Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

F A D I N G.
Schmerzliche Prüfung, bei der das geliebte Wesen sich von jedem Kontakt zurückzuziehen scheint, ohne daß diese rätselhafte Gleichgültigkeit gegen das liebende Subjekt gerichtet oder zugunsten dessen geltend gemacht würde, was sonst im Spiel ist, Welt oder Rivale.

1. Im Text ist das Fading der Stimmen eine willkommene Angelegenheit; die Stimmen der Erzählung kommen, gehen, verhallen, durchkreuzen einander; man weiß nicht wer spricht; es spricht, das ist alles: kein Bild mehr, nichts als Sprache. Aber der Andere ist kein Text, er ist Bild, eines und verwachsend; wenn die Stimme sich verliert, verflüchtigt sich auch das ganze Bild (die Liebe ist monologisch besessen; der Text ist heterologisch, pervers).
[…]

2. Es gibt Alpträume, in denen die Mutter auftaucht, das Antlitz zu einer strengen und kalten Miene verdüstert. Das Fading des Liebesobjektes ist die schreckliche Wiederkehr der Bösen Mutter, der unerklärliche Rückzug der Liebe, die bekannte Verlassenheit der Mystiker: Gott existiert, die Mutter ist da, aber sie liebten nicht mehr. Ich bin nicht zerstört, aber da liegengelassen wie ein Stück Abfall.

3. Die Eifersucht bereitet weniger Leiden, denn der Andere bleibt dabei lebendig. Im Fading dagegen scheint der Andere jede Begierde fahren zu lassen, er wird von der Nacht aufgesogen. Ich bin vom Anderen verlassen, aber dieses Verlassensein vermehrt sich um das Verlassensein, von dem er selbst betroffen ist; sein Bild ist von der verwaschenen, abgelegten Art; ich kann an nichts mehr Rückhalt finden, nicht einmal mehr an der Begierde, die der Andere anderswohin richtet: ich bin in Trauer um ein Objekt, das selbst trauert (von daher wird verständlich, in welchem Maße wir der Begierde des Anderen bedürfen, selbst wenn diese Begierde nicht uns gilt).

4. Wenn der Andere im Fading versinkt, wenn er sich zurückzieht, um nichts, es sei denn um einer Angst willen, die er nicht anders zum Ausdruck bringen vermag als mit den dürftigen Worten: ‘ich fühle mich nicht wohl’, scheint er in einem Nebel in die Ferne zurückzuweichen; durchaus nicht tot, aber eine verschwommene Gestalt im Reiche der Schatten; Odysseus hat ihnen einen Besuch abgestattet, sie beschworen (Nekyia); unter ihnen weilte der Schatten seiner Mutter; ich nenne, ich beschwöre so den Anderen, die Mutter, aber was da heraufkommt, ist lediglich ein Schatten.
[…]

—Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 106ff.

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