Erbes. Lies mich, sagt es – wirst Du jemals, je und je wieder dazu im Stande sein?

Nein, diese Anmaßung ist keiner Idiosynkrasie oder Schrulle einzelner geschuldet, kritische Theorie selbst ist immer Anmaßung – und Vorsicht zugleich, als ob sie forderte, dass wir sagen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß, außer dass der Verblendungszusammenhang universal ist“. Anfänglich muss kritische Theorie Vorsicht sein: Ich weiß, dass ich nichts weiß, sie ist kritisch auch gegen sich selbst, Adorno bezeichnete sie als „Selbstreflexion des Marxismus“.

Diese Vorsicht drückt sich eben in ihrem Namen aus. Denn als dieser Name ersonnen wurde, waren die Kräfteverhältnisse so bestimmt, dass es abträglich gewesen wäre, offen zu sprechen. ‚Marxistische Arbeitswoche’ hieß noch jener lose Verbund von Intellektuellen am Rande der KPD, der als ein Anfang kritischer Theorie ausgemacht werden kann. In der damaligen Universität zu sagen, wir betreiben Marxismus, hätte Schwierigkeiten bereitet – gerade bei jenem Unterfangen, das unweigerlich mit Kritischer Theorie verknüpft ist, ihrer Institutionalisierung: der Gründung des Instituts für Sozialforschung. Man wählte also einen Decknamen.

Doch die Anmaßung kann kritische Theorie nicht los werden. Und auch dies ist an ihrem Decknamen abzulesen: Sie ist die Theorie, die kritisch ist, im Gegensatz zu allen anderen Theorien. Sie bestimmt sich selbst als kritisch, indem sie das ihr Andere als traditionell bestimmt – schließlich interpretiere es nur die Welt, statt Moment ihrer Veränderung zu sein.

In ihrem Anspruch an sich selbst und ihr Anderes ist kritische Theorie anmaßend, indem sie die Grenzen der Theorie selbst in Frage stellt. Sie ergreift Partei für jene Veränderung, dass die Menschen nicht länger an und in der je aktuellen Gesellschaftsform Leidende sind. Und indem sie dies ins Spiel bringt, setzt sie damit genau das aufs Spiel, was die Theorie, die Institution der Universität doch auszeichnen soll: die Distanznahme vom Politischen, von der Parteilichkeit, um darüber unbefangen zu urteilen, was das Wahre ist. 

In ihrer Anmaßung scheint diese Kritik regressiv, vielleicht sogar noch traditioneller als die traditionelle Theorie, hatte letztere sich doch von Thron und Theologie emanzipiert. Kritische Theorie bleibt einer Heteronomie verhaftet, denn ihr Movens ist nicht das ‚ewiggültige Wahre’, sondern entzündet sich „an der Erfahrung der Gewalt und des Leidens“. Ist das Vorsicht oder Anmaßung? 

Denn trotz aller Vorsicht, die sich lieber auf die Zunge beißt und sagt: „Alles, was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin“, ist kritische Theorie Kritik der Theorie im doppelten Sinne: 1. Sie ist Kritik der Theorie, in dem Sinne, dass sie Theorie kritisiert. 2. Sie ist aber auch Kritik der Theorie dergestalt, dass sie als Theorie diese Kritik übt. Wir haben also ganz traditionell einen Widerspruch vor uns, den wir als kritische Theorie behaupten. Und traditionelle Theorie weist so etwas als sicheres Anzeichen für das Falsche aus.

Als Kritik der Theorie könnte daher ihre Bestimmung als Theorie fragwürdig sein. Vielleicht ist unsere Bestimmung ja nur dem Verstoß gegen das Ideal der trennscharfen Definition der Begriffe geschuldet, eine zu beseitigende Mehrdeutigkeit des Begriffes Theorie. Hat kritische Theorie ihr Movens am Leiden der Einzelnen vielleicht deshalb, weil der Begriff als notwendig Allgemeines das Nichtidentische, das Individuelle stets verfehlt, ihm Gewalt antut, so wie die Annahme der Wahrheit nur Widerspiegelung einer Herrschaft, die das Besondere, Einzelne unterdrückt?

Nehmen wir dies an, so wäre die Bezeichnung ‚kritische Theorie’ eine bloße Strategie, ‚Theorie’ selbst nur ein Deckname für ein Unterfangen, das zu erweisen hätte, dass es nicht die eine Wahrheit gäbe, indem diese Behauptung selbst als eine wahr sein muss, um die Wahrheit aufzulösen. Solche Regressionsformen werden überall dort wirklich, wo eine bestimmte Epoche, ein besonderer Sprechort oder eine gewisse begriffliche Markierung aussagender Individuen, sei’s etwa ein Geschlecht oder eine Klasse, zum Kriterium der Wahrheit wird. Diese Relativismen sind Ausdruck der Verzweiflung, die kritische Theorie stets auf Neue heimsucht, wenn sie vor Arbeit am Begriff zurückschreckt.

Relativismen sind – eigentlich immer – inkonsistent: Sie bezweifeln die Möglichkeit von so etwas wie „wahrer Theorie“, und kleiden diesen Zweifel selbst ins Gewand einer Wahrheit beanspruchenden Theorie. Deshalb beißen sie sich in den Schwanz: Ohne eine begriffliche, d.h. notwendig auch und wesentlich allgemeine Bestimmung der Wahrheit kann es kein Wahres geben. Formen, die dies nicht reflektieren, sind unvernünftig und deshalb unwirklich, kein Erbe, sondern Abhub (daher als Gegenstände durchwegs von Interesse).

Selbst traditionelle Theorie ist kritische Theorie nicht ein Ganzes. In und durch traditionelle Theorie haben sich unterschiedliche Formen historisch entwickelt, mögen diese Formen auch ihre eigene Historizität bestreiten. Und in ihrem Anfangen war traditionelle Theorie dasBetrachten der Wahrheit. Wahrheit ist dann etwas, was auch außerhalb der Theorie irgendwie schon bestehe: So, wie die physikalischen Gesetze dann, als sie „entdeckt“ waren, beanspruchen mussten, immer schon gegolten zu haben.

Eine traditionelle Theorie nimmt Wahrheit als etwas an, was in gewissem Sinne dem historischen Wandel widersteht, gerade kein Resultat politischer Kräfteverhältnisse sein darf. Eine solche Theorie usurpiert einen quasi göttlichen Standpunkt, indem sie sich als getrennt von der Praxis behauptet. Ist ihr Anfang die Tatsache, das reine Andere der Theorie, dann ist unklar, wie diese Tatsache eine bestimmte sein soll, so dass sie die Aussage der Theorie „wahr macht“. Ist sie nicht willkürlich, indem etwas als Tatsache irgendwie bestimmt ist, ein Anderes aber ausgeschlossen ist, dass doch ebenso als Tatsache hätte in den Blick geraten können?

Eine solche traditionelle Theorie verdrängt, dass das von ihr Bestimmte nicht identisch mit ihren Bestimmungen ist. Ihre Zwecke entspringen nicht diesen Tatsachen, und die Realisierung dieser Zwecke ist nicht gleichbedeutend mit dem Gegenstand. Die Realisierung dieser Zwecke ist Erkenntnis über den Gegenstand in der Hinsicht, dass sie ihn unter einem gewissen Zweck, mit gewissen Mitteln ‚betrachtet’, ihn so ‚sprechen’ lässt.

Ist die Zielsetzung aber Wahrheit, d.h. die angemessene Darstellung des Gegenstandes, dann hat sich Theorie selbst als Vollzug, als Praxis zu reflektieren, dann ist sie keine bloße Betrachtung, sondern selbst ein bestimmtes Tun, was Scheitern kann, weil der Gegenstand ihn entgegensteht, weil die Mittel nicht diesen Zwecken gereichen, weil sie selbst Moment gesellschaftlicher Praxis.

An diesen Widersprüchen setzt kritische Theorie an, entfaltet die Widersprüche traditioneller Theorien, um ihren Gegenstand zu begreifen. Und so hat sie „traditionell“ zwei Alternativen: Entweder vom Subjekt her, das als frei und irgendwie „vernünftig“ vorausgesetzt werden muss, oder vom Objekt her, das als wohlbestimmt irgendwie als vor- oder herumliegend vorausgesetzt werden muss. Das sind nun die goldenen Kühe von Subjektivisten, Konstruktivisten etc. auf der einen und Empiristen, Realisten etc. auf der anderen Seite. Kritische Theorie ist kritisch, weil sie dieses Spiel nicht mitmacht, m.a.W.: Nicht zustimmt, dass das die erste, nicht hintergehbare Unterscheidung aller Theorie sei.

Wie aber geht die Kritische Theorie mit diesem scheinbaren Dilemma um? Sie begreift es als Gewordenes: Kritische Theorie ist Kritik der Theorie im doppelten Sinne, weil sie traditionelle Theorie immanent kritisiert, indem sie diese als Moment historischer gesellschaftlicher Praxis begreift –  und sich selbst als Kritik verwirklicht, die deren Widersprüche darstellt und ihre eigene Unangemessenheit reflektiert. Da sich die gesellschaftliche Praxis, ihre Kräfteverhältnisse, die in ihr zirkulierenden Formen der Vernunft verändern, muss kritische Theorie sich selbst kritisieren – ist sie doch ihre Zeit in begrifflichen Konstellationen gefasst.

Wahrheit ist deshalb für kritische Theorie in ihrer Historizität und nur als Vollzug begreifbar, die Reflexion ihrer eigenen Historizität ist ihr wesentlich. Sie trägt ihren Decknamen nicht nur, weil es akademisch geboten war, sondern auch weil sich eine dogmatische Erstarrung jener Praxis vollzog, die für sich beanspruchte, das wahre Erbe der Marx’schen Theorie zu verkörpern. In jenem überlieferten Corpus von Texten (und er mag sich bei Lenin, Trotzki, Stalin oder Mao schließen) sei bereits eingeschrieben, wie und was von ihm zu tradieren sei. Denn genau eine solche Tradierung sichere die Aktualität dieser Theorie, da sie bereits die gesellschaftlichen Bewegungsgesetze enthüllt habe. Nicht länger sei die Interpretation der Welt von Nöten, es müsse nur noch (etwas) getan werden. Wer postuliert mit siegessicherer Miene, die stärkste der Parteien zu sein, für den wird das Denken unnötig anstrengend: „es bereitet zuviel Arbeit, ist zu praktisch“. Man lässt sich also von der Anmaßung verführen, die Vorsicht preiszugeben, die stets eine Anstrengung um das Andere ist – dasjenige, was nicht im eigenen Denken aufgeht, was uns praktisch widerfährt, uns zur theoretischen Reflexion zwingt, weil unsere Praxis scheiterte und in diesem Scheitern selbst Leiden wurde.

Mit diesem Erbe musste kritische Theorie brechen. Vielmehr machte sie erst am Marx’schen Erbe wieder lesbar, dass es das unablässige Fragen danach ist, wie sich Theorie kritisch-reflexiv auf ihre eigene theoretische Praxis beziehen kann, um praktische Theorie zu werden, d.h. Moment der Emanzipation der Menschheit, Moment der Emanzipation als Menschheit. Eben weil kritische Theorie ihren methodischen Anfang an den Reflexionen gesellschaftlicher Widersprüche findet, ist sie „vermittels des Interesses an der Umwandlung“ stets damit konfrontiert, traditionelle Theorie geworden zu sein. Deshalb ist sie selbst Gegenstand der Kritik. Etwas kann auch aus dem Erbe ausscheiden, nicht länger vererbt werden. Und die Frage, ob dies eine Vorsicht oder Anmaßung war, wird sich stets nur nachträglich entscheiden lassen.

Weil die Reflexion der Traditionalität von kritischer Theorie die beständige Aktualisierung ihres kritischen Potentials fordert, so ist eben ihr Erbe, auf welches sich die je gegenwärtige kritische Theorie bezieht, um sich selbst als kritische Theorie zu markieren, merkwürdig gespalten: in einen Erbteil, der seinen Gegenstand nicht länger trifft, und einen anderen, der Aktualität verspricht: „Leiden beredt werden zu lassen“. Ein solches Erbe kann nie „eins mit sich“ sein. Es besteht notwendig im Streit der Erben, so dass selbst dieser Streit gefährdet war und sein wird, denn der „Kreis der Träger dieser Tradition“ ist durch keine „testamentarische Vererbung konstituiert“, ihre „zukünftige Gemeinschaft“ nie garantiert.

Im Umgang mit dem Erbe können nämlich zwei Extreme bestimmt werden, die den Streit durch das Schweigen ersetzten: Auf der einen Seite steht das Postulat einer ungebrochenen oder unabgegoltenen Aktualität ihres Erbes, in dem angeblich alles zu finden sei, was für ein Begreifen heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse nötig wäre – in diesem Extrem kehren am deutlichsten die Gespenster des Marxismus wieder. Solche Treue zum Erbe stellt jede Abweichung, etwa die Verunreinigung mit anderen Theorien, unter den Verdacht des Verrats: Sie ist reine Anmaßung.

Auf der anderen Seite steht die Behandlung des Erbes als ein bloßes Museumsstück, welches nicht zu vertretender, veralteter Vorannahmen überführt worden sei, weshalb man den Namen ‚kritische Theorie‘ selbst nur noch mit großer Vorsicht führen möge. Damit entledige man sich der Anmaßungen, um wirklichen Einfluss nicht allein in akademischen Diskursen gewinnen zu können. Ihre Treue zum Erbe liegt gerade in ihrem Verrat: Sie ist reine Vorsicht. Beide Positionen schreiben nicht zufällig das‚Kritische’ groß und reden von der einen Kritischen Theorie – beide sind nicht abgeneigt, von Generationen, von einer frühen oder einer so späten Kritischen Theorie zu reden, dass sie eigentlich keinekritische Theorie mehr sei. Sie schreiben im Grunde genommen an einem „Familienroman“.

Diesen beiden Extremen ist gemein, dass sie eine Einheit des Erbes annehmen müssen, sie müssen sich selbst oder ihre Interpretation identisch mit dem Erbe setzen. Wir könnten sagen, dass die einen das Erbe nicht wirklich annehmen, während die anderen es einfach preisgeben. Beide haben Probleme damit, ein Verhältnis von Aktualität und Traditionalität zu denken.

Das Erbe selbst ist so nicht mehr in der Geschichte, es ist entweder überhistorisch, weil es beständig Geltung beanspruchen kann, oder es ist längst so tief unter Sedimenten begraben, dass es jedwede Geltung verloren hat. Doch unter dem Postulat, „daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist“, ist es „dieGegenwart“, die gegenwärtige gesellschaftliche Praxis, die das Erbe wieder neu liest und unter Maßgabe des ihr im Ausgang vom Gegenwärtigen am Vergangenen als unabgegolten sich Zeigenden auch je und je wieder neu auszulegen hat. Im Zuge dessen erscheint die Vergangenheit als veränderte – und verändernd auf die Gegenwart wirkend.  Die Rede von einem Verfall, von der Unmöglichkeit der Veränderung, ja die Perspektive von Geschichtsphilosophie überhaupt ist für kritische Theorie nicht nur ein Unglück, sondern die Kapitulation vor der Anstrengung, Historizität zu denken, sich wirklich in jenem Jetzt zu begreifen, was sich nur im Verhältnis des vergangenen und künftigen Jetzt konstituiert.

Kritische Theorie ist eben kein lineares Fortschreiten, sondern in ihrem Aktualisieren zeigt sich das Traditionelle des Aktuellen und das Aktuelle des Traditionalisierten – ‚wenn die Stunde es zuläßt‘. Denn dieses ‚Zeigen’, diese Dialektik hat kein gewisses Resultat, vielleicht auch keine ewige Dauer. Sie entfaltet sich durch all jene Individuen, die verzweifelt oder berauscht dieses Erbe lesen, darüber diskutieren, es irgendwie wirklich werden lassen und sei es in seinem Scheitern, in all jenen eitel vorwissenschaftlichen Schriften, die nur durch ihre Zitate es sprechen lassen, durch all die endlosen Satzkaskaden und logischen Widersprüche hindurch, in denen diese eingerückten, mit Gänsehautfüßchen eingerahmten, kursiv geschrieben Sätze sagen: Lies mich, das um mich herum Geschrieben war dazu nicht im Stande!

Heißt dies aber nicht, dass wir zwar aus Vorsicht kritische Theorie klein schreiben, aber eigentlich doch groß, weil wir diese Extreme der Traditionalität und Aktualität aussondern? Wenn wir daran festhalten wollen, dass kritische Theorie stets auch Anmaßung ist, weil sie mehr beanspruchen muss, als bloße Theorie zu sein, dann können wir sie nicht einfach in verschiedene kritische Theorieauflösen, weil wir uns durch und in kritische(r) Theorie auf etwas anderes als unsere gegenwärtigen Interpretationen und Gegenwärtigkeit beziehen. Wir können sie nicht einfach nur kleinschreiben, sie kann nicht bloß kritische Theorie werden: „Man muß,das heißt: Man muß filtern, sieben, kritisieren, man muß aussuchen unter den verschiedenen Möglichkeiten, die derselben Verfügung innewohnen“. Und darum ist zu streiten, genau zwischen diesen Extremen, zwischen einer groß geschriebenen Kritischen und einer klein geschriebenen kritischen Theorie. Zwischen dem, was man als das Erbe glaubt, und dem, um das man dann als Erbe weiß. Und das Erben fängt immer als ein Glauben an: Man muss glauben an das, was da mit der Würde der Erblasser beladen uns überkommt – weil man es noch nicht wissen kann, weil man dafür das Erbe „angenommen“, d.h. erworben und sich assimiliert haben müsste. Kritische Theorie muss daher ihr Erbe radikal in Frage stellen – indem sie das aber tut, hat sie etwas als ihr Erbe angenommen, was nicht in dem Angenommenen aufgehen wird.

Und dieses Angenommene ist wesentlich nicht das Erbe, das wir erbten, was wir immer nur zu erben glaubten. Da es als bestimmtes stets begrifflich ist, ist es immer auch Gegenstand, etwas, was nicht dieses Erbe ist. Keine tradierte Erbschaftslinie wird es sichern können, es werden andere Familienähnlichkeiten auftauchen, die dieses Erben, seine Reinheit irritieren werden, sie werden andere Bastarde und Monstrositäten der Vernunft zeugen, die vielleicht erst die inzestuöse Tragik der sogenannten Frankfurter Schule begreifbar werden lässt, denn ihre Extreme berühren sich: Wie sie die unterschiedlichen und unterschiedlich kritikablen Philosophien, die ihnen den Anspruch einer avancierten Gesellschaftskritik vermeintlich streitig machten, unter jene Schablone der sogenannten „Postmoderne“ subsumierten, anstatt diese immanent zu kritisieren; dies markiert das Verdrängen dessen, was Benjamin oder Adorno noch als Wesentliches kritischer Theorie auswiesen: die Reflexion ihrer Form, des Sprechens als gesellschaftlicher Praxis, ihres Wirkens selbst –

darüber sind jene „10.000 Seiten“ noch zu schreiben, sind nicht nur jenseits und diesseits des Rheines blinde Flecken auszuloten. Nicht um bloß das Erbe zu vermehren, nicht nur weil man historisch stets vieles, fast alles verloren hat, sondern weil die Praxis des Erbens jene Theorie ist, die den Klassenkampf in der Theorie bewusst austrägt, denn „Kritische Theorie ohne ihre immanente Parteilichkeit wäre nicht wahr“.

Und für jene Intellektuellen (und dies sind wohl am ehesten die, die zumindest ihre Beschädigtheit, ihre Proletarität anerkennen, die das Fragen, jenes „das hab’ ich gerade nicht verstanden“ nicht länger abgründig schmerzt – der Rest sind Idioten), für jene „Intellektuellen“, die sich als Erben glauben, ist es zuvörderst Aufgabe, den wirklichen Streit zu eröffnen, in dem eben nicht bereits gesetzt sein kann oder in dem nicht Zwecksetzung ist zu bestimmen, wer dazugehört und wer nicht, wer das Erbe verraten oder ihm die Treue gehalten hat. So etwas verdrängt den wirklichen Gegenstand, wird Pseudo-Aktivität oder einfach schlechter Akademismus, der die Texte der anderen bereits mit der Gewissheit liest, dass sie ja doch nur zu widerlegen seien und die Dummheit der Angst jeden antwortenden Satz schon längst geschlagen hat. Es geht nicht um die Zerstörung des Anderen, die Wiederherstellung einer nur phantasmatisch garantierten Einheit des Erbes. Es geht um einen Streit.

Und nur im Streit können das Erbe und damit dessen Aktualisierung sein: „Wiederzukehren vermag Tradition einzig in dem, was unerbittlich ihr sich versagt.“ Die Tradition kritischer Theorie besteht in der Irritation ihrer Tradierung und weist über sie hinaus – der Ort dieses Streits darf sich keineswegs auf eine Institution beschränken, wie sie gegenwärtig die Universität bietet, denn ob sie wirklich kritische Theorie ist, erweist sich erst in gesellschaftlicher Praxis, das heißt, „im Handgemenge“.

[1] Jacques Derrida: Kraft und Bedeutung, in: Ders. (Hg.): Die Schrift und die Differenz, Frankfurt am Main 1976, S. 19; [2] Jacques Derrida: Marx Gespenster, S. 32f.; [3] Vincent Descombes: Das Selbe und das Andere, S. 12; [4] Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, S. 249; [5] Düttmann: Verblendungszusammenhang, S. 382; [6] Marx zit. nach Engels, Brief an Paul Lafargue, S. 450; [7] Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis, S. 764; [8] Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, S. 215; [9] Adorno, Negative Dialektik, S. 29; [10] Derrida, Marx’ Gespenster, S. 32; [11] Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, S. 215; [12] Demirovic: Heinz Maus oder die Genealogie kritischer Theorie; [13] Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, S. 702; [14]Sappho von Lesbos: „Alles ist möglich, wenn die Stunde es zuläßt“; zit. nach Benseler in Völk et al. (Hg.): “…wenn die Stunde es zuläßt”; [15]Derrida, Marx’ Gespenster, S. 32; [16] Derrida, Fichu; [17] Weingarten,Notiz zum Begriff der Kritik bei Marx, S. 309; [18] Adorno, Über Tradition, S. 320; [19] Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, S. 381. Die Fußnoten folgen nicht der üblichen Zitationsweise. Dies ist zu entschuldigen.

[via diesebastionbehrisch]

In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist. Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich dem praktischen Bourgeois am schlagendsten fühlbar in den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt – die allgemeine Krise. Sie ist wieder im Anmarsch, obgleich noch begriffen in den Vorstadien, und wird durch die Allseitigkeit ihres Schauplatzes, wie die Intensität ihrer Wirkung, selbst den Glückspilzen des neuen heiligen, preußisch-deutschen Reichs Dialektik einpauken.

Karl Marx: Nachwort zur zweiten Auflage von Das Kapital. In: MEW 23, Berlin 1972, S. 27f.

[via grantelhuber:frutelia3000]

Muss sich […] das Prinzip der Politik, außer das es den Rückgang auf das Prinzip selbst, auf die arché, in Frage stellen muss, nicht genau von der von ihrer rein politischen Bedeutung gelösten Idee der Anarchie beeinflussen lassen, von den Störeffekten, die sie entfaltet, in dem sie die Linien einer negativen Dialektik zeichnet? Weit davon entfernt, dass der Staat die Demokratie umfasst, so als könne er sie einschließen, indem er sich mit ihr identifiziert, ist es die Demokratie, die fern von jeglicher arché die Grenzen des Staates markiert und, indem sie dies tut, sich gegen die Bewegung der Totalisierung dieser Form, die sich als souverän ausgibt, verwahrt, ja mehr noch sie zunichte macht. Kann sich der Denker des Politischen von der Anarchie bewegen lassen, so wie sie bei den Philosophen eine Wiederkunft erlebt, als Echo des philosophischen Bruchs, ohne Garantien und vorgängige Grenzen – ohne Prinzip – […]: ‘Sie [die Anarchie] kann den Staat nur stören – allerdings auf radikale Weise und so, daß dadurch Momente der Negation ohne irgendeine Bejahung möglich werden. Der Staat kann sich so nicht zum Ganzen erheben.’
Als Unordnung, die nicht dazu bestimmt ist, eine andere Ordnung zu sein, hat die Demokratie eine irreduzible Bedeutung als Absage an die Synthese, als Absage an die Ordnung, als eine in der Zeit erfolgende Erfindung des politischen Bandes, das über den Staat hinausgeht und ihn überschreitet.

Miguel Abensour: Demokratie gegen den Staat. Marx und das machiavellische Moment. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Frankfurt am Main 2012, S. 222f.

Das Gleichgewicht, worein sich Entstehen und Vergehen setzen, ist zunächst das Werden selbst. Aber dieses geht ebenso in ruhige Einheit zusammen. Sein und Nichts sind in ihm nur als Verschwindende; aber das Werden als solches ist nur durch die Unterschiedenheit derselben. Ihr Verschwinden ist daher das Verschwinden des Werdens oder Verschwinden des Verschwindens selbst. Das Werden ist eine haltungslose Unruhe, die in ein ruhiges Resultat zusammensinkt.
[…]
Aufheben und das Aufgehobene (das Ideelle) ist einer der wichtigsten Begriffe der Philosophie, eine Grundbestimmung, die schlechthin allenthalben wiederkehrt, deren Sinn bestimmt aufzufassen und besonders vom Nichts zu unterscheiden ist. – Was sich aufhebt, wird dadurch nicht zu Nichts. Nichts ist das Unmittelbare; ein Aufgehobenes dagegen ist ein Vermitteltes, es ist das Nichtseiende, aber als Resultat, das von einem Sein ausgegangen ist; es hat daher die Bestimmtheit, aus der es herkommt, noch an sich.
Aufheben hat in der Sprache den gedoppelten Sinn, daß es soviel wie Aufbewahren, erhalten bedeutet und zugleich soviel als aufhören lassen, ein Ende machen. Das Aufbewahren selbst schließt schon das Negative in sich […]. Die angegebenen zwei Bestimmungen des Aufhebens können lexikalisch als zwei Bedeutungen dieses Wortes aufgeführt werden. Auffallend müßte es aber dabei sein, daß eine Sprache dazu gekommen ist, ein und dasselbe Wort für zwei entgegengesetzte Bestimmungen zu gebrauchen. Für das spekulative Denken ist es erfreulich, in der Sprache Wörter zu finden, welche eine spekulative Bedeutung an ihnen selbst haben; die deutsche Sprache hat mehrere dergleichen.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik, Band I. In: Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel (Hsrg.): G.W.F. Hegel - Werke, Band 5. Frankfurt am Main 1979, S. 113-115.

Das Leben schien nur lebenswert, wo die Schwelle, die zwischen Wachen und Schlaf ist, in jedem ausgetreten war, wie von Tritten massenhafter hin und wider flutender Bilder, die Sprache nur sie selbst, wo Laut und Bild und Bild und Laut mit automatischer Exaktheit derart glücklich ineinandergriffen, daß für den Groschen »Sinn« kein Spalt mehr übrigblieb. Bild und Sprache haben den Vortritt. Saint-Pol-Roux befestigt, wenn er gegen Morgen sich zum Schlafe niederlegt, an seiner Tür ein Schild: Le poète travaille. Breton notiert: »Still. Ich will, wo keiner noch hindurchgegangen ist, hindurchgehen, still! – Nach Ihnen, liebste Sprache.« Die hat den Vortritt.[…]
Die wahre, schöpferische Überwindung religiöser Erleuchtung aber liegt nun wahrhaftig nicht bei den Rauschgiften. Sie liegt in einer profanen Erleuchtung, einer materialistischen, anthropologischen Inspiration, zu der Haschisch, Opium und was immer sonst die Vorschule abgeben können. (Aber eine gefährliche. Und die der Religionen ist strenger.)
[…]
Jede ernsthafte Ergründung der okkulten, sürrealistischen, phantasmagorischen Gaben und Phänomene hat eine dialektische Verschränkung zur Voraussetzung, die ein romantischer Kopf sich niemals aneignen wird. Es bringt uns nämlich nicht weiter, die rätselhafte Seite am Rätselhaften pathetisch oder fanatisch zu unterstreichen; vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grade, als wir es im Alltäglichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das Alltägliche als undurchdringlich, das Undurchdringliche als alltäglich erkennt. Die passionierteste Untersuchung telepathischer Phänomene zum Beispiel wird einen über das Lesen (das ein eminent telepathischer Vorgang ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Lesens über die telepathischen Phänomene. Oder: die passionierteste Untersuchung des Haschischrausches wird einen über das Denken (das ein eminentes Narkotikum ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Denkens über Literarische und ästhetische Essays den Haschischrausch. Der Leser, der Denkende, der Wartende, der Flaneur sind ebensowohl Typen des Erleuchteten wie der Opiumesser, der Träumer, der Berauschte. Und sind profanere. Ganz zu schweigen von jener fürchterlichsten Droge – uns selber –, die wir in der Einsamkeit zu uns nehmen.

—Walter Benjamin: Der Sürrealismus. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften II.1., Frankfurt am Main 1991, S. 295-310; hier: S. 296f. und S. 307f.

Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.

Walter Benjamin: Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Exposé.

In: In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt am Main 1991, S. 59.

Die kopernikanische Wendung in der geschichtlichen Anschauung ist diese: man hielt für den fixen Punkt das »Gewesene« und sah die Gegenwart bemüht, an dieses Feste die Erkenntnis tastend heranzuführen. Nun soll sich dieses Verhältnis umkehren und das Gewesene zum dialektischen Umschlag, zum Einfall des erwachten Bewußtseins werden. Die Politik erhält den Primat über die Geschichte. Die Fakten werden etwas, was uns soeben zustieß, sie festzustellen ist die Sache der Erinnerung. Und in der Tat ist das Erwachen der exemplarische Fall des Erinnerns: der Fall, in welchem es uns glückt, des Nächsten, Banalsten, Naheliegendsten uns zu erinnern. Was Proust mit dem experimentierenden Umstellen der Möbel im morgendlichen Halbschlummer meint, Bloch als das Dunkel des gelebten Augenblicks erkennt, ist nichts anderes als was hier in der Ebene des Geschichtlichen, und kollektiv, gesichert werden soll. Es gibt Noch-nicht-bewußtes-Wissen vom Gewesenen, dessen Förderung die Struktur des Erwachens hat.

[…]


Man sagt, daß die dialektische Methode darum geht, der jeweiligen konkret-geschichtlichen Situation ihres Gegenstandes gerecht zu werden. Aber das genügt nicht. Denn ebensosehr geht es ihr darum, der konkret-geschichtlichen Situation des Interesses für ihren Gegenstand gerecht zu werden. Und diese letztere Situation liegt immer darin beschlossen, daß es selber sich präformiert in jenem Gegenstande, vor allem aber, daß es jenen Gegenstand in sich selber konkretisiert, aus seinem Sein von damals in die höhere Konkretion des Jetztseins (Wachseins!) aufgerückt fühlt. Wieso dies Jetztsein (das nicht weniger als das Jetztsein der »Jetztzeit« – sondern ein stoßweises, intermittierendes – ist) an sich schon eine höhere Konkretion bedeutet – diese Frage kann die dialektische Methode freilich nicht in der Ideologie des Fortschritts sondern nur in einer, an allen Teilen diese überwindenden Geschichtsanschauung erfassen. In ihr wäre von der zunehmenden Verdichtung (Integration) der Wirklichkeit zu sprechen, in der alles Vergangene (zu seiner Zeit) einen höheren Aktualitätsgrad als im Augenblick seines Existierens erhalten kann. Wie es als höhere Aktualität sich ausprägt, das schafft das Bild als das und in dem es verstanden wird. Und diese dialektische Durchdringung und Vergegenwärtigung vergangener Zusammenhänge ist die Probe auf die Wahrheit des gegenwärtigen Handelns. Das heißt: sie bringt den Sprengstoff, der im Gewesenen liegt (…) zur Entzündung. So an das Gewesene herangehen, das heißt nicht wie bisher es auf historische sondern auf politische Art, in politischen Kategorien behandeln.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [K 1, 2] und [K 2, 3]: Traumstadt und Traumhaus, Zukunftsträume, Anthropologischer Nihilismus, Jung.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band V.1, Frankfurt am Main 1991, S. 490f. und 494f.

[via walter-benjamin-bluemchen]

Das dialektische Bild ist ein Kugelblitz, der über den ganzen Horizont des Vergangnen läuft.

Walter Benjamin: Vorstufen, Varianten und Fragmente zu “Über den Begriff der Geschichte”.

In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.3, Frankfurt am Main 1991, S. 1233.

Wie gewaltig in diesem Abgrund der Allegorie die dialektische Bewegung braust, das muß unterm Studium der Trauerspielform deutlicher als bei jedem andern an Tag treten. Jene weltliche, die geschichtliche Breite, die Görres und Creuzer der allegorischen Intention zuschreiben, ist als Naturgeschichte, als Urgeschichte des Bedeutens oder der Intention dialektischer Art. Unter der entscheidenden Kategorie der Zeit, welche in dieses Gebiet der Semiotik getragen zu haben die große romantische Einsicht dieser Denker war, läßt das Verhältnis von Symbol und Allegorie eindringlich und formelhaft sich festlegen. Während im Symbol mit der Verklärung des Untergangs das transfigurierte Antlitz der Natur im Lichte der Erlösung flüchtig sich offenbart, liegt in der Allegorie die facies hippocratica der Geschichte als erstarrte Urlandschaft dem Betrachter vor Augen. Die Geschichte in allem was sie Unzeitiges, Leidvolles, Verfehltes von Beginn an hat, prägt sich in einem Antlitz – nein in einem Totenkopfe aus. Und so wahr alle ‘symbolische’ Freiheit des Ausdrucks, alle klassische Harmonie der Gestalt, alles Menschliche einem solchen fehlt – es spricht nicht nur die Natur des Menschendaseins schlechthin, sondern die biographische Geschichtlichkeit eines Einzelnen in dieser naturverfallensten Figur bedeutungsvoll als Rätselfrage sich aus. Das ist der Kern der allegorischen Betrachtung, der barocken, weltlichen Exposition der Geschichte als Leidensgeschichte der Welt; bedeutend ist sie nur in den Stationen des Verfalls. Soviel Bedeutung, soviel Todverfallenheit, weil am tiefsten der Tod die zackige Demarkationslinie zwischen Physis und Bedeutung eingräbt. Ist aber die Natur von jeher todverfallen, so ist sie auch allegorisch von jeher. Bedeutung und Tod sind so gezeitigt in historischer Entfaltung wie sie im gnadenlosen Sündenstand der Kreatur als Keime enge ineinandergreifen.

—Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. Frankfurt am Main 1978, S. 144f.

René MAGRITTE - L’Eloge de la Dialectique, 1937  [In praise of dialectic, Lob der Dialektik]
[via amare-habeo:merisoniomart]

René MAGRITTE - L’Eloge de la Dialectique, 1937  [In praise of dialectic, Lob der Dialektik]

[via amare-habeo:merisoniomart]

Die ewige Wiederkehr nennt die ewige Wiederkehr des Selben und die Wiederholung nennt die Abkehr, den Umweg, auf dem sich das andere mit dem Selben identifiziert, um zur Nichtidentität des Selben zu werden und das Selbe in seiner Wiederkehr, die es von sich abkehrt, immer anders als es selbst werden zu lassen. […] Und derart die Wiederholung unendlich wiederholend, macht sie sie gewissermaßen zur Parodie, aber entzieht sie auch all dem, was zu wiederholen die Macht hätte: denn sie nennt sie als nichtidentifizierbare, irrepräsentable, nicht wiedererkennbare Affirmation und legt sie zugleich in Trümmer, indem sie sie, als ein unbestimmtes Murmeln, im Schweigen wiederaufrichtet, das sie seinerseits zertrümmert, indem sie es als jene Rede zu verstehen gibt, welche aus der tiefsten Vergangenheit, aus der entferntesten Zukunft immer schon als die immer noch zu kommende Rede gesprochen hat.

Maurice Blanchot: Nietzsche und die fragmentarische Schrift, in: Werner Hamacher (Hg.): Nietzsche aus Frankreich, Frankfurt am Main – Berlin 1986, S. 59.

[via diesebastionbehrisch]

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