Nº. 1 of  4

Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Denken:

Bilder sind ‘künstlich’, sind Artefakte zumindest in dem Sinne, dass sie vom Menschen hervorgebracht werden. Man könnte den künstlichen die natürlichen Bilder gegenüberstellen. Dies gilt aber – mit Blick auf Spiegelungen in Teichoberflächen oder Schattenwürfen – wieder nur unter der Bedingung, dass gedankliche Verrichtungen vorgenommen werden müssen, um etwas als Bild von (oder für) etwas zu beschreiben. D.h., auch die in natura vorkommenden Bilder sind nur insofern Bilder, als sie als Bilder bezeichnet werden, und in diesem Sinne kann in der Tat auch ein natürliches Bild als Bild (und Artefakt) gelten.

—Mathias Gutmann: Metapher und Bild. Zur tätigkeitstheoretischen Deutung von Gegenständen mittlerer Eigentlichkeit. In: Siegfried Blasche, Mathias Gutmann, Michael Weingarten (Hg.): Repraesentatio Mundi. Bilder als Ausdruck und Aufschluss menschlicher Weltverhältnisse. Historisch-systematische Perspektiven. Bielefeld 2004, S. 223.

Von Arthur Rimbaud wird, wie wir uns erinnern, folgender sonderbarer Ausdruck gebraucht: ‘logische Revolten’. Nun, ich glaube, die Philosophie ist gerade dies: eine logische Revolte. In der Philosophie besteht ein tiefgründiges Begehren, das Denken der Ungerechtigkeit der Welt entgegenzustellen. In der Philosophie ist eine kritische Unzufriedenheit mit den Sachen, so wie diese sind, zu finden. Aber die Bewegung des Denkens, durch die sich diese Unzufriedenheit bzw. diese Revolte entwickelt, setzt die Präposition einer neuen Logik voraus. In der Philosophie gibt es immer einen Willen zur Argumentation und Konsistenz. Man kann also die Behauptung aufstellen, dass die Philosophie diesem mysteriösen Imperativ der Dichtung untersteht, eine ‘logische Revolte’ durchzuführen. Die Philosophie ist ein Aufstand des Denkens, das dennoch seinen Grundsatz der Kohärenz zu bewahren sucht.

—Alain Badiou: Die Gegenwärtige Welt und das Begehren der Philosophie. In: Ders./Jacques Rancière: Politik der Wahrheit. Aus dem Französischen von Rado Riha. Wien, Berlin 2010, S. 7.

Der Autor legt den Gedanken auf den Marmortisch des Cafés. Lange Betrachtung: denn er benutzt die Zeit, da noch das Glas - die Linse, unter der es den Patienten vornimmt - nicht vor ihm steht. Dann packt er sein Besteck allmählich aus; Füllfederhalter, Bleistift und Pfeife. Die Menge der Gäste macht, amphitheatralisch angeordnet, sein klinisches Publikum. Kaffee, vorsorglich eingefüllt und ebenso genossen, setzt den Gedanken unter Chloroform. Worauf der sinnt, hat mit der Sache selbst nicht mehr zu tun, als der Traum des Narkotisierten mit dem chirurgischen Eingriff. In den behutsamen Lineamenten der Handschrift wird zugeschnitten, der Operateur verlagert im Innern Akzente, brennt die Wucherungen der Worte heraus und schiebt als silberne Rippe ein Fremdwort ein. Endlich näht ihm mit feinen Stichen Interpunktion das Ganze zusammen und er entlohnt den Kellner, seinen Assistenten, in bar.

Walter Benjamin: Poliklinik. In: Ders.: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. Frankfurt am Main 2011, S. 58f.

[via brainexpectingrain]

Language makes thought, as much as it is made by thought. Thought inhabits language and language is its body.

Maurice Merleau-Ponty: Consciousness and the Acquisition of Language, translation by Hugh J. Silverman.

[via frenchtwist:foxesinbreeches]

Zur Lehre vom ideologischen Überbau. Zunächst scheint es als habe Marx hier nur ein Kausalverhältnis zwischen Überbau und Unterbau feststellen wollen. Aber bereits die Bemerkung, daß die Ideologien des Überbaus die Verhältnisse falsch und verzerrt abspiegeln, geht darüber hinaus. Die Frage ist nämlich: wenn der Unterbau gewissermaßen im Denk- und Erfahrungsmaterial den Überbau bestimmt, diese Bestimmung aber nicht die des einfachen Abspiegelns ist, wie ist sie dann – ganz abgesehen von der Frage ihrer Entstehungsursache – zu charakterisieren? Als deren Ausdruck. Der Überbau ist der Ausdruck des Unterbaus. Die ökonomischen Bedingungen, unter denen die Gesellschaft existiert, kommen im Überbau zum Ausdruck; genau wie beim Schläfer ein übervoller Magen im Trauminhalt, obwohl er ihn kausal »bedingen« mag, nicht seine Abspiegelung sondern seinen Ausdruck findet. Das Kollektiv drückt zunächst seine Lebensbedingungen aus. Sie finden im Traum ihren Ausdruck und im Erwachen ihre Deutung.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 495f.

I can’t help but dream about a kind of criticism that would try not to judge but to bring an oeuvre, a book, a sentence, an idea to life; it would fight fires, watch grass grow, listen to the wind, and catch the sea foam in the breeze and scatter it. It would multiply not judgements but signs of existence; it would summon them, drag them from their sleep. Perhaps it would invent them sometimes — all the better. Criticism that hands down sentences sends me to sleep; I’d like a criticism of scintillating leaps of the imagination. It would not be sovereign or dressed in red. It would bear the lightning of possible storms.

-

Ich kann nicht umhin, an eine Kritik zu denken, die nicht versuchte zu richten, sondern die einem Werk, einem Buch, einem Satz, einer Idee zur Wirklichkeit verhilft; sie würde Fackeln anzünden, das Gras wachsen sehen, dem Winde zuhören und den Schaum im Fluge auffangen und Wirbeln lassen. Sie häuft nicht Urteil auf Urteil, sondern sie sammelt möglichst viele Existenzzeichen; sie würde sie herbeirufen, sie aus ihrem Schlaf rütteln. Mitunter würde sie sie erfinden? Umso besser, umso besser. Die Kritik durch Richtspruch langweilt mich; ich möchte eine Kritik mit Funken der Phantasie. Sie wäre nicht souverän, noch in roter Robe. Sie wäre geladen mit den Blitzen aller Gewitter des Denkbaren.

Michel Foucault: The masked philosopher. In: Ethics: Subjectivity and truth, ed. Paul Rabinow. New York 1994, p. 87-94.

[via ratak-monodosico:lf]

-

Michel Foucault: Der maskierte Philosoph. Gespräch mit Christian Delacampagne von “Le Monde” 1980. In: Von der Freundschaft. Michel Foucault im Gespräch. Berlin 1984, S. 9 - 24.

Zwei Worte zur Methode, an die unser Kommentar sich hielt und nach der er sich auch bei den folgenden Texten richten wird. Auf keinen Fall beabsichtigen wir, aus der Lektüre unserer Texte die religiöse Bedeutung, die die Lektüre des naiven oder mystischen Gläubigen leitet, auch nicht diejenige, die ein Theologe aus ihnen herauslesen würde. Allerdings gehen wir davon aus, daß diese Bedeutung nicht nur in eine philosophische Frage übertragbar ist, sondern sich auf philosophische Probleme bezieht. Das Denken der Talmudgelehrten rührt von einer ziemlich radikalen Reflexion her, die auch die Ansprüche der Philosophie befriedigt. Eben diese rationale Bedeutung war Gegenstand unserer Suche. Die lakonischen Formeln und die Bilder, die Anspielungen und fast das »Augenzwinkern« , in denen sich dieses Denken im Talmud ausdrückt, können ihren Sinn erst dann preisgeben, wenn man sie vor dem Hintergrund der konkreten Probleme und konkreten Situationen der Existenz erörtern, ohne sich um die offenkundigen Anachronismen zu kümmern, in die man damit zurückfällt. Diese können nur die Eiferer der historischen Methode schockieren, die lehren, daß es dem genialen Denken untersagt ist, den Sinn irgendeiner Erfahrung zu antizipieren, und daß es nicht nur Wörter gibt, die unaussprechbar sind, bevor eine bestimmte Zeit gekommen ist, sondern auch Gedanken, die undenkbar sind, bevor ihre Zeit sich erfüllt.
[…]
Dieses Vertrauen in die Weisheit der Weisen ist, wenn man so will, ein Glaube. Aber diese Glaubensform, zu der wir uns bekennen, ist die einzige, die man nicht diskret für sich zu behalten gezwungen ist, ohne die Schamlosigkeit der Glaubensbekenntnisse, die indiskret auf allen öffentlichen Plätzen ertönen.

—Emmanuel Lévinas: Der Begriff des Messianismus. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 69f.

Das Andenken ist die säkularisierte Reliquie.

Das Andenken ist das Komplement des »Erlebnisses«. In ihm hat die zunehmende Selbstentfremdung des Menschen, der seine Vergangenheit als tote Habe inventarisiert, sich niedergeschlagen. Die Allegorie hat im neunzehnten Jahrhundert die Umwelt geräumt, um sich in der Innenwelt anzusiedeln. Die Reliquie kommt von der Leiche, das Andenken von der abgestorbenen Erfahrung her, welche sich, euphemistisch, Erlebnis nennt.

Walter Benjamin: Zentralpark. In: Tiedemann/Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.2, Frankfurt am Main 1991, S. 681.

Es gibt Grenzen des Begriffs. Im Lateinischen oder im Französischen wie auch im Deutschen nennt Begriff die Geste des Ergreifens, es ist ein Erfassen. Die Dekonstruktion gilt als hyperbegrifflich, und gewiß ist sie es in Wirklichkeit auch; sie hat einen großen Verbrauch an Begriffen, die sie ebenso hervorbringt wie ererbt - allerdings nur bis zu dem Punkt, an dem eine gewisse denkende Schrift über das Ergreifen oder die begriffliche Beherrschung hinausgeht. Sie versucht daraufhin, die Grenze des Begriffs zu denken, sie hält sogar die Erfahrung dieses Hinausgehens aus; sie läßt es in ihrer Verliebtheit geschehen, über sich hinauszugehen. Es ist gleichsam eine Ekstase des Begriffs: Man genießt sie bis zur Entgrenzung.

Jacques Derrida und Elisabeth Roudinesco: Woraus wird Morgen sein? Ein Dialog, Stuttgart 2006, S. 17.

[via diesebastionbehrisch:lf]

Die Wahrheit hat keine Grade wie die Wahrscheinlichkeit. Der negierende Schritt über das einzelne Urteil hinaus, der seine Wahrheit rettet, ist möglich nur, sofern es sich selbst für wahr nahm und sozusagen paranoisch war. Das wirklich Verrückte liegt erst im Unverrückbaren, in der Unfähigkeit des Gedankens zu solcher Negativität, in welcher entgegen dem verfestigten Urteil das Denken recht eigentlich besteht.

Theodor W. Adorno & Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno – Gesammelte Schriften, Band 3, Darmstadt 1998, S. 220.

[via noxe]

[via diesebastionbehrisch]

Zum Denken gehört ebenso die Bewegung wie das Stillstellen der Gedanken. Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild. Es ist die Zäsur der Denkbewegung. Ihre Stelle ist natürlich keine beliebige. Sie ist, mit einem Wort, da zu suchen, wo die Spannung zwischen den dialektischen Gegensätzen am größten ist. Demnach ist der in der materialistischen Geschichtsdarstellung konstruierte Gegenstand selber das dialektische Bild. Es ist identisch mit dem historischen Gegenstand; es rechtfertigt seine Absprengung aus dem Kontinuum der Geschichte.

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk [N 10 a, 3]: Erkenntnistheoretisches, Theorie des Fortschritts.

In: Rolf Tiedemann (Hrsg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften V.I, Frankfurt am Main 1991, S. 595.

“Das ist eine Legende, die muss einmal zerstört  werden, es gibt höchstens Männer, mit denen es völlig hoffnungslos ist,  und einige, mit denen es nicht ganz so hoffnungslos ist. Darin ist der  Grund dafür zu suchen, nach dem noch niemand gesucht hat, warum nur  Frauen immerzu den Kopf voll haben mit ihren Gefühlen und Geschichten  mit ihrem Mann oder Männern. Das Denken daran nimmt tatsächlich den  größten Teil der Zeit jeder Frau in Anspruch. Sie muß aber daran denken,  weil sie sonst buchstäblich, ohne ihr nie erlahmendes Gefühlstreiben,  Gefühlantreiben, es niemals mit einem Mann aushalten könnte, der ja ein  Kranker ist und sich kaum mit ihr beschäftigt. Für ihn ist es ja leicht,  wenig an die Frau zu denken, denn sein kranken System ist unfehlbar, er  wiederholt, er hat sich wiederholt, er wird sich wiederholen. Wenn er  gerne Füße küsst, wird er noch fünfzig Frauen die Füße küssen […]. Eine  Frau muss aber damit fertig werden, daß jetzt ausgerechnet ihre Füße an  der Reihe sind, sie muß sich unglaubliche Gefühle erfinden und den  ganzen Tag ihre wirklichen Gefühle in den erfundenen unterbringen,  einmal damit sie das mit den Füßen aushält, dann vor allem, damit sie  den größeren fehlenden Rest aushält, denn jemand, der so an Füßen hängt,  vernachlässigt sehr viel anderes. Überdies gibt es noch die ruckartigen  Umstellungen, von einem Mann zum andern muß sich ein Frauenkörper alles  abgewöhnen und wieder an etwas ganz Neues gewöhnen. Aber ein Mann zieht  mit seinen Gewohnheiten friedlich weiter, manchmal hat er eben Glück  damit, meistens keins.” 
Ingeborg Bachmann: Malina. Frankfurt am Main 1980, S. 282ff.
[via wasunsausmacht]

Das ist eine Legende, die muss einmal zerstört werden, es gibt höchstens Männer, mit denen es völlig hoffnungslos ist, und einige, mit denen es nicht ganz so hoffnungslos ist. Darin ist der Grund dafür zu suchen, nach dem noch niemand gesucht hat, warum nur Frauen immerzu den Kopf voll haben mit ihren Gefühlen und Geschichten mit ihrem Mann oder Männern. Das Denken daran nimmt tatsächlich den größten Teil der Zeit jeder Frau in Anspruch. Sie muß aber daran denken, weil sie sonst buchstäblich, ohne ihr nie erlahmendes Gefühlstreiben, Gefühlantreiben, es niemals mit einem Mann aushalten könnte, der ja ein Kranker ist und sich kaum mit ihr beschäftigt. Für ihn ist es ja leicht, wenig an die Frau zu denken, denn sein kranken System ist unfehlbar, er wiederholt, er hat sich wiederholt, er wird sich wiederholen. Wenn er gerne Füße küsst, wird er noch fünfzig Frauen die Füße küssen […]. Eine Frau muss aber damit fertig werden, daß jetzt ausgerechnet ihre Füße an der Reihe sind, sie muß sich unglaubliche Gefühle erfinden und den ganzen Tag ihre wirklichen Gefühle in den erfundenen unterbringen, einmal damit sie das mit den Füßen aushält, dann vor allem, damit sie den größeren fehlenden Rest aushält, denn jemand, der so an Füßen hängt, vernachlässigt sehr viel anderes. Überdies gibt es noch die ruckartigen Umstellungen, von einem Mann zum andern muß sich ein Frauenkörper alles abgewöhnen und wieder an etwas ganz Neues gewöhnen. Aber ein Mann zieht mit seinen Gewohnheiten friedlich weiter, manchmal hat er eben Glück damit, meistens keins.

Ingeborg Bachmann: Malina. Frankfurt am Main 1980, S. 282ff.

[via wasunsausmacht]

(via chaoticoncentration)

Nº. 1 of  4