Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Das Begehren gewinnt Gestalt in der Spanne, in der der Anspruch sich vom Bedürfnis losreißt: wobei die Spanne eben die ist, die der Anspruch (dessen Apell bedingungslos nur an den Andern sich richten kann) auftut in Form eines möglichen Fehlens, das das Bedürfnis hier beitragen kann, weil es keine universale Befriedigung kennt (was man Angst nennt). So linear diese Spanne auch sein mag, sie bringt ihren Taumel zum Ausdruck, wenn nur nicht der Elefantentritt eines launischen Andern sie einebnet. Desungeachtet führt aber diese Laune das Phantom der Allmacht ein, zwar nicht des Subjekts, aber des Andern, in dem sich sein Anspruch einnistet (es wäre an der Zeit, daß dieses schwachsinnige Klischee ein für allemal und einmal für alle an seinen rechten Platz gerückt würde) - […].
[…] Hier läßt sich erkennen, daß die Unwissenheit, der der Mensch in bezug auf sein Begehren verhaftet bleibt, weniger eine Unwissenheit ist in bezug auf das, was er beansprucht (das läßt sich ja letztlich ausmachen), als vielmehr eine Unwissenheit hinsichtlich des Punkts, von wo aus er begehrt.
Eine Antwort darauf stellt unsere Formel dar, daß das Unbewußte Diskurs des Anderen ist, besser: über den Anderen im Sinne des lateinischen (als objektive Bestimmung): de Alio in oratione (tua res agitur, wie man ergänzen könnte).
Dem wäre aber hinzuzufügen, daß das Begehren des Menschen das Begehren des Andern ist, wobei diesmal das ‘des’ in dem Sinn zu nehmen ist, den die Grammatiker subjektiv nennen, d.h. daß der Mensch als Anderer begehrt (worin die wahre Tragweite der menschlichen Leidenschaften liegt). Darum ist die Frage nach dem Andern, die zum Subjekt zurückkommt von dem Platz aus, wo es ein Orakel erwartet - in der Form eines che vuoi?, Was willst du? -, die Frage, die am allerbesten auf den Weg seines eigenen Begehrens führt […].

—Jacques Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten, in: Norbert Haas (Hg.): Jacques Lacan - Schriften II, Weinheim und Berlin 1991, S. 189f.

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    hgg. von Norbert Haas. Weinheim/Berlin
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