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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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So gibt es auch keine Entität und keine Hypostase der Gemeinschaft, da diese Mit-Teilung, dieser Übergang keine Vollendung kennt. Das Unvollendetbleiben ist sein ‘Prinzip’. – Man muß aber das Unvollendetbleiben als aktiven Begriff verstehen, der nicht eine Unzulänglichkeit oder einen Mangel, sondern die Tätigkeit des Mit-Teilens bezeichnet, sozusagen also die Dynamik des Übergangs, des ununterbrochenen Entlanggehens an singulären Brüchen. Das heißt also wiederum eine entwerkte und entwerkende Tätigkeit. Es geht nicht darum, eine Gemeinschaft zu bilden, herzustellen oder einzurichten, auch nicht darum, in ihr eine heilige Macht zu verehren oder zu fürchten – vielmehr geht es darum, ihre Mit-Teilung nicht zur Vollendung zu bringen.

—Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. Aus dem Französischen von Gisela Febel und und Jutta Legueil. Stuttgart 1988, S. 76f.

Indem der Film durch Großaufnahmen aus ihrem Inventar, durch Betonung versteckter Details an den uns geläufigen Requisiten, durch Erforschung banaler Milieus unter der genialen Führung des Objektivs, auf der einen Seite die Einsicht in die Zwangsläufigkeiten vermehrt, von denen unser Dasein regiert wird, kommt er auf der anderen Seite dazu, eines ungeheuren und ungeahnten Spielraums uns zu versichern! Unsere Kneipen und Großstadtstraßen, unsere Büros und möblierten Zimmer, unsere Bahnhöfe und Fabriken schienen uns hoffnungslos einzuschließen. Da kam der Film und hat diese Kerkerwelt mit dem Dynamit der Zehntelsekunden gesprengt, so daß wir nun zwischen ihren weitverstreuten Trümmern gelassen abenteuerliche Reisen unternehmen. Unter der Großaufnahme dehnt sich der Raum, unter der Zeitlupe die Bewegung. Und so wenig es bei der Vergrößerung sich um eine bloße Verdeutlichung dessen handelt, was man ‘ohnehin’ undeutlich sieht, sondern vielmehr völlig neue Strukturbildungen der Materie zum Vorschein kommen, so wenig bringt die Zeitlupe nur bekannte Bewegungsmotive zum Vorschein, sondern sie entdeckt in diesen bekannten ganz unbekannte, ‘die gar nicht als Verlangsamungen schneller Bewegungen sondern als eigentümlich gleitende, schwebende, überirdische wirken.’ (Rudolf Arnheim) So wird handgreiflich, daß es eine andere Natur ist, die zu der Kamera als die zum Auge spricht. Anders vor allem dadurch, daß an die Stelle eines vom Menschen mit Bewußtsein durchwirkten Raums ein unbewußt durchwirkter tritt. […] Hier greift die Kamera mit ihren Hilfsmitteln, ihrem Stürzen und Steigen, ihrem Unterbrechen und Isolieren, ihrem Dehnen und Raffen des Ablaufs, ihrem Vergrößern und ihrem Verkleinern ein. Vom Optisch-Unbewußten erfahren wir erst durch sie, wie von dem Triebhaft-Unbewußten durch die Psychoanalyse.

—Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.2. Frankfurt am Main 1991, S. 499f.

Wie lange soll die Kunst die höhere Tochter bleiben, die zwar in allen verrufensten Gäßchen sich auskennen, beileibe aber sich von Politik nichts träumen lassen soll? Das hilft nichts, sie ließ es sich immer träumen. Daß jedem Kunstwerk, jeder Kunstepoche politische Tendenzen einwohnen, ist – da sie ja historische Gebilde des Bewußtseins sind – eine Binsenwahrheit. […] Die technischen Revolutionen – das sind die Bruchstellen der Kunstentwicklung, an denen die Tendenzen je und je, freiliegend sozusagen, zum Vorschein kommen. In jeder neuen technischen Revolution wird die Tendenz aus einem sehr verborgenen Element der Kunst wie von selber zum manifesten. Und damit wären wir denn endlich beim Film.
Unter den Bruchstellen der künstlerischen Formationen ist eine der gewaltigsten der Film. Wirklich entsteht mit ihm eine neue Region des Bewußtseins.

—Walter Benjamin: Erwiderung an Oscar A. H. Schmitz, in: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Bd. II.2, Frankfurt am Main 1991, S. 751-755, hier: S. 752.

Müßte ich das Buch von Deleuze (Differenz und Wiederholung) ‘nacherzählen’, würde ich etwa diese Fabel erfinden:
Ariadne war es müde, auf Theseus’ Wiederkehr aus dem Labyrinth zu warten, auf seinen monotonen Schritt zu lauern und sein Gesicht unter all den flüchtigen Schatten wiederzuerkennen. Ariadne hat sich erhängt. An der aus Identität, Erinnerung und Wiedererkennung verliebt geflochtenen Schnur dreht sich ihr Körper nachenklich um sich selbst. Der Faden ist gerissen und Theseus kommt nicht wieder. Er rennt und rast, taumelt und tanzt durch Gänge, Tunnels, Keller, Höhlen, Kreuzwege, Abgründe, Blitze und Donner.
Er bewegt sich nicht in der gelehrten Geometrie des wohlzentrierten Labyrinths – sondern treibt einen abschüssigen Steilhang entlang. Er geht nicht der Stätte seiner Erprobung entgegen, wo der Sieg ihm Rückkehr verspricht – sondern fröhlich nähert er sich dem Monster ohne Identität, dem Ungeheuer, das keiner Art angehört, das Mensch und Tier in einem ist, das die leer ablaufende Zeit des unterweltlichen Richters und die geschlechtlich jähe Gewalt des Stieres in sich vereinigt. Und er nähert sich ihm nicht, um diese Unform von der Erde zu tilgen sondern um sich in ihrem Chaos zu verlieren. Hier (und nicht in Naxos) liegt vielleicht der bacchische Gott auf der Lauer: Dionysos der Maskierte, der Verkleidete, der endlos Wiederholte. Der berühmte und so fest gedachte Faden ist zerissen; Ariadne ist verlassen worden, ehe man es glauben mochte. Und die ganze Geschichte des abendländischen Denkens ist neu zu schreiben.
[…]
Das Buch von Deleuze sollte man aufschlagen wie die Türen eines Theaters, wenn das Rampenlicht aufleuchtet und der Vorhang sich hebt. Zitierte Autoren und unzählige Anspielungen – das sind die Personen. Sie sagen ihren Text auf (den Text, den sie anderswo, in anderen Büchern, auf anderen Szenen gesprochen haben und der sich hier anders abspielt; das ist die listenreiche Technik der ‘Collage’). Jeder hat seine Rolle und häufig treten sie zu dritt auf – der Komiker, der Tragiker, der Dramatiker: Peguy, Kierkegaard, Nietzsche; Aristoteles (ja der Komiker!), Platon, Duns Scotus; Hegel (ja auch er!), Hölderlin und wiederum Nietzsche. Nie treten sie am selben Platz und mit derselben Identität auf. Bald distanzieren sie sich als Komiker von ihrem düsteren Grund, bald sind sie ihm dramatisch nahe. Hier ist Platon der aufgeblasene Weise, der die gemeinen Trugbilder verjagt, die schlechten Bilder verscheucht und den Anschein vertilgt, welcher das eine Urbild spiegelt und anruft: jene Idee des Guten, die selber gut ist. Aber dort ist der andere Platon fast in Panik, weil er im Schatten Sokrates nicht vom höhnenden Sophisten zu unterscheiden weiß.

—Michel Foucault: Ariadne hat sich erhängt. In: Walter Seitter und Ulrich Raulff (Hg.): Gilles Deleuze. Michel Foucault  Der Faden ist gerissen. Berlin 1977, S. 7-9.

“Die zweite Sprechweise [von Marx] ist politisch: Sie ist knapp und direkt, mehr als knapp und mehr als direkt, denn sie schließt jedes Wort kurz. Sie trägt keinen Sinn mehr, sondern einen Appell, eine Gewalt, eine Entscheidung zum Bruch (rupture).”
Maurice Blanchot: Les trois paroles de Marx. In: Maurice Blanchot: L’Amitié. Paris 1971, S. 116.
Zit. nach: Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Frankfurt am Main 2004, S. 53.
[via negationdernegation]

“Die zweite Sprechweise [von Marx] ist politisch: Sie ist knapp und direkt, mehr als knapp und mehr als direkt, denn sie schließt jedes Wort kurz. Sie trägt keinen Sinn mehr, sondern einen Appell, eine Gewalt, eine Entscheidung zum Bruch (rupture).”

Maurice Blanchot: Les trois paroles de Marx. In: Maurice Blanchot: L’Amitié. Paris 1971, S. 116.

Zit. nach: Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Frankfurt am Main 2004, S. 53.

[via negationdernegation]


Muss sich […] das Prinzip der Politik, außer das es den Rückgang auf das Prinzip selbst, auf die arché, in Frage stellen muss, nicht genau von der von ihrer rein politischen Bedeutung gelösten Idee der Anarchie beeinflussen lassen, von den Störeffekten, die sie entfaltet, in dem sie die Linien einer negativen Dialektik zeichnet? Weit davon entfernt, dass der Staat die Demokratie umfasst, so als könne er sie einschließen, indem er sich mit ihr identifiziert, ist es die Demokratie, die fern von jeglicher arché die Grenzen des Staates markiert und, indem sie dies tut, sich gegen die Bewegung der Totalisierung dieser Form, die sich als souverän ausgibt, verwahrt, ja mehr noch sie zunichte macht. Kann sich der Denker des Politischen von der Anarchie bewegen lassen, so wie sie bei den Philosophen eine Wiederkunft erlebt, als Echo des philosophischen Bruchs, ohne Garantien und vorgängige Grenzen – ohne Prinzip – […]: ‘Sie [die Anarchie] kann den Staat nur stören – allerdings auf radikale Weise und so, daß dadurch Momente der Negation ohne irgendeine Bejahung möglich werden. Der Staat kann sich so nicht zum Ganzen erheben.’
Als Unordnung, die nicht dazu bestimmt ist, eine andere Ordnung zu sein, hat die Demokratie eine irreduzible Bedeutung als Absage an die Synthese, als Absage an die Ordnung, als eine in der Zeit erfolgende Erfindung des politischen Bandes, das über den Staat hinausgeht und ihn überschreitet.

Miguel Abensour: Demokratie gegen den Staat. Marx und das machiavellische Moment. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger. Frankfurt am Main 2012, S. 222f.

Rabbi Simlaj trug vor: Wie ist das Schriftwort zu verstehen (Amos 5,18): »Weh denen, die den Tag des Herrn herbeiwünschen. Was nützt euch denn der Tag des Herrn? Finsternis ist er, nicht Licht.«

[…]

Ein Gleichnis mag dies veranschaulichen. Ein Hahn und eine Fledermaus warteten einmal auf das Tageslicht. Da sprach der Hahn zur Fledermaus: Ich warte auf das Tageslicht, denn es ist für mich bestimmt, du aber, was soll dir das Tageslicht?
Der Messias kommt allein für den, der wartet. Es gibt keine objektive Erlösung. Kein Messianismus für die Fledermaus! Der Hahn und die Fledermaus: der Hahn ist der »Spezialist« des Tageslichts, es ist sein Element. Er hat nicht nur Augen, es zu empfangen, er hat auch, wenn ich so sagen darf, »eine Nase« für das Tageslicht. Die Lerche, die die Sonne begrüßt - alle Welt kann es ihr gleichtun. Alle Welt ist imstande, den Morgen zu begrüßen. Aber in dunkler Nacht den Anbruch des Tages zu erkennen, das Nahen des Lichts, noch bevor es leuchtet - vielleicht besteht darin die Intelligenz. […] Der Hahn, der den Morgen wahrnimmt, der in der Nacht einige Augenblicke im voraus das Nahen des Lichts fühlt, welch wunderbares Symbol der Intelligenz. Einer Intelligenz, die den Sinn der Geschichte vor dem Ereignis kennt und ihn nicht einfach nachträglich errät.

—Emmanuel Lévinas: Messianismus und Universalität. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 97f.

Francis Picabia, 1930
by cea
[via amare-habeo:merisoniomart]

Francis Picabia, 1930

by cea

[via amare-habeo:merisoniomart]

Vielleicht lässt sich ja die Schlagkraft von Schlagwörtern, die unmittelbare Breitenwirkung von “Hits” also, in einer Art “Remix” auch für ein besinnlicheres Denken nutzen.
[…]
Denn die bedächtig gesetzten Schritte, mit denen der Text langsam, - Schritt für Schritt -, Satz für Satz -, in seinem dunklen unvorhersehbaren Gang vorantappt -, sie zeitigen einen eigenartigen “Groove”, dessen “Thrill” gerade darin zu bestehen scheint, die Zwischentöne/Untertöne und Umbrüche verlautbar zu machen, die das Sagen des Textes ständig begleiten und fortlaufend bestimmen.
[…]
In der Befremdlichkeit der Nacht, in der das Ungestillte des kommenden Tages ans Licht drängt, im Schutze der Dunkelheit melden sich allererst die Laute der immer noch ungestillten Begierden und unerhörten Zwischentöne des Ungeborenen.

Arno Böhler: Unterwegs zu einer Sprache der Freundschaft. DisTanzen: Nietzsche - Deleuze - Derrida. Wien 2000, S. 66ff.

Man Ray - L’étoile de mer, 1928
Via Surreal Appearance
[via foxesinbreeches:unbearablevision]

Man Ray - L’étoile de mer, 1928

Via Surreal Appearance

[via foxesinbreeches:unbearablevision]

John Hughes: One-Way Street: Fragments for Walter Benjamin, 1992

Günter Brus

[via werther:o-o-o-o-]

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