Nº. 1 of  1

Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Dehnen:

Indem der Film durch Großaufnahmen aus ihrem Inventar, durch Betonung versteckter Details an den uns geläufigen Requisiten, durch Erforschung banaler Milieus unter der genialen Führung des Objektivs, auf der einen Seite die Einsicht in die Zwangsläufigkeiten vermehrt, von denen unser Dasein regiert wird, kommt er auf der anderen Seite dazu, eines ungeheuren und ungeahnten Spielraums uns zu versichern! Unsere Kneipen und Großstadtstraßen, unsere Büros und möblierten Zimmer, unsere Bahnhöfe und Fabriken schienen uns hoffnungslos einzuschließen. Da kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunden gesprengt, so daß wir nun zwischen ihren weitverstreuten Trümmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen. Unter der Großaufnahme dehnt sich der Raum, unter der Zeitlupe die Bewegung. Und so wenig es bei der Vergrößerung sich um eine bloße Verdeutlichung dessen handelt, was man ‘ohnehin’ undeutlich sieht, sondern vielmehr völlig neue Strukturbildungen der Materie zum Vorschein kommen, so wenig bringt die Zeitlupe nur bekannte Bewegungsmotive zum Vorschein, sondern sie entdeckt in diesen bekannten ganz unbekannte, ‘die gar nicht als Verlangsamungen schneller Bewegungen sondern als eigentümlich gleitende, schwebende, überirdische wirken.’ (Rudolf Arnheim) So wird handgreiflich, daß es eine andere Natur ist, die zu der Kamera als die zum Auge spricht. Anders vor allem dadurch, daß an die Stelle eines vom Menschen mit Bewußtsein durchwirkten Raums ein unbewußt durchwirkter tritt. […] Hier greift die Kamera mit ihren Hilfsmitteln, ihrem Stürzen und Steigen, ihrem Unterbrechen und Isolieren, ihrem Dehnen und Raffen des Ablaufs, ihrem Vergrößern und ihrem Verkleinern ein. Vom Optisch-Unbewußten erfahren wir erst durch sie, wie von dem Triebhaft-Unbewußten durch die Psychoanalyse.

—Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.2. Frankfurt am Main 1991, S. 499f.

Es ist also auch der Körper selbst, der Leib, “mein” Körper, der fremd ist. (…) Das Fremd-Sein ist der Körperlichkeit inhärent. Vor allem anderen dehnt sich der Körper aus, und diese Ausdehnung entwindet ihn dem unwirklichen Zustand eines Punktes. Der Körper kann nicht dimensionslos gesagt werden. Aber seine Dimension, als seine Dimensionen bilden ebenso viele Distanznahmen: Die anderen Körper müssen auf Abstand gehen. Dieser Abstand eröffnet die Grundlagen ihrer Beziehungen - ihrer Kontakte, ihrer Konfrontationen, ihrer Blicke, ihres Zuhörens, ihrer Geschmäcker und Reize. (…)

Es ist dennoch nicht so, dass die “Kunst” die Fremdheit dieses Körpers einhegte und folglich verringerte. Ganz im Gegenteil: Sie exponiert sie und höhlt sie aus oder akzentuiert sie, sie übertreibt sie bei Bedarf, sie verschlimmert sie, sie jagt ihr nur nach, um sie besser entwischen zu lassen. Insgesamt gesagt: Sie öffnet ihr den Raum für eine grenzenlose Ausbreitung.

Jean-Luc Nancy: Befremdliche Fremdkörper. In: Ausdehnung der Seele. Texte zu Körper, Kunst und Tanz. Ausgewählt und übersetzt von Miriam Fischer. Zürich-Berlin: diaphanes 2010, S. 43-58, hier S. 46 und 58.

[via fextracts]