Kult des Fragments

"Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen."

Walter Benjamin: Passagen-Werk

Zum ersten Mal begegnete mir etwas, was ich bei jeder späteren Arbeit wieder erfahren habe: Bücher nützen mir nichts, solange ich mir die fragliche Sache nicht in eigener Arbeit zur Klarheit gebracht hatte. Dieses Ringen um Klarheit vollzog sich nun in mir unter großen Qualen und ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Damals habe ich das Schlafen verlernt, und es hat viele Jahre gedauert, bis mir wieder ruhige Nächte geschenkt wurden. Nach und nach arbeitete ich mich in eine richtige Verzweiflung hinein. Es war zum ersten Mal in meinem Leben, daß ich vor etwas stand, was ich nicht mit meinem Willen erzwingen konnte. … Oft hatte ich mich damit gerühmt, daß mein Schädel härter sei als die dicksten Mauern, und nun rannte ich mir die Stirn wund, und die unerbittliche Wand wollte nicht nachgeben. Das brachte mich so weit, daß mir das Leben unerträglich schien. ich sagte mir oft selbst, daß das ja unsinnig sei. Wenn ich die Doktorarbeit nicht fertig brächte - fürs Staatsexamen würde es // doch wohl reichen; und wenn ich keine große Philosophin werden könnte, so doch eine brauchbare Lehrerin. Aber Vernunftgründe halfen nichts. Ich konnte nicht mehr über die Straße gehen, ohne zu wünschen, daß ein Wagen über mich hinwegführe.

—Edith Stein: Aus dem Leben einer jüdischen Familie. In: Edith Stein Gesamtausgabe, Band 1. Herausgegeben vom Karmel “Maria vom Frieden” zu Köln. Freiburg 2002, S. 218.

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