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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Begehren:

Sein Gesicht war wie der Hauch von einem Gesicht – ein Schwaden, den ein unbekannter Passant in der Luft hinterlassen hatte. In seinen blassen, blau emaillierten Händen hielt er eine Brieftasche, in der er etwas betrachtete.
[…] Ich stand mit der Seite an ihn gelehnt und blickte mit fernen, nicht sehenden Augen auf die zarten Menschenkörper, als das Fluidum eines unbestimmten Aufruhrs, der die Luft plötzlich getrübt hatte, zu mir vordrang und mich mit einem Schauer der Verstörung, einer Welle plötzlichen Verstehens überlief. Doch inzwischen war das vernebelte Lächeln, das sich unter seinem weichen, hübschen Schnurrbart abzeichnete, der Anflug des Begehrens, der sich als pulsierende Ader über seinen Schläfen spannte, und das Gesicht war in die Abwesenheit zurückgekehrt, hatte sich selbst vergessen und zerstreut.

Bruno Schulz: Die Zimtläden, München 2009, S. 20f.

[via diesebastionbehrisch]

Production A.F. VANDEVORST: Installation for Arnhem Mode Biennale 2011 
[via lenncox]
“Gewalt der Vergewaltigung oder Gewalt des Begehrens. Man könnte meinen, beide seien zu verwechseln: manch einer möchte uns an diese Verwechslung glauben lassen. Daher gibt es ein gewisses erotisches oder pornographisches Register, welches das Bild der Vergewaltigung genüßlich herbeiruft. […] Dennoch ist die Verwechslung unmöglich; die Unterscheidung ist bestechend klar. Niemand nämlich kann selbst, unmittelbar, die Wahrheit sein wollen, ohne dadurch bereits jede Möglichkeit von Wahrheit vergewaltigt zu haben. Umgekehrt kann niemand die Wahrheit wollen, ohne sich bereits durch diesen Willen oder dieses Begehren einem Außen ausgesetzt zu haben, von wo aus die Wahrheit erscheinen kann.”
Jean-Luc Nancy: Am Grund der Bilder. Aus dem Französischen von Emmanuel   Alloa. Zürich-Berlin 2006, S. 37.

Production A.F. VANDEVORST: Installation for Arnhem Mode Biennale 2011 

[via lenncox]

“Gewalt der Vergewaltigung oder Gewalt des Begehrens. Man könnte meinen, beide seien zu verwechseln: manch einer möchte uns an diese Verwechslung glauben lassen. Daher gibt es ein gewisses erotisches oder pornographisches Register, welches das Bild der Vergewaltigung genüßlich herbeiruft. […] Dennoch ist die Verwechslung unmöglich; die Unterscheidung ist bestechend klar. Niemand nämlich kann selbst, unmittelbar, die Wahrheit sein wollen, ohne dadurch bereits jede Möglichkeit von Wahrheit vergewaltigt zu haben. Umgekehrt kann niemand die Wahrheit wollen, ohne sich bereits durch diesen Willen oder dieses Begehren einem Außen ausgesetzt zu haben, von wo aus die Wahrheit erscheinen kann.”

Jean-Luc Nancy: Am Grund der Bilder. Aus dem Französischen von Emmanuel Alloa. Zürich-Berlin 2006, S. 37.

(Source: rapeblossom, via allerleirauh)

Cinema is the ultimate pervert art. It doesn’t give you what you desire - it tells you how to desire.

—Slavoj Žižek: The Pervert´s Guide To Cinema

(Source: iamhipsterjesus, via foxesinbreeches)

noxe:

“»Von der wunderbaren Gnade der Schwerkraft.«* – Das Vermögen sich noch über etwas beschweren, beklagen zu können, heißt sich einer Kontingenz zu widmen, bei der man sich endlich der ganzen Gravität seiner Subjektivität gewahr wird. Um dabei sich nichts, nicht mehr vorzumachen als nötig, ist es ratsam, zu wissen, welcher Kriterien es überhaupt bedarf, wie mit einer Klage etwas konkret übertrieben werden kann. Daß ist insofern wichtig, weil es sich dabei auch um unwahrscheinliche Fälle handelt, also schlichtweg um ein wahres Moment. Dass zu wissen, ist vor allem deshalb relevant, wenn es einem darauf ankommt, in Gesellschaft Leiden und unglückliches Bewußtsein möglichst unprätentiös beredt werden zu lassen, um sie in einer freischwebenden Aufmerksamkeit bedenken zu können, beinahe wie ein hypochondrischer Typ, der sein phantastisches Gemüt diskret verbirgt, und dennoch auf mannigfaltigen Umwegen, permanent Leidenssymptome entdeckt, damit einmal auf Gnaden des kommenden Tages sein Begehren anerkannt wird; da er doch intuitiv weiß: beinahe nichts will die Stabilität der Libido garantieren.1
1  Herbert 	Marcuse schreibt von dem was für die Organisation der Libido beim 	Einzelnen und seines gesellschaftlichen Setting eine relevante Rolle 	spielt: Da ‘das Realitätsprinzip in der menschlichen Entwicklung 	stets von neuem befestigt werden muß, deutet darauf hin, daß sein 	Sieg über das Lustprinzip niemals vollständig und niemals sicher 	ist. Nach Freuds Auffassung bedeutet Kultur kein endgültiges Ende 	eines »Naturzustandes«. Was die Kultur bändigt und unterdrückt – 	die Ansprüche des Lustprinzips –, das lebt weiterhin in der 	Kultur selbst fort. Das Unbewußte behält die Ziele des 	überwundenen Lustprinzips bei.’” [Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Ein 	philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Einleitung, S. 21, Frankfurt/M. 1978.]

noxe:

“»Von der wunderbaren Gnade der Schwerkraft.«* – Das Vermögen sich noch über etwas beschweren, beklagen zu können, heißt sich einer Kontingenz zu widmen, bei der man sich endlich der ganzen Gravität seiner Subjektivität gewahr wird. Um dabei sich nichts, nicht mehr vorzumachen als nötig, ist es ratsam, zu wissen, welcher Kriterien es überhaupt bedarf, wie mit einer Klage etwas konkret übertrieben werden kann. Daß ist insofern wichtig, weil es sich dabei auch um unwahrscheinliche Fälle handelt, also schlichtweg um ein wahres Moment. Dass zu wissen, ist vor allem deshalb relevant, wenn es einem darauf ankommt, in Gesellschaft Leiden und unglückliches Bewußtsein möglichst unprätentiös beredt werden zu lassen, um sie in einer freischwebenden Aufmerksamkeit bedenken zu können, beinahe wie ein hypochondrischer Typ, der sein phantastisches Gemüt diskret verbirgt, und dennoch auf mannigfaltigen Umwegen, permanent Leidenssymptome entdeckt, damit einmal auf Gnaden des kommenden Tages sein Begehren anerkannt wird; da er doch intuitiv weiß: beinahe nichts will die Stabilität der Libido garantieren.1

1  Herbert Marcuse schreibt von dem was für die Organisation der Libido beim Einzelnen und seines gesellschaftlichen Setting eine relevante Rolle spielt: Da ‘das Realitätsprinzip in der menschlichen Entwicklung stets von neuem befestigt werden muß, deutet darauf hin, daß sein Sieg über das Lustprinzip niemals vollständig und niemals sicher ist. Nach Freuds Auffassung bedeutet Kultur kein endgültiges Ende eines »Naturzustandes«. Was die Kultur bändigt und unterdrückt – die Ansprüche des Lustprinzips –, das lebt weiterhin in der Kultur selbst fort. Das Unbewußte behält die Ziele des überwundenen Lustprinzips bei.’” [Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft, Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Einleitung, S. 21, Frankfurt/M. 1978.]

»Ich bin Big O«: kurz, der primordiale, nicht- kastrierte große Andere, der als solcher nichts will. »Vielleicht bin ich dein Missing Piece?«, frägt Missing Piece hoffnungsvoll, worauf Big O antwortet: »Aber mir fehlt kein Teil. Es gibt bei mir gar keinen Platz für dich.«
»Das ist zu schade«, sagt Missing Piece, »Ich hatte gehofft, daß ich vielleicht mit dir rollen könnte… « – »Du kannst nicht mit mir rollen«, sagt Big O, »aber vielleicht kannst du von alleine rollen«. »Von alleine? Jemand wie ich kann doch nicht von alleine rollen!« – »Hast du es denn jemals versucht?« – »Ich habe doch Ecken und Kanten. Ich bin fürs alleine rollen nicht gemacht.« – »Ecken und Kanten schleifen sich ab und Formen verändern sich«, sagt Big O und rollt davon. Wieder allein, stellt Missing Piece sich langsam auf eine Kante, plumpst vorn über und lernt langsam zu rollen; seine Kanten beginnen sich abzuschleifen und bald rollt es unbekümmert weiter anstatt zu purzeln, und es schließt sich wieder Big O an, begleitet Big O und ist an Big O als eine kleine Sphäre an der Grenze der großen Sphäre festgemacht: der kleine andere, der wie ein Parasit am großen Anderen hängt –[…].

Slavoj Žižek, Lacan in Hollywood, Wien 2000, S. 5ff.

F A D I N G.
Schmerzliche Prüfung, bei der das geliebte Wesen sich von jedem Kontakt zurückzuziehen scheint, ohne daß diese rätselhafte Gleichgültigkeit gegen das liebende Subjekt gerichtet oder zugunsten dessen geltend gemacht würde, was sonst im Spiel ist, Welt oder Rivale.

1. Im Text ist das Fading der Stimmen eine willkommene Angelegenheit; die Stimmen der Erzählung kommen, gehen, verhallen, durchkreuzen einander; man weiß nicht wer spricht; es spricht, das ist alles: kein Bild mehr, nichts als Sprache. Aber der Andere ist kein Text, er ist Bild, eines und verwachsend; wenn die Stimme sich verliert, verflüchtigt sich auch das ganze Bild (die Liebe ist monologisch besessen; der Text ist heterologisch, pervers).
[…]

2. Es gibt Alpträume, in denen die Mutter auftaucht, das Antlitz zu einer strengen und kalten Miene verdüstert. Das Fading des Liebesobjektes ist die schreckliche Wiederkehr der Bösen Mutter, der unerklärliche Rückzug der Liebe, die bekannte Verlassenheit der Mystiker: Gott existiert, die Mutter ist da, aber sie liebten nicht mehr. Ich bin nicht zerstört, aber da liegengelassen wie ein Stück Abfall.

3. Die Eifersucht bereitet weniger Leiden, denn der Andere bleibt dabei lebendig. Im Fading dagegen scheint der Andere jede Begierde fahren zu lassen, er wird von der Nacht aufgesogen. Ich bin vom Anderen verlassen, aber dieses Verlassensein vermehrt sich um das Verlassensein, von dem er selbst betroffen ist; sein Bild ist von der verwaschenen, abgelegten Art; ich kann an nichts mehr Rückhalt finden, nicht einmal mehr an der Begierde, die der Andere anderswohin richtet: ich bin in Trauer um ein Objekt, das selbst trauert (von daher wird verständlich, in welchem Maße wir der Begierde des Anderen bedürfen, selbst wenn diese Begierde nicht uns gilt).

4. Wenn der Andere im Fading versinkt, wenn er sich zurückzieht, um nichts, es sei denn um einer Angst willen, die er nicht anders zum Ausdruck bringen vermag als mit den dürftigen Worten: ‘ich fühle mich nicht wohl’, scheint er in einem Nebel in die Ferne zurückzuweichen; durchaus nicht tot, aber eine verschwommene Gestalt im Reiche der Schatten; Odysseus hat ihnen einen Besuch abgestattet, sie beschworen (Nekyia); unter ihnen weilte der Schatten seiner Mutter; ich nenne, ich beschwöre so den Anderen, die Mutter, aber was da heraufkommt, ist lediglich ein Schatten.
[…]

—Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 106ff.

Das Begehren gewinnt Gestalt in der Spanne, in der der Anspruch sich vom Bedürfnis losreißt: wobei die Spanne eben die ist, die der Anspruch (dessen Apell bedingungslos nur an den Andern sich richten kann) auftut in Form eines möglichen Fehlens, das das Bedürfnis hier beitragen kann, weil es keine universale Befriedigung kennt (was man Angst nennt). So linear diese Spanne auch sein mag, sie bringt ihren Taumel zum Ausdruck, wenn nur nicht der Elefantentritt eines launischen Andern sie einebnet. Desungeachtet führt aber diese Laune das Phantom der Allmacht ein, zwar nicht des Subjekts, aber des Andern, in dem sich sein Anspruch einnistet (es wäre an der Zeit, daß dieses schwachsinnige Klischee ein für allemal und einmal für alle an seinen rechten Platz gerückt würde) – […].
[…] Hier läßt sich erkennen, daß die Unwissenheit, der der Mensch in bezug auf sein Begehren verhaftet bleibt, weniger eine Unwissenheit ist in bezug auf das, was er beansprucht (das läßt sich ja letztlich ausmachen), als vielmehr eine Unwissenheit hinsichtlich des Punkts, von wo aus er begehrt.
Eine Antwort darauf stellt unsere Formel dar, daß das Unbewußte Diskurs des Anderen ist, besser: über den Anderen im Sinne des lateinischen (als objektive Bestimmung): de Alio in oratione (tua res agitur, wie man ergänzen könnte).
Dem wäre aber hinzuzufügen, daß das Begehren des Menschen das Begehren des Andern ist, wobei diesmal das ‘des’ in dem Sinn zu nehmen ist, den die Grammatiker subjektiv nennen, d.h. daß der Mensch als Anderer begehrt (worin die wahre Tragweite der menschlichen Leidenschaften liegt). Darum ist die Frage nach dem Andern, die zum Subjekt zurückkommt von dem Platz aus, wo es ein Orakel erwartet – in der Form eines che vuoi?, Was willst du? –, die Frage, die am allerbesten auf den Weg seines eigenen Begehrens führt […].

—Jacques Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten, in: Norbert Haas (Hg.): Jacques Lacan - Schriften II, Weinheim und Berlin 1991, S. 189f.

Großpapa Lacan nimmt die Formel ‘Was will sie?’ wieder auf, wenn er sagt: ‘Über ihren Genuß vermag die Frau nichts zu sagen’. Das ist ja sehr interessant!

—Hélène Cixous: Geschlecht oder Kopf. In: Die unendliche Zirkulation des Begehrens - Weiblichkeit in der Schrift. Aus dem Französischen übersetzt von Eva Meyer und Jutta Kranz. Berlin 1977, S. 24.

Es gibt eine aktive, produktive – Text und Leser produzierende – Lektüre, sie bringt uns voran. Dann die passive Lektüre, die den Text verrät, indem sie sich ihm scheinbar unterwirft, indem sie die Illusion gewährt, der Text existiere objektiv, voll und ganz, souverän: einheitlich. Schließlich die nicht mehr passive, sondern lustlose, genußlose Lektüre aus Passivität, sie entginge sowohl dem Verstehen wie auch dem Begehren: sie ist wie das nächtliche Wachen, die ‘inspirierende’ Schlaflosigkeit, wo das ‘Sagen’ jenseits des Alles-ist-gesagt verstanden und das Zeugnis des letzten Zeugen sich bekunden würde.

—Maurice Blanchot: Die Schrift des Desasters, München 2005, S. 125. (via diesebastionbehrisch)

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