Nº. 1 of  2

Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Posts tagged Bedeutung:

Jan Saenredam nach Corlis van Haarlem - Platons Höhlengleichnis, Kupferstich, 1604.
“Ähnlich ungeklärt ist auch der Gebrauch des Begriffs ‘Simulation’, dessen Benutzung einen Unterschied zur Nicht-Simulation zwingend macht. Aber genau das Nicht-Simulierte soll es ja nach Baudrillard im dritten Simulakrum nicht mehr geben. Dann fallen aber alle Begriffe zusammen, weil sie eben keine Unterschiede mehr bezeichnen: Simulation gleich Realität gleich Hyperrealität.”
Thomas Noetzel: Authentizität als politisches Problem. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte der Legitimation politischer Ordnung. Berlin 1999, S. 143f.
“Wenn aber alles Simulation ist, so wird das Wort unbenutzbar; der Begriff verliert jede Bedeutung. Da lohnt sich abschließend ein Blick auf die (ontologischen?) Grenzen der Simulation. […] Auch die simulierte Welt hat […] glücklicherweise einen Riss. Es bleibt ein Rest, eine Lücke. Das ist der Zeitpunkt, an dem die eineiige Zwillingsschwester der Simulation auftritt: die Authentizität.”
Thomas Noetzel: Die Simulation - Zombie des Monats - 09/2012 - Portal Ideengeschichte 

Jan Saenredam nach Corlis van Haarlem - Platons Höhlengleichnis, Kupferstich, 1604.

“Ähnlich ungeklärt ist auch der Gebrauch des Begriffs ‘Simulation’, dessen Benutzung einen Unterschied zur Nicht-Simulation zwingend macht. Aber genau das Nicht-Simulierte soll es ja nach Baudrillard im dritten Simulakrum nicht mehr geben. Dann fallen aber alle Begriffe zusammen, weil sie eben keine Unterschiede mehr bezeichnen: Simulation gleich Realität gleich Hyperrealität.”

Thomas Noetzel: Authentizität als politisches Problem. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte der Legitimation politischer Ordnung. Berlin 1999, S. 143f.

“Wenn aber alles Simulation ist, so wird das Wort unbenutzbar; der Begriff verliert jede Bedeutung. Da lohnt sich abschließend ein Blick auf die (ontologischen?) Grenzen der Simulation. […] Auch die simulierte Welt hat […] glücklicherweise einen Riss. Es bleibt ein Rest, eine Lücke. Das ist der Zeitpunkt, an dem die eineiige Zwillingsschwester der Simulation auftritt: die Authentizität.”

Thomas Noetzel: Die Simulation - Zombie des Monats - 09/2012 - Portal Ideengeschichte 

Haben wir das Gesicht soeben noch inmitten einer Masse gesehen und wird es dann gesondert hervorgehoben, dann ist es uns, als wären wir plötzlich mit ihm unter vier Augen allein. Sahen wir es auch vorhin in einem großen Raum, so werden wir dennoch, wenn wir dann während der Nahaufnahme in dieses Gesicht blicken, nicht mehr an jenen Raum denken. Denn der Ausdruck des Gesichtes und die Bedeutung dieses Ausdrucks hat keinerlei räumliche Beziehung oder Verbindung. Einem isolierten Anlitz gegenüber fühlen wir uns nicht im Raum. Unser Raumempfinden ist aufgehoben. Eine andersgeartete Dimension erschließt sich: die Physiognomie.

Bela Balázs: Der Film. Werden und Wesen einer neuen Kunst. Wien 1972, S. 53.

[via lf]

Wie gewaltig in diesem Abgrund der Allegorie die dialektische Bewegung braust, das muß unterm Studium der Trauerspielform deutlicher als bei jedem andern an Tag treten. Jene weltliche, die geschichtliche Breite, die Görres und Creuzer der allegorischen Intention zuschreiben, ist als Naturgeschichte, als Urgeschichte des Bedeutens oder der Intention dialektischer Art. Unter der entscheidenden Kategorie der Zeit, welche in dieses Gebiet der Semiotik getragen zu haben die große romantische Einsicht dieser Denker war, läßt das Verhältnis von Symbol und Allegorie eindringlich und formelhaft sich festlegen. Während im Symbol mit der Verklärung des Untergangs das transfigurierte Antlitz der Natur im Lichte der Erlösung flüchtig sich offenbart, liegt in der Allegorie die facies hippocratica der Geschichte als erstarrte Urlandschaft dem Betrachter vor Augen. Die Geschichte in allem was sie Unzeitiges, Leidvolles, Verfehltes von Beginn an hat, prägt sich in einem Antlitz – nein in einem Totenkopfe aus. Und so wahr alle ‘symbolische’ Freiheit des Ausdrucks, alle klassische Harmonie der Gestalt, alles Menschliche einem solchen fehlt – es spricht nicht nur die Natur des Menschendaseins schlechthin, sondern die biographische Geschichtlichkeit eines Einzelnen in dieser naturverfallensten Figur bedeutungsvoll als Rätselfrage sich aus. Das ist der Kern der allegorischen Betrachtung, der barocken, weltlichen Exposition der Geschichte als Leidensgeschichte der Welt; bedeutend ist sie nur in den Stationen des Verfalls. Soviel Bedeutung, soviel Todverfallenheit, weil am tiefsten der Tod die zackige Demarkationslinie zwischen Physis und Bedeutung eingräbt. Ist aber die Natur von jeher todverfallen, so ist sie auch allegorisch von jeher. Bedeutung und Tod sind so gezeitigt in historischer Entfaltung wie sie im gnadenlosen Sündenstand der Kreatur als Keime enge ineinandergreifen.

—Walter Benjamin: Ursprung des deutschen Trauerspiels. Frankfurt am Main 1978, S. 144f.

Partage - Teilen

»wenn der Sinn nicht geteilt wird, nicht weil es eine — letzte oder erste — Bedeutung gäbe, die allen gemein wäre, sondern weil der Sinn selbst als Teilen [partage] des Seins ist. Der Sinn beginnt dort, wo die Präsenz nicht reine Präsenz ist, sondern sich verzweigt und als solche sie selbst ist. Dieses ›als‹ unterstellt Abstand [écartemant], Verräumlichung [espacement] und Teilung [partition] der Präsenz.«

Jean-Luc Nancy: singulär plural sein. Aus dem Französischen von Ulrich Müller-Schnöll. Zürich, Berlin 2004, S. 20.

[via derdrittep]

(via salonsueno-deactivated20130114)

SCHREIB DICH NICHT
zwischen die Welten,

komm auf gegen
der Bedeutungen Vielfalt,

vertrau der Tränenspur
und lerne leben.

Paul Celan: Schreib dich nicht. In: Paul Celan - Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann, Frankfurt am Main 2005, S. 493.

Germaine Krull - Walter Benjamin, 1926
via RMN
[via l-amour-a-trois]
“Für ihn ist nichts in der einmal geformten Aussage erledigt, gleichsam gefaßt. Immer wieder kommt er darauf zurück, sucht neue Aspekte, um die alten zu verdeutlichen oder zu ergänzen. Die Wiederholung der Motive, wie wir sie vom Ornament her kennen, ist ein Kernstück seiner Methode, die Unendlichkeit des philosophischen Gegenstandes in der Bewegung des Begriffs einzufangen. Diese Dialektik, die nicht formal in Antithesen denkt, sondern konkret in Differenzierungen, kennt keine fixe Erkenntnis, vielmehr nur einen offenen Prozeß sich entfaltenden und reicher werdenden Wissens, dessen Sinn- und Bedeutungsfülle sich steigert.”
[…]
Fußnote 3: Heraklits Frg. B 115 enthält so die Grundformel aller philosophischen Denkweise.
Hans Heinz Holz: Prismatisches Denken. In: Über Walter Benjamin. Frankfurt am Main 1968, 1. Auflage, S. 65.

Germaine Krull - Walter Benjamin, 1926

via RMN

[via l-amour-a-trois]

“Für ihn ist nichts in der einmal geformten Aussage erledigt, gleichsam gefaßt. Immer wieder kommt er darauf zurück, sucht neue Aspekte, um die alten zu verdeutlichen oder zu ergänzen. Die Wiederholung der Motive, wie wir sie vom Ornament her kennen, ist ein Kernstück seiner Methode, die Unendlichkeit des philosophischen Gegenstandes in der Bewegung des Begriffs einzufangen. Diese Dialektik, die nicht formal in Antithesen denkt, sondern konkret in Differenzierungen, kennt keine fixe Erkenntnis, vielmehr nur einen offenen Prozeß sich entfaltenden und reicher werdenden Wissens, dessen Sinn- und Bedeutungsfülle sich steigert.”

[…]

Fußnote 3: Heraklits Frg. B 115 enthält so die Grundformel aller philosophischen Denkweise.

Hans Heinz Holz: Prismatisches Denken. In: Über Walter Benjamin. Frankfurt am Main 1968, 1. Auflage, S. 65.

(via areashape)

Nicht wer allein ist, fühlt sich allein; dieses Ungeheuer der Verlassenheit braucht die Anwesenheit eines anderen, damit seine Verlassenheit eine Bedeutung hat.

Maurice Blanchot, Faux Pas, zitiert nach: Gerald L. Bruns, Samuel Becketts Wie es ist, S. 147 in: Samuel Beckett, Herausgegeben von Hartmut Engelhardt, Frankfurt/M. 1986.

[via noxe]

Das Bild ist das nichtsprachliche Sagen oder das Zeigen der Sache in ihrer Selbstheit: nun ist diese Selbstheit nicht bloß ungesagt oder anders ‘gesagt’; sie ist eine andere Selbstheit als die der Sprache und des Begriffs, eine Selbstheit, die weder einer Identität noch einer Bedeutung (…) zugehörig ist, sondern sich nur selbst im Bild und als Bild erhält.
Die Sache im Bild ist darum von ihrem Dasein im Sinne des Vorhandenen, der einfachen Präsenz der Gleichmäßigkeit der Welt und der Anschlußfähigkeit der natürlichen und technischen Verfahren, unterschieden. Jene Unterscheidung ist die Unähnlichkeit, welche der Ähnlichkeit innewohnt, sie durchwirkt und sie durch einen Verräumlichungs- und Passionsschub stört. Was sich vom Dasein unterscheidet, ist das Bildsein: nicht hier, sondern dort, in der Ferne, in einer Entfernung, für die ‘Abwesenheit’ (als die man das Bild oft zu charakterisieren sucht) ein nur vorläufiger Name sein kann. Die Abwesenheit des abgebildeten Subjekts ist nichts anderes als eine intensive, in sich zurückweichende, in ihrer Intensität sich versammelnde Präsenz. Die Ähnlichkeit [ressemblance] versammelt [rassemble] in der Kraft und versammelt sich dort als Kraft des Selben - des von sich unterschiedenen Selben: daher die Lust, die wir daran haben. Wir rühren an das Selbe und an diese Macht, die bekräftigt: ich bin tatsächlich der, der ich bin, ich bin es äußerst jenseitig oder diesseitig dessen, was ich für euch bin, für eure Ziele und Handhabungen. Wir rühren an die Intensität jenes Entzugs oder Überschusses. Auf diese Weise umschließt die mimesis eine methexis, eine Teilhabe oder Ansteckung, durch die uns das Bild ergreift.

—Jean-Luc Nancy: Am Grund der Bilder. Aus dem Französischen von Emmanuel Alloa. Zürich-Berlin 2006, S. 21.

0
Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr - nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müßten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müßten also denken können, was sich nicht denken läßt).
Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits dieser Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.

[…]

4.0031 
Alle Philosophie ist ‘Sprachkritik’ (…).
[…]
5.632
Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt.
[…]
6.41
Der Sinn der Welt muß außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles, wie es ist, und geschieht alles, wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert - und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert. Wenn es keinen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig.
[…]
6.52
Wir fühlen, daß, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort.
6.521
Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.
(Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand?)
6.522
Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.
[…]
6.54
Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
7
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.

—Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. In: Ludwig Wittgenstein Werkausgabe Band I, Frankfurt am Main 1984, S. 9, 26, 68, 82f., 85.

Hinter den tiefsten Erinnerungen
Verwächst die Zeit;
Die alten Wege waren frei und breit,
Nun hat die Welt sie überdrungen.

»O Rauschen tief in mir,
Was aber hast du, das ich gerne hörte?
Ist denn ein Ton in dir,
Der mich nicht störte?«

»Ich habe nichts als Rauschen,
Kein Deutliches erwarte dir,
Sei dir am Schmerz genug, in dich zu lauschen.«

Rudolf Borchardt: Pause, in: Theodor W. Adorno (Hg.): Rudolf Borchardt - Ausgewählte Gedichte. Frankfurt/M. 1957, S.40

[via nokturn]

Vergiß nicht das die Wörter die Bedeutung haben, die wir ihnen gegeben haben; und wir geben ihnen die Bedeutung durch Erklärungen. Es mag sein, daß ich die Definitionen eines Wortes gegeben und es entsprechen gebraucht habe, oder daß diejenigen, die mich das Wort gelehrt haben, mir die Erklärung gegeben haben. Oder andernfalls können wir mit der Erklärungen eines Wortes die Erklärung meinen, die wir bereit sind zu geben, wenn wir gefragt werden. Das heißt, wenn wir bereit sind, irgendeine Erklärung zu geben; in den meisten Fällen sind wir es nämlich nicht. In diesem Sinne haben dann viele Wörter keine strenge Bedeutung. Aber das ist kein Mangel. Die Annahme, es wäre ein Mangel, käme der Annahme gleich, daß das Licht meiner Leselampe gar kein wirkliches Licht sei, weil es keine scharfe Umgrenzung hat.
Philosophen sprechen sehr häufig davon, die Bedeutung von Wörtern zu untersuchen, zu analysieren. Aber laßt uns nicht vergessen, daß ein Wort keine Bedeutung hat, die ihm gleichsam von einer von uns unabhängigen Macht gegeben wurde, so daß man eine Art wissenschaftlicher Untersuchung anstellen könnte, um herauszufinden, was das Wort wirklich bedeute. Ein Wort hat die Bedeutung, die ihm jemand gegeben hat.

Ludwig Wittgenstein: Das blaue Buch, Frankfurt am Main 1984, S. 51 f.

[via universalestate]

(via diesebastionbehrisch)

Hat man aber einmal sich terrorisieren lassen vom Verbot, mehr zu meinen als an Ort und Stelle gemeint war, so willfahrt man bereits der falschen Intention, wie sie Menschen und Dinge von sich selber hegen. Verstehen ist dann nichts als das Herausschälen dessen, was der Autor jeweils habe sagen wollen, oder allenfalls der einzelmenschlichen psychologischen Regungen, die das Phänomen indiziert. Aber wie kaum sich ausmachen läßt, was einer sich da und dort gedacht, was er gefühlt hat, so wäre durch derlei Einsichten nichts Wesentliches zu gewinnen. Die Regungen der Autoren erlöschen in dem objektiven Gehalt, den sie ergreifen. Die objektive Fülle von Bedeutungen jedoch, die in jedem geistigen Phänomen verkapselt sind, verlangt vom Empfangenden, um sich zu enthüllen, eben jene Spontaneität subjektiver Phantasie, die im Namen objektiver Disziplin geahndet wird. Nichts läßt sich herausinterpretieren, was nicht zugleich hineininterpretiert wäre. Kriterien dafür sind die Vereinbarkeit der Interpretation mit dem Text und mit sich selber, und ihre Kraft, die Elemente des Gegenstandes mitsammen zum Sprechen zu bringen.

Theodor W. Adorno: Der Essay als Form, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Darmstadt 1998, Band 11, S. 10f.

[via diesebastionbehrisch]

Nº. 1 of  2