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Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

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Als ich vor 2 Jahren einen Tag in den Ateliers von Neubabelsberg zubrachte, hat mich am meisten beeindruckt, wie wenig von Montage und all dem Fortgeschrittenen wirklich durchgesetzt ist, das Sie herausholen; vielmehr wird überall mimetisch die Wirklichkeit infantil aufgebaut und dann ‘abphotographiert’. Sie unterschätzen die Technizität der autonomen Kunst und überschätzen die der abhängigen; das wäre vielleicht in runden Worten mein Haupteinwand. Er wäre aber zu realisieren nur als eine Dialektik zwischen den Extremen, die Sie von einander reißen.

—Theodor W. Adorno an Walter Benjamin, 18. 03. 1936. In: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (Hg.): Walter Benjamin - Gesammelte Schriften, Band I.3. Frankfurt am Main 1991, S. 1000-1006, hier: S. 1004f.

“An der Mög­lich­keit äs­the­ti­scher Er­fah­rung ent­schei­det sich, in­wie­weit die Men­schen über­haupt noch ein Ge­spür für ihr Leid und einen Sinn für ge­sell­schaft­li­che Al­ter­na­ti­ven haben. Auch heute noch stellt sich die Frage, ob Kunst­wer­ke po­ten­ti­ell die Re­fle­xi­on der ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se, ihrer Ver­wer­fun­gen und Wi­der­sprü­che er­mög­licht, oder ob, zumal in Zei­ten der alles in Wa­ren­form pres­sen­den ka­pi­ta­lis­ti­schen Kul­tur­in­dus­trie, nicht ein­mal mehr die Kunst uns ret­ten kann. Liegt wo­mög­lich die Stär­ke der Kunst in der Macht der Er­kennt­nis bei gleich­zei­ti­ger Ohn­macht in dem, was man Pra­xis nennt?
Die­sen Fra­gen nä­hert sich der­zeit die Ver­an­stal­tungs­rei­he der Kri­ti­schen In­ter­ven­tio­nen in Halle. Die ers­ten vier Vor­trä­ge – von Chris­toph Hesse, Marc Grimm, Bau­meis­ter & Ne­ga­tor und Lukas Hol­feld – kön­nen wir hier do­ku­men­tie­ren.”

Die Unwahrheit steckt im Substrat von Echtheit selber, dem Individuum. Wenn im principum individuationis, wie die Antipoden Hegel und Schopenhauer gemeinsam erkannten, das Gesetz des Weltlaufs sich versteckt, so wird die Anschauung von der letzten und absoluten Substantialität des Ichs Opfer eines Scheins, der die bestehende Ordnung schützt, während ihr Wesen bereits verfällt. Die Gleichsetzung von Echtheit und Wahrheit ist nicht zu halten. Gerade die unbeirrte Selbstbesinnung – jene Verhaltensweise, die Nietzsche Psychologie nannte –, also die Insistenz auf der Wahrheit über einen selber, ergibt immer wieder, schon in den ersten Erfahrungen der Kindheit, daß die Regungen, auf die man reflektiert, nicht ganz ‘echt’ sind. Stets enthalten sie etwas von Nachahmung, Spiel, Andersseinwollen. […] Das Humane haftet an der Nachahmung: ein Mensch wird zum Menschen überhaupt erst, indem er andere Menschen imitiert. In solchem Verhalten, der Urform von Liebe, wittern die Priester der Echtheit Spuren jener Utopie, welche das Gefüge der Herrschaft zu erschüttern vermöchte. […] Ja es wäre nicht erst das Unechte, das als seinshaltig sich aufspielt, der Lüge zu überführen, sondern das Echte selber wird zur Lüge, sobald es zum Echten überhaupt wird, also in der Reflexion auf sich, in seiner Setzung als Echtes, in der es bereits die Identität überschreitet, die es im gleichen Atemzug behauptet.

Theodor W. Adorno: Goldprobe, in: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: Rolf Tiedmann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften Band 4, Frankfurt am Main 2003, S. 173-177.

[via abgrundtiefe:frutelia3000]

Dürfen in der Kunst formale Charakteristiken nicht umstandslos politisch interpretiert werden, so ist doch in ihr kein Formales ohne inhaltliche Implikate und die reichen bis zur Politik. In der Befreiung der Form, wie alle genuin neue Kunst sie will, verschlüsselt sich vor allem anderen die Befreiung der Gesellschaft, denn Form, der ästhetische Zusammenhang alles Einzelnen, vertritt im Kunstwerk das soziale Verhältnis.

Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Frankfurt am Main 1970, S. 379.

[via fextracts:abendgesellschaft]

Online-Publikation – Extended Version – 2013 

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Westfälisches Dampfboot.

Inhaltsverzeichnis

Präliminarien

1 Geschichtliche Situierung der Reflexionen Benjamins, Adornos und Debords mit Blick auf die Entwicklung der bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse

1.1 Walter Benjamin: Der Ausdruckscharakter der Waren und die Phantasmagorie
1.2 Theodor W. Adorno: Kulturindustrie
1.3 Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels

2 Unterschiede der Kritikstrategien von Debord, Adorno und Benjamin

2.1 Die situationistische Perspektive auf Kunst und Klassenkampf
2.2 Die Rolle der Kunst bei Adorno und das Fragwürdigwerden der Klassenkampfperspektive
2.3 Kunst, Klassenkampf und die Rolle des Intellektuellen bei Benjamin

3 Resümee

Literatur

Eine gekürzte Version dieses Artikels ist gedruckt erschienen in:
Malte Völk/Oliver Römer/Sebastian Schreull/Christian Spiegelberg/Florian Schmitt/Mark Lückhof/David Nax (Hg.): „… wenn die Stunde es zuläßt.” Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot, 2012, S. 315-354.

Einige Vorträge der Autor_innen dieses Buchs lassen sich im Audioarchiv anhören.

[via seltsamer-zusammenschluss]

Ist das Zeitalter der Interpretation der Welt vorüber und gilt es sie zu verändern, dann nimmt Philosophie Abschied, und im Abschied halten die Begriffe inne und werden zu Bildern. Möchte Philosophie als wissenschaftliche Semantik Sprache in Logik übersetzen, so ist ihr als spekulativer noch übrig, die Logik zum Sprechen zu bringen. Nicht die Erste Philosophie ist an der Zeit sondern eine letzte.

Theodor W. Adorno: Zur Metakritik der Erkenntnistheorie, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Darmstadt 1998, Band 5, S. 47.

[via diesebastionbehrisch]

Wird aber das Reale zum Bild, indem es in seiner Partikularität dem Ganzen so gleicht, wie ein Fordwagen allen anderen derselben Serie, so werden umgekehrt die Bilder zur unmittelbaren Realität. Zum vielberufenen ästhetischen Bildbewußtsein kommt es nicht mehr. Jede Leistung der Phantasie, die Erwartung, daß sie von sich aus die disjekten Elemente des Wirklichen zu dessen Wahrheit versammle, wird als ungebührliches Ansinnen fortgewiesen. Phantasie wird durch die automatisch verbissene Kontrolle darüber substituiert, ob auch die letzte imago, die zur Verteilung gelangt, das genaue, sachkundige und zuverlässige Abbild des entsprechenden Stückchens Wirklichkeit ist.

Theodor W. Adorno & Max Horkheimer: Das Schema der Massenkultur. Kulturindustrie (Fortsetzung). In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, in: Rolf Tiedemann (Hg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Darmstadt 1998, Band 3, S. 301.

[via walter-benjamin-bluemchen]

Die photographische Technik des Films, primär abbildend, verschafft dem zur Subjektivität fremden Objekt mehr an Eigengeltung als die ästhetisch autonomen Verfahrungsarten; das ist im geschichtlichen Zug der Kunst das retardierende Moment des Films. Selbst wo er die Objekte, wie es ihm möglich ist, auflöst und modifiziert, ist die Auflösung nicht vollständig. Sie erlaubt daher auch keine absolute Konstruktion; die Elemente, in die zerlegt wird, behalten etwas Dinghaftes, sind keine reinen Valeurs. Kraft dieser Differenz ragt die Gesellschaft ganz anders, weit unmittelbarer vom Objekt her, in den Film hinein als in avancierte Malerei oder Literatur. Das im Film Irreduzible an den Objekten ist an sich gesellschaftliches Zeichen, wird es nicht erst durch die ästhetische Realisierung einer Intention. Die Ästhetik des Films ist darum immanent, vermöge ihrer Stellung zum Objekt, mit Gesellschaft befaßt.

Theodor W. Adorno, Filmtransparente. In: Tiedemann (u.a.) (Hrsg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften Band 10.1, Frankfurt am Main 2003, S. 357.

[via walter-benjamin-bluemchen]

[…] in jeglichem prädikativen Urteil hat das »Ist« so gut wie Subjekt und Prädikat seine Bedeutung. Der »Sachverhalt« aber ist intentional, nicht ontisch. Die Copula erfüllt sich dem eigenen Sinn nach einzig in der Relation zwischen Subjekt und Prädikat. Sie ist nicht selbständig. Indem Heidegger sie als jenseits dessen verkennt, wodurch allein sie zu Bedeutung wird, übermannt ihn jenes dinghafte Denken, gegen das er aufbegehrte.

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[In every predicative judgment, ‘is’ has its meaning, as have the subject and the predicate. But the state of affairs is a matter of intentionality, not of being. The copula is fulfilled only in the relation between subject and predicate. It is not independent. Heidegger, in misplacing it beyond the sole source of its meaning, succumbs to that reified thought to which he took exception.]

Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. In: Rolf Tiedemann u.a. (Hrsg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Band 6, Frankfurt am Main 2003, S. 107f.

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Theodor W. Adorno, Negative Dialectics

[thanks to adumbrations!]

(via hollovv-deactivated20120824)

Als apparition, als Erscheinung und nicht Abbild, sind die Kunstwerke Bilder. […] Ist apparition das Aufleuchtende, das Angerührtwerden, so ist das Bild der paradoxe Versuch, dies Allerflüchtigste zu bannen. In Kunstwerken transzendiert ein Momentanes; Objektivation macht das Kunstwerk zum Augenblick. Zu denken ist an Benjamins Formulierung von der Dialektik im Stillstand […].

Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, in: Tiedemann (u.a.) (Hrsg.): Theodor W. Adorno - Gesammelte Schriften, Band 7, Frankfurt am Main 1990, S. 130.

[via abendgesellschaft]

Es ist die Geste des Lösens. Die Spannung der Gesichtsmuskulatur gibt nach, jene Spannung, welche das Antlitz, indem sie es in Aktion auf die Umwelt richtet, von dieser zugleich absperrt. Musik und Weinen öffnen die Lippen und geben den angehaltenen Menschen los. Die Sentimentalität der unteren Musik erinnert in verzerrter Gestalt, was die obere Musik in der wahren am Rande des Wahnsinns gerade eben zu entwerfen vermag: Versöhnung. Der Mensch, der sich verströmen läßt im Weinen und einer Musik, die in nichts mehr ihm gleich ist, läßt zugleich den Strom dessen in sich zurückfluten, was nicht er selber ist und was hinter dem Damm der Dingwelt gestaut war. Als Weinender wie als Singender geht er in die entfremdete Wirklichkeit ein. […] In der Potentialität der letzten Phase der Musik meldet sich ein Wechsel ihres Standorts an. Sie ist nicht länger Aussage und Abbild eines Inwendigen, sondern ein Verhalten zur Realität, die sie erkennt, indem sie nicht länger im Bilde sie schlichtet. Damit verändert sich bei äußerster Isolierung ihr gesellschaftlicher Charakter.

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[It is the gesture of release. The tension of the facial muscles, the tension which both directs the face into action on the environment and seals it off from that environment, is released. Music and tears open the lips and set the arrested human being free. The sentimentality of inferior music recalls in its caricature what superior music is truly capable of shaping at the boundary of frenzy: reconciliation.* One who lets himself go in tears, or in a form of music no longer resembling him in any way, at the same time lets the stream of everything he himself is not, everything which had been dammed up behind the wall of the objective world, flow back through him. As one who weeps, or one who sings, he goes forth into alienated reality […] The potentiality of the most recent phase of music indicates a change in position. It is no longer the statement and image of an inner factor, but rather an attitude towards reality, perceived by music, but no longer glossed over in the images. In the extreme isolation resulting therefrom, the social character of music changes.” Adorno - Philosophy of modern music, 2003, p. 129 (the book was also translated as Philosophy of new music, from where i stiched in the sentence marked with *, that i couldn’t find from the first version.]

Theodor W. Adorno - Philosophie der Neuen Musik, S. 122.

[via lf]

Spiegel: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…

Adorno: Mir nicht.

Theodor W. Adorno: »Keine Angst vor dem Elfenbeinturm, 1969«, in: Rolf Tiedemann u.a. (Hg.), Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Band 20.1, Vermischte Schriften I. Frankfurt am Main 1986, S. 402 - 409, hier: S. 402.

[via eigentlichkeiten:electronic-riot]

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