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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Die Klage ist aber der undifferenzierteste, ohnmächtige Ausdruck der Sprache, sie enthält fast nur den sinnlichen Hauch; und wo auch nur Pflanzen rauschen, klingt immer eine Klage mit. Weil sie stumm ist, trauert die Natur. Doch noch tiefer führt in das Wesen der Natur die Umkehrung dieses Satzes ein: die Traurigkeit der Natur macht sie verstummen. Es ist in aller Trauer der tiefste Hang zur Sprachlosigkeit, und das ist unendlich viel mehr als Unfähigkeit oder Unlust zur Mitteilung. Das Traurige fühlt sich so durch und durch erkannt vom Unerkennbaren. Benannt zu sein - selbst wenn der Nennende ein Göttergleicher und Seliger ist - bleibt vielleicht immer eine Ahnung von Trauer.

Walter Benjamin: Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen.

[via hintergrundrauschen]

Paul Ruiz - Visage, 2010Oil on Linen41 x 30 cm
"Das banale Faktum des Gesprächs verläßt  auf der einen Seite die Ordnung der Gewalt. Dieses banale Faktum ist  das Wunder aller Wunder.
Sprechen heißt den Anderen erkennen und sich ihm gleichzeitig zu erkennen geben. Der Andere wird nicht nur erkannt, er wird begrüßt. Er  wird nicht nur benannt, sondern auch angerufen. Um es grammatikalisch  auszudrücken: der Andere erscheint nicht im Nominativ, sondern im  Vokativ. Ich denke nicht nur daran, was er für mich ist, sondern  gleichzeitig und sogar schon vorher bin ich für ihn. Indem ich einen Begriff auf ihn anwende, indem ich ihn so oder so nenne, berufe ich mich bereits auf ihn. Ich erkenne nicht nur, ich bin auch in Gesellschaft. Eben dieser Umgang, den  das gesprochene Wort impliziert, ist das Handeln ohne Gewalt: der Handelnde hat im  Augenblick seines Handelns auf alles Beherrschen, auf jede Herrschaft  verzichtet, setzt sich bereits, in Erwartung der Antwort, dem Handeln  des Anderen aus. Sprechen und Zuhören fallen zusammen, folgen nicht  aufeinander. Sprechen begründet somit das moralische Verhältnis der  Gleichheit und erkennt folglich die Gerechtigkeit an. Selbst wenn man zu  einem Sklaven spricht, spricht man zu einem Gleichen. Was man sagt, der  kommunizierte Inhalt, ist nur dank diesem Verhältnis des von Angesicht  zu Angesicht möglich, in dem der Andere, noch bevor er erkannt ist, als  Gesprächspartner zählt. Man blickt einen Blick an. Einen Blick anblicken  heißt anblicken, was sich nicht preisgibt, sich nicht ausliefert,  sondern einen ins >Visier< nimmt: es heißt das Gesicht (visage)  anblicken.
Das Gesicht ist nicht die Verbindung von Nase, Stirn, Augen  usw. Zwar ist es das, erhält jedoch die Bedeutung eines Gesichts durch  die neue Dimension, die es in der Wahrnehmung eines Seins eröffnet.  Durch das Gesicht ist das Sein nicht nur in seine Form eingeschlossen  und der Hand dargeboten – es ist offen, setzt sich in der Tiefe fest und  stellt sich in dieser Öffnung gewissermaßen persönlich dar. Das Gesicht  ist ein irreduzibler Modus, dem zufolge das Sein sich in seiner  Identität darstellen kann. Die Dinge sind das, was sich niemals  persönlich darstellt und letztlich keine Identität hat. Auf das Ding  bezieht sich die (18) Gewalt. Sie verfügt über es, ergreift es. Die  Dinge bieten eine handhabe, sie zeigen kein Gesicht. Es sind Seiende  ohne Gesicht. Vielleicht sucht die Kunst den Dingen ein Gesicht zu  geben, und darin liegt sowohl ihre Größe wie ihre Lüge.”
Emmanuel Lévinas: Geist und Gesicht. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Frankfurt am Main 1996, S. 17f.

Paul Ruiz - Visage, 2010
Oil on Linen
41 x 30 cm

"Das banale Faktum des Gesprächs verläßt auf der einen Seite die Ordnung der Gewalt. Dieses banale Faktum ist das Wunder aller Wunder.

Sprechen heißt den Anderen erkennen und sich ihm gleichzeitig zu erkennen geben. Der Andere wird nicht nur erkannt, er wird begrüßt. Er wird nicht nur benannt, sondern auch angerufen. Um es grammatikalisch auszudrücken: der Andere erscheint nicht im Nominativ, sondern im Vokativ. Ich denke nicht nur daran, was er für mich ist, sondern gleichzeitig und sogar schon vorher bin ich für ihn. Indem ich einen Begriff auf ihn anwende, indem ich ihn so oder so nenne, berufe ich mich bereits auf ihn. Ich erkenne nicht nur, ich bin auch in Gesellschaft. Eben dieser Umgang, den das gesprochene Wort impliziert, ist das Handeln ohne Gewalt: der Handelnde hat im Augenblick seines Handelns auf alles Beherrschen, auf jede Herrschaft verzichtet, setzt sich bereits, in Erwartung der Antwort, dem Handeln des Anderen aus. Sprechen und Zuhören fallen zusammen, folgen nicht aufeinander. Sprechen begründet somit das moralische Verhältnis der Gleichheit und erkennt folglich die Gerechtigkeit an. Selbst wenn man zu einem Sklaven spricht, spricht man zu einem Gleichen. Was man sagt, der kommunizierte Inhalt, ist nur dank diesem Verhältnis des von Angesicht zu Angesicht möglich, in dem der Andere, noch bevor er erkannt ist, als Gesprächspartner zählt. Man blickt einen Blick an. Einen Blick anblicken heißt anblicken, was sich nicht preisgibt, sich nicht ausliefert, sondern einen ins >Visier< nimmt: es heißt das Gesicht (visage) anblicken.

Das Gesicht ist nicht die Verbindung von Nase, Stirn, Augen usw. Zwar ist es das, erhält jedoch die Bedeutung eines Gesichts durch die neue Dimension, die es in der Wahrnehmung eines Seins eröffnet. Durch das Gesicht ist das Sein nicht nur in seine Form eingeschlossen und der Hand dargeboten – es ist offen, setzt sich in der Tiefe fest und stellt sich in dieser Öffnung gewissermaßen persönlich dar. Das Gesicht ist ein irreduzibler Modus, dem zufolge das Sein sich in seiner Identität darstellen kann. Die Dinge sind das, was sich niemals persönlich darstellt und letztlich keine Identität hat. Auf das Ding bezieht sich die (18) Gewalt. Sie verfügt über es, ergreift es. Die Dinge bieten eine handhabe, sie zeigen kein Gesicht. Es sind Seiende ohne Gesicht. Vielleicht sucht die Kunst den Dingen ein Gesicht zu geben, und darin liegt sowohl ihre Größe wie ihre Lüge.”

Emmanuel Lévinas: Geist und Gesicht. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Frankfurt am Main 1996, S. 17f.

(via merisoniomart)

Demnach bleibt in aller Schönheit der Kunst jener Schein, will sagen jenes Streifen und Grenzen ans Leben noch wohnen und sie ist ohne diesen nicht möglich. Nicht aber umfaßt derselbe ihr Wesen. Dieses weist vielmehr tiefer hinab auf dasjenige, was am Kunstwerk im Gegensatze zum Schein als das Ausdruckslose bezeichnet werden darf, außerhalb dieses Gegensatzes aber in der Kunst weder vorkommt, noch eindeutig benannt werden kann. Zum Schein nämlich steht das Ausdruckslose, wiewohl im Gegensatz, doch in derart notwendigem Verhältnis, daß eben das Schöne, ob auch selber nicht Schein, aufhört ein wesentlich Schönes zu sein, wenn der Schein von ihm schwindet. Denn dieser gehört ihm zu als die Hülle und als das Wesensgesetz der Schönheit zeigt sich somit, daß sie als solche nur im Verhüllten erscheint. Nicht also ist, wie banale Philosopheme lehren, die Schönheit selbst Schein.
[…]
Nicht Schein, nicht Hülle für ein anderes ist die Schönheit. Sie selbst ist nicht Erscheinung, sondern durchaus Wesen, ein solches freilich, welches wesenhaft sich selbst gleich nur unter der Verhüllung bleibt. Mag daher Schein sonst überall Trug sein - der schöne Schein ist die Hülle vor dem notwendig Verhülltesten. Denn weder die Hülle noch der verhüllte Gegenstand ist das Schöne, sondern dies ist der Gegenstand in seiner Hülle. Enthüllt aber würde er unendlich unscheinbar sich erweisen. Hier gründet die uralte Anschauung, daß in der Enthüllung das Verhüllte sich verwandelt, daß es ‘sich selbst gleich’ nur unter der Verhüllung bleiben wird. Also wird allem Schönen gegenüber die Idee der Enthüllung zu der der Unenthüllbarkeit. Sie ist die Idee der Kunstkritik.

—Walter Benjamin: Goethes Wahlverwandtschaften. In: Siegfried Unseld (Hg.): Walter Benjamin - Illuminationen. Frankfurt am Main 1977, S. 129f.

Gespenst am Tag

Und immer wieder warnt es mich: Gib acht,
daß du das Lachen nicht verlernst,
das wach dich macht fürs Leben Nacht um Nacht.
Denn wenn hernach der Tag mir’s hinterbracht,
war alles wahr, was ich erdacht, gemacht,
und alles, was ich ausgelacht,
war ernst.

Stillt solch Erfüllen, mir noch unbekannt,
nicht endlich diesen Drang und Durst?
Unwirkliches, das ich zum Sein erfand,
Unüberwindliches, das mir erstand,
wie fang ich dies noch, eh’s mich überwand,
wie bann ich ihn, der mich gebannt:
Hanswurst!

So lern es kennen, was du noch nicht kennst,
begreife, was dir scheinen mag
ein Schein und was du so allein benennst.
Die offene Tür ist zu, die du berennst –
ob laut du lachst, ob du verzagend flennst,
es spottet deiner ein Gespenst
am Tag.

Karl Kraus: Gespenst am Tag. Die Fackel, Nr. 838-844, September 1930, XXXII. Jahr, S. 140.

In: Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel, Band 11, Nr. 834 bis 922, Mai 1930 bis Februar 1936, München 1976.