Die Stille nach dem Schuss (Volker Schlöndorff, 2000)
Jan Saenredam nach Corlis van Haarlem - Platons Höhlengleichnis, Kupferstich, 1604.
“Ähnlich ungeklärt ist auch der Gebrauch des Begriffs ‘Simulation’, dessen Benutzung einen Unterschied zur Nicht-Simulation zwingend macht. Aber genau das Nicht-Simulierte soll es ja nach Baudrillard im dritten Simulakrum nicht mehr geben. Dann fallen aber alle Begriffe zusammen, weil sie eben keine Unterschiede mehr bezeichnen: Simulation gleich Realität gleich Hyperrealität.”
Thomas Noetzel: Authentizität als politisches Problem. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte der Legitimation politischer Ordnung. Berlin 1999, S. 143f.
“Wenn aber alles Simulation ist, so wird das Wort unbenutzbar; der Begriff verliert jede Bedeutung. Da lohnt sich abschließend ein Blick auf die (ontologischen?) Grenzen der Simulation. […] Auch die simulierte Welt hat […] glücklicherweise einen Riss. Es bleibt ein Rest, eine Lücke. Das ist der Zeitpunkt, an dem die eineiige Zwillingsschwester der Simulation auftritt: die Authentizität.”
Thomas Noetzel: Die Simulation - Zombie des Monats - 09/2012 - Portal Ideengeschichte
In einer Zeit, in der das nichtfiktionale Bild einerseits auf dem Hintergrund der Möglichkeiten der neuen bildgebenden Verfahren als nicht mehr zuverlässiges angeklagt und andererseits in der politischen Rhetorik medialer Kriegsführung mehr denn je als faktischer Beweis eingesetzt wird, können die Filme im Grenzbereich zwischen Fiktion und Nichtfiktion zudem darauf aufmerksam
machen, dass der Status des nichtfiktionalen Bildes noch nie wirklich gesichert war.
Zwei Reaktionen auf meinen Film Warshots (1996), der die Geschichte eines scheiternden Kriegsfotografen erzählt: Beim Filmfestival in Toronto fragte mich ein Zuschauer, warum der ‘Übeltäter’ im Film, der Heckenschütze, ausgerechnet immer israelisches Mineralwasser trinken würde. Ich hatte keine Antwort auf die Frage. Ich wusste noch nicht einmal, dass es so war. Eine andere Zuschauerin nannte mich ein Arschloch. Anders könne man es ihrer Meinung nach nicht bezeichnen, wenn ein Kameramann eine verwundete, am Boden liegende, vor Schmerzen brüllende Frau filme, statt ihr zu helfen. Mein Einwand, diese Frau sei eine sehr gute Schauspielerin, drang nicht bis zu der Kritikerin durch.
—Heiner Stadler: Über den Kreislauf der Bilder. Das kollektive Bildgedächtnis und seine Wirkung. In: Daniel Sponsel (Hrsg.): Der schöne Schein des Wirklichen. Zur Authentizität im Film. Konstanz 2007, S. 47 - 61; hier: S. 61.
Denn einerseits läßt sich Inszenierung durchaus als Schein, Simulation, Simulakrum begreifen. Es handelt sich bei ihr jedoch um einen Schein, eine Simulation, ein Simulakrum, die allein fähig sind, Sein, Wahrheit, Authentizität zur Erscheinung zu bringen. Nur in und durch Inszenierung vermögen sie uns gegenwärtig zu werden.
—Erika Fischer-Lichte: Inszenierung und Theatralität. In: Willems, Herbert/Jurga, Martin (Hrsg.): Inszenierungsgesellschaft. Opladen 1998, S. 81 - 90, hier: S. 88.
Als Resultat des gesamten Prozesses der Eliminierung von Fixpunkten bleibt in bezug auf die Authentizität moderner Subjekte eine kategoriale Paradoxie zu notieren: der Geltungsanspruch auf expressive Wahrhaftigkeit der subjektiven Innenwelt wird, nachdem er in der autobiographischen Bekenntnis- und Geständnisliteratur schon seit einigen Jahrhunderten in seinen Ambivalenzen vorgeführt wurde, gerade in der Realität des gegenwärtigen Alltags vehement erhoben und behauptet - und gleichzeitig zurückgenommen. Ob es sich nun um Scherz, List, Betrug handeln mag - wer von uns weiß das heute noch mit Sicherheit in allen Fällen zu unterscheiden? -: Authentizität ist und ist nicht, die fundamentalen abendländischen Sätze vom verbotenen Widerspruch und vom ausgeschlossenen Dritten treffen hier auf ihre Grenze. Und weil Authentizität als das letzte Stück Heiligkeit in säkularisierten Zeiten glorifiziert wird, bleibt dieser Geltungsanspruch der Wahrhaftigkeit auch in unseren Tagen umkämpft. Alles wurde von den modernen Subjekten relationiert, hat sich verflüchtigt - die absolute Wahrheit des objektiven Wissens ebenso wie die absolute Gewähr legitimer Ordnung - und nun noch diese letzte Zumutung, dieser gnadenlose kategorische Indikativ: Erkenne deine eigene Brüchigkeit, deine völlige Verwobenheit in die soziale und naturale Textur an, entkerne dich. Du bist nichts, aber mach’ etwas daraus. Dagegen versuchen sich moderne Subjekte mit dem Mittel intensivierten Vertrauens auf die eigene Authentizität zu behaupten.
—Uwe Weisenbacher, Die Arbeit an der Differenz. Zur offenen Rekonstruktion moderner Subjekte. In: Klaus Holz (Hrsg.), Parabel. Soziologie zwischen Moderne und Postmoderne. Untersuchungen zu Subjekt, Erkenntnis und Moral, Gießen 1990, S. 22f.
Le Souverain n’ayant d’autre force que la puissance législative n’agit que par des loix, et les loix n’étant que des actes authentiques de la volonté générale, le Souverain ne sauroit agir que quand le peuple est assemblé. Le peuple assemblé, dira-t-on! Quelle chimere! C’est une chimere aujourd’hui, mais ce n’en étoit pas une il ya deux mille ans: Les hommes ont-ils changé de nature?
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[Der Souverän handelt, da er keine andere Macht hat als die Legislative, nur mittels Gesetzen, und da Gesetze nichts anderes als die eigentlichen Akte des Gemeinwillens sind, kann der Souverän nur dann handeln, wenn das Volk versammelt ist. Das versammelte Volk! wird man sagen, welches Hirngespinst! Heute ist das ein Hirngespinst, aber vor zweitausend Jahren war es keines. Hat sich die Natur des Menschen geändert?]
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Jean-Jacques Rousseau: Du Contrat Social ou, Principes Du Droit Politique (1762), in: Ders., Œuvres complètes, Bd. 3, Paris 1964, S. 425.
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Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. In Zusammenarbeit mit Eva Pietzcker neu übersetzt und herausgegeben von Hans Brockard. Stuttgart 1977, S. 98.
Aber die authentische Kraft des Sehens liegt nicht nur im Gegenstand des Blicks. Sie geht über die respektvolle Konstatierung des Aushaltenkönnens, über ein Lob der Tugend des Sehenwollens hinaus. Am Blick selbst macht sich Echtheit der Wahrnehmung, der Gefühle, des Leidens fest. Deshalb nehmen auch Beobachtungen des Sehens und Erkennens und Beschreibungen des Augenblicks der Wirklichkeitskonfrontation, des Ausdrucks von Emotionen, Schmerzen oder Glück großen Raum in Texten und Bildern moderner Authentizitätsproduktionen ein. Die Untersuchung des Blicks wird zum Thema.
—Thomas Noetzel: Authentizität als politisches Problem. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte der Legitimation politischer Ordnung. Berlin 1999, S. 95f.
Na, nun bitte: das Deckblatt meiner Magisterarbeit ist endlich eingetroffen…
(via lookandlookagain)
“Jorge Semprún hat berichtet, dass im KZ Buchenwald am Sonntagnachmittag politische Häftlinge aus allen Ländern zusammenkamen, um über Kant, Hegel, Schelling oder die Romane von Malraux zu reden. Im Block 56 des „Kleinen Lagers“ diskutierten die von den Nationalsozialisten aus ganz Europa Verschleppten, die in den Augen ihrer Peiniger nur verächtliche Gegenstände darstellten, Kants These, dass das radikal Böse nicht das Unmenschliche sei, sondern einer der möglichen Entwürfe der Menschlichkeit des Menschen. Anders als es „Der Untergang“ vermag oder überhaupt anstrebt, haben Jorge Semprún, Primo Levi, Imre Kertész unerbittlich und kompromisslos durch die herrschende Dichotomie von Tätern und Opfern hindurch gedacht, ohne die Schrecken des Lagers, die Tötungsmacht und die Verantwortlichkeit für den Massenmord zu relativieren.”
Michael Wildt, “Der Untergang”. Ein Film inszeniert sich als Quelle
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