Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Raw Giddel sagte im Namen des Raw: Dereinst wird Israel die messianischen Jahre genießen.

[…]

Damit wollte Raw Giddel (…) die Auffassung des Rabbi Hillel abwehren, der sagte: Israel hat keinen Messias mehr [zu erwarten], denn es hat die messianische Zeit schon in den Tagen des Königs Hiskia genossen.
[…]
Um auf Rabbi Hillels These zurückzukommen, so darf man freilich nicht glauben, sie bringe ein schieres Paradox zur Sprache. Im Talmud taucht sie nur einmal auf. Rabbi Hillel hat nie etwas anderes gesagt; vielleicht hat er damit etwas hinreichend Wichtiges gesagt, das ihn geringerer Werke enthob. Aber seine These folgt einer alten Überlieferung. Ich sage nicht, daß es die einzige Überlieferung des Judentums ist. Sollte der Messias ein Mensch sein, sollte der Messias König sein, dann ist das Heil durch den Messias ein Heil durch Stellvertretung. In dem Maße, in dem der Messias ein König ist, ist das Heil durch den Messias nicht dasjenige, in dem jeder sich individuell rettet. Denn es setzt voraus, daß man sich in ein politisches Spiel begibt. Das Heil durch den König, und wäre er der Messias, ist noch nicht das höchste Heil, das sich dem Menschen eröffnet. Der Messianismus ist Politik, seine Erfüllung gehört Israels Vergangenheit an – genau das ist die Stärke der Position des Rabbi Hillel.
[…]
Unmittelbare Beziehung zwischen dem Menschen und Gott, ohne politische Vermittlung. Das geht über den noch politischen Messianismus hinaus, der, gemäß der folgenden Seite des Traktats Sanhedrin, nur von begrenzter Dauer sein wird. Das Judentum liefert also keine Doktrin von einem Ende der Geschichte, die das individuelle Schicksal beherrscht. Das Heil ist kein Teil der Geschichte – nicht ihr Abschluß. Es bleibt in jedem Augenblick möglich.

[…]

Raw sagte: Die Welt ist bloß um Davids willen erschaffen worden. Schemuel sagte: um Moses willen. Rabbi Jochanan sagte: um des Messias willen.

—Emmanuel Lévinas: Jenseits des Messianismus. In: Ders.: Schwierige Freiheit. Versuch über das Judentum. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Frankfurt am Main 1996, S. 84 - 89.