Gespenster (Christan Petzold, 2000)
“Phänomenologie der Angst I
Das Bild zeigt die Bedrohung in ihrer ganzen Überdimensioniertheit: Ein Weißkopfseeadler der einen Star erbeutet, entspricht nicht dem Bild eines Adlers. Solches Tier erbeutet kein Getier, eher Lämmer, Gämsen, Würdevolleres. Die Krallen, zu lang, zu groß, um nicht lächerlich zu werden – angesichts dieses Winzlings. Diese Wahrnehmung des Bildes kann gewiss nicht den Herzschlag des Stars umfassen oder zum Ausdruck bringen, welche Gewalt in diesem Augenblick liegt. Ein solcher Zugang zu einer Interpretation wird unbewusst abgewehrt, weil die Majestät der Angst keine Lächerlichkeit zulässt, aber auch keine Verhältnisbestimmung der Bedrohung. Kann so eine Bedrohung je wirklich sein?
Eine Bedrohung durch die Angst ist selten eine tödliche Gefahr. Trotzdem fühlt man sie als solche. Letztlich ist das Sterben, wenn auch unendlich gedehnt, ein Moment dieser Drohung – sei es als Verrückt-werden, Sich-Verstümmeln, Abmagern oder Auflösen. Angst hat ihr Maß an ihrer Unbestimmtheit, sie ist in gewissem Sinne maßlos (ähnlich dem Sterben). Sie lässt sich als Bedrohung nicht einfach lokalisieren oder unter etwas subsumieren. Gerade wenn sie sich wiederholt, scheint es nicht so, dass sie immer wieder neu wiederkehrt oder nie wirklich abwesend war? Die Wiederholung von etwas dürfte doch den besten Bestimmungsgrund abgeben, aber genau dieser ist ein Abgrund. Angst ist zu diffus, zu plötzlich, zu vielfältig – sie ist ein Ereignis. Etwas, was sich durch seine Unbestimmbarkeit auszeichnet, durch ein Überwältigtwerden. Ein Ereignis ist anders, es geht nicht in den gewöhnlichen Praxen auf, ist wie ein ungeahnter Widerstand gegen diese Praxen.
Angst ist aber auch eine Wiederkehr, eine Wiederholung des Anderen. Und dieses Andere ist nicht einfach von mir als Verschiedenes zu begreifen. Dieses Andere ist von mir selbst unterschieden. Angst wirkt als käme sie als ein Äußeres, als würde mir etwas widerfahren, als träfe mich ein Schlag, überfiele mich ein Gefühl in der Brust oder ein Blick irgendeines Menschen. Ich kann sagen, dass es Angst ist, nicht nur ich. Aber mir fällt es dann schwer zu sagen, dass die Angst nicht alles ist.
Ich kann Angst nicht wirklich als verschieden von mir setzen. Ich kann aber die Angst als in mir selbst Unterschiedenes denken. Ich bin ein Anderer in der Angst, aber dieses Ich ist Ich und ein Anderer. Das Ereignis der Angst ist nicht losgelöst von diesem Ich zu denken, aber das Ich kann sich von der Angst in sich selbst als Unterschiedenes denken. Denn wenn die Angst ein Ereignis ist, dann ist sie nicht nur die Unmöglichkeit. Die Angst behauptet zwar, sie mache alles unmöglich – die Praxen, das Leben. Aber wäre sie diese Unmöglichkeit, sie könnte sich nicht wiederholen.
Die Angst ist irgendwie stets möglich, da sie ein Ereignis ist. Die Möglichkeit der Angst ist also keine bloß mögliche. Ich kann nicht die Angst unter verschiedenen Möglichkeiten erwählen. Sie ist nicht einfach einer von vielen ›Gemütszuständen‹. Sie ist nicht klar von anderen Gemütszuständen abgrenzbar, nicht klar definierbar. Ich kann nicht einfach sagen: Dies ist bloß Angst, keine wirkliche Bedrohung, ich erkenne sie, deshalb muss ich nicht ängstlich sein. Sie erwählt mich als ein Mögliches, was sich mir ereignet, als eine Möglichkeit, die ich nicht denken kann. Könnte ich die Angst als eine bloße Möglichkeit denken, dann wäre ich kein Anderer mehr, dann wäre ich eine Einheit, ein Block – dann wäre ich Angst, ein Unmögliches (wie sollte ich denn dann mich vor mir selbst verantworten können, wäre ich nur einer?). Dies ist offenkundig nicht wahr. Angst ereignet sich im Selbstverhältnis, ist also nie identisch mit mir, noch mit sich selbst. Sie ist selbst nur im Verhältnis mit ihrem Anderen zu denken: Sie kündet von den Schmerzen des vergangenen Glücks und ist nur im Moment des glücklichen Erinnerns vergehend. Aber nie auszutreiben.
Stare fressen keine Adler, aber die Natur ist nie ein Bild für Selbstverhältnisse – höchstens für ängstliche. Denn ein Selbstverhältnis ist nie so strikt bestimmt, wie es Angst behauptet. Sie kann nie diese Unmöglichkeit sein, die sie behauptet, denn sonst wäre sie kein Ereignis mehr. Sie hätte dann also ihre Bedrohlichkeit verloren, sie wäre kein Angst mehr, sondern ihr Anderes.”
(Source: illillill)
Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rächer des eigenen Gesetzes. Also wird ein Stern hinausgeworfen in den öden Raum und in den eisigen Athem des Alleinseins.
Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du deinen Muth ganz und deine Hoffnungen.
Aber einst wird dich die Einsamkeit müde machen, einst wird dein Stolz sich krümmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst ‘ich bin allein!’
Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe; dein Erhabenes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du einst: ‘Alles ist falsch!’
Es giebt Gefühle, die den Einsamen tödten wollen; gelingt es ihnen nicht, nun, so müssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mörder zu sein?
[…]
Verbrennen musst du dich wollen in deiner eigenen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!
Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen aus deinen sieben Teufeln!
Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und deshalb verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.
Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von Liebe, der nicht gerade verachten musste, was er liebte!
Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein Bruder; und spät erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.
—Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra, in: Giorgo Colli und Mazzino Montinari (Hg.): Friedrich Nietzsche - Kritische Studienausgabe, München 2004, Band 4, S. 81ff.
HANDSCHUHE
Beim Ekel vor Tieren ist die behrrschende Empfindung die Angst, in der Berührung von ihnen erkannt zu werden. Was sich tief im Menschen entsetzt, ist das dunkle Bewusstsein, in ihm sei etwas am Leben, was dem ekelerregenden Tiere so wenig fremd sei, dass es von ihm erkannt werden könne. – Aller Ekel ist ursprünglich Ekel vor dem Berühren. Über dieses Gefühl setzt sogar Bemeisterung sich nur mit sprunghafter, überschießender Gebärde hinweg: das Ekelhafte wird sie heftig umschlingen, verspeisen, während die Zone der feinsten epidermalen Berührung tabu bleibt. Nur so ist dem Paradox der moralischen Forderung zu genügen, welche gleichzeitig Überwindung und subtilste Ausbildung des Ekelgefühls vom Menschen verlangt. Verleugnen darf er die bestialische Verwandtschaft mit der Kreatur nicht, auf deren Anruf sein Ekel erwidert: er muss sich zu ihrem Herrn machen.
—
Walter Benjamin: Einbahnstraße. Frankfurt am Main 1955, S. 18.
“LAUT ZU LESEN
es ist nicht deine schuld,
dass er dein gesicht nicht berühren kann,
deine nähe nicht sucht.
es ist nicht deine schuld,
dass die fäden seiner angst ihm die hände fesseln,
sich niemals nach dir ausstrecken.
es ist nicht deine schuld,
dass seine sprache deine schönheit nicht zu benennen vermag,
dass er, anders als du, von fremden träumt.
es ist nicht deine schuld,
dass sein schweigen deine uhren frisst,
seine antworten jahre brauchen.
es ist nicht deine schuld,
dass er sich kaputt in höhlen verkriecht,
lieber, als deine unberührten hände zu halten.
es ist nicht deine schuld.
und dennoch,
ist es deine haut,
die zu reißen versucht
es ist dein herz,
das die liebe verflucht
dein kopf,
der nach befreiung schreit,
deine zeit,
die sich zwischen nachrichten verteilt
deine lippen,
rosa ungeküsst
deine wunden
triefen weiter ungewusst
du, die zu lieben sich so sicher war
du und dein herz bleiben verwundbar.”
Probleme der Selbst-Erschaffung II: Panik, Depressionen und Ängste.
(Source: joeydeangelis, via grantelhuber)
Spiegel: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…
Adorno: Mir nicht.
—
Theodor W. Adorno: »Keine Angst vor dem Elfenbeinturm, 1969«, in: Rolf Tiedemann u.a. (Hg.), Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Band 20.1, Vermischte Schriften I. Frankfurt am Main 1986, S. 402 - 409, hier: S. 402.
Dies Bewußtsein hat nämlich nicht um dieses oder jenes, noch für diesen oder jenen Augenblick Angst gehabt, sondern um sein ganzes Wesen; denn es hat die Furcht des Todes, des absoluten Herrn, empfunden. Es ist darin innerlich aufgelöst worden, hat durchaus in sich selbst erzittert, und alles Fixe hat in ihm gebebt. Diese reine allgemeine Bewegung, das absolute Flüssigwerden alles Bestehens ist aber das einfache Wesen des Selbstbewußtseins, die absolute Negativität, das reine Für-sich-sein, das hiemit an diesem Bewußtsein ist.
—
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. In: Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel (Hrsg.): G.W.F. Hegel - Werke, Band 3, Frankfurt am Main 1986, S. 153.
Ich hätte sie erschossen … Bei der Vorstellung, daß ich Lazare vielleicht liebte, entrang sich mir ein Schrei, der im Tumult unterging. Ich hätte mich selbst zerfleischen können. Ich war von dem Revolver besessen - von dem Bedürfnis zu schießen, ihr die Kugeln … in den Bauch … in ihre … zu jagen. Als ob ich mit absurden Gesten ins Leere fiele, so, wie man im Traum wirkungslose Schüsse abgibt.
—Georges Bataille: Das Blau des Himmels. Deutsch von Sigrid von Massenbach und Hans Neumann. München 1969, S. 81/82.
Ich litt nicht einmal mehr. Ich hatte nicht mehr die mindeste Angst. Ich spürte im Kopf nur eine völlige Stumpfheit, wie ein nicht enden wollendes Kindischsein.
[…]
Meine Frau, die ich auf’s schändlichste im Stich gelassen hatte, rief mich voller Sorge aus England an, während ich, dies vergessend, meinen Jammer und meine Sprachlosigkeit durch die verruchtesten Orte schleifte. Alles war falsch, sogar mein Leiden. Ich begann abermals zu weinen, so sehr ich nur konnte: mein Schluchzen hatte weder Anfang noch Ende.
Die Leere dehnte sich weiter aus. Ein Idiot, der sich mit Alkohol benebelt und weint - das war komischerweise aus mir geworden.
—Georges Bataille: Das Blau des Himmels. Deutsch von Sigrid von Massenbach und Hans Neumann. München 1969, S. 40/41.
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