Tizian - Bildnis des Filippo Archinto, ca. 1558
»Nicht enthüllen, wenn dir die Freiheit lieb ist, denn mein Antlitz ist Kerker der Liebe.«
Leonardo da Vinci
Tizian - Bildnis des Filippo Archinto, ca. 1558
»Nicht enthüllen, wenn dir die Freiheit lieb ist, denn mein Antlitz ist Kerker der Liebe.«
Leonardo da Vinci
“Worin das Bewußtsein sich auf sich selbst zurückbeziehen kann – wie Die junge Parze bei Valéry sich begreifen kann als sich sich sehen sehend – ist Eskamotage. Umgehung der Funktion des Blicks. […] Ich meine, und Merleau-Ponty gibt uns den Hinweis, daß wir im Schauspiel der Welt angeschaute Wesen sind. Was uns zum Bewußtsein macht, das setzt uns auch mit dem selben Schlag ein als speculum mundi. Heißt es nicht Befriedigung unter diesem Blick zu sein, von dem ich im Anschluß an Merleau-Ponty sprach, unter diesem Blick, der uns einkreist und der aus uns in erster Linie angeschaute Wesen macht, freilich ohne das uns dies gezeigt würde! […]”
— Jacques Lacan: Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. In: Norbert Haas (Hg.): Das Seminar von Jacques Lacan. Buch XI (1964). Olten und Freiburg 1978, S. 81.
Haben Sie vielen Dank für diesen spontanen Hinweis und seien Sie hiermit herzlich begrüßt,
Ihr W-B-Bluemchen
Und doch gelang es. Ich war wieder hinausgegangen, mit den anderen Lebenden, den anderen Bewohnern der Stadt, ich war in den Straßen umhergegangen, die Tränen waren versiegt und hatten den Blick wieder freigegeben, ich hatte geatmet, hatte wieder gesprochen, gelacht, hatte wieder Bücher gelesen und Kunstwerke betrachtet. Ich hatte weitergelebt, mit der ständigen Gegenwart dieser Bilder. Diese Bilder gehörten fortan zu unserm Dasein, sie waren nie wieder wegzudenken, und oft machten sie jedes Wort, das gesprochen wurde, jede Aufzeichnung, zu Lüge und Hohn.
—
Peter Weiss: Fluchtpunkt (1960/1961). Mit vier Collagen von Peter Weiss. Frankfurt am Main 1983, S. 136f.
ZEIT: Stört es Sie, dass der Kapitalismus fast nur ökonomisch und nicht kulturell kritisiert wird?
Godard: Es gibt schon eine kulturelle Kritik des Kapitalismus, aber sie bleibt meistens Schrift, Literatur, écriture. Man reiht einen Satz an den nächsten, aber es entsteht keine Vision daraus. Zu einer kulturellen Kritik müsste auch eine Kritik durch Bilder gehören.
ZEIT: Bei der Verleihung des Adorno-Preises haben sie gesagt: »Im großen Kampf zwischen den Augen und der Sprache hat der Blick die größere analytische Kraft.«
Godard: So ist es. Das heißt auch: die Montage.
ZEIT: Was genau entsteht durch den Zusammenprall verschiedener Bildausschnitte?
Godard: Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.
ZEIT: Ist die Montage das bessere Mittel zur Analyse von Geschichte als die Sprache?
Godard: Ja. Weil die Montage der Bilder die Linearität der Geschichte, die Linearität des Denkens und der Schrift durchbrechen kann.
ZEIT: In ihrem neuen Film montieren Sie immer wieder Aufnahmen des Meeres. Das wirkt, also ob sich in diesem schwimmenden Konsumalbtraum ein Fenster öffnet.
Godard: Ich weiß nicht, ob das eine Utopie ist, eine Kritik oder einfach nur ein Blick von der Reling. Das ist das Gute an der Montage: Es ist an Ihnen, das Dritte aus zwei Bildern zu bilden.
—Jean-Luc Godard: »Es kommt mir obszön vor«. Warum Jean-Luc Godard den Technikwahn des Kapitalismus für unanständig hält. Ein Gespräch über Geld, Europa, seinen Hund und sein neues Werk »Film Socialisme«. Ein Gespräch mit Katja Nicodemus. In: DIE ZEIT, No. 41, Oktober 2011, S. 52.
“Am Bach entlang gehe ich spazieren,
sehe den Fischen im trüben Wasser zu.
Betrübt bin ich aber deinetwegen,
meine geliebte Saniye mit den wehenden Haaren.
Traurig bin ich, weil deine Blicke meine Liebe nicht erwidern.
Betrübt bin ich aber deinetwegen,
meine geliebte Saniye mit den wehenden Haaren.
Traurig bin ich, weil deine Blicke meine Liebe nicht erwidern.”
Shoot you, shoot me by Barron Claiborne
[via frenchtwist]
“Auf Französisch gibt es den Ausdruck ‘brav wie ein Bild’ [sage comme une image]: doch wenn das Bild brav ist, so ist es gleichwohl auch zurückgenommen, die Spannung eines Schwungs. Es bietet sich zunächst und schenkt sich als etwas, was genommen werden will. Die Verführung der Bilder, ihre Erotik liegt allein darin, daß sie genommen werden können, mit Augen, Händen, Magen oder Vernunft berührt und durchdrungen werden können. Wenn das Fleisch eine herausragende Rolle in der Malerei spielte, dann nur, weil es ihr Geist ist, jenseits aller Darstellung von Nacktheit. Nun bedeutet ein Bild zu durchdringen - ganz wie ein Fleisch in Liebe - auch immer, von ihm durchdrungen zu werden. Der Blick wird von Farbe, das Ohr von Klängen durchtränkt. Nichts liegt im Geist, was nicht schon in den Sinnen wäre: nichts in den Ideen, was nicht auch im Bild wäre. Ich werde zum Augenhintergrund des Malers, der mich betrachtet, ebenso wie ich zum Widerschein des Glases in Hand von Aachens Gemälde werde, zur Dissonanz eines Akkords, zum Sprung eines Tanzschritts. ‘Ich’: hier geht es um kein ‘Ich’ mehr. Cogito wird imago.”
Jean-Luc Nancy: Am Grund der Bilder. Aus dem Französischen von Emmanuel Alloa. Zürich-Berlin 2006, S. 23.
O dieses Tier, das es nicht gibt.
Sie wußtens nicht und habens jeden Falls
- sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals,
bis in des stillen Blickes Licht - geliebt.
Zwar war es nicht. Doch weil sie’s liebten, ward
ein reines Tier. Sie ließen immer Raum.
Und in dem Raume, klar und ausgespart,
erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum
zu sein. Sie nährten es mit keinem Korn,
nur immer mit der Möglichkeit, es sei.
Und sie gab solche Stärke an das Tier,
daß es aus sich ein Stirnhorn trieb. Ein Horn.
Zu einer Jungfrau kam es weiß herbei -
und war im Silber-Spiegel und in ihr.
—Rainer Maria Rilke: Sonette an Orpheus
Wer liebt, der hängt nicht nur an „Fehlern“ der Geliebten, nicht nur an Ticks und Schwächen einer Frau, ihn binden Runzeln im Gesicht und Leberflecken, vernutzte Kleider und ein schiefer Gang viel dauernder und unerbittlicher als alle Schönheit. Man hat das längst erfahren. Und warum? Wenn eine Lehre wahr ist, welche sagt, daß die Empfindung nicht im Kopf nistet, daß wir ein Fenster, eine Wolke, einen Baum nicht im Gehirn, vielmehr an jenem Ort, wo wir sehen, empfinden, so sind wir auch im Blick auf die Geliebte außer uns. Hier aber qualvoll angespannt und hingerissen. Geblendet flattert die Empfindung wie ein Schwarm von Vögeln in dem Glanz der Frau. Und wie Vögel Schutz in den laubigen Verstecken des Baumes suchen, so flüchten die Empfindungen in die schattigen Runzeln, die anmutlosen Gesten und unscheinbaren Makel des geliebten Leibs, wo sie gesichert im Versteck sich ducken. Und kein Vorübergehender errät, daß gerade hier, im Mangelhaften, Tadelnswerten die pfeilgeschwinde Liebesregung des Verehrers nistet.
—
Walter Benjamin: Einbahnstraße, Frankfurt am Main 1995, S.20f.
Giulio Paolini - L’altra figura, 1984
“Unbedingt anzustrebende Geisteszustände II: Der Bruch und der Nachblick.”
(Source: currentinspiration)
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