Müßte ich das Buch von Deleuze (Differenz und Wiederholung) ‘nacherzählen’, würde ich etwa diese Fabel erfinden:
Ariadne war es müde, auf Theseus’ Wiederkehr aus dem Labyrinth zu warten, auf seinen monotonen Schritt zu lauern und sein Gesicht unter all den flüchtigen Schatten wiederzuerkennen. Ariadne hat sich erhängt. An der aus Identität, Erinnerung und Wiedererkennung verliebt geflochtenen Schnur dreht sich ihr Körper nachenklich um sich selbst. Der Faden ist gerissen und Theseus kommt nicht wieder. Er rennt und rast, taumelt und tanzt durch Gänge, Tunnels, Keller, Höhlen, Kreuzwege, Abgründe, Blitze und Donner.
Er bewegt sich nicht in der gelehrten Geometrie des wohlzentrierten Labyrinths – sondern treibt einen abschüssigen Steilhang entlang. Er geht nicht der Stätte seiner Erprobung entgegen, wo der Sieg ihm Rückkehr verspricht – sondern fröhlich nähert er sich dem Monster ohne Identität, dem Ungeheuer, das keiner Art angehört, das Mensch und Tier in einem ist, das die leer ablaufende Zeit des unterweltlichen Richters und die geschlechtlich jähe Gewalt des Stieres in sich vereinigt. Und er nähert sich ihm nicht, um diese Unform von der Erde zu tilgen sondern um sich in ihrem Chaos zu verlieren. Hier (und nicht in Naxos) liegt vielleicht der bacchische Gott auf der Lauer: Dionysos der Maskierte, der Verkleidete, der endlos Wiederholte. Der berühmte und so fest gedachte Faden ist zerissen; Ariadne ist verlassen worden, ehe man es glauben mochte. Und die ganze Geschichte des abendländischen Denkens ist neu zu schreiben.
[…]
Das Buch von Deleuze sollte man aufschlagen wie die Türen eines Theaters, wenn das Rampenlicht aufleuchtet und der Vorhang sich hebt. Zitierte Autoren und unzählige Anspielungen – das sind die Personen. Sie sagen ihren Text auf (den Text, den sie anderswo, in anderen Büchern, auf anderen Szenen gesprochen haben und der sich hier anders abspielt; das ist die listenreiche Technik der ‘Collage’). Jeder hat seine Rolle und häufig treten sie zu dritt auf – der Komiker, der Tragiker, der Dramatiker: Peguy, Kierkegaard, Nietzsche; Aristoteles (ja der Komiker!), Platon, Duns Scotus; Hegel (ja auch er!), Hölderlin und wiederum Nietzsche.
Nie treten sie am selben Platz und mit derselben Identität auf. Bald distanzieren sie sich als Komiker von ihrem düsteren Grund, bald sind sie ihm dramatisch nahe. Hier ist Platon der aufgeblasene Weise, der die gemeinen Trugbilder verjagt, die schlechten Bilder verscheucht und den Anschein vertilgt, welcher das eine Urbild spiegelt und anruft: jene Idee des Guten, die selber gut ist. Aber dort ist der andere Platon fast in Panik, weil er im Schatten Sokrates nicht vom höhnenden Sophisten zu unterscheiden weiß.
—Michel Foucault: Ariadne hat sich erhängt. In: Walter Seitter und Ulrich Raulff (Hg.): Gilles Deleuze. Michel Foucault – Der Faden ist gerissen. Berlin 1977, S. 7-9.